
Von „konstitutioneller Bisexualität“ zum „verirrten Begehren“ und weiter zum Judenhass im deutschen Kulturbetrieb: Ilka Quindeau setzt Antisemitismus auf psycho-sexuellen Grund, ruft dafür Adorno an – und allen Ernstes dazu auf, Die Linke zu wählen. Was stimmt nicht mit einer Theorie, die sich kritisch wähnt, dann aber konform geht mit einer Partei, die sich für Juden unwählbar macht?
„Antisemitisch sind immer die anderen.“ Der Satz hat Karriere gemacht, er stammt von Ilka Quindeau, Professorin für Klinische Psychologie und Psychoanalyse in Frankfurt, gemeint ist: Wer anderen vorwerfe, antisemitisch zu agieren, lenke vom eigenen Antisemitismus ab. Wenn von Judenhass gesprochen werde, gehe es nie um „die anderen“, sondern immer um „das Andere“ im eigenen Selbst, also um Selbstkritik. Die sie unaufhörlich einfordert bei „den anderen“, selber aber vermissen lässt.
Anfang Juli 2023 hatte Quindeau die Adorno-Vorlesungen am Frankfurter Institut für Sozialforschung gehalten, einst Denkort der Kritischen Theorie. Ihre Denkbewegung jetzt: von einem psychodynamischen Konflikt, der universell sei, hinein in den politischen Alltag der Bundesrepublik. Zur Bundestagswahl im Februar 2025 erklärte die Wissenschaftlerin, „Wissenschaft wählt Die Linke“, die trete dafür ein, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Kurz darauf erschienen ihre Vorlesungen bei Suhrkamp, abermals viel beachtet und freundlich besprochen, darin nun auch ihre Sicht auf einen „exemplarischen Diskurs“, nämlich den über die antisemitischen Skandale auf der Documenta 2022 – im Zentrum ein Weltbild, geschlossen antisemitisch – sowie auf der Abschlussgala der Berlinale 2024, dort „widerliche Propaganda mit antisemitischen Motiven“, wie Nils Minkmar dies für die Süddeutsche zusammengefasst hat.
Psycho-informiertes Dog-Whistling?
Allerdings analysiert Quindeau in ihrem Buch nun keineswegs den Diskurs, sondern – Nils Minkmar. Und Claudius Seidl, den langjährigen Feuilletonchef der FAZ, der über das Debakel der Documenta geschrieben hatte, für westliche Kulturbürger sei der Postkolonialismus „eine Herausforderung und manchmal auch ein Gegner“. Natürlich legt Quindeau jetzt nicht die Autoren auf die Couch, sondern beider Texte und erklärt dazu, sie analysiere nur „mögliche Lesarten“ und „welche psychischen Funktionen für diejenigen, die ihn lesen, damit möglicherweise verbunden sein könnten“. Sich selber also lässt sie im Modus des Man und des Möglichen verschwinden, ihr Befund dagegen wechselt immer wieder zwischen „der Text“, der jenes tue und „der Autor“, der dieses meine, und dann geht es los: Quindeau weiß um deren „Erlösungswünsche“ und „Selbstüberschätzung“, erahnt mal ein „transgenerationales Relikt“, mal „etwas Transmittiertes“, also etwas, das von Eltern oder Großeltern übernommen worden sei, attestiert mal eine „vermutlich unbewusste Eifersucht“, mal „Hybris“ und „Größenfantasien“ bis dahin, dass sie suggeriert, Minkmar wolle „am deutschen Wesen die Welt genesen“ lassen: Sein Text enthülle, schreibt sie, „dass der Autor zu denjenigen gehört, die meinen, es besser zu wissen“. [1]
Und Quindeau? Weiß sie es nicht besser? Hier ihre Wissenschaft:
„Verirrtes Begehren“
Adorno habe die Psychoanalyse von Sigmund Freud „produktiv“ eingearbeitet in eine kritische Theorie der Gesellschaft, dann aber auf den autoritären Charakter abgestellt, eine Persönlichkeitsfigur, mit der sich nicht erklären lasse, warum Antisemitismus auch unter demokratischen Bedingungen gedeihe. Daher wechsele sie zurück auf die Ebene „universeller psychodynamischer Konflikte“ nämlich den Ödipuskomplex als einem „universellen Strukturmodell“: Alle Menschen, so Quindeau in Anlehnung an Freud, seien „konstitutionell“ bi-sexuell, ihr Geschlecht „uneindeutig“. Der Ödipuskonflikt lasse sich heute allerdings – anders als bei Freud – in vier Settings auffächern: Junge liebt Mutter und hasst Vater oder liebt Vater und hasst Mutter; Tochter liebt Vater und hasst Mutter oder ebenfalls vice versa. In diesen Settings entwickele sich das „Begehren“ ebenso wie das „verpönte Begehren“. Verpönt, weil dem Säugling bereits beim Füttern, Wickeln, Baden das „unbewusste Begehren des Erwachsenen“ eingeimpft werde und mit ihm „gesellschaftliche Ordnungsprinzipien, etwa die Geschlechterbinarität und die Heteronormativität“.

