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Tönnies, Dickel & Owomoyela: In der Realität keine klare Kante gegen Rassismus bei S04 und BVB

Der BVB positioniert sich gegen Rassismus. Archiv-Foto: BVB

Es war wohl so ähnlich zu befürchten, und ist am Ende dann doch enttäuschend: Sowohl der S04 als auch der BVB verpassten am gestrigen Dienstag die Chance ihren starken Sprüchen gegen Rassismus und für Weltoffenheit in der Praxis entsprechend entschlossene Taten und echte, harte Konsequenzen folgen zu lassen.

In beiden großen Ruhrgebietsvereinen fanden die jüngsten Rassismus-Skandale der vergangenen Tage in einem eher ‚lauen Kompromiss‘ ein (zumindest vorläufiges) Ende.

Der Ehrenrat des FC Schalke 04, der am Dienstagabend über das ‚Schicksal‘ des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies zu befinden hatte, hält den Vorwurf des Rassismus gegen diesen für unbegründet. Die butterweiche Kompromiss-Formulierung: Der Aufsichtsratsvorsitzende habe aber gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Tönnies lässt daher sein Amt für drei Monate ruhen.

Das tut niemandem wirklich weh. Der Verein bewahrt sein Gesicht, hat nach außen hin Konsequenzen gezogen. Für Tönnies hingegen ist die Lösung keine wirkliche Strafe, wäre er für medienwirksame Auftritte in der Öffentlichkeit durch die aktuellen Debatten in den nächsten Wochen doch ohnehin ‚verbrannt‘ gewesen.

Das ’salomonische Urteil‘ hilft beiden Seiten das sprichwörtliche Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen. Es steht zu befürchten, dass längerfristige Lehren oder tatsächliche Konsequenzen aus dem Ganzen so nicht erwartet werden können.

Eine Amtsenthebung oder gar ein Vereinsausschluss, die auch möglich gewesen sein sollen, wären wesentlich eindrücklichere Zeichen gewesen, die dem hehren Leitbild des Vereins deutlich besser zu Gesicht gestanden hätten.

Ganz ähnlich milde fiel die ‚Lösung‘ der Rassismus-Debatte in Dortmund aus. Auch hier bekommen Netradio/BVB-TV-Moderator Norbert Dickel und Ex-Nationalspieler Patrick Owomoyela für ihre von vielen als purer Rassismus empfundenen Fehltritte während der Übertragung des Freundschaftsspiels der Dortmunder gegen Udinese Calcio Ende Juli  ’nur eine Zeitstrafe‘.

Wie der BVB erst auf intensive Nachfrage einiger Medien hin öffentlich zu Protokoll gab, werden beide Vereinsvertreter eine ‚Denkpause‘ erhalten, dürfen vorerst nicht mehr vor tausenden von Fans die Spiele des Klubs kommentieren.

Auch hier schreckten die Offiziellen des Vereins also vor echten, harten Konsequenzen für die Verursacher des Skandals zurück, setzen darauf, dass die Zeit alle Wunden heilen möge, statt ihrem Engagement gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit durch ein hartes Einschreiten mehr Geltung zu verschaffen.

In beiden Fällen werden viele Fans darüber nicht glücklich sein. Leitbilder der Vereine, die gerne und stolz nach Außen getragen werden, in der Praxis konsequent zu leben scheint eben doch deutlich schwieriger zu sein als einen entsprechenden Schal in die Kameras zu halten.

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13 Kommentare zu “Tönnies, Dickel & Owomoyela: In der Realität keine klare Kante gegen Rassismus bei S04 und BVB

  • #1
    Klaus Lohmann

    So wie ich es verstanden habe, hat Tönnies diese lächerliche Dreimonatspause selbst vorgeschlagen, sie kam also nicht vom "Ehrenrat", dessen Mitglieder ja gern und regelmäßig neben Clemens auf der Tribüne gesehen werden möchten. Das Geld, welches der Schnitzelfürst privat in den Verein gepumpt hat und ohne das die Blauen weder gestern noch morgen existieren würden, ist also erstmal gerettet.

    Bleibt abzuwarten, wie die Fans und der DFB auf diese zahnlose Lachnummer reagieren und wie sich dabei auch BVB- und DFL-Präsi Rauball verhält, der sich ja seltsamerweise nach seiner Tönnies-Schelte über Owo und Nobby überhaupt noch nicht geäußert hat.

