Krasses Imageproblem: Fans wünschen sich eine Bundesliga ohne Leipzig, Hoffenheim und Wolfsburg

Leipzig zu Gast auf Schalke. Archiv-Foto: Michael Kamps

Wirklich überraschend war das Ergebnis nicht. Als der frühere Sportchefredakteur der Funke Mediengruppe (WAZ) Pit Gottschalk, der heute für Sport1 tätig ist, kürzlich im Internet für seinen Sport-Newsletter ‚Fever-Pit‘ch‘ nach den 18 Fußballvereine fragte, die die Leser gerne auf jeden Fall in der 1. Fußball-Bundesliga sehen möchten, da schien das Ergebnis größtenteils schon vorgezeichnet zu sein.

Und doch zeigte das heute vorgestellte Abstimmungsergebnis einige Überraschungen, die es sich auch hier im Blog durchaus einmal zu diskutieren lohnt.

Die beliebtesten sechs Fußball-Vereine waren (bei über 1.000 Teilnehmern an der Umfrage) demnach: Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt, 1. FC Köln, FC Schalke 04 und der Hamburger SV.

Auffällig: Alle sechs Vereine auf den vorderen Plätzen gelten als klassische Traditionsklubs. Dass der Hamburger SV sich auch als aktueller Zweitligist großer Beliebtheit erfreut, verwundert auch nicht. Der ‚Dino‘ hat zum Beispiel auch hier bei uns im Ruhrgebiet noch etliche Fans, die sich überwiegend in der großen Zeit des Vereins in den 1980er-Jahren in den HSV ‚verliebt‘ haben, als dieser den Europapokal holte.

Im Mittelfeld der der Top 18 in der Umfrage von Pit Gottschalk unter den Fever-Pit’ch-Lesern landeten:  Werder Bremen, Bayern München, VfB Stuttgart, 1. FC Kaiserslautern, SC Freiburg und der 1. FC Nürnberg.

Dass der Serienmeister FC Bayern hier nur auf Rang acht landete, verwundert auf den ersten Blick natürlich. Der Verein, der den TV-Sendern im Regelfall die höchsten Einschaltquoten beschert, in Sachen Beliebtheit nur im Mittelfeld der Wunsch-Erstligisten? Bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so unlogisch. Die Bayern spalten halt die Fußballfans in zwei Lager. Entweder man mag sie, oder man kann sie eben gar nicht leiden. Gleichgültig sind die Bayern keinen Fußballfreund, den ich kenne. Das ist der Fluch des Erfolges. Wer häufig siegt, der hat es rasch mit Neidern zu tun. Als der BVB vor rund zehn Jahren noch oben in der Bundesligatabelle stand, da sah man auch häufiger Fans, die der Borussia gar nichts abgewinnen konnten.

Dass die Traditionsklubs aus Kaiserslautern und Nürnberg ebenfalls unter den beliebtesten zwölf Vereinen zu finden sind, obwohl sie sportlich schon lange nicht mehr in die 1. Liga gehören, überrascht ebenfalls. Hier wird offenkundig in Sachen Beliebtheit ebenfalls noch von den guten alten Zeiten gezehrt.

Dass mit dem VfL Bochum, dem FC St. Pauli und dem TSV 1860 München noch weitere drei ‚Kleine‘ mit Tradition den Sprung unter die Top 18 dieser Umfrage schafften, ist ebenfalls der Tradition und dem ‚Kult‘ des Underdogs geschuldet.

Auch Union Berlin erfreut sich bei den Fever-Pit‘ch-Fans ausreichender Beliebtheit um es unter die Wunsch-Erstligisten zu schaffen. Der ‚Big City Club‘ Hertha BSV und Werkself Bayer 04 Leverkusen runden das ideale Teilnehmerfeld der Abstimmungsteilnehmer ab. Dass Leverkusen trotz der Erfolge nicht zu den beliebtesten Klubs in diesem Lande gehört verwundert nicht. Ein kurzer Blick in deren nur selten wirklich gut gefülltes Stadion zeigt jedermann, dass es hier noch ein Imageproblem gibt.  Und auch Hertha hat sich in Berlin zuletzt sehr schwer getan, musste den Unionern in Sachen Beliebtheit immer wieder mal den Vortritt lassen und auch die Nummer eins in der Hauptstadt an den Klub aus dem Osten der Stadt abgeben. Trotz oder gerade auch wegen der Millionen des umstrittenen Investors Lars Windhorst.

