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Auf gute Nachbarschaft

Diese Zettel verteilt der Betreiber einer Nachbarschaftsplattform zur Zeit großflächig im gesamten Ruhrgebiet. (Foto: Simon Ilger)

Es gibt Unternehmen, welche davon leben Daten zu sammeln und diese zu verwerten, aber wie bekommt man heutzutage im Jahr 2016 die Leute dazu, einem bereitwillig ihre Daten kostenlos, schnell und unkompliziert zu geben? Man muss Vertrauen aufbauen und einen sinnvollen Zweck suggerieren.

Die Berliner Good Hood GmbH kam als Betreiber eines Nachbarschaftsportales auf eine pfiffige Idee: man formuliert einen kleinen netten Text in dem ein vermeintlicher Nachbar die Vorzüge dieses Portals anpreist und etwas pathetisch von einer guten Nachbarschaft fabuliert. Unter anderem in Essen, Bochum und Dortmund wurden diese Zettel im großen Stile verteilt. Recht erfolgreich wie sich zeigt: in der Gruppe Witteringsfeld, die Teile des Südviertels und von Rüttenscheid in Essen abdeckt sind bereits über 200 Leute angemeldet. Um sich anmelden zu können, muss man zwingend Vor- und Nachname, sowie Adresse angeben. Das Portal „möchte sicherstellen, dass alle Nachbarn mit Vor- und Nachname sowie korrekter Adresse angemeldet sind“. Klar, jemand der in falschen Straße wohnt, den will man nicht dabei haben, aber der hat vermutlich ohnehin einen Zettel für seinen Stadtteil bekommen. Zunächst ist an der Idee eine Plattform für Vernetzung innerhalb der Nachbarschaft zu schaffen nichts verwerfliches zu sehen, vor drei Wochen bekam die Plattform sogar den „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“-Online-Preis. Einen bitteren Beigeschmack bekommt die Geschichte jedoch mit der Guerilla-Werbeaktion, in welcher tatsächliches Engagement aus der direkten Nachbarschaft suggeriert wird, um die Leute zur Anmeldung zu bewegen. Insbesondere, wenn man sich die Frage stellt, wie sich die Plattform aktuell finanziert. Von der avisierten Werbung durch lokale Einzelhändler aus der Nachbarschaft findet sich noch nichts.

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11 Kommentare zu “Auf gute Nachbarschaft

  • #1
    Michael Sch.

    Was die Nachbarschaft in Witteringsfeld betrifft: Die Initiatoren dieser Online-Nachbarschaft (Tom und Thomas) gibt es tatsächlich und die hatten sich gestern mit eurer Kollegin, die für die WAZ schreibt, getroffen. Ein bißchen mehr Recherche hätte sicher nicht geschadet, beispielsweise ein Blick in die Datenschutzbestimmungen von nebenan.de. Viellecht mal auch meinen Blog-Artikel lesen:
    http://blog.luminhunter.de/nachbarschaft-2-0-deine-hood-online-vernetzt/

  • #2
    Simon Ilger Beitragsautor

    Es geht um die Tatsache, dass eine durch den Betreiber gemachte Werbekampagne als Initiative aus der Nachbarschaft dargestellt wird. Dem ist einfach nicht so. Dass es die "Initiatoren" nicht gibt wird nicht bestritten, es gibt sie jedoch nicht so wie suggeriert.
    Ein Blick in die Datenschutzbestimmungen wurde durchaus geworfen. LIDL hat aber auch gesagt, es überwacht seine Mitarbeiter nicht. Will heißen, man muss halt glauben was da steht. 😉

  • #3
    Klaus Lohmann

    @Michael Sch.: Die Erfinder/Betreiber von nebenan.de sind "Turbo-Gründer" aus der "guten alten " Samwer-Schule, die einfach alles schnell und unter Missachtung aller möglichen Rechtsfolgen kopieren, was irgendwer mal als Idee ins Web gebracht hat.

    Nachbarschaftsportale sind in der Vergangenheit keine Goldgrube für Gründer gewesen, also gehe ich davon aus, dass man bei nebenan.de entweder schnell wieder vom Markt verschwinden oder mit aller Macht Umsätze generieren wird, wobei Daten- und Verbraucherschutz – zumindest im Universum der Samwer-Jünger – nur störende Bremsschuhe sein können. Diese anonyme Zettelaktion ohne Impressum passt dazu wie Faust auf Eimer. Oder so.

