Easy Thinking mit Richard David Precht – Der Philosoph als heimsuchender Sozialarbeiter

Richard David Precht © Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Von Richard David Precht habe ich drei Bücher zuhause, die ich mit großem Gewinn und wenig Kritik im Detail gelesen habe. Dass allerdings auch ein Precht in seiner Liebe zur Weisheit jederzeit einen Prachtbock schießen kann, bewies der umtriebige Medienstar im „stern“ jüngst mit seinem Vorschlag, auch Rentnern ein soziales Jahr zu verordnen und sie etwa junge Menschen coachen zu lassen, z.B. als Nachhilfelehrer in der Schule: „Die Generation, die jetzt in Rente geht, die goldene, die eine beispiellose Wirtschaftsprogression erlebt hat, und vom Krieg verschont wurde, muss in die Pflicht genommen werden (…) Ich bin überzeugt: Nach dem ersten Jahr würden viele Menschen das freiwillig verlängern; weil sie gebraucht würden und das gut fänden.“
Tucholskys Evergreen-Einsicht „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse sondern gut gemeint“: Prechts Einberufung einer eisernen Senioren-Sozialreserve weist sie einmal mehr als unkaputtbar aus.

Wenn du doch geschwiegen hättest …
Jajaja, „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ Doch plappern gehört zum Handwerk; schließlich wird auch Keynote-Speaker (5-Sterne-Redner) Precht für viele Tausend Euro pro Abend von der Referentenagentur Bertelsmann nicht allein ins Talk-Show-Gequassel der Republik vermittelt: „Was das für Ihre Veranstaltung bedeutet? Optimale Voraussetzungen, um Ihr Unternehmen in Erinnerung und Ihren Namen ins Gespräch zu bringen. Frei nach unserem Motto ‚Hier spricht Ihr Erfolg!‘“
Kein Wunder, dass sich der Link zu Prechts Auftritt zum verpflichtenden sozialen Jahr in Anne Wills Proporz-Piep-Schau „Anne Will“ auch hier bei den Event-Bertelsmännern wiederfindet.
Und es war auch diese „Anne Will“-Sendung vom 7.12.2011, die ab Minute 45 zeigte, wie Precht als Kreuz- und Querdenker in Windeseile instrumentalisiert werden dürfte von den unzähligen Lobbyisten, die von der Privatisierung des Rentensystems träumen, die also unter den Stichworten „Eigenverantwortung der Bürger“ den Staat (und die Unternehmen) aus jeder Fürsorge-Pflicht entlassen wollen.

Candide oder überkandidelt?
Wenn ich Precht bei Anne Will richtig verstanden habe (was nicht leicht war), fordert er ein gesetzlich erzwungenes soziales Jahr sowohl für die junge Generation unter 20 als auch für die jungen Alten, die Rentner und Pensionäre so um die 60 plusminus herum. Bei gleichzeitiger Forderung nach einer Mindestrente von 1.000 Euro möchte Precht ältere Menschen, die nach seinen Worten eigentlich „über ein hohes Maß an Anstand verfügen“, dennoch gerne sicherheitshalber „zu ihrem Glück zwingen“, sie ein wenig „schubsen zu ihrem eigenen Vorteil“. Ein Jahr lang sollen sie in Altersheimen, sozialen Einrichtungen oder Schulen (15 Stunden pro Woche) zum Beispiel den Migranten „Mustafa und Achmet“ Deutsch beibringen und sich mit ihnen freuen, wenn Mustafa und Achmet dann doch noch ihre Prüfungen bestehen. (Und wer kümmert sich um Kevin und Chantal?) So geben der rüstige Rudi als cooler Kumpel und die flotte Lotte als Trümmerfrau einer maroden Gesellschaft etwas zurück und erleben dazu am eigenen Leibe das Prinzip der Selbstwirksamkeit: man lernt durch eigene Anschauung dazu, wird Teil eines großen „Mentalitätswandels“. Und siehe da, hocus pocus fidibus, wir kommen ihr alle wieder etwas näher, der besten aller möglichen Welten.

Wer da nicht mitmachen will, sollte z.B. mit der Auszahlung der Rente Probleme bekommen (dürfen), entwirft Precht eines der „Druckmittel“, die er hinsichtlich sozialer Planwirtschaft für sinnvoll hält. Wer selbst zu malade sein dürfte für den ambulanten Dienst am Wunden im Krankenhaus zum Beispiel, der sollte dies über ein ärztliches Attest ausweisen müssen.

