Polizei zieht Marxloh dicht – Video: NPD-Nazis in Duisburg

ProNRW-Chef Markus Beisicht ramentert im Gelsenkircher Schloß Horst. Bild Görges

Am Sonntag, am zweiten Tag der Anti-Nazi-Festspiele in der Ruhrstadt steht Duisburg-Marxloh im Focus. Hier wollen NPD und ProNRW einen Marsch mit dem Ziel der größten Moschee Deutschlands starten. Der DGB und drei Bündnisse, die auf friedliche Blockaden setzen, sind dagegen. Hier ein Lageplan: Demorouten, Polizeiquelle (PDF). Bereits Samstags standen wenige Rechte vielen Gegendemonstranten gegenüber. Unter den Gegendemonstranten in der Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes am Sonntag: SPD-Chef Sigmar Gabriel.

8.00 -10.00 Uhr: Essen – Duisburg Hbf – Oberhausen-Holten – Duisburg Marxloh
Bereits in der U-Bahn eine kleine Reisegruppe auf dem Weg zum Marxloher Bündnis. Dann Duisburg Hauptbahnhof: Nur knapp 20 Polizisten. Schließt man sich einer recht großen Truppe mit bunten Haaren und Fanhnen an, gelangt man via S-Bahn nach Oberhausen-Holten. In Sterkrade steigt ein Herr mit Lonsdale-Jacke zu und staunt nicht schlecht. Die Truppe begibt sich zu Fuß zum Treffpunkt 4 in Marxloh. Vor der Moschee trifft um 10.30 Uhr Sigmar Gabriel ein, das Frühlingsfest wird vorbereitet, etwa 300 solidarische Gegendemonstrant/innen sind schon anwesend, man grüßt Kolleg/innen, vor vielen Häusern hängen Plakate des Marxloher Bündnisses und Transparente antirassistischen Inhalts. Hier wird eindrucksvoll Koexistenz und Nachbarschaft demonstriert.

09.08 Uhr. Duisburg. Moschee Warbruckstraße. Keine besonderen Vorkommnisse meldet Prospero. TV-Medien und Hauptstadtpresse versammelten sich.

Sonntag,  07.55 Uhr. Um Duisburg-Nord. Die Autobahnabfahrt Duisburg-Fahrn ist polizeilich gesperrt. Hinseitig des Duisburger Nordens stehen auch die Brücken der Autobahn A 59 unter polizeilicher Bewachung. Spezialeinsatz-Einheiten werden in Duisburg-Marxloh zusammengezogen. An der Ausfahrt-Duisburg Fahrn steht ein Tarnfahrzeug der Polizei, das Videaufnahmen fertigt. Es wäre ein dreiachziger LKW mit Hänger. Der Focus der Kamera wäre auf die rückwärtigen Nummernschilder der ausfahrenden Autofahrer gerichtet, der Kamerafocus sei quasi genau auf die Merkez-Moschee auf der Marxloher Warbruckstraße gerichtet. An der Merkezmoschee sind starke Polizeikräfte zusammengezogen, darunter auch Wasserwerfer. Berichten Augenzeugen.

Die Fotos des gestrigen Tages

Wir haben eine Seite mit den Fotos des Tages zusammengestellt (Alle Fotos Görges) Klack.

23.40 Uhr. Duisburg. Von uns ein erstes Video der NPD-Demo auf dem Duisburger Bahnhofsvorplatz. Von heute mittag. Video von Prospero Spließ.

20.20 Uhr. Gelsenkirchen. Schloß Horst. Fazit ProNRW-Parteitag in Gelsenkirchen.

Pro NRW hatte zu dem Parteitag groß aufgefahren: Den lispelnden Parteivorsitzen Markus Beisicht, den Dauerstudenten und Gelsenkirchener Ratsherren Kevin Gareth Hauer und jede Menge Freunde von rechtsradikalen Parteien aus ganz Europa.