Eine Art Erbschuld also: Kaum in die Krippe gelegt, müsse jedes Kind die „‘rätselhaften Botschaften‘“, die von außen auf es einströmen, „übersetzen“. Das gelinge immer nur teilweise, „die unübersetzbaren Reste werden verdrängt und bilden das Unbewusste.“
Das sich als eine Art Resterampe des Begehrens vorstellen lässt, angefüllt mit „andersgeschlechtlichen Anteilen“, die sich nicht versetzen oder „übersetzen“ lassen. Ein Leben lang suche dieses Unbewusste nun nach Abnehmern, und da stelle „die Gesellschaft“ eine Figur bereit, die „exakt zu den unbewussten Strebungen des Subjekts“ passe, den Juden. Ihn zu hassen, diene als „Ersatzbefriedigung für die verpönten Wünsche“, an ihn ließen sich die Restposten abschlagen, die im Unbewussten lagern. Antisemitismus, das ist Quindeaus Quintessenz, sei „verirrtes Begehren“.
Worauf sie abzielt mit ihrer Theorie: „dass das Andere, das Fremde, den Kern des Eigenen“ bilde. Geschlechterbinarität und Heteronormativität würden „zugeschrieben“, entzögen sich aber der Logik der Sprache ins Unbewusste hinein; dort dränge dies fremde Eigene fortan darauf, sich selber in dem Juden zu personifizieren, das Andere in dem Anderen.
Mit diesem alteritätstheoretischen Ansatz – lat. alter: der oder das Andere – lasse sich
- die Beharrlichkeit des Judenhasses erklären und
- warum „jeder Antisemitismus im Kern eliminatorisch“ sei und
- jeder Mensch sowohl dafür „empfänglich“ als auch
- widerspenstig gegen Aufklärung.
Ihre Theorie beleuchte
- das „passgenaue Zusammenspiel“ von Subjekt und Gesellschaft: hier das unbewusste Begehren, dort die antisemitische Semantik, sie spielten sich die Bälle zu,
- und schließlich auch die Frage, warum sich das Subjekt, werde ihm Judenhass vorgeworfen, jener Abwehrstrategien bediene, die charakteristisch seien dafür, die Ansprüche des Unbewussten abzuwehren, als da sind Verschiebung, Verdrängung, Verleugnung, dichotomisches Ordnen (hier „gut“, dort „böse“), Allmachts- und Erlösungsfantasien und vor allem die Projektion: „‘Jude‘ ist alles, was der Antisemit nicht ist und nicht sein will, aber auch nicht sein kann oder sein darf.“
Mythisches Denken
Nun lassen sich hier bereits eine Reihe Fragen stellen an Quindeaus Tieferlegung des Judenhasses. Etwa die, ob es sich nicht um eine mythische Denkfigur handele, in der, was in seinem Ursprung erklärt werden soll, immer schon vorausgesetzt wird, hier also ein frühkindliches Subjekt, das durch „Zuschreibung“ entstehe, sich aber auffällig aktiv an der Entstehung seiner selbst beteiligt.[2]
Oder die Frage, wo denn die Triebe geblieben seien, die Quindeau im Begehren aufgehen lässt, die aber immer auch – so die Kritik von Uli Krug in der Jungle World – „unerreichbar im Somatischen“ liegen und die „stete Möglichkeit des ‚radikal Bösen‘“ offenhalten, die „ungemäßigte Triebbefriedigung“: Das „vorgesellschaftliche Böse des Individuums“ – ein im Wortsinn radikaler Gedanke, wieder ein theologischer – werde bei Quindeau „vom Triebhaften gereinigt“.