Was geht, Alter?
Die Crux am Prechtschen Vorschlag ist nicht einmal, dass global an Rentensystemen aller Art gesägt wird. Der finanzielle solide ausgestattete Rentner oder Pensionär, den man zur Solidarität verpflichten könnte, dürfte selbst in Deutschland eine vorübergehende Erscheinung bleiben. Griechenland zeigt, dass das internationale Finanzkasino in der Lage und willens ist, staatliche Rentensysteme generell unter Kürzungsdruck zu bringen und an ihrer Auflösung zu arbeiten. Griechenland ist dabei nur die Probe aufs Exempel, inwieweit und ab wann die Finanzeliten darangehen können, sich in ganz Europa an steigender Altersarmut zu bereichern.

Wer Visionen hat, sollte besser nicht zum Barfußarzt gehen, oder?
Die Crux am Prechtschen Vorschlag ist hierzulande aktuell, dass es in Deutschland noch immer gelungen ist, jede gut gemeinte Anregung zu entwerten und durch Verbürokratisierung in ihr Gegenteil zu verkehren. Wer wird denn festlegen, welche Silver Surfer in welchem Lebensjahr genau das soziale Jahr ableisten müssen? Wer prüft, wer wie warum dazu nicht in der Lage ist? Und wer prüft, wer überhaupt dazu in der Lage ist? Es gibt Rentner, die würde ich nur sehr ungern auf Grundschulkinder losgelassen sehen. Was ist mit den (Super-)Reichen in diesem Land, die Renten oder Pensionen nicht erhalten, müssen die nichts tun? Was ist mit den Working Poor unter den Älteren, die für soziale Arbeit keine Zeit haben, weil sie unter entwürdigenden Arbeitsbedingungen ihre Rente aufbessern müssen, um zu überleben?
Wer organisiert, reguliert und kontrolliert die 15-Stunden-Woche der Best Ager, wer ermittelt die ‚Bedarfe‘ in den sozialen Einrichtungen? Für den Zivildienst war einst ein ganzes Bundesamt zuständig und Tausende von gemeinnützigen Trägern haben die Zivis verplant und an ihnen verdient. Wem würden die Grauen Panther der Nächstenliebe auf dem ersten Arbeitsmarkt Konkurrenz machen und deren Mindestlöhne und -honorare drücken: den Nachhilfe gebenden Schülern, den Tagesmüttern, den Pflegekräften …?

Im Abseits jeder überfälligen öffentlichen Diskussion um Neuverteilung des gesellschaftlichen Reichtums
Aber wahrscheinlich ist überhaupt nichts vom oben Gesagten wirklich wichtig. „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Was also sicher kommen wird, ist natürlich nicht eine neue von Precht initiierte Generationensolidarität, nicht mehr soziale Gerechtigkeit und Mentalitätswandel. Was sicher kommen wird und bereits deutlich sichtbar wird, ist die steigende Altersarmut bei gleichzeitig steigender Armut für Kinder, Jugendliche und jüngere Erwachsene. Was vorangetrieben wird, ist die schrittweise Zerstörung des Sozialstaates und damit auch die Zerstörung eines Rentensystems, das nicht etwa mit ‚Reformen‘ solidarischer gemacht werden dürfte, sondern im medial inszenierten „Krieg der Generationen“ abgeschafft werden wird.

Occupy Wall Street? „Ach was!“ (Loriot)
Weltbank, IWF, Wall Street, Londoner City, Hedgefonds … – längst wickeln sie jeden Einzelnen von uns en gros und en détail ab, waschen Gehirne, verwässern die Sprache, spekulieren ganze Staaten in den Ruin. In einem solchen Kontext wird von Prechts Vorschlag nur eines bleiben: Die ideologische Einstimmung darauf, mit älteren Menschen jederzeit machen zu können, was die Kassen der Besitzenden weiter füllt.

Mich allerdings hat Prechts Idee mehr als ’nachhaltig‘ inspiriert. In mir wächst stündlich der Wunsch, baldmöglichst mein eigenes extrem soziales Jahr abzuleisten. Ich würde gern und freiwillig 15 Stunden in der Woche hergeben, um den Kindern und infantilen Eltern in den Villen am Starnberger See oder in den Hamptons intensiv Nachhilfe in Solidarität zu erteilen. Oder einfahren in die Alterssitze der Geldaristokratie und Neureichen bei Davos zum Beispiel, um dort eitrige Verbände zu wechseln und den vielen dementen Bettlägerigen von Dagobert Duck vorzulesen, damit sie sich noch einmal lächelnd an ihre Idole erinnern. Gemeinsam übte ich mit den Ex-Juwelieren unter ihnen Sprechchöre im Rollstuhl (zur Ertüchtigung ihrer Selbstwirksamkeit): „Wir Juweliere dieser Welt haben nichts zu verlieren als unsere Ketten. Wir haben eine Welt zu gewinnen. Auf, Juweliere  aller Länder, vereinigt euch!“ Auch Neonazis könnte ich coachen, ihnen Deutsch beibringen oder sie gar umschulen zu Verfassungsschützern, nur ein kleiner Schritt für viele von ihnen. Ach, all diese lieben Leutchen sollen doch nicht hintanstehen müssen, wenn es mit R.D. Precht darum geht, die Menschen allerorts ein wenig zu ihrem Glück zu zwingen, sie ein wenig zu schubsen zu ihrem eigenen Vorteil.