Markus Beisicht will mit ihnen zusammen eine Volksabstimmung für ein Minarettverbot starten, in den Landtag einziehen und später einmal die Rechte in Deutschland neu organisieren. Gespräche dazu, versicherte er, würden bereits stattfinden. Bezahlt wird das alles von dem Schweden Heribert Brinkmann. Ob all das jemanden gelingt, der vor allem jammern kann, wird man sehen. Denn Beisicht fühlt sich verfolgt: Die Kirchen sind gegen ihn, alle Parteien, die Medien, Gewerkschaften, Links- und Rechtsextremisten, Migrantenorganisationen und natürlich der Verfassungsschutz. Alle böse außer Beisicht.

Der sieht sich als Demokraten, betont in jedem Satz seine Treue zur Verfassung und hat auch nichts gegen ehemalige NPD-Mitglieder bei Pro NRW, wenn sie sich denn zum Grundgesetz bekennen. Beisicht bietet Ex- oder auch nicht Ex-Nazis, was ihnen Gruppen wie die NPD in NRW nicht bieten können: Mandate, ein wenig Staatsknete ohne allzu viel Arbeit, ein Pöstchen. Dafür müssen sie in billigen Anzügen rumlaufen und Krawatten tragen. Eine rechtspopulistische Partei als wirtschaftliches Auffangbecken für gescheiterte Rechtsradikale.  Das ist der eigentliche Kern von Pro NRW. Berichtet Laurin.

18.30 Uhr, Duisburg. Dellplatz. Kulturzentrum Hundertmeister. 150 ausgewählte Gäste begrüßte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im Kulturzentrum Hundertmeister in Duisburg: „Ihr habt ganz Duisburg mobilisiert, damit der rechte Mob und die Nazis hier keinen Grund kriegen. Deswegen lasst uns morgen mit Siegmar Gabriel an der Demo des DGB teilnehmen.“

Unter den Teilnehmern des Empfanges der sozialdemokratischen Antifaschisten: Der Duisburger Alt-Oberbürgermeister Josef Krings, der DGB-Vorsitzende Reiner Bischoff, die Bundestagsabgeordnete Bärbel Baas,  die Duisburger Landtagsabgeordeten Sören Link, Gisela Walsken und Ralf Jäger (zudem Duisburgs SPD-Chef). Berichtet Meiser.

17.00 Uhr. Duisburg-Innenstadt. Lagebild. Nach Abschluß des Demonstrationsgeschehens zieht die Polizei telefonisch eine vorläufige Zwischenbilanz, die im Laufe des frühen Abends in einer Pressemitteilung präzisiert werden soll. Und zwar um 19.22 Uhr, hier ist die PM.

Demzufolge wurden insgesamt acht Personen aus Kreisen der Antifa-Demonstranten arretiert. Zusätzlich zu den drei in Gewahrssam genommenen, bei deren Widerstandshandlungen Pfefferspray eingesetzt worden wäre, wurden also weitere fünf Erwachsene festgenommen.

Bei diesem Geschehen im zentral gelegenen Kantpark wären wohl Widerstandshandlungen bzw Gefangenenbefreiung einschlägig. Während des Zugriffes wurden zwei Personen verletzt, die jetzt im Krankenhaus behandelt würden.

Das Duisburg-stellt-sich-quer-Bündnis hat zu den Vorgängen diese Pressemitteilung herausgegeben. Summary Meiser.

15.59 Uhr. Duisburg-Marxloh, Rolfstraße. Folkloristisches Antifa-Demogeschehen in Marxloh am ersten Tag der zweitägigen Duisburger Anti-Nazi-Festspiele, berichtet Stefan. Um die 500 Teilnehmer, friedliche Athmosphäre. Kinder laufen umher, die Sonne scheint. Berichtet Laurin.