  • #2
    Werntreu Golmeran

    Ich hab mir mal die Stelle mit dem "Hitlertonfall" angehört und verstehe insofern die Aufregung nicht. Die "Itaker"-Kommentare waren, wenn man sich das Format anschaut, in dem sie gemacht wurden ( Dickel kommentiert seit Jahren, provokant und parteiisch), wohl eher ironisch gemeint. Ich kann hier die Kritik aber nachvollziehen, das hätten sie besser bleiben lassen. Dass das gerade jetzt passiert ist und auch noch Owomoyela dabei war, ist besonders unglücklich, weil so der Ausfall von CT in gewisser Weise relativiert wird. Grundsätzlich bin ich mit Serdar Somuncu zwar der Auffassung, das jede Minderheit ein Recht auf Diskriminierung hat, allerdings muss man dann auch seinen Kopf dafür hinhalten, wenn man dafür kritisiert wird. Bei Owomoyela fand ich die Reaktion glaubwürdig, bei CT müsste nach meinem Gefühl noch eine positive Tat nachkommen, z. B. eine größere Spende an das Operndorf von Christoph Schlingensief und vor allem ein Besuch vor Ort, mit dem er sich indirekt und symbolisch bei den Menschen entschuldigen könnte.

  • #3
    Werntreu Golmeran

    P.S.

    Wer meint, auch Dickel und Owomoyela müssten bestraft werden, will ich dem gerne zustimmen. Ich würde als Strafe vorschlagen, dass sie in der Veltins-Arena bei von ihnen finanzierten Freibier die beiden UEFA-Pokal-Endspiele von 1993 moderieren dürfen und dabei wählen können,, ob sie dabei ein blaues Schalke- oder Tifosi-Trikot tragen (ist Tifosi überhaupt PC?).

  • #4
    Michael

    Wie sagt es schon der Volksmund so schön treffend: nach dem rassistischen Ausfall ist vor dem rassistischen Ausfall. Also alles halb so wild. Habe bis jetzt auch nicht gehört oder gelesen, dass ein Spieler kündigte, ein Mitglied austrat oder ein Fan seine Dauerkarte zurückgab, nur weil der Vereinsvorsitzende ein Rassist ist.

  • #5
    Benedikt

    Bei Tönnies Aussage fehlt mir ein entscheidendes Merkmal zum Rassismus, nämlich die permanz der Andersartigkeit. Bei rassistischen Aussagen werden Unterschiede durch Biologie, Kultur, Religion oder was auch immer "erklärt", aber es ist doch immer ein "Die sind anders – und können nie so werden wie wir".
    Laut Tönnies würde allerdings durch Elektrifizierung schon eine Änderung eintreten. Er ist mit dieser Ansicht auch nicht alleine. Dafür müssen wir doch nur mal in unsere eigene Geschichte gucken. In vorindustrieller Zeit gab es mehr Kinder pro Familie. Ist auch in vielen aufsteigenden asiatischen Ländern zu sehen.

    Seine Aussage war für mich schon polemisch und verkürzt, aber nicht rassistisch.

  • #6
    Klaus Lohmann

    @#2 Was CT angeht: ganz Afrika wartet immer noch auf dessen Bitte um Entschuldigung und dieses ewige Missverständnis zwischen einer versuchten Selbst-Entschuldigung und der sprachlich und ethisch einwandfreien *Bitte* gegenüber den Betroffenen, sie mögen den Verursacher doch bitte aus diesem und jenen Grund ent – schuldigen, gehört eher öffentlich diskutiert als das kursierende Falschwissen über "schnackselnde" Afrikaner.

  • #7
    thomas weigle

    @ Benedikt Ja, das schoss mir auch sofort durch den Kopf. Kinderreichtum war in Europa das "Rentenkonzept" über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, vor Einführung einer gesetzlichen Altersversorgung. Ich denke, das ist in Afrika zumindest tw. und aus guten Gründen auch heute noch so.

  • #8
    Werntreu Golmeran

    Es ist meiner Meinung schon ein Unterschied, ob man behauptet, dass man die Geburtenrate dadurch senkt, indem man die wirtschaftlichen Verhältnisse verbessert, so dass die Menschen ihre soziale Absicherung im Alter nicht durch viele Kinder organisieren müssen oder wenn man vereinfacht der Meinung ist, "der Afrikaner weiss im Dunkeln mit sich nichts anderes anzufangen, als Kinder zu zeugen."

    Auch wenn es Statistiken geben soll, dass auch in "westlichen" Ländern" 9 Monate nach einem Stromausfall die Geburtenrate signifikant ansteigt, denke ich dass solch ein Effekt bei dauerhaftem Strommangel möglicherweise gar nicht feststellbar wäre.

  • #9
    Benedikt

    @Werntreu Golmeran
    Ich wär mir da nicht so sicher….

    https://thebreakthrough.org/issues/energy/population-bomb-so-wrong

    Es hat nicht einen Grund alleine, warum die meisten Afrikaner mehr Kinder haben als die meisten Europäer, sondern eine ganze Reihe. Dazu gehören ökonomische Umstände, die Bildung der Frau aber auch der Stand der Industrialisierung. Wenn man nicht viele Maschinen nutzen kann, weil der Strom dafür fehlt, braucht man mehr Hände.

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