P.S. (Detailkritik)
Sowohl bei Anne Will als auch letzten Samstag im WAZ-Interview zitierte R.D. Precht übrigens Arthur Schopenhauer dem Sinne nach falsch und formulierte für einen Philosophen überraschend unbeholfen: „Ich bin zuversichtlich, dass das soziale Pflichtjahr kommt. Schopenhauer hat einmal gesagt, jedes Problem durchlaufe drei Stadien: erst wird es verlacht, dann wird es bekämpft und irgendwann gilt es als selbstverständlich.“
Mag schon sein, dass Precht daran mitarbeitet, dass (s)ein Problem irgendwann als selbstverständlich gilt. Schopenhauer allerdings soll da schon schärfer gedacht und formuliert haben (in verschiedenen Zitierweisen zu finden):
„Jede Wahrheit/Erkenntnis durchläuft drei Phasen: In der ersten wird sie verlacht, in der zweiten wird sie wild bekämpft, und in der dritten wird sie als Selbstverständlichkeit akzeptiert.“
So werden die Sätze Schopenhauers tatsächlich plausibel, sollten allerdings nicht allzu selbstgefällig von Precht für seinen unausgegorenen Vorschlag in Anspruch genommen werden. Kennt jemand Quelle und den Text im Original und könnte sie mir nennen?

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26 Kommentare

  1. #1 | Andrea Foks sagt am 12. Dezember 2011 um 09:14 Uhr

    Man kann es zwar nicht sehen, aber ich applaudiere gerade im Stehen.

  2. #2 | daniel sagt am 12. Dezember 2011 um 09:22 Uhr

    wieso sollten freunde der eigenverantwortung ausgerechnet den sozialistischen ideen prechts zustimmen? der mann sagt: kollektivwohl geht vor freiheit. wenn du ihm bislang zugestimmt hast dann solltest du jetzt nicht so entsetzt tun. bei solchen ideen kommt am ende immer zwang raus.

  3. #3 | Katharina sagt am 12. Dezember 2011 um 09:44 Uhr

    Was für feingeistige Gedanken von diesem Herrn Precht.
    Sollte mal ein Tour durch Deutschland machen, aber seine eigenen Kreise verlassen.
    Arbeiter und Angestellte besuchen und mit denen sprechen.
    Oder er sollte selbst mal Hand anlegen und richtig malochen, daß das Kreuz weh tut und die Hände krumm werden.
    Wenn ein Rentner oder eine Rentnerin ein freiwilliges Jahr hinlegen, bitte, Hochachtung.
    Aber als Zwangsmaßnahme?! Dem fällt wohl nichts Besseres ein.
    Eine verquirlte Sch……

  4. #4 | Urmelinchen sagt am 12. Dezember 2011 um 09:58 Uhr

    Unser Richard David Precht, promovierter Germanist, der so gern Philosoph wäre und dessen Vorbild, so mutmaße ich, Bernard-Henri Lévy (BHL) ist, der französische Vertreter des Philotainment, der aber im Gegensatz zu Precht wirklich Philosophie studiert hat. Kein Thema, wozu unser Richard nicht etwas erzählen kann, Afghanistan, Rentner, der Mann hat alles drauf. Auf ihn sind aller Augen gerichtet, wenn die anderen Talkshowgäste sich vollends im Dickicht aus Gut und Böse, Wahr und Falsch verirrt haben. Ich glaube, Salonlöwe ist die passendere Bezeichnung für diesen Herren.

    Meine Lieblingsrezension über Precht:
    https://www.sueddeutsche.de/kultur/bestseller-autor-precht-unglaublich-1.138989

  5. #5 | Gerd Herholz sagt am 12. Dezember 2011 um 10:49 Uhr

    #4 Urmelinchen: Wunderbarer Link. Und viel polemischer als ich. Muss noch üben.

  6. #6 | Ulf sagt am 12. Dezember 2011 um 12:50 Uhr

    Wieso muss ich immer an K.-T zu Guttenberg denken, wenn ich D. Precht sehe? An der Frisur kann’s nicht liegen …

  7. #7 | MiR sagt am 12. Dezember 2011 um 12:53 Uhr

    Glück ist, auf der Parkbank zu sitzen und Enten zu füttern. Wirklich?

    Dieses Gerede von persönl. Verantwortung interessiert mich aber auch nicht wirklich.

  8. #8 | Henk sagt am 12. Dezember 2011 um 13:04 Uhr

    Herr Herholz, ich finde viele Ihrer Arguemente nachvollziehbar und sinnvoll, und sie haben mich, der ich zuvor ohne großes Darübernachdenken ein latenter Befürworter der Idee des sozialen Pflichtjahrs war, völlig überzeugt. Zwei Argumente halte ich aber für eher schwachbrüstig, und sie entwerten die Gesamtargumentation ein wenig:

    1) „Und wer prüft, wer überhaupt dazu in der Lage ist? Es gibt Rentner, die würde ich nur sehr ungern auf Grundschulkinder losgelassen sehen.“
    Klare Antwort: Die jeweilge Einrichtung prüft es in einem Bewerbungsverfahren. Wer von Grundschulen und Kindergärten abgewiesen wird, probiert es halt im Tierheim oder im städtsichen Landschaftsbau. Alternativen gibt es doch wohl, genug zu tun wäre ja da. Den Ausdruck des „Sozialen“ Jahres darf man hier nicht zu eng fassen.

    2) „Was ist mit den (Super-)Reichen in diesem Land, die Renten oder Pensionen nicht erhalten, müssen die nichts tun?“
    Ebenso klare Antwort: Nein, müssen sie wohl nicht. Das ist ungerecht, aber in anderen Bereichen genau so: Die Idee des Steuernzahlens oder des Solidaritätszuschlags werden doch auch nicht durch die Tatsache diskreditiert, dass sich manche Menschen erfolgreich darum herum drücken. Es machen einfach nicht alle mit bei der Solidarität; das sollte uns Normale nicht davon abhalten, trotzdem Solidarität zu üben. Man könnte der Idee des sozialen Pflichtjahrs übrigens genau so gut vorwerfen, dass sie keine Antwort auf Eurokrise und Klimawandel bietet. Wie man die (Super-)Reichen in die Pflicht nimmt, steht (hoffentlich bald einmal) auf einem anderen Blatt.

    Diese beiden Argumente halten mich davon ab, Ihrem Text uneingeschränkt zuzustimmen. Na gut: Das muss ja auch nicht immer das Ziel sein.

    Schöne Grüße und danke für Ihre Überzeugungsarbeit!
    Henk

  9. #9 | Helmut Junge sagt am 13. Dezember 2011 um 13:18 Uhr

    Gerd, wenn Du jetzt deine drei Bücher von Precht neu lesen würdest, kämst Du vielleicht auf den Gedanken, einiges neu und anders zu bewerten.
    Da bin ich besser dran, gehöre ich doch zu denen, die bisher dachten, dass sie sich nicht mit Herrn Precht beschäftigen müßten. Das war falsch gedacht, und der Artikel, zu dem @Urmelinchen den Link geliefert hat, drückt das auch wunderbar klar aus.
    Ich beschäftige mich jetzt zwangsläufig doch mit ihm, verschafft er mir doch analog einem bekannteren Phänomen, ein „Nahrentenerlebnis“.
    Sein Vorteil wird es aber nicht sein, denn erstens fiel mir auf, dass er selber vermutlich nicht betroffen sein würde, falls seine Vorstellung umgesetzt wird, dann geht es mir noch ähnlich wie @Ulf (6), der immer an zu Guttenberg denken muß, wenn er Precht sieht.
    Beides ist übrigens aus meiner Sicht nicht schmeichelhaft für ihn.
    Drittens wäre Zwangsarbeit kaum mit einer demokratischen Verfassung in Einklang zu bringen, zeigt aber doch, dass es Zeitgenossen gibt, die den Wert einer demokratischen Verfassung nicht schätzen gelernt haben.
    Die sind offenbar nicht immer nur auf dem rechten Spektrum zu finden.