15.00 Uhr. Gelsenkirchen, Schloß Horst. Im großen Saal versammelten sich rund 300 Parteigänger der rechtspopulistischen Vereinigung ProNRW zu ihrem Parteitag. Darunter mehrere Dutzend ausländische Gäste von Organisationen wie Vlaams Belang und FPÖ. Schwer lispelnd sah der Vorsitzende Markus Beisicht seine politische Organisation in der Rolle des Opfers:

Eine Kampagne der Kirchen, der etablierten Parteien und des Verfassungsschutzes würde seine Bewegung schmähen. Gleichwohl bleibe deren erstes Ziel der Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag.

Doch das sei nur der erste Schritt: „Wenn wir dann unsere Hausaufgaben in NRW erledigt haben“, so Beisicht, „werden wir die Rechte in Deutschland neu ordnen.“ Auch würde dann „ein europaweites Bürgerbegehen gegen Minarette“ initiiert werden.

Die Proteste gegen den Parteitag vor dem Schloß Horst sind zur Stunde im Abflauen begriffen. Berichtet Laurin.

Kundgebung beendet: Neonazis vor dem Duisburger Hauptbahnhof
Kundgebung beendet: Neonazis vor dem Duisburger Hauptbahnhof. Bild Rodenbücher

14.15 Uhr. Duisburg, Tonhallenstraße. Unbestätigte Meldung vom Twitter des Duisburg-stellt-sich-quer-Bündnis: Einkesselung von Antifas, eine Frau wäre bewußtlos.

13.55 Uhr. Duisburg Hauptbahnhof, Lagebild. Friedlicher Ausklang der Antifa-Demonstration im Sonnenschein. Song des Tages war eine Humpaaversion von Bella Ciao.

Für das Netzwerk gegen Rechts erinnerte der Duisburger Rechtsanwalt Jürgen Aust als Redner an die nazistische Kontinuität des Staates Bundesrepublik Deutschland. Amtsträger wie Globke und Filbinger seien Beispiele dafür. Es ginge die Staatsideologie „buchstäblich über Leichen“, bedenke man die von Rechtsradikalen bislang zu Tode gebrachten Opfer rassistischer Gewalt, deren Zahl mittlerweile ins Dreistellige reiche. Beobachtet von Meiser.

Laut Polizeiangaben nahmen an der Antifa-Kundgebung am Busbahnhof des Duisburger Hauptbahnhofes 600 Menschen teil. Zuvor kam es zu drei Ingewahrsamnahmen. Diese Personen hätten „Polizeibeamte angegriffen“ und seien „gegen Absperrungen vorgegangen“. Nach Auskunft des Ermittlungsausschusses der Antifas handelt es sich dabei um einen Erwachsenen und zwei Jugendliche.

Gallenkamp-/Ecke Mercatorstraße. Duisburgs Polizeipräsident Rolf Cebin macht sich ein Bild von der Antifa-Demo
Gallenkamp-/Ecke Mercatorstraße. Duisburgs Polizeipräsident Rolf Cebin macht sich ein Bild von der Antifa-Demo. Bild Meiser

Rund 70 Neonazis versammelten sich nach Polizeiangaben auf dem Bahnhofsvorplatz, deren Kundgebung ist bis 15 Uhr angemeldet.

12.30 Uhr. Gelsenkirchen, Schloss Horst. Kurz vor Beginn des Pro NRW-Parteitages haben sich 400 Gegendemonstranten um das massiv gesicherte Schloss Horst versammelt. Die Polizei ist mit Reiterstaffeln unterwegs und hält einzelne Demonstranten davon ab, zum Kundgebungsort der Rechten zu gelangen. Bericht Laurin. Es habe eine Sitzblockade von ca 40 Menschen gegeben. Diese sei friedlich beendet worden – nach der zweiten Aufforderung der Polizei. Berichteten Laurin Augenzeugen.

11.00 Uhr. Busbahnhof Duisburg. Eine Anti-NPD Kundgebung mit rund 30o Teilnehmern hat begonnen. Nazis wollen ab 12.00 Uhr vor dem Hauptbahnhof eine Kundgebung abhalten und sind im Moment dabei, sich zu sammeln. Die Polizei hat beide Gruppen voneinander getrennt. Die Nazis sind allerdings in Sicht- und Hörweite. Berichten Augenzeugen.