  • #4
    Atari-Frosch

    So einen Zettel hatte ich vor einiger Zeit auch im Briefkasten, für den Bereich um den Düsseldorfer Fürstenplatz. Ich hatte mir das aber noch nicht weiter angesehen.

    Nun mal eben ein wenig mit whois rumgespielt: stellt sich doch heraus, daß nebenan.de auf vier Amazon-AWS-Instanzen gehostet wird und Mail über die Google-Mailserver läuft. Das ist doch, sehr, äh, professionell. Doch, ja. m( (Wer die Ironie findet, darf sie behalten.)

  • #5
    Michael Sch.

    @Klaus Lohmann: Der einzige Seriengründer aus dem Samwer-Stall ist Christian Vollmann. Das ist auch schon ein paar Jährchen her. Vor nebenan.de war er bei Researchgate aktiv.
    Zu den anderen Gründern zählen:
    Till Behnke, der Betterplace.org aufgezogen hat
    Ina Brunk, Mitgründerin des Vereins Junge Helden (Organspende-Aufklärung)
    Michael Vollmann, war vorher bei Ashoka Deutschland (Organisation zur Förderung von Sozialunternehmen)
    Die drei sind ganz bestimmt nicht aus der "guten alten" Samwer-Schule. Till Behnke habe ich mal kennengelernt, und alleine schon über ihn hat nebenan.de mein Vertrauen.
    Mit dem Autoren des Artikels habe ich mich inzwischen auf nebenan.de/witteringsfeld ausgetauscht, er ist also auch dabei, hat bereitwillig seine Daten hergegeben, und wohnt bei mir nebenan.

    PS: Gestern hatten wir ein nettes offenes Nachbarn-Treffen, offline.

  • #6
    Klaus Lohmann

    @Michael Sch.: Die Idee einer vernetzten Nachbarschaft ist weder neu noch in der "Nachbarschaft" zu tausenden ähnlichen Netzwerken markttechnisch besonders herausragend, also eine typische Samwer-"Idee". Die "Idee" mit dem anonymen "Guerilla-Zettelchen" passt dazu, immer noch. Und da man anscheinend keinen für Investoren sichtbaren Plan hat, wie man Geld verdienen will, sind die originalen Brüder trotz Pleitegeier-Kreisflügen überm Kopp anscheinend immer noch besser als ihre Eleven. Die Vermarktung von Kleingewerbe ist übrigens schon zigtausendfach auf allen möglichen, inzwischen gestorbenen Stadtteilplattformen gescheitert und da war der Zugang weit offener.

    Dass man Nachbarschaft mit Eigeninitiative als "Zu-Fuß-Erlebnis" und damit sozial gewinnbringend entdecken kann, bedarf doch eigentlich keiner Webgründer, oder? Und ich wette, dass ihr weitermacht, ohne solche Tools nutzen zu müssen;-)

  • #7
    Bebbi

    Für andere unwissende Mitleser:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Samwer-Brüder

  • #8
    Peter

    Die Flugblätter gab es auch vor einigen Wochen schon in Hannover. Von wegen "von der Community getragen".

  • #9
    Fred N.

    Gestern solch ein Flugblatt erhalten – aber was ist das für ein Nachbarschaftsgründer, der (1) sich dafür an eine halb-anonyme und -dubiose sowie sicher kommerziell gelnkte bundesweite Kampagne anhängt und (2) nicht mal den Namen der eigenen (!) Nachbarschaft richtig schreiben kann (Stippel statt stiepel)

  • #10
    Siegfried Hermann

    Heute wurde Dortmund "bombardiert".
    Mir ist gleich aufgefallen, KEIN Impressum, KEINE Tel. und das für einen ""engagierten" Nachbarn"
    und NUR online-Anmeldung mit kompletter Adr. Angabe. mit einen öffentlichen "Anmeldecode", der für jedermann lesbar ist. Was für ein Schwachsinn!
    Bei der Auflistung der "Sachthemen" fällt sofort ins Auge, dass nur jugendliche singles und Nestbaubetrieb mit webaffiner Einstellung im Fokus liegt.
    Soviele "Zufälle" auf einen Haufen kommt dem Jackpott gleich oder ist schlicht professionelle Abzocke.
    Wie heißt es so schön: Alles im Netz ist "Kostenlos". Nichts ist gratis!!

  • #11
    Arnold Voss

    In Berlin, genauer gesagt im Wedding, wurden die Zettel schon vor Wochen verteilt. Z.B.“Hallo liebe Nachbarn an den Uferhallen..“

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