  10. #10 | Gerd Herholz sagt am 14. Dezember 2011 um 10:36 Uhr

    # Katharina: Ich glaube auch, dass 2011 für Precht ein Jahr werden könnte, in dem er den Kontakt zu jenen verliert, für die er durchaus zu sprechen wähnt.
    Aber mit der Empfehlung, ihn mal „malochen“ zu schicken, sollte man sehr vorsichtig sein. Der Mann ist fleißig, hat einst Zivildienst gemacht, hatte vietnamesische Adoptivgeschwister, zahlt als selbständiger Unternehmer dennoch in die Rentenkasse ein usw.usw. … und dürfte auch über seine Reisen viel von der Welt, den Welten sehen.
    Außerdem hat der Malochen-gehen-Tipp böse historische Vorläufer. Die unselige Praxis, Intellektuelle in die Produktion zu schicken, das war in der DDR gängige Strafe und Proletkultmist.
    Man müsste bei Precht die Fragen nach seinen Widersprüchen, Erkennnis und Interesse(n) also viel präziser stellen. Urmelinchens „Salonlöwe“ geht da schon in die richtige Richtung.
    Der in Prechts Vorschlag enthaltene gute Grundgedanke, die Solidarität zu fördern. könnte auch politisch viel pointierter vorgebracht werden in Richtung ‚Selbstorganisation der Aussortierten‘, da könnte man z.b. anknüpfen oder neu lernen von Paulo Freire, Ivan Illich, den politischen Alphabetisierungskampagnen… alles heute leider vergessen!?

  11. #11 | DH sagt am 14. Dezember 2011 um 10:59 Uhr

    @’10: Es wäre interessant, etwas über die konkreten Arbeitsbedingungen von Philosophen zu erfahren. Zu Zeiten des operaismo gab es die schöne Tradition der Arbeiterfragebögen, die auf den Marxschen „Fragebogen für Arbeiter“ zurückgingen:
    https://www.mlwerke.de/me/me19/me19_230.htm

    Kollege Herholz, ich vermute, Sie gehen in der Wissensgesellschaft ein und aus: Gibt es das bereits, einen „Fragebogen für Philosophen“?

  12. #12 | Gerd Herholz sagt am 14. Dezember 2011 um 11:09 Uhr

    #8 Henk. Schon klar, es gäbe viele Felder für ein soziales Jahr. Aber Ihre Ergänzungen unter 1) entkräften meinen Bürokratisierungsvorwurf wider den Prechtschen Vorschlag nicht, verlagern ihn nur. Dass man sich z.B. beim verordneten sozialen Jahr auch noch (vergeblich) bewerben müsste, das wäre sicher die besch… Erfahrung, die man mit über 60 Jahren noch machen könnte.
    Zu 2) Wird wohl leider so kommen, wenn’s käme. Dann machen ‚die Reichen‘ eben weiter mit ihren asozialen Jahren.

    #9 Helmut: Ja, Helmut, kann sein, dass ich beim Reloaden meiner Precht-Lektüre zu anderen Ergebnissen käme. Aber „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, „Noahs Erben“ und „Wer bin ich und wenn…“ sind durchaus diskutable Bücher und werden nicht automatisch diskreditiert, da Precht sich heute verirrt. Precht bleibt trotz seiner Aussagen jetzt ein interessanter Gesprächspartner, wenn er nicht selbst an der Stilisierung zum Philo-Guru weiter mitwerkelt. (Ich war mal Gastgeber einer Lesung/Podiumsdiskussion mit ihm und ‚durfte‘ ihn nicht einmal begrüßen, weil eine Schnösel-Agentin ihn ‚abschirmte‘. Interessant wie die Entourage von Mediensternchen wie Precht ihn hofiert und zugleich auch entmündigt. Was er davon mitkriegt, lass ich mal offen.)

    En passant und nicht auf Dich und keinen hier gemünzt, Helmut:
    Vielleicht sollten wir überhaupt gelassener werden in der Diskussion mit ernstzunehmenden politischen Gegnern, deren Meinung wir nicht teilen. Präzise, deutlich, argumentativ, kritisch, ‚hart‘, in der Sache, aber nicht gleich den Menschen mit dem Polemik-Bade auskippen. Ich habe auch noch die mittleren 70er erlebt, da war jeder Andersdenkende, jede linke Gruppierung der anderen ein Dorn im Auge.
    In einem Aufsatz zum Lyriker Nicolas Born habe ich einmal geschrieben:
    „Viele Diskussionen über den Sozialismus endeten an den Unis (mit ihren vielen linken Splittergruppen) in den späten 60er-, frühen 70er-Jahren im Streit oder schlimmer noch mit der Diffamierung der Gesprächspartner. Wer unbequeme Meinungen vorbrachte zu dem, was manche für den ‚wahren’ Sozialismus hielten, war schnell ein ‚Abweichler’, ‚Sektierer’, ‚Stalinist’, ‚Trotzkist’, ‚Reformist’, ‚Konterrevolutionär’ und wie die Aufkleber noch alle hießen. Solche Engstirnigkeit hatte zwar in der BRD und unter den Linken meist keine übleren Konsequenzen, historisch gesehen war sie aber so ungefährlich nicht.“