09.50 Uhr. Duisburg, Hauptbahnhof. Hauptbahnhof und umliegendes Gelände sind von starken Polizeikräften gesichert, Aus- und Zugänge des Hauptbahnhofes werden kontrolliert. Reisende und etwaige Demonstrationsteilnehmer beider Seiten werden von der Polizei befragt und getrennt. Berichten Spließ und Rodenbücher.

09.00 Uhr. Duisburg, Lagebild: Keine besondereren Vorkommnisse bislang nach Polizeiangaben. Am Busbahnhof des Hauptbahnhofes treffen sich die Antifaschisten. Sie demonstrieren gegen eine Kundgebung der NPD in Sicht- und Hörweite auf dem Bahnhofsvorplatz, diese ist von 11 bis 15 Uhr genehmigt.

In Duisburg fährt die Polizei den größten und personalintensivsten Einsatz aller Zeiten in der Stadt, rund 30 Hundertschaften werden am Wochenende im Dienst sein. Einsatzleiter ist der umstrittene Kuno Simon. Der Polizeidirektor verantwortete vor rund einem Jahr die Entscheidung, die zum sogenannten Duisburger Flaggenstreit führte.

Rund ein Dutzend Demos sind an diesem Wochenende in Duisburg angemeldet, erwartet werden rund achttausend Teilnehmer. Ab morgen, Sonntag, geht es den Gegendemonstranten darum, sowohl einen Marsch der NPD als auch der rechtspopulistischen Vereinigung ProNRW auf die im immigationsgeprägten Stadtteil Marxloh im Duisburger Norden gelegene Merkez-Moschee zu verhindern. Mit friedlichen Mitteln, wie allseitig betont wird.

Drei Bündnisse und der Deutsche Gewerkschaftsbund rufen zu den Gegendemos auf:

Das emanzipatorische Märchenland-Bündnis. Das von der Linkspartei majorisierte Duisburg-stellt-sich-Quer-Bündnis, das auch islamistische Organisationen umfasst. Und das aus lokalen Initatiativen bestehende Marxloher Bündnis. Der lokale DGB-Vorsitzende Rainer Bischoff ist sich ziemlich sicher, daß  „der DGB die zählenmässig stärkste Gruppe der Gegendemonstranten umfassen wird.“ Summary Meiser.

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Vom Duisburger Weblog Xtranews sind vor Ort: Werner Jurga, Stefan Meiners, Thomas Rodenbücher, Christian Spließ. Von den Ruhrbaronen sind vor Ort: Jens Kobler, Stefan Laurin, Frederik Görges und Thomas Meiser (Desk).

Linkenpolitiker Dierkes: „Das läppische Existenzrecht Israels“

Für Hermann Dierkes, den Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Duisburger Rat, ist das Existenzrecht Israels „läppisch“.  Am 16. April will Dierkes im Internationalen Zentrum in Duisburg aus seinen Buch:

Bedingungslos an der Seite Israels – nur bedingt auf der Seite des internationalen Rechts“ vorlesen.

Das Video zeigt Dierkes auf dem Trotzkistenkongress Marx is muss, der im vergangenen November in Berlin stattfand. Dort diskutierte er  mit Gesinnungsgenossen über sein Buch. Gleiches könnte am kommenden Dienstag in Duisburg passieren: Israelhetze in städtischen Räumen – im Duisburger Internationalen Zentrum (IZ). Ein Gespräch mit dem Leiter des IZ: Hier, im Update unten.

