Vosgerau und die CDU: Die Werte sind klar. Die Konsequenzen weniger.

Stefan Evers, CDU, auf einem Archivfoto von 2023.
Stefan Evers verlangt klare Grenzen gegen Judenfeindlichkeit. Im Fall Vosgerau stellt sich die Frage nach den Konsequenzen in der eigenen Partei. (Archivfoto: Tobias Koch / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Foto zugeschnitten)

Bei fremden Parteien sind rote Linien schnell gezogen. Im eigenen Mitgliederverzeichnis wird die Sache offenbar komplizierter. Ulrich Vosgerau schrieb über jüdische Studierende und Polizeiknüppel. Die Berliner CDU findet das erschreckend. Was daraus folgt, ist öffentlich weniger klar als die Grundsätze, die Stefan Evers anderen vorhält.

Der Knüppel als Gedankenspiel

Am 9. Oktober 2025 verhinderten Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland mit einer Menschenkette, dass der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider die Synagoge in Halle zur Gedenkveranstaltung betrat. Über den Protest lässt sich streiten. Dass daraus ein Anlass wird, über eine Jagd auf jüdische Studierende nachzudenken, ist eine andere Sache.

Tillschneider verlangte Respekt für sein Amt, bezeichnete den antisemitischen Terroranschlag in seinem eigenen Bericht aber als „Amoklauf“. Auf Ruhrbarone dokumentierten wir seine Wortwahl bereits am 12. Oktoberr 2026.

Das Berliner CDU-Mitglied Ulrich Vosgerau legte auf X nach. Die Jüdische Allgemeine dokumentierte am 16. Oktober 2026 seinen inzwischen gelöschten Beitrag. Vosgerau schrieb darin, es ließen sich gute Gründe dafür finden, zu bedauern, dass die von ihm als „Synagogen-Quexe“ beschimpften Protestierenden „nicht mit dem Polizeiknüppel durch die Straßen gejagt worden sind“.

Die Bezeichnung verweist, wie die Jüdische Allgemeine erläutert, auf den NS-Propagandafilm Hitlerjunge Quex. Jüdische Protestierende mit einer solchen Anspielung zu belegen und über die Vorzüge einer ausgebliebenen Knüppeljagd zu sinnieren, ist keine nüchterne Erörterung des Versammlungsrechts. Es ist eine Gewaltfantasie. Der historische Bezug macht sie nicht appetitlicher.

Ein X-Beitrag von Tobias Rosefeldt vom 11. Oktobet 2026 bewahrt einen Screenshot der Passage. Der verlinkte Vosgerau-Post ist inzwischen nicht mehr verfügbar. Die Dokumentation ist es.

Tobias Rosefeldt dokumentiert Vosgeraus inzwischen gelöschten X-Beitrag.
Von Tobias Rosefeldt am 11. Oktober dokumentierter Ausschnitt aus Vosgeraus inzwischen gelöschtem Beitrag. (Screenshot: X)

Verbal vergaloppiert

Vosgerau bestreitet die gegen ihn erhobene Deutung. Nach der Berichterstattung der Berliner Morgenpost über die SPIEGEL-Recherche bezeichnete er seine Wortwahl als misslungen und erklärte sie mit einem Wettbewerb um besonders schneidige Äußerungen in sozialen Medien. Er habe den Text nach etwa 30 Stunden gelöscht. Dass er sich eine Jagd auf jüdische Studierende gewünscht habe, wies er zurück.

Diese Erklärung gehört zum Fall. Sie beseitigt nur dessen Problem nicht. Der Streit dreht sich nicht darum, ob Vosgerau einen Polizeieinsatz anordnen konnte. Er dreht sich darum, was ein CDU-Mitglied öffentlich für bedauernswert hielt. Zwischen einer ungeschickten Formulierung und einer ausformulierten Überlegung liegt mehr als eine verrutschte Taste.

Auch bei den Ruhrbaronen war Vosgerau bereits Thema: Der Kommentar „Die Feinde der Republik werden salonfähig“ kritisierte seine Äußerung und stellte seine Zugehörigkeit zu einer demokratischen Partei infrage.

Erschrocken. Und weiter?

Die Berliner CDU hat sich dazu geäußert. Wer behauptet, die gesamte Partei schweige, unterschlägt ihre Distanzierung. Gegenüber dem SPIEGEL nannte der Landesverband die Äußerungen „erschreckend“ und erklärte:

„Wer so spricht, sieht seine politische Heimat ganz offensichtlich jenseits der CDU.“

Das ist eine klare Bewertung. Eine Auskunft über konkrete Konsequenzen ist es noch nicht. Laut Morgenpost verwies die Partei auf Datenschutz bei Mitgliedern ohne Funktion und beschrieb allgemein, wie mögliche Verstöße gegen ihre Grundsätze geprüft werden. Ob im Fall Vosgerau ein Parteiorndungsverfahren betrieben wird, blieb in der berichteten Antwort offen.

Politisch ist das eine interessante Form der Grenzziehung: Die Partei erklärt, wo jemand hingehört. Was sie mit seiner Mitgliedschaft macht, erklärt sie nicht.

Evers hat den Maßstab geliefert

Stefan Evers selbst äußerte sich nach dem ntv-Bericht vom 22. Oktober 2026 auf die Anfrage des SPIEGEL nicht persönlich.

Das belegt keine Zustimmung zu Vosgerau. Es ist aber bemerkenswert bei einem CDU-Chef, der von anderen öffentlich Konsequenz verlangt.

In seinem LinkedIn-Beitrag vom 17. Oktober kritisierte Evers den Umgang von SPD und Grünen mit der Berliner Linken. Seine Forderung:

„Judenfeindlichkeit darf niemals Verhandlungssache sein.“

Evers auf LinkedIn: Judenfeindlichkeit darf niemals Verhandlungssache sein.
Evers’ Maßstab im eigenen LinkedIn-Beitrag vom 17. Oktober. (Screenshot: LinkedIn, Ausschnitt; Originalbeitrag.)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Bitte, den Satz auch im eigenen Landesverband anzuwenden.

Die Ruhrbarone hatten auch die Forderung der Berliner CDU-Fraktion nach klaren Grenzen gegenüber der Linksfraktion aufgegriffen. Schöne Worte und folgenlose Erklärungen sollten ausdrücklich nicht genügen.

Die Kritik an Antisemitismus in der Linken wird durch Vosgerau nicht falsch. Sie wird auch nicht überflüssig. Aber glaubwürdig bleibt ein Maßstab nur, wenn er nicht mit dem Parteibuch wechselt. Jüdische Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Sicherheit mehr ist als ein Argument gegen die jeweils andere Partei.

Die Berliner CDU hat Vosgeraus politische Heimat bereits außerhalb ihrer Reihen verortet. Nun wäre interessant, ob sie damit eine Konsequenz ankündigt oder nur seine Gesinnung beschreibt.

Bis dahin ist die rote Linie immerhin gezogen.

Hoffentlich nicht bloß um das eigene Mitgliederverzeichnis herum.

Autorenseite: Peter Ansmann
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