Oder die Frage, was eigentlich mit „die Gesellschaft“ sei, von der Quindeau behauptet, sie habe deren „Kernkonflikt“ bloßgelegt – und zwar den Kernkonflikt von beidem, „der Vergesellschaftung und der Subjektkonstitution“. All die rätselhaften Botschaften, die ins Unbewusste absinken, verdanken sich bei ihr – einer habilitierten Soziologin – der „Abwehr des Ödipalen und der konstitutionellen Bisexualität“, aber so gar nicht dem, was Adorno als Wertgesetz der Gesellschaft bestimmt hat, das „vorgängig“ sei, um Quindeaus Begriff auch hier zu nutzen: Jede subjektive Regung, heißt es in der Minima Moralia, werde zu einer „Spielart des Tauschverhältnisses a priori“ geformt.[3]
Und das Widerständige?
Spätestens hier also die Frage, ob dem Ödipuskomplex tatsächlich die „zentrale kulturbildende Bedeutung“ beikomme, die Quindeau ihm beimisst. Er sei „universal“ und „ubiquitär“, schreibt sie ausdauernd, eine Art conditio humana, die sowohl die individuelle Psyche wie die gesellschaftliche Herrschaft stabilisiere, was allererst erklärlich mache, warum sich Antisemitismus „über große Zeiträume hinweg verschiedensten Gesellschaftsformen und psychischen Begehrenskonstellationen immer wieder effizient angepasst“ habe.[4]
Nur wie erklärt sich, wenn jeder Mensch zu jeder Zeit empfänglich sei für Judenhass, dass nicht jeder Mensch zu jeder Zeit den Empfang quittiert? Kommt es im passgenauen Zusammenspiel zwischen Unbewusstem und Judenhass nicht auch zu ungezählten Fehlpässen? Weil die „antisemitische Semantik“ von der Gesellschaft zwar „angeboten“ wird, aber keineswegs alle zugreifen?
Doch, sagt Quindeau, konflikthaftes Begehren liege allem zugrunde, was Menschen sagen und tun, dem Antisemitismus ebenso wie der Psychoanalyse, dem Judenhass ebenso wie dessen Kritik, „wir“ alle seien „affiziert“ vom Judenhass, „dieser grundlegenden gesellschaftlichen Sinnstruktur“.
Selbstkritik
Auf sie selber allerdings und ihr Buch treffe dies nur „vielleicht“ zu, nämlich „vielleicht in leisen und kaum vernehmbaren Spuren, in einer bestimmten Wortwahl, einer Formulierung, einer assoziativen Verknüpfung“.