Ruhrpilot – Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet

schmidt_rwiRWI: Kreativwirtschaft wird überschätzt…Der Westen

NRW: Das große Zittern…Bild

NRW II: Die Kosten einer Affäre…FAZ

NRW III: Eine Affäre, die allen Parteien schadet…Handelsblatt

NRW IV: Abgeordnetenwatch gestartet…Pottblog

Ruhr2010: “Ruhr 2010? Peinlichkeiten ohne Ende“…Der Westen

Ruhr2010 II: Riesenbanane wackelt…Ruhr Nachrichten

Ruhr2010 III: Bier, Rubbellose und jetzt auch Sekt und Wein…Hometown Glory

FDP: Prof. Dr. Populist…Zeit

Twitter: Das 140 Zeichen Orakel…Weissgarnix

Ruhr: Schwermetalle im Kemnader Stausee…Ruhr Nachrichten

Online: Medienkompetenz und das Internet…Kontextschmiede

Kreuze im Gericht: Weltanschaulich neutral…Law Blog

Duisburg: SPD gegen höhere Steuern…RP Online

Gelsenkirchen: CDU  gegen höhere Steuern…Der Westen

Ruhr2010 IV: „3Abschied“ – Anne Teresa de Keersmaeker…FR Online

Update: Weltmusikreigen im Duisburger Landschaftspark – live und kollaborativ von der Traumzeit

Landschaftpark Duisburg-Nord, Sonntag Nachmittag, der dritte und letzte Tag. Es ist recht heiß, die Menschen sind langsam, in einer Stunde beginnt das Konzertprogramm. Facharbeiter-Familien essen in ihren Reihenhäusern Erdbeer-Torteletten. Dieweil im stillgelegten Meidericher Hüttenwerk: Balearisch anmutender TripHop verdunstet leise aus den Boxen in die Sonne. Im Publikum dominieren Sommerkleider, Bermuda-Kombis und Fahrräder neben den blauweißen RWE- und WDR-Bannern. Biere, Säfte, Colas. Live-Kritik macht man, wenn eine Steckdose vorhanden ist und man gerne was zu tun hat zwischendurch. Denn Festival bedeutet hier an verschiedenen Orten kurz aufeinander folgende Konzerte. An der Knipse mit Stativ: Baronski Ralle. An der Kiste mit Akku: Baronski Jens. Am Notizbuch auf Heimspiel: Baronski Tom. Und weit und breit keine Jusos, die nicht tanzen können. Anyway – diese Traumzeit heißt Bewußtwerdung: Das heißt also Stress oder mal was auslassen. Erste Idee: Mal nebenan in der Jugendherberge und bei den Veranstaltern fragen, wieviel Prozent der Gäste eigentlich drei Tage lang in dieser Atmosphäre das ganze Programm mitmachen.

Nun, der Portier der Jugendherberge Duisburg-Meiderich (direkt auf dem Festivalgelände) erzählt, dass dort sowohl Teile der Crew sowie auf speziellen Wunsch der Stadtverwaltung wohl noch zwei Beamte auf den letzten Drücker untergekommen sind. Ansonsten sei ja auch "Tour de Ruhr" und eh schon länger ausgebucht. Die nächste Unterkunftsmöglichkeit sei mehr als 5 km entfernt, ein Motel in Oberhausen. Tim Isfort (Foto: Helmut Berns), künstlerischer Leiter von Traumzeit, erbittet noch drei, vier Jahre Zeit, bis an einen Zeltplatz oder ähnliches zu denken sei. Man bewege sich mit einem kleinen Künstlerdorf schon in diese Richtung, mehr scheint aber schwierig zu sein. Dies bestätigen die eher kunstgesonnenen Festivalmacher, einige wilde Camper waren übers weite Geläuf verteilt.

Das Problem wäre, so erzählt Stadtmarketing-Mann Uwe Gerste (CDU) uns, das mit den Klos und Duschen, die natürlich erstmal zu refinanzieren wären.

Schauen wir mal, ob die sterbende Eisenhüttenstadt im Ruhrdelta zum Jahr der Kulturhauptstadt 2010 geneigt ist, die Chance auf ein kleines Jugend-der-Welt-Dorf an Pfennigen scheitern zu lassen.

