Ein Lob auf die softwareemulierte Schreibmaschine!

Alte Schreibmaschine mit gut sichtbarem Verlauf des Farbbands – Alf van Beem – Eigenes Werk – CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)

Seit der Erfindung der Schreibmaschine hat sich in Bezug auf ein textbasiertes Arbeiten nicht viel getan. Auch Textverarbeitungsprogramme nutzen in der Regel dasselbe zeilenorientierte Vorgehen, jedoch häufig weniger flexibel, sind im Betrieb aber leiser, freilich in Abhängigkeit von der verwendeten Tastatur. Schwierigkeiten können die vielen Zugaben bereiten, die primär dazu dienen, aus der ursprünglichen Emulation eine arbeitsuntaugliche Spielwiese werden zu lassen. Die einzige technische Neuerung, die sich jedoch weniger für Textarbeit, eher für ein Layout bzw. Design anbietet, wurde mit rahmenorientierten Programmen geschaffen, mit denen ein Desktop-Publishing möglich wurde.

Die nahezu perfekte Software-Schreibmaschine wurde in der zweiten Hälfte der 80er Jahre progammiert und veröffentlicht, und zwar für Atari ST Computer: ‚Signum! 2‘. In jener Zeit tummelten sich auf dem neuen Heim-Computermarkt vor allem Amiga-Rechner (Spiele), Macintosh- (Foto/Design) und Atari-Rechner (Musik). Letztere wurden mit ‚Signum! 2‘ von ‚Application Systems Heidelberg‘ auch zu einer außergewöhnlichen Text- und Formelmaschine. Damalige PCs ließen nur auf einen schwarzen Schirm starren.

Die Besonderheit von ‚Signum! 2‘ war, dass sich die ‚Zeilenabstände‘ pro Zeichen individuell und von jeder Position aus verändern ließen, so dass Zeichen beliebig positionierbar waren. Zur Erstellung von Formeln half diese Eigenschaft sehr, aber auch bei der Entwicklung von Text. Relativ rasch wurden mathematische und altsprachliche Bit-Fonts für ‚Signum! 2‘ entwickelt, mit denen sich komplexe Formeln und Zeichen am Bildschirm zusammensetzen ließen. Ein Ober- und Unterstrich, eine hochgestellte Zahl, eine Tilde oder ein Haken, was auch immer, ließen sich millimeterweise hinzufügen. Auch Fußnotenzeichen wurden in dieser Weise gesetzt. Das Programm verfügte in der Version 2 noch über keinerlei Automatismen. Schier alles war möglich.
Noch heute wird es lächelnd vom damaligen Hersteller mit den Worten beschrieben: „Die einzigartige sympathische Schnippel- und Klebetextverarbeitung für alle, die eigentlich eine Schreibmaschine kaufen wollten. Keine Vorschriften vom Programm. Einfach nur texten.“ Wie relevant dies sein kann, ‚keine Vorschriften vom Programm‘, erfuhr und erfährt man erst, wenn man einer Produktlinie folgt, bis die fragliche Software lediglich noch fürs Spielen oder für ein Müllversenken taugt.

Vor unlösbare Probleme geriet man bei der Verwendung von ‚Signum! 2‘, wenn statt eines Drucks eine Weiterverarbeitung anstand. Schon damals war mit ‚Calamus‘ ein Desktop-Publishing Programm für die Atari-Rechner entstanden, speziell für die Atari-Mega-ST- oder die Atari-TT-Rechner. Doch die Software-Schreibmaschine war nicht zu verstehen. Es blieb nichts anderes übrig, als eine Neuzusammensetzung in den Rahmenprogrammen zu versuchen, oder Fotos von Ausdrucken zu machen und diese einzufügen; Ausdrucke waren akurater als Bildschirmansichten. Eine Weiterentwicklung der Signum!-Software hätte in ganz anderen Bahnen verlaufen können, als mit den Folgeversionen lediglich Vorschriften und Konventionen für eine unübersichtlichere Bedienung zu schaffen. Heute wäre die Software, obwohl nach dem Abschied von Atari aus dem Markt Emulatoren entwickelt wurden, mit so gut wie nichts mehr kompatibel.