  13. #13 | Gerd Herholz sagt am 14. Dezember 2011 um 11:24 Uhr

    # 11: Hallo DH, nette Spitze und sehr interessanter Link. Den Fragebogen kannte ich überhaupt nicht.
    „Kollege Herholz, ich vermute, Sie gehen in der Wissensgesellschaft ein und aus: Gibt es das bereits, einen ‚Fragebogen für Philosophen‘?“
    Ach, DH, eher geht schon die Wissensgesellschaft in mich ein … und aus.
    Ich glaube, Ihre Fagebogen-Fragen könnten analog noch am ehesten bei Pierre Bourdieus Arbeit und seinen Ausführungen zum literarischen Feld eingeflossen sein; in seine Schriften zur Genese des Literaturbetriebs, die man sicher auch im übertragenen und weitesten Sinne als Kritik am Philotainment und als Nachfrage zur Verortung herrschender Philosophie/Theorie lesen könnte.
    Aber da müsste ich auch erst neu lesen. Und heute habe ich frei. Da lebe ich doch lieber mal zumindest einen Tag al gusto, bevor ich in zehn Jahren ins Prechtsche soziale Jahr gezwängt werde.

  14. #14 | DH sagt am 14. Dezember 2011 um 12:07 Uhr

    @ Gerd Herholz: Nun, ich hab’ das hier noch nicht gelesen:
    https://www.testcard.de/titel.php?pid=1368

    … aber zumindest die Arbeitsbedingungen prekärer Philosophen dürften sich in dem einen oder anderen Textbeitrag des Heftes widerspiegeln.

    Ansonsten präferiere ich natürlich den Ansatz der militanten Untersuchung.

  15. #15 | Bürohilfskraft sagt am 14. Dezember 2011 um 22:53 Uhr

    Da mein Berufsleben trotz akademischer Ausbildung immer wiederkehrend von befristeten Arbeitsverträgen, lange Phasen der Arbeitslosigkeit und Billiglöhnen geprägt ist, wird sich dies sehr übel auf meine Rente auswirken und mich vermutlich (sofern sich nichts ändert) dazu nötigen, so lange zu arbeiten, bis ich mir das Gras von unten ansehe. Wenn ich mir hingegen mit einem sozialen Pflichtjahr dauerhaft eine Einheitsrente von 1100 Euro sichern könnte, wäre dies ein Geschenk, das ich sofort annehmen würde. Für 1100 Euronen 15 Wochenstunden sozial zu arbeiten, wäre auch im jetzigen arbeitslosen Zustand tausendmal sinnvoller als Hunderte erfolglose Bewerbungen zu verfassen.

  16. #16 | Helmut Junge sagt am 15. Dezember 2011 um 12:10 Uhr

    Gerd,
    „Sicher war es früher nicht nur so, und sicher ist es heute nicht nur anders“

    den Satz habe ich dem Link von @DH (14) entnommen. Dirk sei dafür gedankt.
    Ich meine, der Satz paßt ganz gut zu Deiner mahnenden Rückschau, die mich durchaus nachdenklich gemacht hat. Allerdings bin ich, wie Du nach dem obigen Zitat bereits vermuten wirst, zu einer etwas anderen Auffassung gekommen, als Du.
    Die Vorwürfe haben sich in den Jahrzehnten geändert, die Diffamierungen nicht.
    Zwar sagt heute niemand mehr „‚Abweichler’, ‚Sektierer’, ‚Stalinist’, ‚Trotzkist’, ‚Reformist’, ‚Konterrevolutionär’“, soviele Begriffe kennt auch kaum noch jemand, sondern heute gilt vielen alles als rassistisch, mindestens als unterschwellig rassistisch.
    Die Sprache ist verarmt, aber die Intentionen zu diffamieren sind geblieben.
    Menschen ändern sich kaum.
    Aber zurück zu dem Literaten Precht.
    Er macht doch mit seiner Idee, Rentnern ein soziales Pflichtjahr aufzubrummen, Politik.
    Politik aber ist nie frei von Polemik. Wie auch?
    Wenn Precht Verdienste in seiner Vergangenheit erworben hat, schützen diese ihn kaum, wenn er sich politisch mit einer brisanten Forderung zu Wort meldet. Gut, Du hast das erkannt. Ich war polemisch. Aber das lasse ich mir auch als Waffe nicht nehmen, denn was bliebe dann noch?
    Wo Dario Fo noch Satire als Waffe einsetzen konnte, fehlt hier doch oft der Adressat, der Satire als Satire versteht. Da sind schon Viele mißverstanden worden.
    Gerd, heute hat man Applaudiermaschinen, damit die Zuschauer wissen, wann sie lachen müssen.
    Aber versöhnlich will ich auch sein.
    Prechts Meinung, dass der Werther heute nicht mehr in den Unterricht gehört, find ich richtig. Das denke ich auch. Gut, dass das so einer sagt, und nicht ein Banause wie ich.
    Dass der sich das traut zu sagen, macht mich neugierig auf den Mann, und ich will mal eines, der von Dir zitierten Bücher von ihm lesen. Du kannst mir ja eines vorschlagen, was besonders gut zu mir passen würde.