Tata. Tata. Tata.

Dann Musik und ein schöner Übergang (vom Schreiben weg): Christian Zehnder-Kraah arbeitet nämlich als Vokalist kaum mit Sprache, sondern hauptsächlich mit einer Art grammatik-freiem Bergvolk-Esperanto. Jodeln, Keuchen, asiatisch anmutender Singsang, begleitet von Kontrabass und Percussion. Das ist jazzy, teils durchaus "archaisch" (lt. Programmheft), irgendwie aber auch recht schweizerisch und vor allem hervorragend in Szene gesetzt.

Ist aber der vokalisierende Krähenmann ein Epigone Phil Mintons, des wahnwitzigen Shouters, welcher schon auf dem Moers-Festival verschiedentlich baren Fußes, aber mit Mac vom Fleck weg das Publikum becircte?

In der Meidericher Kraftzentrale fällt vor allem die hervorragende Licht- und Klang-Ästhetik auf: Kein Brei, Kein Geschrei. Minimal, auf den Punkt, im Dienste der Bühne und Musik.

Umsonst und Draußen derweil der No-Budget-Teil der Veranstaltung: Wochenendtouristen, von denen sich einige zur offenen Bühne hin trauen, wo auch unschwere Imbisse und bunte Getränke zu haben sind. Die Musiker dort werden es aber schwer haben, sich gegen die noch folgenden Künstler behaupten zu können, u.a. Oberlinger & Hahne. Und Kronos Quartet natürlich. Irgendwas is‘ ja immer: Die übliche blendende Brillianz. Die diesen Jungs keiner nachmacht. Wohlfeil, at it’s best!

Schön: Da wo wir Autoren, wieder mal zufällig und unabhängig voneinander, beim letzten Mal vor Ort bei Schlingensiefs "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" Zuschauer waren, wird diesmal Hildegard von Bingen durch den Neue Musik-Fleischwolf gedreht. Und das sehr virtuos halb-elektronisch, halb-akustisch von Dorothée Hahne und Dorothee Oberlinger (Foto: Traumzeit). Geloopte Flöten, leichter Jazz-Appeal und etwas, das mal Dekonstruktion genannt wurde.

Dann Pressekonferenz: Zufriedenheit der Veranstalter vor allem mit den ersten beiden Tagen, wen wundert’s, Duisburg Marketing lobt die Öffnung hin zu neuen Konzerthallen, etwas Pop und Party. Die Kritiken an den zeitlichen Überschneidungen im Programm werden ernst genommen, Tim Isfort bezeichnet E-Mails, die ob dessen von "Betrug" sprechen als "grotesk". Das Programm wolle mehr als Menü verstanden werden, mit Traumzeit als Ort in dem Verschiedenes passiert und das Publikum selbst auswählt. Dass noch mehr Festivalatmosphäre im Sinne eines permanenten Festivalwochenendes gewünscht ist und man ebenso permanent auch zusätzlich noch jugendlicher wird, das steht ebenfalls außer Frage.

Soweit, so trocken. Meiser notiert gähnend, Wasselowski trinkt Wasser gelangweilt, Kobler hört erstmal auf zu tippen, hat längst alles online gestellt, Herr über die Lage.

Wo liegt die Chance der neuen Traumzeit?

Wo liegt die Chance jenseits des legendären Moers-Festivals, abseits von völlig überschätzten Kinderferien-Angangs-Faßbrausen-Events wie Bochum Total, jenseits von aus Wurzeln der katholischen Gemeinde ins Giganomanische wie ein Papstbesuch gesteigerten Ex-Geheimtipps wie das Haldernfestival

wie würde die Chance realisiert, die Traumzeit nach 15 Jahren Spielzeit zum respektablen, zum überregional bedeutenden Periodikum zu machen?

Fragen wir doch mal Valentin Allgayer, einen Querflötisten aus Sindelfingen im Süddeutschen, den wir seit Jahren aus Moers als zuverlässigen Nachtsession-Beisteuerer kennen.

