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„Schalke zeigt, wie schnell man vom Vizemeister zum scheinbar hoffnungslosen Fall werden kann”

Bedrohliche Stimmung auf Schalke. Archiv-Foto: Franz-Christian Müller

Auch im Jahr 2021 gehen diesem Land die Fußballthemen nicht aus. Unsere Autoren Peter Hesse und Robin Patzwaldt haben sich nach dem ersten Bundesligawochenende nach der kurzen Weihnachtspause über die aktuellsten Entwicklungen unterhalten.

Natürlich ging es dabei wieder um die aktuellen Situationen in Gelsenkirchen und Dortmund, aber der Blick der beiden richtete sich in dieser Ausgabe auch nach Bochum, München und Liverpool.

Peter Hesse: Hallo Robin, nach einem sehr ordentlichen und über weite Strecken ansehnlichem Spiel, hat sich Borussia Dortmund mit 2:0 gegen den VfL Wolfsburg durchgesetzt. In der Nachspielzeit sorgte Sancho mit einem schönen Solo für den Endstand gegen einen meist gleichwertigen Gegner aus Niedersachsen und steht nun auf einem vierten Tabellenplatz. Jetzt folgen schwere Wochen für den BVB, das Team von Trainer Edin Terzic tritt am Samstag beim RB Leipzig an – dann folgen bis Ende Januar noch Mainz, Leverkusen, Mönchengladbach und Augsburg – sicher wird das viel Kraft kosten. Wie hast du unseren BVB wahrgenommen?

Robin Patzwaldt: Hallo Peter! Ich fand das Spiel nur mäßig unterhaltsam. zumindest hat es das ‘richtige’ Ergebnis gegeben. Aber ansonsten bleibe ich beim BVB skeptisch. Der erhoffte Ruck durch den Trainerwechsel ist bisher ausgeblieben. Der Kampf um einen Platz in den ersten vier wird eine echte Herausforderung, in Anbetracht der kommenden Gegner. Aber ich bin über mich selbst überrascht, denn ich fiebere aktuell längst nicht mehr so mit wie vor rund einem Jahr, als wir hier im Blog ja noch emotional über Ultras, Pyrotechnik und die Kritik an Hoffenheims Gönner Hopp diskutiert haben. Die Fußballlandschaft hat sich ganz schön gewandelt durch Corona. Ich bin froh, dass noch immer stabil gespielt wird. Aber in meinem Leben spielt der Fußball aktuell eine wesentlich kleinere Rolle. Auch der BVB. Ich habe heute darüber nachgegrübelt, ob die Corona-Situation auf Schalke eigentlich ein Vor- oder Nachteil ist. Mit Neutrainer Christian Gross haben die Gelsenkirchener in Berlin ja auch ihr insgesamt 30. Ligaspiel in Serie nicht gewonnen. Ob das mit Fans in den Stadien anders gelaufen wäre? Was meinst Du?

Peter Hesse: Ich habe eine ganz interessante Beobachtung beim britischen ›Sky Sports‹ Sender gemacht: wenn über aktuelle Ereignisse in der Bundesliga berichten, unterlegen die ihre Bild-Ton-Aufnahmen mit Stadion-Gesängen aus der vergangenen Saison – und du hast als Fernsehzuschauer nicht so eine Kreisliga-Atmosphäre. Das ist natürlich ein Fake, klar, aber ich muss gestehen, dass meine Konzentration so mehr geschärft war. Natürlich ist Corona das bestimmende Thema, vor ein paar Tagen war der Inzidenzwert im sächsischen Vogtlandkreis bei über 1.000, absolut irre. Anfang Oktober hatten wir in NRW noch Werte knapp über 50 – als dann bestimmt wurde, dass es mit dem Publikumsverkehr nicht mehr aufgeht. Natürlich ist das ätzend und schlimm, trotzdem schaue ich Fußball. Habe mich auch über das wiederholt gute Abschneiden vom VfL Bochum gefreut, die am Wochenende Darmstadt geschlagen haben – und weiter in der 2. Liga ganz oben mitmischen. Wäre doch ein irres Szenario: Bochum steigt auf und Schalke steigt ab, oder?

Robin Patzwaldt: Ton mit Fangesängen bietet die das deutsche Sky ja auch. Nutze ich nur nie, weil es dann ja nicht echt wäre. Ich nehme es so, wie es aktuell ist. Das stört mich auch nicht. Ich habe früher drei Jahre lang für die WAZ aus der Kreisliga berichtet. Daher kennt man das. Bei mir sit das Interesse am Sport aktuell halt einfach ein Stück weit der Politik gewichen. Ist einfach der derzeitigen Lage gewichen. Es gibt halt wichtigeres als Fußball. Zum Thema Bochum und schalke: Ich halte es für wahrscheinlicher, dass Schalke absteigt, als das Bochum aufsteigt. Spiele des VfL, die ich gesehen habe, waren vielfach schlicht langweilig. Ich denke, der VfL profitiert aktuell einfach ein Stück weit davon, dass es in Liga 2 keine echten Spitzenteams mehr gibt. Selbst der scheinbar übermächtige HSV tut sich seit Jahren schwer. und Hannover droht auch in Liga 2 zum Stammgast zu werden. Gönnen würde ich es dem VfL, aber mir fehlt der Glaube an einen dauerhaften Erfolg.