  17. #17 | Gerd Herholz sagt am 15. Dezember 2011 um 12:13 Uhr

    # 15: So wie Ihnen geht es vielen im akademischen Prekariat. Die Zukunftsaussichten sind düster und halbwegs sichere Renten in 20, 30 Jahren …, forget it. Deshalb argumentiere ich hier: Von Prechts Vorschlägen kommt ggf. das (gesetzlich erzwungene) soziale Jahr durch (als Billigersatz für staatliche Leistungen etwa im Pflegebereich, in Schulen, Bibliotheken…), eine Mindestrente von 1.000 Euro (heutiger Stand) jedoch niemals. Die läge auch nur knapp über der Armutsgrenze.
    Wenn man sich die Diskussionen um Mindestlohn oder bedingungsloses Grundeinkommen ansieht, dann kann man leicht erkennen, dass dies verhindert werden soll oder auf ein Niveau runtergeschraubt, von dem immer noch niemand leben kann. Insofern, liebe Bürohilfskraft, steht die Frage, ob man mit 1.000 Euro Mindestrente ein soziales Jahr bejahen würde, überhaupt nicht.

  18. #18 | Gerd Herholz sagt am 15. Dezember 2011 um 13:47 Uhr

    # 16: Helmut: „Prechts Meinung, dass der Werther heute nicht mehr in den Unterricht gehört, find ich richtig. Das denke ich auch.“

    Lieber Helmut, ich find’s nun genau falsch. Meine Frage ist auch nicht, ob Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ (https://projekt.gutenberg.de/buch/3636/1) in den Unterricht gehört, sondern wie man im Unterricht mit ihm umgeht!
    Dass der „Werther“ auch (Auch, aber nicht nur!) Kitsch ist, thematisierte doch längst jeder Deutschlehrer seit anno dunnemals. Und schlug dazu dann zumindest die Brücke zu Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“

    Mit dem Ruf nach Streichung des „Werther“ reiht Precht sich als zurückgebliebener Avantgardist völlig verspätet ein in die Riesen-Schlange derer, die den Verlust des historisches Gedächtnisses billigend in Kauf nehmen. Ach, was rege ich mich auf, sagt Hagen Rether immer.
    Im Rahmen einer kritisch-liebevollen Lektüre des „Werther“ könnte man so vieles lernen über den Reichtum einer Sprache des Gefühls, über Traditionen/Klischees von Innerlichkeit und Sentimentalität, über Kitsch … über den Kitsch in uns allen, über die Verkitschung aktueller Hobbylyriker-Produktion, über Hollywoodelei…, über Komik (ja, Komik!), was habe ich gelacht, als ich den „Werther“ vor Jahren neu entdeckte.

    Langsam dämmert mir, dass Precht (mit seinem Vorschlag zum sozialen Jahr) Menschen nicht nur zu ihrem Glück zwingen will. Mit dem Vorschlag der Herausnahme des „Werther“ aus den Lehrplänen scheint er Menschen nolens volens auch zu ihrem Unglück zwingen zu wollen. Demnächst wird dann auch der „Faust“ verschwinden, wenn nur ein Schüler bockt, dafür guckt man dann die „Rocky“-DVDs. Irgendwie auch was mit Faust.
    Und dann werden sie (meinen geliebten) Lessing rausschmeißen, dieses ‚Toleranzgefasel‘, dieses üble In-Versen-sprechen (macht ja heute keiner mehr, obwohl poetry slam, ach, egal .. weg damit), will doch keiner mehr hören, Major von Tellheim, ein idiotischer Ehre-Fuzzi (Wer redet denn heute noch von Ehre? Tssss. tss, ts…), Minna von Barnhelm, eine trübe Tusse, Nathan (der Weise): überholt! Passt nicht zum Kampf der Religionen… Kann alles wegfallen. Viel Vergnügen im Koma wünsche ich.