Mehr nicht. Selbstkritik? Von Quindeau wieder und wieder eingefordert? Fünf Zeilen Freispruch. Ganz anders als für Minkmar und für Seidl. Antisemitisch? „Sind immer die anderen.“
Nun wäre es ein Leichtes, Quindeau mit Quindeau zu übersetzen, ihre „familialen Vergangenheiten“ zu befragen oder die Mitgliederdatei der NSDAP und ihre wissenschaftliche Arbeit dann als „Erlösungswunsch“ zu deuten. Wäre ein Leichtes, in einen verunglückten Satz wie diesem – dass der antisemitische Vernichtungswunsch „nicht immer so explizit gesagt und konsequent umgesetzt wird wie im Nationalsozialismus“ – eine Relativierung des Holocausts hineinzulesen, die der eigenen „Entlastung“ diene. Oder Dissoziation zu vermuten in ihrem öffentlichen Aufruf, Die Linke zu wählen, deren antisemitische Biographie sie mit keinem Wort erwähnt. Oder Größenwahn, wenn sie just jene Partei zu wählen anrät, die, wie es in Quindeaus Wahlaufruf heißt, „alle Verhältnisse“ umwerfen wolle, in denen der Mensch – klassisches Marx-Zitat – ein erniedrigtes Wesen sei: „Alle Verhältnisse“ ist nicht eben klein gedacht.
Aber das steht hier nur als Persiflage auf psycho-informiertes Dog-Whistling, weil sofort klar wird, wie wenig dies zur Sache tut, wie spekulativ, vor allem aber: wie zirkulär das analytische Wechselspiel ist, wie ordinär die Hermeneutik des Verdachts, die von heimlichen Motiven raunt und unheimlichen Heimsuchungen. Es ist einfach so, wer einen Hammer hält – um auch hier einen Psychologen zu bemühen, das Bild stammt von Abraham Maslow – , sieht überall Nägel, die schlägt er ein. Wer Ödipus im Ärmel hat, sieht überall Begehren, das sei verirrt. Ödipus ist Trumpf.
10/7 und der Bruch in Quindeaus Theorie
Trumpf auch im Blick auf 10/7? Treibt Ödipus auch Hamas an, die Juden begeistert massakriert? Oder Studenten irgendwo auf dieser Welt, die dem begeistert applaudieren? Frauen-Organisationen wie UN-Women, die bestialisch-sexuelle Gewalt gegen Jüdinnen ignorieren? Alle befeuert von unbewusstem Begehren, angefüllt mit andersgeschlechtlichen Anteilen? Sie sei „eine Zeitlang unsicher“ gewesen, schreibt Quindeau, ob sie ihre „zentralen Thesen“ nicht „grundsätzlich verändern“ müsse: „Es erwies sich schließlich für mich als stimmig, die Richtung beizubehalten.“
Nur hat Quindeau dafür, es trotz 10/7 stimmig zu kriegen, ihre universale Theorie massiv provinzialisiert. In Zeit und Raum übersetzt, gelte der universale Ödipus wohl doch nur für „die Moderne“, merkt sie beiläufig an, der ubiquitäre Ödipus wohl doch nur für „‘westliche‘ Gesellschaften“, für andere allenfalls „vermutlich“ und ob auch für Juden, sei nicht ihr Thema.
Und ob für Muslime? Für eine muslimisch geprägte Sozialisation in der Moderne oder zumindest im weltoffenen Westen? Kein Gedanke dazu, ihr universales Erklärmodell gilt nur noch fürs deutsche Wesen und hier auch nur fürs west-deutsche und hier wiederum nur für ein kulturchristliches. Dem es dann, und jetzt geht der Bruch glatt durch, um keinen psycho-sexuellen Grundkonflikt mehr gehe, sondern um – Politik.
Denn um nun, nach seiner universalen Grundlegung, den sekundären Antisemitismus zu erklären, den Judenhass, der auch unter demokratischen Bedingungen blüht, deutet Quindeau die Protokolle des Gruppenexperiments neu, das 1950/51 vom Institut für Sozialforschung durchgeführt worden war. Adornos Auslegung der 121 Interviews mit 1635 Deutschen damals: Schuld werde verdrängt, was immerhin voraussetze, dass ein diffuses Schuldbewusstsein vorhanden sei und damit ein Aspekt der Hoffnung.