Peter Hesse: Der Glaube ist wichtig, denn der kann Berge versetzen. Sowas muss auch Ralph Hasenhüttl gedacht haben – als er völlig überraschend mit seinem Team, dem FC Southampton, 1:0 gegen Liverpool gewann. Danach kniete sich der viel kritisierte Trainer wie zu einem Gebet auf den Boden und die Tränen kullerten über seine runden, unrasierten Backen. Das war ein Bild für die Fußballgeschichtsbücher – sehr ergreifend! Ich bin froh, dass es solche Szenen gibt. Sie zeigen die Menschlichkeit in einer Sportart, die vom Geld und vom schnöden Mammon überflutet ist – und die ihre Unschuld längst verloren hat. Der große argentinische Trainer César Louis Menotti sagte mal: „Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum und Täuschung – genau wie im Leben. Man muss mit der Zeit umgehen, Räume finden und mit der Täuschung zurechtkommen.“ Wenn ich die Handynummer von Jürgen Klopp hätte, dann hätte ich ihm dieses Menotti-Zitat nach dem Spiel per WhatsApp-Nachricht geschickt…

Jürgen Klopp musste mit dem FC Liverpool gegen den FC Southampton eine Niederlage einstecken  |  Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Robin Patzwaldt: Wobei ja auch die englische Liga leider den Tendenzen unterliegt, wie wir sie auch hierzulande beobachten müssen: es werden immer weniger Kandidaten für die Tabellenspitze. In England scheinen die CL-Plätze genauso bereits im Vorfeld vergeben zu sein, wie hierzulande. Einzelne Überraschungsteams ändern daran nichts. Mit Liverpool, United, City und Chelsea hat auch die Premier League ihre scheinbar ausgemachten Favoriten. Selbst Arsenal London fällt da aktuell schon ab. Die Schere öffnet sich immer weiter. Das hat man ja auch in der Bundesliga am Wochenende gesehen, als die Bayern aus einem 0:2 zur Pause gegen Mainz am Ende noch ein souveränes 5:2 gemacht haben. In der Halbzeit hatte ich zu mehreren Leuten Kontakt, die die Bayern zu früh abgeschrieben hatten. Die haben wohl noch nicht so lange Bundesliga verfolgt, dachte ich mir da gleich. Bei den Münchenern hast du erst etwas gewonnen, wenn der Schlusspfiff erfolgt ist. Auch wenn man den Verein nicht mag, muss man das anerkennen. Diese absolute Siegermentalität würde ich mir auch häufiger bei ‘unserem’ BVB wünschen….

Peter Hesse: „Siegermentalität“ ist natürlich auch ein wichtiges Stichwort, wenn wir mal den Fokus nach Schalke richten. Dort ist das Team kurz davor den ewigen Verlierer-Rekord von Tasmania Berlin in den Schatten zu stellen. Zudem hat der Verein mit 240 Millionen Schulden zu kämpfen und nun klopft Clemens Tönnies, der Bratwurstbaron aus Rheda-Wiedenbrück wieder an, um dem Verein unter die Arme zu greifen – und egal wie Schalke entscheidet, ist es eine Katastrophe. Denn geht man auf das Angebot von Tönnies ein, macht man sich komplett unglaubwürdig, weil man ihn ja im Frühsommer vom Hof gejagt hat und muss dazu auch kritische Fragen vom Land NRW fürchten, die ja eine Bürgschaft für den Club übernommen haben. Aber kommt Tönnies nicht zurück fehlt das Geld – dann ist der Abstieg so gut wie besiegelt und der Wahnsinn geht erst richtig los: viele Spieler haben gar keine Verträge für die zweite Liga und die Fernsehgelder fallen viel geringer aus – das heißt der Schuldenschuh wird noch mehr drücken und im nächsten Schritt könnte alles in einer Insolvenz münden. Tja, und dann?

Robin Patzwaldt: Schalke macht einen ratlos. Das alles dort zeigt, wie schnell man vom Vizemeister zum scheinbar hoffnungslosen Fall werden kann. Und das Alles soll die Schuld von Heidel und Tönnies sein? Wohl kaum! Die Diskussionen in Gelsenkirchen werden noch eine ganze Weile anhalten, denke ich…

Peter Hesse: Ich glaube, ein erheblicher Grundstein des Schuldenbergs wurde von Felix Magath mit seinen fast unzählbaren Transfers der Marke ›Ali Karimi‹ gelegt. Dazu die “Hire & Fire”-Mentalität in den letzten 15 Jahren – kaum im Amt, schon raus mit Abfindung.

Robin Patzwaldt: Das geht grundsätzlich schnell. Auch beim BVB war man im Frühjahr 2015 ziemlich hilflos und warf nur noch mit Floskeln um sich, als die Zeit von Jürgen Klopp in Dortmund zu Ende ging. Nur konnte sich der BVB damals zwischen Februar und Mai vom Tabellenende noch auf einen Europa League-Platz retten. Das traue ich Schalke, bei allem Respekt in diesem Jahr nicht mehr zu…

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