  19. #19 | Helmut Junge sagt am 15. Dezember 2011 um 14:04 Uhr

    Oh jeh Gerd, hätte ich mal nichts dazu gesagt. Wie komme ich da nur wieder raus?

  20. #20 | Gerd Herholz sagt am 15. Dezember 2011 um 14:22 Uhr

    # Ach Helmut, habe meinen Kommentar eben noch upgedatet. Werde noch polemischer.
    Letztlich habe ich Dich in #16 aber sowieso so verstanden, dass es darum gehen müsste, warum und wie man heute den „Werther“ als Unterrichtsstoff zu begründen hätte. Und da habe ich mal angefangen zu begründen.

    Das ist leider auch die Falle mancher Prechtscher Äußerungen: Der Schritt von populär(wissenschaftlich) zu populistisch ist schnell gemacht.
    Ego te absolvo. Und du mich hoffentlich auch. Grüße.

  21. #21 | Helmut Junge sagt am 15. Dezember 2011 um 15:39 Uhr

    Gerd, wir müssen manchmal Abstriche machen.
    Mozart for ever? In der Malerei Tiepolo?
    Ich mag beide. Aber kein Musik-kein Kunstlehrer käme auf die Idee, seinen Unterricht so auf die Zeit vor, und um das 18.Jahrhundert auszurichten, wie es die Deutschlehrer tun.
    Ich bin ja in der Literatur Laie, aber:
    Ich bin ehemaliger Schüler!!!
    Nur deshalb wage ich jetzt die Diskussion.

    Im Alter von 16 Jahren hatte ich damals schon keine „Freude“ am Werthers Leiden.
    Doch schon an Bürgers Lenore, zugegeben. Stammt aus der gleichen Zeit.
    Aber zeitgenössische Literatur kam dann zu kurz, weil Goethe ein Riese war, weil Lessing wichtig war. Klar, Aber die anderen ( die späteren) wurden dafür mehr oder weniger durchgehechelt. Den Brecht hatte ich mir lange nach der Schule selber rausgesucht. Aber danach? Meine Güte, die Schulzeit ist doch so kurz.
    Vielleicht hätte ich mir mal den Werther nach der Schulzeit herausgesucht, wenn ich in der Schule modernere Literaten hätte kennen lernen dürfen. Vielleicht.

  22. #22 | Gerd Herholz sagt am 15. Dezember 2011 um 16:03 Uhr

    # 21 Helmut: Ha! Empfehle dringend „Schulkummer“ des Franzosen Daniel Pennac, ein berührendes und intelligentes Buch.
    https://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=9783462040722
    Pennac schildert die Blockaden der Schüler und der Lehrer witzig, traurig, kenntnisreich (er war selbst mal Lehrer) und zeigt auf, warum kein Kind oder Jugendlicher (oder eben auch Lehrer) jemals ganz für die Literatur (aller Zeiten und Länder) verloren sein muss. Über das Buch würde ich gern diskutieren. Dann hätten wir eine solide Gesprächsgrundlage.

  23. #23 | Arnold Voß sagt am 15. Dezember 2011 um 16:47 Uhr

    Prechtige Diskussion Leute. Der Mann ist doch zu was gut. Kann leider nicht mitmachen. Wäre aber so oder so thematisch überfordert.

  24. #24 | Katharina sagt am 16. Dezember 2011 um 11:15 Uhr

    an 10 Gerd

    Danke für den Hinweis. Denke darüber nach.

    Obwohl ich Philosophen mag, habe ich bei Precht meine Vorbehalte.
    In meinen Augen ein Schönling, der sich zu wichtig nimmt.
    Aber vielleicht tue ich ihm Unrecht.

    Prechtige Diskussion ! Stimmt !

  25. #25 | Helmut Junge sagt am 17. Dezember 2011 um 11:06 Uhr

    Gerd,
    Hab mir das Buch von Pennac besorgt und lese gerade drin.
    Auch Precht „Liebe“ war ausleihbar.
    Melde mich wieder, wenn ich gelesen hab.
    Pennac liest sich übrigens leicht und flüssig.

  26. #26 | Gerd Herholz sagt am 17. Dezember 2011 um 11:17 Uhr

    # 24, 25: Katharina, Helmut: Dank für Offenheit. Helmut, werde dann auch Pennacs „Schulkummer“ erneut (diagonal) lesen, damit ich dann frisch mit dir diskutieren kann.
    So long.

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