Julia Becker über die Zukunft der Medien: Fakten statt Bevormundung

Foto: Eric Gujer, Anke Plättner, Julia Becker Foto: Philipp Klein.


Wieviel Haltung braucht Journalismus und wann wird Haltung zur Bevormundung? Beim Stiftungstag der Brost-Stiftung auf Zeche Zollverein diskutierten Funke-Verlegerin Julia Becker und NZZ-Chefredakteur Eric Gujer über Nähe, Ostdeutschland und die Verantwortung der Medien. Gastgeber Bodo Hombach machte damit eine Frage zum Thema, die gerade im Ruhrgebiet besondere Bedeutung hat: Was geschieht mit einer Demokratie, wenn professioneller Journalismus an Präsenz verliert? Von unserem Gastautor Philipp Klein.

Es gibt angenehmere Zeiten, um über Qualitätsjournalismus zu sprechen. Geschäftsmodelle stehen unter Druck, soziale Netzwerke verändern politische Debatten, und ein Teil des Publikums hat sich von klassischen Medien entfernt.

Genau deshalb hatte die Brost-Stiftung das Thema auf die Zeche Zollverein geholt. Rund 150 Gäste kamen zum Stiftungstag in den Erich-Brost-Pavillon. Begrüßt wurden sie von Prof. Bodo Hombach, Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung. Hombach kennt die Schnittstelle von Politik, Öffentlichkeit und Medien aus unterschiedlichen Perspektiven: Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder war er Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben, später Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe.

Dass sich die Stiftung mit Qualitätsjournalismus beschäftigt, passt zu ihrem Anspruch, gesellschaftliche Debatten im Ruhrgebiet anzustoßen. An diesem Abend ging es allerdings weniger um feierliche Bekenntnisse zur Bedeutung der Presse als um die Frage, was die Branche selbst besser machen muss.

Darüber diskutierten Julia Becker, Verlegerin der FUNKE Mediengruppe, und Eric Gujer, Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung. Moderiert wurde das Gespräch von der Journalistin Anke Plättner.

Becker: Journalisten müssen wieder raus

Becker formulierte ihre Vorstellung von Journalismus in einem einfachen Satz: „Mit Menschen sprechen, anstatt über sie zu reden.“

Für sie beginnt Qualität zunächst beim Handwerk: Pressekodex, Vier-Augen-Prinzip, überprüfte Fakten. Doch insbesondere Lokaljournalismus brauche mehr als professionelle Standards. Journalisten müssten rausgehen, Fragen stellen, in Räten recherchieren und auch dort präsent sein, wo die großen Kamerateams nicht auftauchen.

Das ist gerade im Ruhrgebiet ein interessanter Gedanke. Kaum eine Region besteht aus so vielen Städten, Stadtteilen und Milieus auf engem Raum. Wer verstehen will, was Menschen in Essen, Duisburg, Bochum oder Dortmund beschäftigt, wird das nicht ausschließlich vom Schreibtisch aus erfahren.

Gujer näherte sich der Frage von einer anderen Seite. Glaubwürdigkeit sei das „höchste Gut“ des Journalismus. Medien müssten deshalb relevante Perspektiven abbilden. „Die Leser sind nicht dumm“, sagte der NZZ-Chefredakteur. Sie bemerkten, wenn Argumente fehlten.

Unbequeme Selbstkritik beim Thema Ostdeutschland

Interessant wurde das Gespräch, als Becker auf die Berichterstattung über Ostdeutschland zu sprechen kam.

Ihr Medienhaus ist seit fast drei Jahrzehnten mit drei Tageszeitungen in Thüringen vertreten. Becker kritisierte, Medien hätten zu häufig von „dem Osten“ gesprochen, als handele es sich um eine eigene gesellschaftliche Kategorie. Ein westdeutsch geprägter Blick könne dazu beigetragen haben, dass sich Menschen nicht verstanden oder mitgenommen fühlten.

Das ist eine bemerkenswerte Aussage einer Verlegerin, weil sie die Verantwortung für die Entfremdung zwischen Teilen der Bevölkerung und den Medien nicht allein bei Populisten, sozialen Netzwerken oder dem Publikum sucht.

Daraus folgt für Becker allerdings keine Schonhaltung gegenüber der AfD. Im Gegenteil: Parteiprogramme müssten geprüft, Widersprüche offengelegt und AfD-Politiker mit kritischen Fragen konfrontiert werden.

