Die digitale Zukunft findet nicht in Europa statt

Friedrich Merz, CDU Foto (Archiv): Roland W. Waniek)

Rechenzentren sind als Infrastruktur heute für die wirtschaftliche Zukunft so entscheidend wie das Eisenbahnnetz im 19. Jahrhundert. Daten des Branchenverbandes Bitkom zeigen: Die Zukunft findet nicht in Europa statt.

Um große Worte ist Bundeskanzler Friedrich Merz nie verlegen: Auf dem gestern in Berlin begonnenen Digitalgipfel sagte er zu Recht, Deutschland und Europa müssten viel schneller und besser darin werden, digitale Technologien zu entwickeln und sie auch wirklich zu nutzen. Vollmundig verkündete er seinen Anspruch: „Wir müssen, wir wollen Spitzenreiter werden.“ Doch wie so oft, wenn europäische Politiker über die Zukunft sprechen, ignorieren sie ihren größten Gegenspieler: die Wirklichkeit.

Heute hat der Branchenverband Bitkom Zahlen zum Ausbau der Rechenzentrumskapazitäten veröffentlicht. Auf den ersten Blick sehen sie gut aus: Im laufenden Jahr werden 23,5 Milliarden Euro allein in Deutschland in den Bau und Ausbau von Rechenzentren investiert. Mehr als die Hälfte davon entfällt auf Rechenzentrumskapazitäten für KI und High Performance Computing (HPC): „Die gesamte IT-Anschlussleistung wird sich bis 2035 verdreifachen und von aktuell 3.300 auf dann rund 9.700 Megawatt steigen.“

Viel Geld, große Zahlen und doch viel zu wenig, um global auch nur mithalten zu können. Von Merz’ Spitzenplatz ganz zu schweigen: „Während Deutschland die Kapazitäten seiner Rechenzentren bis 2030 auf 5 Gigawatt und bis 2035 auf knapp 10 Gigawatt ausbaut, werden für die USA 160 Gigawatt und für China 90 Gigawatt erwartet. Europa insgesamt kommt in der Prognose für 2035 auf 37 Gigawatt.“

Das klingt alles fürchterlich abstrakt, aber diese Rechenzentren sind Teil der Infrastruktur: Sie sind die Grundlage dafür, dass Unternehmen eigene KI-Anwendungen und Labore und Universitäten eigene Modelle entwickeln können. Cloudnutzung, sei es für die Datenspeicherung oder die Datenverarbeitung, aber auch Office 365, Netflix und Spotify laufen über Rechenzentren.

Im 19. Jahrhundert entschied der Anschluss an das Eisenbahnnetz darüber, welche Regionen am industriellen Aufschwung teilhaben konnten. Im 21. Jahrhundert übernimmt die digitale Infrastruktur eine vergleichbare Funktion. Europa läuft Gefahr, auf einem lückenhaften Netz in eine Wirtschaftsepoche zu starten, deren wichtigste Verkehrswege aus Daten bestehen.

Keine Sorge, Fauda, Mobland und Lupin wird man weiterhin schauen können, aber das beweist nicht, dass die digitale Infrastruktur für die nächste industrielle Revolution ausreicht. Die Defizite werden erst sichtbar, wenn Unternehmen Anwendungen entwickeln wollen, die hohe Rechenleistung, kurze Reaktionszeiten und eine zuverlässige Datenverarbeitung vor Ort benötigen.

Wir erleben einen perfekten Sturm: Während die klassischen Industrien Monat für Monat 15.000 gut bezahlte Arbeitsplätze abbauen – erst heute hat der Automobilzulieferer Schaeffler das Aus für vier Standorte, darunter Dortmund, und den Abbau von 2.660 Arbeitsplätzen in Deutschland bekannt gegeben –, ist heute schon klar: Bei den digitalen Industrien werden die Bundesrepublik und Europa nicht zu den Zentren der Entwicklung und Wertschöpfung gehören.

Das mag die NGO-Szene jubeln lassen, die ja zu einem guten Teil von Staatsgeld und den Stiftungsmitteln dummer Erben lebt – an dieser Stelle viele Grüße an die Stiftungen Schöpflin und Mercator –, aber es wird zum wirtschaftlichen Abstieg und zu immer härteren Verteilungskämpfen führen.

Aus dem Traum der durchgegrünten Postwachstumsgesellschaft wird dann schnell ein Albtraum, in dem AfD und Linkspartei an Bedeutung gewinnen und die Auseinandersetzungen auf den Straßen härter und brutaler werden.

Autorenseite: Stefan Laurin
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