
Als ich Ulf Poschardts Buch Bückbürgertum aufschlug, hatte ich eigentlich etwas anderes erwartet. Ich dachte, es wird eine weitere Abrechnung mit Merkel, den Grünen und den Medien. Stattdessen hat Poschardt ein Buch über die eigene Seite geschrieben. Das hat mich überrascht.
Die zentrale Frage des Buches ist nicht, warum die 68er, die Grünen oder progressive Milieus so erfolgreich geworden sind. Die Frage lautet: Warum hat ihnen kaum jemand ernsthaft widersprochen?
Der Bückbürger ist dabei die Schlüsselfigur. Er sitzt überall – in Redaktionen, Unternehmen, Parteien, Kirchen, Universitäten und Verbänden. Er hält sich oft selbst für bürgerlich, vernünftig und pragmatisch. Aber sobald es unbequem wird, zieht er den Kopf ein. Er will dazugehören, modern wirken und möglichst wenig Ärger haben. Also passt er sich an.
Beim Lesen musste ich mehrfach an Hayeks alten Satz von den „Sozialisten in allen Parteien“ denken. Poschardts Bückbürger sind ähnlich gestrickt: Sie sind keine geschlossene Gruppe, sondern eine Haltung, die sich durch alle Milieus zieht.
Poschardt verfolgt die Mentalität des Bückbürgers weiter zurück als die Bundesrepublik selbst. Er beginnt beim deutschen Untertanen und der gescheiterten Revolution von 1848. Auch wenn die eigentliche Geschichte der Bundesrepublik erst 1949 beginnt, sieht er in der alten Untertanenmentalität eine durchgehende Linie bis in die Gegenwart.
Während die einen den Marsch durch die Institutionen antreten und über Jahrzehnte Machtpositionen besetzen, halten die anderen Gartenpartys ab und kümmern sich um Karriere, Eigenheim und die nächste Dividendenausschüttung. Ganz frei von diesem Vorwurf fühlte ich mich beim Lesen nicht, auch wenn Gartenpartys eher nicht zu meinen Schwächen gehören.
Besonders stark finde ich, was Poschardt zum Thema Moral schreibt. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der viele Menschen sich als mutige Nonkonformisten inszenieren, obwohl sie exakt dieselben Ansichten vertreten wie ihr Umfeld.
Mut ohne Risiko.
Widerstand ohne Gegner.
Rebellion mit Applausgarantie.
Der Gratismut der einen funktioniert nur, weil die anderen mitmachen. Es ist ein stilles Arrangement: Die einen dürfen sich als Kämpfer feiern, die anderen wollen ihre Ruhe haben und nennen das Pragmatismus. Beide Seiten profitieren.
Sprache wird bei Poschardt zum Mittel der Zugehörigkeit. Wer die richtigen Wörter benutzt, gehört dazu. Wer es nicht tut, wird subtil ausgegrenzt.
Auch die Boomer-Generation bekommt bei Poschardt ihr Fett weg. Sie hat Wohlstand geerbt und geschaffen, aber den kulturellen Kampf um Schulen, Universitäten, Medien und Kirchen oft kampflos verloren. Nicht weil sie zu wenig gearbeitet hat, sondern weil sie zu wenig gestritten hat. Das ist ein harter Vorwurf. Ganz von der Hand zu weisen ist er nicht.
Besonders deutlich wird das bei Angela Merkel. Poschardt zeichnet sie nicht als große Strategin, sondern als Meisterin der Anpassung. Atomausstieg, Migrationspolitik, asymmetrische Demobilisierung – immer wieder dasselbe Prinzip: Stimmungen aufnehmen, Konflikte entschärfen, Gegner entwaffnen. Merkel wird dadurch zur erfolgreichsten Politikerin des Bückbürger-Zeitalters. Und vielleicht auch zu dessen vollkommenstem Produkt.
Bemerkenswert finde ich, dass Poschardt sich selbst nicht ausnimmt. Er schreibt an einer Stelle auch über den gebückten Poschardt. Das gibt dem Buch eine Glaubwürdigkeit, die viele vergleichbare Texte nicht haben.
Natürlich kann man nicht bei allem zustimmen. Bei seiner Kritik an der Corona-Politik bin ich zurückhaltender als Poschardt. Und manchmal wirkt es, als würde er fast alles mit dem Bückbürger-Modell erklären. Wer einen Hammer hat, sieht bekanntlich überall Nägel. Aber die große Frage bleibt trotzdem stehen:
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Anpassung lukrativer wird als Widerspruch?
Nicht jede These im Buch hat mich überzeugt. Die meisten Fragen allerdings schon.
Poschardts Antwort ist klar und unbequem:
Nicht das Shitbürgertum hat die Republik verändert.
Das Bückbürgertum hat es zugelassen.

Ulf Poschardt
Bückbürgertum
27 Euro, Westend