„Strategische Abwehr“
Anders Quindeau: In ihrer Deutung der Gesprächsprotokolle habe es gar keinen Gewissenskonflikt in der vom NS geprägten Generation gegeben, stattdessen einen Konflikt mit der neuen, der demokratischen Realität. In der sei Anti-Antisemitismus verordnet worden, aber von niemandem begehrt. Abgewehrt worden sei daher kein Schuldgefühl, sondern der Vorwurf der Schuld. Folglich handele es sich beim sekundären Antisemitismus „nicht um eine Ich- oder Über-Ich-Schwäche, mithin nicht um ein psychologisches Problem, sondern um ein moralisches beziehungsweise politisches“. Es sei an der Zeit, sich „von einem Schuldbegriff im psychologischen Sinn zu verabschieden“, es gehe nurmehr um eine „strategische Abwehr“.
Wie jetzt? Antisemitismus, eben noch unverrückbar im „Kern des Eigenen“ verschraubt, hat sich kurzerhand in ein politisches Kalkül gewandelt? Kein psycho-dynamischer Grundkonflikt mehr, der Pingpong spiele mit der grundlegenden Sinnstruktur der Gesellschaft? Kaum sind die Alliierten da, geht es auch ohne Ödipus?
Offenbar ja, Quindeau spricht von einer „kognitiven und affektiven Stabilisierung“ dieser strategischen Abwehr, die sich auf keine Schuld, sondern allein auf den Vorwurf einer Schuld richte: Von diesem Vorwurf wolle man „erlöst“ sein [5], die strategische Abwehr durchziehe die Nachkriegszeit „bis in die Gegenwart hinein“. Was Quindeau an dem „Schuldkult“-Gerede der AfD festmacht, mit ein paar Zeilen auch an dem Slogan „Free Palestine from German Guilt“. Den wiederum hatte Ruangrupa, das Kuratoren-Team der Documenta, im September 2022 in den öffentlichen Diskurs geklebt …
Womit wir zurück sind bei Claudius Seidl und Nils Minkmar, die immer nur „den Anderen“ vorgeworfen hätten, antisemitisch zu agieren. Dieser strategische Vorwurf, das wiederholt Quindeau beharrlich, wehre nicht nur den eigenen Antisemitismus ab, sondern würde „die Anderen“ in ihrem Judenhass verhärten: Der Vorwurf sei das Problem.
„Wir gegen die da oben“
Ist das so? Möglicherweise in einer therapeutischen Situation, in der öffentlichen Diskussion über die Documenta ist etwas anderes geschehen:
Taring Padi, das Künstlerkollektiv, das sein Weltbild über die Weltkunst gespannt hatte – „People’s Justice“ heißt es, ein Volksgericht über den Juden als Regisseur des Weltenlaufs – hat nicht den Deutschen einen Spiegel vorgehalten, wie Quindeau meint („Was geschieht mit uns, wenn wir solche Kunstwerke sehen?“), sondern, wenn schon, dann der internationalen Kunstszene, die postkolonial malt. Und keine Mine verzogen hat beim Blick in den Spiegel, von mehr als 1500 Künstlern – Ausnahme Hito Steyerl – keine einzige künstlerische Reaktion. Sieht aus, als hätten sich alle wiedergefunden im antisemitischen Volksgericht.
Während es in der deutschen Debatte, von den Ruhrbaronen über Monate angetrieben, viel Bewegung gab, auch – und das unterschlägt Quindeau glattweg – zahlreiche Reflexionen der NS-Vergangenheit nicht zuletzt der Documenta selber. Für die Süddeutsche beispielsweise – sie hatte die Weltkunst-Ausstellung zuvor beharrlich verteidigt – gab das Taring-Padi-Werk den Ausschlag, ihren Kurs zu korrigieren.
Der öffentliche Diskurs arbeitet nun mal nicht nach therapeutischen Regeln, im politischen Raum einen Vorwurf zu formulieren oder ein „Wir“ gegen „die Anderen“ zu stellen, wie SZ-Autor Claudius Seidl es getan hat, ergibt politischen Sinn. Den Quindeau bei Seidl und Minkmar verurteilt, bei der Die Linke dagegen emphatisch empfiehlt: „Das ist unsere Leitlinie“, heißt es im Vorwort zum Wahlprogramm der Die Linke, auf deren Bundesparteitag im Januar 2025 beschlossen: „Wir gemeinsam gegen die da oben“. Keine drei Wochen später ruft Quindeau dazu auf, dieses linke „Wir gegen die“ zu wählen.