Klar, das Ganze ist eher eine Spielerei und mit ‚nur‘ rund 1.000 Teilnehmern sicherlich so auch nicht wirklich repräsentativ. Und doch zeigt das Ergebnis, dass es den Fans in Deutschland noch immer sehr auf klassische Werte wie Tradition, Identität und Authentizität ankommt, wenn es um den modernen Profifußball geht.

Dass es Vereine wie der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim und RB Leipzig bei diese Umfrage eben nicht an Teams wie dem Bochum, Kaiserslauten, Nürnberg oder Union Berlin vorbei geschafft haben, obwohl sie in den vergangenen Jahren massiv investiert und sich auch international in Szene setzen konnten zeigt, dass Erfolg, zumindest auch bei den Fans, nur bedingt zu kaufen ist.

Vielleicht ist es um den ‚modernen Fußball‘ doch noch nicht ganz so schlecht bestellt, wie man manchmal glaubt….

 

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3 Kommentare

  1. #1 | Markus Repp sagt am 1. August 2022 um 09:59 Uhr

    Was heißt eigentlich Tradition? Der FC Kölle wurde zum Beispiel später gegründet als der VfL Wolfsburg…. Warum ist Kölle ein Traditionsclub und der VfL nicht?
    Die Stadt Wolfsburg ist außerdem gerade Mal ein Jahr älter als der Verein.
    Mehr Tradition geht ja wohl kaum.
    Oder liegt es einfach nur daran, das Vereine wie Hoffe, RB oder Wolfsburg einen potenten Geldgeber n der Seite haben ?

  2. #2 | thomas weigle sagt am 1. August 2022 um 12:40 Uhr

    @Markus Repp Der FC hat schon Tradition,die weit über sein Gründungsdatum hinausgeht.Das gilt auch für den KSC bspw,der ebenfalls aus dem Zusammenschluss von Traditionsvereinen in den 50ern gegründet wurde..

    Ihr Argument in Bezug auf die Wölfe hatte ich hier vor Jahren schon mal erwähnt-nutzlos. Auch der Hinweis,dass der VFLvon Beginn an ein Breitensportverein ist,der bspw. eine DM im Feldhandball errang,zog nicht..Es gibt halt Vereine mit einem großen Breitensportangebot und solche die das nicht haben,wie der BVB bspw,der in dieser Sache äußerst sparsam aufgestellt ist, so weit ich weiß. Er hat allerdings ein äußerst starkes und erfolgreiche Frauenhandballteam, dass 21 Meister und heuer Vize wurde..

    Die großen Vereine haben m.E. die verdammte Pflicht in Sachen Breitensport tätig zu sein. Nicht nur was das rein sportliche angeht,auch in Sachen Integration/Inklusion und Einsatz gg. den Antisemitismus.

  3. #3 | SvG sagt am 1. August 2022 um 13:57 Uhr

    @ Robin Patzwaldt: „Und doch zeigt das Ergebnis, dass es den Fans in Deutschland noch immer sehr auf klassische Werte wie Tradition, Identität und Authentizität ankommt, wenn es um den modernen Profifußball geht.“
    Das zeigt mir vielmehr, in welchem Ausmaß der gemeine Fußballfan oder noch schlimmer: Fußballromantiker zu Selbstbetrug, Tatsachenverdrehung und ganz allgemein der Verdrängung fähig ist. Der „Fan“ ist doch genauso Teil der Inszenierung, Verfügungsmasse für die Geschäftsführung der TV wie bei allen anderen. Ich unterstelle mal, daß zB das politische Engagement einiger Vereine Imagebuilding als Teil der Gesamtvermarktungsstrategie ist; dann kann man auch eine eigene Zigarettenmarke auf den Markt bringen. Tradition ist doch nur wichtig, wenn sie in Euro und Cent berechnet werden kann.
    Was ist eigentlich aus dem Trinkbüdchen von St. Pauli geworden?

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