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Antisemitismus ist kein Import – Nicht alle Demos sind ein Skandal

Versuch (!) ohne Antisemitismus gegen den Gazakrieg zu demonstrieren

Versuch (!) ohne Antisemitismus gegen den Gazakrieg zu demonstrieren.

Wir haben bei den Ruhrbaronen in den letzten Wochen viel über antisemitische Demonstrationen berichtet. Viele Ekelhaftigkeiten sind uns aufgefallen. Die Demonstration am vorletzten Freitag in Essen und die Ereignisse in ihrem Umfeld können mit guten Gründen als ein (!) Höhepunkt antisemitischer Straßengewalt im Nachkriegsdeutschland bezeichnet werden. Auch ist es skandalös, wenn Politiker der Linkspartei zusammen mit Neonazis gegen Juden auf die Straße gehen. Jetzt ist aber der Augenblick gekommen, einmal inne zu halten, sich die Demonstrationen genauer anzuschauen und auch mal einen Blick auf „die Medien“ und ihre Reaktionen auf die letzten Demonstrationen zu werfen. Auch ein Blick auf vergangene Zuspitzungen des Nahost-Konflikts ist angebracht.

Die ersten pro-palästinensischen Demonstrationen vor zwei Wochen waren von großem Hass auf Israel und immer wieder auch auf „die Juden“ geprägt. In Gelsenkirchen wurde „Hamas, Hamas – Juden ab ins Gas“ gerufen, in Essen versuchte man bei einer spontanen Demonstration, vor die Alte Synagoge zu ziehen. In Dortmund waren diverse antisemitische Plakate auf einer Demonstration zu sehen. Doch nach den Ausschreitungen am 18. Juli in Essen, als mehrere Hundert propalästinensische Demonstranten versuchten, eine kleine proisraelische Kundgebung anzugreifen, wandelten sich die Demonstrationen im Ruhrgebiet. Schon einen Tag später in Dortmund war kaum direkter Antisemitismus auf einer Demonstration zu hören. Am letzten Freitag in Bochum fand wieder eine Demonstration mit ca. 400 Teilnehmern statt. Der Anmelder der Demonstration beschwor mehrmals, dass sich die Demonstration gegen Israel und nicht gegen Juden richtete. Und so verlief die Demonstration dann auch. „Tod und Hass den Zionisten“ wurde gerufen, und auch das unvermeidliche „Kindermörder Israel“ war immer wieder zu hören. Dass Antizionismus und Antisemitismus fließend ineinander übergehen, dürfte bekannt sein. Auch die Kindermörder-Parole hat – bedenkt man antijüdische Stereotype – einen deutlichen antisemitischen Widerhall. Andererseits liegt der Parole in Kriegszeiten wohl ein gewisser Realitätsbezug zu Grunde, was daran liegen dürfte, dass die Hamas Kinder als Schutzschilde benutzt, und diese deshalb sterben. Um es kurz zu machen: Die Demonstration in Bochum war bestimmt nicht toll! Aber die Veranstalter haben sich Mühe gegeben, antisemitische Äußerungen zu unterbinden, und gegen Israel, den Krieg und für Palästina zu demonstrieren. Ein legitimes Recht in einem demokratischen Staat. Das muss man nicht gut finden, und kann, wie es  50 Menschen getan haben, dagegen und für Israels Recht auf Selbstverteidigung demonstrieren.

Ein anderes Problem ist der mediale Hype, der in der letzten Woche um vermeintlich antisemitische Demonstrationen entstanden ist. Grundsätzlich ist es sehr gut, wenn über antisemitische Äußerungen berichtet wird, nur die Rückschlüsse die von FAZ bis WAZ gezogen werden sind nicht immer die klügsten. In Kommentaren wird von einer „neuen Qualität“ des Antisemitismus gewarnt, und dieser als Produkt von Migranten abgetan. Doch so einfach ist es nicht! Laut einer Studie, die im Jahr 2012 vom Bundestag veröffentlicht wurde, ist jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch. Wenn dieses Problem nun auf die zumeist jungen Menschen mit Migrationshintergrund abgewälzt wird, die gegen den Krieg im Gazastreifen demonstrieren, macht man es sich zu einfach, und nutzt den Vorwurf des Antisemitismus um Rassismus im politisch korrekten Mantel zu transportieren. Bei den jungen Migranten tritt der Antisemitismus derzeit geballt und sehr offen zu Tage. Doch in ihrer Einstellung unterscheiden sie sich kaum von deutschen Antisemiten, mögen dies auch bekennende Linke, Neonazis, Konservative oder Sozialdemokraten sein. Antisemitismus muss als das, was er ist, bekämpft werden, nämlich ein Problem der gesamten Gesellschaft.

 

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7 Kommentare zu “Antisemitismus ist kein Import – Nicht alle Demos sind ein Skandal

  • #1
    banban

    Besonders der letzte Punkt erscheint mir wichtig. Das Problem mit der Schuldabwehr wird verkannt.

    „[…] Eine Gesellschaft, die immer wieder derartig emotionsgeladen genau diesen Konflikt debattiert, muss sich wohl fragen lassen, welche Geisteshaltungen und Affekte in ihren Individuen schlummern. [1] Offenbar reicht eine intensive Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis nicht aus, um den verdeckten Antisemitismus in der Gesellschaft auszumerzen. Das könnte darin begründet liegen, dass der Fokus der historischen Aufarbeitung auf den Verbrechen der Nazis liegt. Und darin, dass damit immer die Möglichkeit besteht, die Greueltaten in Auschwitz und Co. von sich zu weisen und auf ‘die Nazis’ zu schieben.

    […] Der Prozess der andauernden Konfrontation mit dem deutschen Völkermord, mündet in einen Schuldabwehrreflex: „Antisemiten? Was hab ich damit zu tun? Das waren/sind doch ‘die Nazis’.“ oder neuerdings: „Antisemiten? Jaja – ‘die Muslime’…“. Diesem Reflex entspringt z. B. die Forderung, ‘es müsse ja nun auch endlich mal gut sein‘ – ‘wir’, so die Annahme, ‘hätten genug gebüßt’.

    Dass es bei der Aufarbeitung aber nicht um Buße, sondern um die allgemeine Verantwortung geht, “dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe” [3] wird verdrängt. Eine historische Aufarbeitung der Wurzeln des faschistischen Vernichtungswahns findet kaum statt. Eine subjektive Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen und den damit verknüpften Affekten, auf Grundlage der Selbstreflexion, wird so umgangen. […]“

    http://refused-news.de/gesagt-werden-muss/

  • #2
    Hubi

    Die FAZ fasst das Problem besser zusammen:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/nicht-dummstellen-die-migrantischen-wurzeln-des-neuen-antisemitismus-13065014.html

    Nein, dieser Antisemitismus lässt sich gerade nicht als der „konstante Bodensatz in der Gesellschaft“ (Wolfgang Benz) beschreiben. Dieser Antisemitismus entspringt nach allem, was man wahrnimmt, maßgeblich den Köpfen von Migranten aus der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern; dieser Antisemitismus lässt sich nicht in der unheiligen Allianz der Judenhasser verstecken, und man macht ihn nicht dadurch besser, dass man erklärt, er sei fremdgesteuert von Dunkelmännern aus fernen Ländern. Richtig ist, dass in vielen dieser judenfeindlichen Obszönitäten ein tradierter Antisemitismus aus der Heimat nachwirkt, der nicht ohne seine religiösen Hintergründe erklärt werden kann.

  • #3
    bob

    Danke für den sehr richtigen Beitrag, der einmal den deutsch zentrierten Standpunkt ausblendet.

    Die Parole „Kindermörder Israel“ ist aus unsere Geschichte und der Ritualmordlegende durchaus antisemitisch zu beurteilen. Im Hintergrund der tatsächlichen Entwicklung vor Ort aber für Menschen die „nicht deutsch sozialisiert“ sind und vllt. auch eine Fluchbiografie aus den pal. Gebieten haben verständlich.

  • #4
    RalfBecker

    Es waren keinesfalls wie oben im Text zu lesen, 50 Personen, die auf der Gegendemo „PRO ISRAEL“ waren. Das beobachte ich schon länger, wie gerne die Zahlen solcher Veranstaltumngen hochgeschrieben werden. Selbst der persönlich anwesende Vertreter der Piraten schätzt die Zahl der Teilnehmer nur auf „fast 40“ wogegen ich auf meinen Fotos nicht mehr als ca. 20 Personen zähle. Darunter eben immer die „üblichen Verdächtigen“….

  • #5
    Puck

    @Bob #3

    Bei „Menschen die nicht deutsch sozialisiert“ wurden erfreut sich nach allem was man hört, „Die Protokolle von Zion“, obwohl wahrscheinich russischer Provinienz, außerordentlicher Beliebtheit. Und dieses Macherk versammelt bekanntlich alle gängigen antisemitschen Vorurteile.
    Es macht also keinen Unterschied, ob diese gängigen Vorurteile von „deutsch sozialisierten“ Menschen oder „nicht deutsch sozialisierten“ Menschen gegröhlt werden. Sie bedienen sich derselben Quellen und sind Ausdruck von Antisemitismus.

    Außerdem geht es hier nicht darum, ob Leute „vor Ort“ diese Parolen brüllen, sondern daß sie hier gebrüllt werden und zwar nicht von Leuten, die eine „Fluchtbiografie aus pal. GEbieten haben“, sondern vorwiegend von Leuten, die hier in Sicherheit und Freiheit aufgewachsen sind und die gelegentlich mal bemerken könnten, daß diese Freiheiten den Menschen im Gazastreifen nicht verwehrt werden durch die israelische Blockade, sondern durch die Hamas.

  • #6
    Thomas Weigle

    @ Puck, Antisemitismus, egal aus welcher Ecke, entzieht sich rationalen Argumenten und Diskussionen. Wenn schon kein Gendefekt, so doch ein irreparabler Denkfehler. Es gibt leider noch kein Pülverchen dagegen.

  • #7
    Klaus Bender

    Ein Problem ist doch, dass eine Position zum Nahostkonflikt und die Haltung zu Antisemitismus emsig vermischt werden.

    Antisemiten machen das um ihre Haltung hinter Israelkritik verbergen zu können und Befürworter des israelischen Vorgehens können so jede Kritik als Antisemtismus diskreditieren. Beides fördert Antisemitismus und vor allem die Wahrnehmung von Antisemitismus.

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