Gen Z regelt: Die Revolution sucht ihre Verantwortlichen

Teilnehmer einer historischen Nachstellung des russischen Bürgerkriegs in Kruty, Ukraine, am 1. Februar 2008.
Nachstellung des russischen Bürgerkriegs von 1918 in Kruty (Ukraine), aufgenommen am 1. Februar 2008. Symbolbild zum großen historischen Vergleich. (Foto: Sergey Kamshylin / Shutterstock.com)

Die Linke mobilisiert für den 31. Oktober. Bei „Gen Z regelt“ steigen unterdessen Beteiligte aus: Der bisherige Sprecher bezweifelt den friedlichen Rahmen, Berliner Unterstützer fühlen sich mit der Verantwortung nicht wohl. Auf die Straße sollen möglichst viele. Wer dort wofür geradesteht, scheint die weniger zugkräftige Kampagne zu sein.

Max Schneller und Battal Yali erklären ihren Rückzug aus der Organisation von Gen Z regelt in Berlin.
Der Rückzug ist schon geregelt: Ausschnitt aus der gemeinsamen Erklärung von Battal Yali und Max Schneller vom 27. Oktober 2026. (Screenshot: Instagram / @baaattaaal und @maximal.demokratisch)

Die Vorgeschichte: „Gen-Z-Proteste: Der Gucci-Laden als soziale Frage“ dokumentiert, wie im Protestumfeld eine mögliche Plünderung zur Enteignung geadelt wird. Unser Beitrag vom 27. Oktober zeigt auch die Mobilisierung im Ruhrgebiet und den Aufruf der Linken NRW.

Verantwortliche bitte melden

Am 25. Oktober 2026 bat der Telegram-Kanal „Gen Z regelt“ die Leitungen von 18 Stadtgruppen, sich zur Abstimmung zu melden. Darunter waren Essen, Dortmund, Düsseldorf und Bonn. Sechs Tage vor dem bundesweiten Protesttag wurden also öffentlich Ansprechpartner gesucht. Die revolutionäre Massenbewegung hatte offenbar noch Lücken im Adressbuch.

Zweifel aus dem eigenen Lager

Ebenfalls am 25. Oktober 2026 veröffentlichte Gianni Matheja, auf Instagram als „Gianni studiert“ bekannt, seinen Rückzug als Sprecher. Unter dem Namen der Initiative kämen Gruppen mit unterschiedlichen Vorstellungen über Ziele und Protestformen zusammen. Sein entscheidender Satz:

„Einen gemeinsamen friedlichen Rahmen sehe ich unter diesen Umständen nicht mehr ausreichend abgesichert.“

Am Dienstagabend, dem 27. Oktober 2026, erklärten auch Max Schneller und Battal Yali ihren Rückzug aus der Berliner Organisation. Sie hatten nach eigener Darstellung erst am Vortag spontan Unterstützung angeboten. Im Austausch seien unterschiedliche Vorstellungen über Organisation, Zuständigkeiten und Transparenz deutlich geworden.

Die beiden räumen selbstkritisch ein, möglicherweise zu schnell zugesagt zu haben. Sie unterstützen die Anliegen weiterhin und betonen, nicht aus Misstrauen gegenüber einzelnen Menschen zu gehen. Unter den gegebenen Bedingungen wollen sie die Verantwortung aber nicht übernehmen. Wer das bemerkt und offen ausspricht, handelt vernünftiger als jemand, der einfach weiter Begeisterung produziert.

Die Linke trommelt weiter

Die Partei ruft am 27. Oktober auf ihrem offiziellen Telegram-Kanal zur Teilnahme auf. Auch der Landesverband NRW wirbt auf Facebook, unter anderem für Essen und Dortmund. Die Aufforderung steht. Eine Einordnung von Mathejas bereits veröffentlichtem Rückzug liefert der Aufruf nicht mit.

Dabei bekennen sich sowohl die Linke als auch der Gen-Z-Telegram-Kanal ausdrücklich zu friedlichem Protest. Dessen Gewaltabsage darf genauso wenig unterschlagen werden wie der Umstand, dass nicht alle ähnlich benannten Konten dieselbe Leitung haben. Ob es am 31. Oktober Ausschreitungen geben wird, ist offen.

Offen ist damit aber nicht mehr, ob die organisatorischen Zweifel bloß von außen herangetragen werden. Sie kommen von Menschen, die selbst mitarbeiten wollten oder die Initiative öffentlich vertreten haben. Wer jetzt weiter mobilisiert, sollte erklären können, wie die versprochene Friedlichkeit praktisch abgesichert wird. Ein gutes Anliegen übernimmt keine Veranstaltungsleitung.

Früher war mehr Zuständigkeit

Auch die großen Revolutionen waren chaotisch und blutig. Aber der amerikanische Kontinentalkongress ernannte 1775 George Washington zum Oberbefehlshaber. In Frankreich erklärte sich der Dritte Stand am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung. Nach der russischen Februarrevolution 1917 gab es mit Provisorischer Regierung und Petrograder Sowjet in Russland sogar zwei (konkurrierende) Machtzentren. Man hatte ein Problem mit der Machtverteilung, nicht mit der Existenz von Ansprechpartnern.

Das macht Terror und Diktatur nicht direkt zu Erfolgsgeschichten. Ein gelungener Machtwechsel ist noch keine gelungene Befreiung. Aber zwischen der amerikanischen Unabhängigkeit, dem Ende des französischen Absolutismus, dem Sturz des Zaren und einer deutschen Halloween-Demo liegt auch ein gewisser Unterschied im Arbeitsaufwand. Das weiß jeder, der einmal „Doktor Schiwago“ gesehen hat. Man muss eine Revolution dafür allerdings länger verfolgen können als ein Instagram-Reel.

Die Berliner Linksjugend scheiterte in ihrem Frankreich-Beschluss bereits an einer simplen Subtraktion. Wer schon mit den Grundrechenarten überfordert ist, sollte vor dem Sturm auf den Winterpalast vielleicht erst den Taschenrechner erobern.

Für den 31. Oktober 2026 müsste niemand einen Staat gründen. Eine belastbare Organisation würde fürs Erste reichen.

Selbst diese bescheidene Vorstufe zur Weltgeschichte sorgt schon für Rücktritte.

Für die Linke bleibt vorerst die bequemste Rolle:

Sie liefert die politische Begeisterung. Den Überblick möge jeder selbst mitbringen.


Mehr zum Thema:

Gen-Z-Proteste: Der Gucci-Laden als soziale Frage

Autorenseite: Peter Ansmann
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