Qualitativ und finanziell attraktiv wäre die Duisburger Traumzeit, er ist extra für die drei Tage von unten angereist, in Stuttgart kostete ein Reigen derartig hochwertiger Konzerte mehr als das dreifache mindestens.

Und nicht nur die Sets, es ist auch das Setting:

Stellen wir uns das ehemalige Meidericher Hüttenwerk vor als eine verlassene Liebe, die deswegen neu aufblüht (Fotos vom Tage: Ralf Wasselowski).

Begeben wir uns am Freitag abend in dessen Gießhalle, einer Open-Air-Bühne mit Deckel drauf, die in die alte Hütte reinragt.

Minuten vorher flaute die Frequenz der Notrufe infolge des härtesten Gewitterregens seit dem Krieg bei der Duisburger Rettungsleitstelle einigermaßen ab. Jetzt betritt Lampchop mit Kurt Wagner die Bühne, dann und wann zimmern Blitze von hinten Helligkeit in den dunkeln Raum des Auditoriums, indem sich Lampchops Mucke unten verspielt.

Ihr kennt Lambchop? I see, you know – das ist Kurt Wagners Stimme und Tennessee-Tackle, das ist der beginnende Herbst im September, und trotzdem klampft man auf dem Lande nach Aufbruch, weil die Ernte im Scheuer ist.

Die Ernte – im Gewitter eingebracht, das ist auch ein Sinnbild für die neue Traumzeit, die jenseits von ehedem Sonntagskleidungsträgern, die John Mc Laughlin und den Buena Vista Social Club hören wollten, sich heuer deutlich riskioreicher und interessanter darstellt.

Sie haben viele Bühnen, sie haben die große Kraftzentrale für die Abräumer, die Gießhalle für die Mitgehcombos, die Gebläsehalle für das eher Kammermusikalische eingerichtet.

Und eine Agora, in der Mitte von allem, wo die Mucke für die Zaungäste spielt. Und wo man fressen und saufen kann.

Mit dem Konzept kann man viel Publikum kletten – 12000 zahlende Gäste waren es heuer nach Angaben der Veranstalter.

Vieleicht müßte ich auch mal meinen alten Schulfreund Andre darüber befragen, wir haben in der Sexta gemeinsam unsere Fallerbahnen aufgebaut, auf der Traumzeit machte der Andre bei irgendeiner Auftragskomposition mit, er selbst komponiert auch für das ernsthafte Fach.

Und im Brotberuf geht er Möbel packen.

Soweit alles zu: "Keine Kompromisse."

Mit anderen Worten: Man kann die Traumzeit 2010 als eine der wenigen relevanten Veranstaltungen in der Kulturhauptstadt einschätzen.


Auf der Duisburger Traumzeit war die Welt zu sehen – Video: Manfred Ganswindt

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Auf Kurzarbeit

Duisburg. Bruckhausen. Vorbei am "Schwarzen Diamant". Steht wohl leer. Hier ist Abrissgebiet, Brachland, hinten stehen Hochöfen verziert mit Ringelsöckchen. Dann Werkstore, links. Rechts: Dunkles Glas, das Verwaltungsgebäude von ThyssenKruppSteel macht sich schmal zur Straße, verschalt mit angelaufenen Stahlplatten. Oder Kupfer? Auf der gefrorenen Grünfläche eine dunkelrostige Bramme. Ein gepflasterter Weg führt zu ihr wie zu einem Ehrenmal.

Foto:ruhrbarone.de

Besucherparkplätze in Terrassen, Ebenen, Levels. Auf einer grauen Leitplanke sind Namensschilder angebracht. Fischedick, Schultkamp, Wiefel – Namen halt. Dazu das Auto, kleine Fahrzeuge, Ford, Peugeot. Und doch: Herr Fischedick wird sich jeden Morgen um 7:30 Uhr aufgehoben fühlen: Für mich wurde reserviert. Schlanke Männer in gedeckten Anzügen huschen ins Kasino. Ins Kasino? Die Frauen im Foyer, im Kostüm halten sich Klemmbretter vor die Brust. Warmes, weiches Licht hinter einem Blockrahmen im 1970er Braun.

Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße kaum ein Auto. Über der Mauer öffnet sich ein Spalt breit Werk. Es knirscht, zischt, poltert, rumpelt. Keine Menschenseele, Waggons. Im Betriebsratgebäude am Tor 1 ist es warm. Männer begrüßen sich, stupsen sich in ihre Bäuche. Vertrauensköper. Erste Etage, rauchen, eine russische Schachtel liegt im Mülleimer. Ein Steinbock gezeichnet wie das Kamel, die gleiche Cremefarbe, Importware.

In der Vertrauenskörperleitung. Bürostühle um vier große Schreibtischplatten. Ein Telefon im Teleskopschwenkarm. Kaffeemaschine, Küchenpapier. Klarsichtbeutel mit Buttons, 67 steht auf rotem Grund. Verschränkte Arme der Kollegen: ich sach mal, Kurzarbeit. Maximal fünf Tage im Monat, dazu zwei Urlaubstage – mehr als sieben Schichten ist nicht erlaubt. Das regele eine Betriebsvereinbarung. Das haben sie erkämpft. Finde ich gut – nur was bringt das, wie lange hält das, wenn die Krise da ist. 90 Prozent nehmen die Arbeiter mit nach Hause, nicht einmal zehn Prozent wird eingespart. Wie lange wollen die sich das leisten, wenn kaum verkauft wird. 14.000 Mitarbeiter in Duisburg, brennende Hochöfen. In Beekerwerth auf Halde, da stapele sich das Material, da krisse Tränen inne Augen, sagt der VK-Leiter.
Und hat der Konzernchef nicht auch gesagt: so, die letzte Stahlkrise hat fünf Jahre gedauert, mal sehen wie lange es diesmal geht? Krise. Und? Haben sie Zahlen vorgelegt fürs laufende Jahr? Nö.

Die Gewerkschaft wisse natürlich was los ist. Schlimm ist es. Da drüben hinter dem Grünspan, im Kasino und den dunklen Anzügen, die schlanken Herren und Damen, die wollen nicht raus damit. Die trauten sich nicht. Stattdessen: Kostensenkungsprogramme. Aber das machen alle, ich hab so ein Bauchgefühl, sagt der Betriebsrat – ein ungutes. Ob die den Tarifvertrag einhalten? Was die Tarifrunde im März bringt? Es wird spannend.  Bis Ende März, ist mal sicher, werde hier kurzgetreten, kurzgearbeitet. Fünf Schichten im Monat – das regelt die Betriebsvereinbarung in Duisburg-Bruckhausen an der Kaiser-Wilhelmstraße.

Doch noch was: Wenn das Werk in Brasilien schon Brammen liefern würde, sagen sie, dann gute Nacht Marie. Oder mal so gesagt: "In weiser Vorausicht hat unser Management die Verzögerung der Bauarbeiten in Südamerika billigend in Kauf genommen."     

  

Oje, oje – der erste Schnee…

 

Ich habe mir eine neue Kamera gekauft. Sie hat 14 Megapixel, für eine Kompaktkamera ziemlich viel – leider macht sie nur unscharfe Bilder.

Monate lang habe ich damit fotografiert. Leider ist bisher kein Bild wirklich scharf geworden. Doch heute Nacht schlug ihre Stunde: Umher fliegende Schneeflocken bildet sie sehr gut ab. Hier also ein paar Impressionen aus dem Ruhrgebiet von heute Morgen.

 

Duisburg, Lehmbruck Museum Innenstadt um 3:17 Uhr.

Essen, Hauptbahnhof um 4:00 Uhr.

Recklinghausen, Busbahnhof um 6:28 Uhr.

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