Strategische Offensive
Wieder also gilt, was sie in ihrer Theorie erarbeitet, nur für „die Anderen“, nicht für sie selbst. Gilt für die bürgerliche Mitte, nicht für Die Linke, die sie empfiehlt. Wieder zeigt sich die Asymmetrie ihrer Theorie, der argumentative Bruch tritt offen zutage: Aus einem anthropologischen Psycho-Konflikt wird eine deutsche Polit-Strategie wird eine Wahlempfehlung für Die Linke. Was eben noch universell gültig sei, kippt auf die Seite: So wie sie sich selber ausgenommen hat von Selbstkritik – ihren Worten nach das „zentrale Anliegen der Zusammenarbeit von Kritischer Theorie und Psychoanalyse“ – so nun auch die Partei.

Ausgerechnet diese. Um das hier einmal nachzutragen: Es ist das linke „Wir“, in dem sich – was Antisemitismus angeht – „unvereinbare Positionen verfestigt gegenüberstehen“. So hatte Klaus Lederer, ehemaliger Berliner Kultursenator, gut drei Monate vor Quindeaus Wahlempfehlung seinen Austritt aus der Die Linke begründet. Die sich mit ihrem jüngsten Bundesparteitag kürzlich im Juni „für Jüdinnen und Juden unwählbar gemacht“ habe, wie Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, entsetzt erklärte. Schuster hat, wenn man so will, Quindeaus Theorie angewandt: „Statt sich mit dem wachsenden Antisemitismus zu befassen, der gerade auch von linken Gruppen forciert wird“, sagte er dem Tagesspiegel, „nutzt die Linke ihren Bundesparteitag für Lippenbekenntnisse zum Schutz jüdischen Lebens.“ Der jüdischen Demokratie verweigere sie selbst jene Waffen, die hilfreich wären, sich gegen Terror zu verteidigen.
Und mehr noch: Bereits jeder dritte Delegierte des Bundesparteitags hatte gefordert, das „Existenzrecht Israels“ aus dem Beschlusstext zu streichen, als sei der eine Landkarte. Am Ende verständigte man sich auf einen „Kompromiss“, der lautet: Israel verübe einen „Genozid“.
Als sei der Parteitag ein Volksgericht ganz wie auf dem Weltbild, das Taring Padi vor Augen gemalt hat. Über das Ilka Quindeau schreibt, es sei richtig gewesen, das „antisemitische Bild“ abzuhängen. Auch ihr zufolge geht es, um Antisemitismus zu bekämpfen, ohne solche Bilder – geht es auch ohne solche Linke? Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, ob sie Die Linke erneut zur Wahl empfehlen würde, haben wir Ilka Quindeau gefragt, Antwort:
„Was den damaligen Aufruf zur Unterstützung der Linken betrifft, gab es einen klaren Kontext im Rahmen der anstehenden Wahlen. Dies ist im Moment nicht der Fall, eine hypothetische Entscheidung scheint mir daher nicht sinnvoll.“
Eröffnet sich hier ein Aspekt der Hoffnung? Dass Quindeaus Theorie gar nicht schnurstracks auf Die Linke zuläuft, die sich antisemitisch formiert? Dass sie sich nicht auch rückwärts, also von ihrer Parteinahme her lesen lässt? Dass die irritierende Asymmetrie ihrer Theorie, deren immanenter Widersprüche zum Trotz, nur ein momentaner Effekt ist und nicht ihr Fluchtpunkt?
Mag sein. Nur wäre es zu beweisen. Für Juden jedenfalls ist die Sonntagsfrage eine tägliche. Und die Juden-, nein: die Israelfrage ist für Die Linke eine strategische. Keine strategische Abwehr mehr, eine strategische Offensive.