Aktuelle Textverarbeitungsprogramme, ob für Apple, Linux oder Windows, bauen erst gar nicht auf einer Variabilität auf, wie sie ‚Signum! 2‘ noch bot, sondern waren von Beginn an weitaus starrer als es Schreibmaschinen jemals waren. Erst durch vorschriftliche Zugaben, die einen enormen technischen Aufwand erforderten, ließen sich Funktionen integrieren, die es möglich machten, das eine oder andere Dokument zu schreiben. Die Problembeschreibungen, die sich im Netz finden lassen, sind jedoch zahlreich und vielfältig. Zudem sind Platzbedarf und Rechnerauslastung im Betrieb unverhältnismäßig. Es sei angemerkt, dass ‚Signum! 2‘ samt jeweiligem Dokument und den relevanten Zeichensätzen auf eine 720-KB-Diskette passte. Der geringe Datenumfang war durchaus wichtig, zwar gab es spezielle 20-60 MB umfassende Festplatten, doch die röhrten wie ein Stahlwerk unter Vollauslastung. Schließlich: der Atari ST-Rechner war mit 8 (in Buchstaben: acht) MHz getaktet.

Ein inzwischen übliches Textverarbeitungsprogramm nutze ich nur auf Kundenwunsch, wenn ein spezielles Dateiformat, in der Regel ‚doc‘ benötigt wird. Formatvorlagen habe ich mir in einem Rahmenprogramm angelegt, auch für Briefe. Ansonsten verwende ich das freie RoughDraft 3.0 von 1997, das Texte als ‚txt‘ und ‚rtf‘ speichern kann, aber kein WYSIWYG anbietet. Eine Schreibmaschine könnte dieses kleine Programm funktional leider nicht ersetzen, es ist aber zumindest leiser und leichter.

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Hier gehts zum zweiten Teil.

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5 Kommentare

  1. #1 | abraxasrgb sagt am 30. Juli 2015 um 22:34 Uhr

    … und ich dachte schon, es wäre ein Artikel über Steampunk 😉

    Wer wirklich so masochistisch ist, der mag auch TEX und benutzt seinen Rechner per prompt?
    C:\ _

  2. #2 | Reinhard Matern sagt am 30. Juli 2015 um 23:26 Uhr

    Tut mir leid, über Steampunk wüsste ich nicht viel. Im Gegensatz zu Signum war/ist TEX aber ein Satzautomat, der lediglich über eine zusätzlich Oberfläche leichter zu bedienen war und ist: LyX. Mit einer Schreibmaschine hat dieser Automat nichts mehr zu tun. Getrimmt war er auf Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Man brauchte sich um nichts als die richtigen Befehle an den richtigen Stellen kümmern. An den Universitäten, vor allem in den technischen Bereichen, war TEX durchaus beliebt …

  3. #3 | Klaus Lohmann sagt am 31. Juli 2015 um 01:41 Uhr

    Hab selbst noch Signum!2 auf 'nem ST benutzt. Es gab damals für Privatleute *bezahlbar* eigentlich nur 9- bzw. 24-Nadeldrucker und Signum! war das erste Proggi, welches mit seinen Bitmapfonts auf solchen "Nähmaschinen" Fotosatz-Druckqualitäten erzielen konnte. Da störte die fehlende Kompatibilität überhaupt nicht – wobei solch ein Workflow über verschiedene Apps und Plattformen zur damaligen Zeit sowieso purer Luxus war, der auch mit Macs oder später Next-Maschinchen nur mit viel Customization produzierbar war. Und ich weiß, wovon ich schreibe, denn damals hatte ich eine Zeit lang den historischen Mac-"Fuhrpark" des Coolibri unter meinen Admin-Fingern;-))

  4. #4 | Stefan Laurin sagt am 31. Juli 2015 um 06:30 Uhr

    Wunderschöner Artikel. Mit Signum kam ich damals trotzdem nie klar 🙂

  5. #5 | Desktop-Publishing - nur mit Restriktionen? | Ruhrbarone sagt am 2. August 2015 um 13:38 Uhr

    […] Hinblick auf eine Textverarbeitung, so ließe sich eingedenk meines Lobes auf eine hervorragende Schreibmaschinen-Emulation aus den 80er Jahren (‚Signum! 2‘) resumieren, […]

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