Auch Gujer plädierte für mehr Selbstkritik. Journalisten neigten dazu, ihrem Publikum erklären zu wollen, was es denken solle. Später bezeichnete er seine eigene Zunft selbstironisch als „Besserwisser von Beruf“.

Sein Gegenmittel: mehr Demut.

Journalisten sind keine Erzieher

An diesem Punkt lagen Becker und Gujer bemerkenswert nah beieinander.

Becker sprach sich für eine klare Trennung von Bericht und Meinung aus. Eigentümer sollten sich nicht in die redaktionelle Behandlung einzelner Themen einmischen. Meinung sei legitim, müsse aber als solche erkennbar sein und Widerspruch aushalten.

Journalismus soll nach diesem Verständnis recherchieren, prüfen und einordnen. Er soll aber nicht gleich mitliefern, welche politische Schlussfolgerung der Leser aus den Fakten zu ziehen hat.

Das klingt banal. Ist es aber nicht.

Gerade in polarisierten Zeiten wächst die Versuchung, Journalismus auch als Instrument zur Verteidigung der vermeintlich richtigen Sache zu verstehen. Becker und Gujer warnten auf unterschiedliche Weise vor genau diesem Reflex.

Hombach und die Brost-Stiftung schaffen Raum für die Debatte

Dass diese Diskussion ausgerechnet auf Zollverein geführt wurde, hat eine gewisse Symbolik.

Die Brost-Stiftung ist eng mit dem Ruhrgebiet und seiner Mediengeschichte verbunden. Mit Bodo Hombach steht ihr zudem ein Mann vor, der die Mechanismen von Politik und Medien aus nächster Nähe kennt. Als Kanzleramtschef und Bundesminister unter Gerhard Schröder erlebte er das politische Berlin, später als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe den tiefgreifenden Wandel des regionalen Zeitungsgeschäfts.

Beim Stiftungstag stellte die Brost-Stiftung deshalb nicht nur die Frage, wie Qualitätsjournalismus finanziert werden kann. Mindestens ebenso wichtig war die Frage, welche gesellschaftliche Funktion er künftig erfüllen soll.

Denn wenn professionelle Redaktionen verschwinden, bleibt der Raum nicht automatisch leer.

Becker verwies auf Thüringen, wo Angebote aus dem Umfeld der AfD teilweise in einer Aufmachung auftreten, die journalistischen Produkten ähnelt. Ihre Konsequenz daraus: Medien dürfen sich nicht einfach aus Regionen und gesellschaftlichen Milieus zurückziehen.

Das ist eine Debatte, die weit über Thüringen hinausgeht – und gerade für das Ruhrgebiet relevant ist. Wo lokale Öffentlichkeit schwächer wird, fehlen nicht nur Nachrichten. Es fehlt ein Ort, an dem unterschiedliche Gruppen überhaupt noch erfahren, was die jeweils anderen beschäftigt.

Kein Abgesang auf den Journalismus

Bemerkenswert war deshalb, dass der Abend nicht pessimistisch endete.

Becker wurde gefragt, was ihr beim Blick auf junge Journalisten Hoffnung mache. Ihre erste Antwort: Kreativität.

Sie erlebe junge Menschen, die informieren, sich einbringen und Verantwortung übernehmen wollten. Dass sie Nachrichten anders konsumieren als ihre Eltern, müsse nicht das Ende des Journalismus bedeuten. Es verändert zunächst seine Form.

Die entscheidenden Fragen bleiben dieselben: Stimmen die Fakten? Kommen unterschiedliche Perspektiven vor? Und sind Journalisten bereit, ihre eigenen Gewissheiten gelegentlich infrage zu stellen?

Vielleicht war das die produktivste Botschaft dieses Stiftungstags.

Die Brost-Stiftung und ihr Vorsitzender Bodo Hombach haben auf Zollverein keinen Abend organisiert, an dem sich die Medienbranche selbst feierte. Interessanter war das Gegenteil: Zwei ihrer prominenten Vertreter diskutierten darüber, wo Journalismus selbst Anteil an seinen Problemen haben könnte.

Becker fordert mehr Nähe. Gujer mehr Demut.

Beides beginnt mit einer Fähigkeit, die im öffentlichen Streit gelegentlich verloren geht: zuhören.

Autorenseite: Gastautor
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