Anmerkungen
[1] Wie sie darauf kommt? Minkmar hatte angemerkt, dass der Kunst- und Kulturbetrieb dieser Republik ein ums andere Mal von antisemitischen Skandalen überrollt werde und daher ihm, dem Kulturbetrieb, vorgeschlagen, die Sache einmal offensiv anzugehen und eine „spektakuläre Konferenz“ einzuberufen, ein „Forum für Kreative, für Wissenschaftler und Vertreter der Zivilgesellschaft“, in der diese, anstatt „teure Peinlichkeiten“ zu dulden, ihre „hassfreien Perspektiven für die Region“ austauschen könnten. Es ist dieser Vorschlag an den Kulturbetrieb, den Minkmar selber „blauäugig“ nennt, aus dem Quindeau ihr „deutsches Wesen“ modelt, ein „erschreckendes Beispiel für übersteigertes Selbstbewusstsein, für Arroganz und nationale Größenfantasien“.
[2] Das frühkindliche Wesen arbeitet bei Quindeau an der Werkbank seiner selbst, es sortiert wie Aschenbrödel, was rätselhaft bleibe und was nicht, es „integriert“ und „verdrängt“, was ins Töpfchen gehöre und was ins Kröpfchen und verrichtet „Übersetzungsarbeit“, die „nur vom Subjekt, vom Säugling selbst geleistet werden kann“. Was nun doch – die Erbschuld hatten wir schon, es geht alles sehr theologisch zu – an den Paradies-Mythos erinnert, den verbotenen Apfel, den Eva pflückt und Adam isst mit der Folge, dass sie erkennen, was gut sei und was verpönt – nämlich eben jener Apfel, der vorab schon verboten war, aber zugleich eine „Lust für die Augen“. Verpöntes Begehren von Anbeginn an. Mythisches Denken ist zirkulär.
[3] Zuwendung, die dem Tauschprinzip unterliegt – eine rätselhafte Botschaft sicherlich. Aber eine, die keine Abwehr-, sondern eine Willkommenskultur freisetzt insofern, als das Wertgesetz mit dem Unbewussten „korreliert“, wie Detlef Claussen schrieb: Beide sähen sie ab von Raum und Zeit und gäben sich daher als „natürlichste Form der Sozialität, die fraglos wie ein Naturgesetz hingenommen wird“. Quindeau erwähnt Claussen zwar, aber nur, um die Beharrlichkeit des Antisemitismus, dessen „Persistenz“ zu begründen: An dieser für eine Kritische Theorie entscheidenden Stelle ist ihr Gesellschaft gerade nicht, was sie sein soll, nämlich „vorgängig“.
[4] In diversen Wissenschaften wird die Frage, wie universal der Ödipuskomplex sei, seit einem Jahrhundert – 1927 erschien Bronisław Malinowskis Studie über matrilineare Gesellschaften – ausgiebig diskutiert. Quindeau wird die Diskussion kennen, reflektiert aber nicht darauf, wie universal das „universale Begehren“ denn nun sei.
[5] Auch hier greift ihr zirkuläres Denken: Keinerlei Schuldgefühl bei der Täter-Generation, die habe dieses Nicht-Gefühl an ihre Kinder- und Enkelgeneration weitergegeben, die wiederum – Quindeau ist Jg 1962 – sehr wohl ein Schuldgefühl entwickelt habe. Das aber verdanke sich „einer anderen Dynamik“, nämlich „Befreiungs- und Erlösungswünschen“, sie lägen dem Schuldgefühl „zugrunde“. Der Erlösungswunsch also entspringe einer Schuld, die der Erlösungswunsch erschaffen habe?
Transparenzhinweis
Autor verantwortet Konzept und Programm der Christuskirche Bochum, dort hat Nils Minkmar zusammen mit Joachim Telgenbüscher im jüngsten April über „Was bisher geschah“ diskutiert.
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