Gegen Israel demonstriert Irlands Fußball plakative Verachtung. Gegen Katar dagegen galt Zurückhaltung und das klare Bekenntnis zum Sport. Das Verhalten zeigt eine – nicht nur – irische Doppelmoral und ein tief sitzendes Problem in Europa: Als sogenannte „Israelkritik“ getarnter Judenhass. Und die Bereitschaft, alles zu glauben, solange Israel dabei der Böse ist.
Zwei Länderspiele, zweimal dieselbe Botschaft. Vor den Nations-League-Partien gegen Israel am 27. September und 4. Oktober trugen irische Spieler schwarze Armbinden und senkten während der israelischen Hymne die Köpfe. Die irischen Kapitäne verweigerten ihren israelischen Gegenübern den Handschlag.
Ersatztorwart Gavin Bazunu nahm aus Protest an beiden Begegnungen nicht teil. Irland gewann zunächst 3:0, das zweite Spiel endete 1:1. [1] Die sportlichen Ergebnisse gerieten angesichts der demonstrativen Distanzierung zur Nebensache. Wenige Tage vor dem Jahrestag des palästinensischen Massakers an israelischen und ausländischen Zivilisten am 7. Oktober 2023, dem „Black Saturday“, bei dem mehr als eintausend Menschen bestialisch ermordet wurden und viele weitere unaussprechliche Grausamkeiten geschahen, eine bemerkenswerte Instinktlosigkeit – vorsichtig ausgedrückt.
Moralisch getarnte Kollektivhaftung
Die Erklärung dafür soll Solidarität mit den Palästinensern sein. Mich überzeugt sie nicht. Diese demonstrative Affenliebe zur palästinensischen Sache wirkt auf mich wie eine oberflächliche Ausrede für ein Verhalten, das aus Mitgefühl die Erlaubnis zur Verachtung anderer ableiten möchte Wer den israelischen Gegner öffentlich brüskiert, hilft keinem einzigen Kind in Gaza. Er macht vielmehr Sportler zu Stellvertretern eines Staates, dessen Politik er ablehnt. Diese Kollektivhaftung bleibt falsch, auch wenn sie sich moralisch herausputzt.
Natürlich darf ein Fußballer eine politische Meinung haben. Natürlich darf er Leid beklagen und Entscheidungen einer Regierung kritisieren. Ein schwarzes Trauerband allein wäre für mich auch kein Beleg für Judenhass. Doch den Handschlag zu verweigern, das ist eine andere Handlung. Dabei wird der konkrete Mensch gegenüber zurückgewiesen. Der Gegner soll die Missbilligung seiner Herkunft spüren. Das ist etwas, was der Sport eigentlich überwinden soll und will.
Widersprüchliche Positionierung des irischen Verbands
Damit hat Irland dem Sport massiv geschadet. Fußball lebt davon, dass Menschen trotz unterschiedlicher Herkunft, Religion und politischer Überzeugung nach gemeinsamen Regeln miteinander antreten. Der Handschlag ist ein kleines, aber verständliches Zeichen dieser Anerkennung. Wer ihn demonstrativ verweigert, beschädigt das respektvolle Miteinander. Sport soll verbinden. Hier wurde die Begegnung genutzt, um Trennung vorzuführen.
Besonders unglaubwürdig wird diese Inszenierung durch den Vergleich mit Katar. Als Irland im März 2021 gegen dessen Nationalmannschaft antrat, stand die äußerst schlechte Behandlung der Arbeitsmigranten bereits öffentlich in der Kritik. Andere Nationalteams setzten damals Zeichen für Menschenrechte. Der irische Verband erklärte auf eine Anfrage dagegen, er konzentriere sich auf seine sportliche Rolle und verfolge einen unpolitischen Ansatz. Gesellschaftliche Fragen wolle er auf Vorstandsebene und mit den Spielern besprechen. Eine vergleichbare kollektive Handschlagverweigerung gegenüber Katar ist in den herangezogenen Berichten nicht dokumentiert. [2]
Tief verwurzelte Judenfeindlichkeit in der irischen Gesellschaft
2022 äußerte sich der Verband durchaus zu Menschenrechtsproblemen in Katar und verwies darauf, dass die Berichterstattung Missstände sichtbar machen könne. Es wäre deshalb falsch, ihm völliges Schweigen zu unterstellen. Aber gerade dieser Unterschied ist entscheidend. Bei Katar setzte man auf Gespräch und Öffentlichkeit. Bei Israel wurden die gegnerischen Spieler demonstrativ zurückgewiesen. Warum gelten für sie andere Maßstäbe? [2]
Für mich legt diese Selektivität den Verdacht nahe, dass hier mehr wirkt als lediglich konkrete Bedenken gegenüber Israels militärischem Vorgehen. Eher prägen tief verwurzelte judenfeindliche Denkmuster in Teilen der irischen Gesellschaft die Behandlung Israels mit. Die Geschichte liefert Gründe, die bequeme Erklärung einer bloßen politischen Meinungsverschiedenheit nicht einfach hinzunehmen.
Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit
Einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit Irlands. 1904 hetzte der katholische Priester John Creagh in Limerick gegen Juden. Er verbreitete Anschuldigungen über Ritualmord, Wucher und vermeintliche Verschwörungen (es fehlte also nur das Brunnenvergiften…). Es folgten Übergriffe und ein wirtschaftlicher Boykott, der jüdische Familien zum Wegzug drängte. Unterstützung erhielt Creagh auch von Arthur Griffith, dem späteren Gründer von Sinn Féin. [3]
Vor und während des Holocaust hielt Irland seine Türen für jüdische Flüchtlinge weitgehend geschlossen. Der irische Gesandte Charles Bewley verbreitete 1938 in einem offiziellen Bericht antisemitische Vorstellungen über angebliche jüdische Illoyalität und Verbindungen zum Kommunismus. 1943 lobte der Abgeordnete Oliver J. Flanagan Deutschland für die Vertreibung der Juden und forderte ein entsprechendes Vorgehen in Irland. [4–6]
Beileidsbesuch nach Hitlers Tod
Selbst nach dem Holocaust waren solche Denkmuster nicht verschwunden. Ein diplomatischer Brief von 1946 dokumentiert, wie führende irische Priester und Ordensfrauen jüdischen Grundstückskauf und jüdische Unternehmensgründungen verhindern wollten. Jüdischen Einfluss betrachteten sie als antichristlich und gegen die Nation gerichtet. Auch de Valeras Beileidsbesuch beim deutschen Gesandten nach Hitlers Tod 1945 gehört in dieses historische Bild. Er berief sich auf Neutralität und Protokoll. Die Geste steht aber für ein beschämendes moralisches Versagen. [7–8]
Dieses Verhalten der Vergangenheit beweist nicht automatisch die Motivation heutiger Fußballer. Sie zeigt aber, dass Irland auf eine eigene Tradition der Judenfeindlichkeit zurückblicken muss. Wer sich heute moralisch über Israel erhebt, sollte diese Geschichte kennen und erklären können, warum israelischen Sportlern ein Respekt verweigert wird, den andere Gegner erhalten.
Die UEFA muss reagieren – und das Ergebnis kann nur eine Strafe für Irland sein
Die UEFA muss deshalb klar handeln. Sie muss die Vorgänge prüfen, ihre Regeln zu sportlichem Anstand und Diskriminierung konsequent anwenden und die Verstöße spürbar sanktionieren. Die demonstrative Zurückweisung des Gegners darf nicht folgenlos bleiben, nur weil sie sich als Gewissensentscheidung verkauft. Fairness und respektvolles Miteinander müssen auch für Israelis gelten.
Der irische Verband muss sich der Frage nach seinen doppelten Maßstäben stellen. Bei Katar die unpolitische Rolle betonen, bei Israel aber die ganze Bühne zur moralischen Ausgrenzung nutzen – diese Argumentation passt nicht. Wer anderen Anstand predigt, muss ihn selbst praktizieren. Und wer alte Feindbilder in eine moderne Protestpose kleidet, sollte sich endlich von Denkmustern verabschieden, die geistig noch im 18. Jahrhundert feststecken.
Quellen zur redaktionellen Prüfung
https://apnews.com/article/af2c8186da7125158cb830189cb22d16[2] RTÉ, FAI insists World Cup coverage can ‘shine a light’ on Qatar issues, 15.11.2022; enthält die Verbandsstellungnahme von 2021
https://www.rte.ie/sport/world-cup-2022/2022/1115/1336291-fai-wc-coverage-can-shine-a-light-on-qatar-issues/[3] Dictionary of Irish Biography, John Creagh
https://www.dib.ie/biography/creagh-john-a2170[4] Irish Jewish Museum, Ireland and the Holocaust
https://jewishmuseum.ie/jews-of-ireland/ireland-the-holocaust/[5] Documents on Irish Foreign Policy, Bewley-Bericht, 9.12.1938
https://www.difp.ie/volume-5/1938/anti-semitism-in-germany/2395/[6] History Ireland, Oliver J. Flanagan – Populist firebrand in 1940s Ireland
https://historyireland.com/oliver-j-flanagan-populist-firebrand-in-1940s-ireland/[7] Documents on Irish Foreign Policy, Walshe an Boland, 17.10.1946
https://www.difp.ie/volume-8/1946/anti-semitism-in-ireland/4310/[8] History Ireland, De Valera, Hitler & the visit of condolence May 1945
https://historyireland.com/de-valera-hitler-the-visit-of-condolence-may-1945/
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen