Iran löst Sittenpolizei auf

Protestierende Iranerinnen Foto: Thomas von der Osten-Sacken Lizenz: Copyright


Von unserem Gastautor Thomas von der Osten-Sacken

Noch im Sommer hatte Präsident Raissi angeordnet, dass die verhasste iranische Sittenpolizei härter durchgreifen solle gegen Frauen die ihr Kopftuch nicht vorschriftsmäßig tragen. Nun sollen sie, Meldungen aus dem Iran zufolge,  nach den monatelangen Protesten aufgelöst werden.

Iran’s Attorney General says the Islamic Republic has disbanded the “morality police” adding that it had nothing to do with the judiciary since its creation.

Mohammad Jafar Montazeri made the comments in a meeting Saturday, stressing that; however, the judiciary continues to monitor behavioral conduct among the people, a hint that hijab rules are not scrapped and only special patrols in streets are disbanded.

Earlier in the week Montazeri had mentioned that the Parliament and the Supreme Council of the Cultural Revolution would announce their opinion on the issue of forced hijab within two weeks, signaling that the mandatory hijab rule might be modified or revoked.

Das kommt einem Eingeständnis von Niederlage sehr nahe, schließlich fußt das ganze System auf zwei Säulen: Ungleichbehandlung von Frauen, öffentlich symbolisiert durch das Kopftuch und dem Versprechen Israel zu vernichten. Fällt eine dieser Säulen, dürfte das ganze System in Straucheln kommen. Diese Schritte sind als Zugeständnis gedacht, um die Lage zu beruhigen. Nur werden sie diesen Effekt eher nicht haben, sondern die Protestierenden eher motivieren, weiter zu machen. Denn ihnen geht es längst nicht mehr um Zugeständnisse oder Reformen, sondern um das Ende des Regimes und des Systems Islamische Republik.

Wohl niemand im Iran glaubt zudem, solche Schritte seien mehr, als der Versuch die Wogen zu glätten und die Protestierenden zu appeasen.

Zugeständnisse hätten vielleicht noch 2017 oder 2019 etwas gebracht, nun dürfte es dafür zu spät sein.

Und nun soll ausgerechnet im Parlament auch noch der Kopftuchzwang diskutiert werden:

Iranian authorities said they would review a decades-old law that requires women to cover their heads, as the country struggles to quell more than two months of protests linked to the dress code.

“Both parliament and the judiciary are working [on the issue],” of whether the law needs any changes, Iran’s attorney general Mohammad Jafar Montazeri said on Saturday.

Quoted by an Iranian news agency, he did not specify what could be modified in the law by the two bodies, which are both largely in the hands of conservatives.

The review team met on Wednesday with parliament’s cultural commission “and will see the results in a week or two”, the attorney general said.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World

Lageberichte von den Protesten im Iran

Studenten der Amir-Kabir-Universität protestieren gegen Hijab und die Islamische Republik Foto: Darafsh Lizenz: CC BY-SA 4.0

Unser Gastautor Thomas von der Osten-Sacken dokumentiert anonymisierte Berichte aus der Islamischen Republik, die ihm iranische Bekannte haben zukommen lassen.

Durch meine Arbeit im Nahen Osten entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten auch viele Kontakte in den Iran. Für sie alle ist es immer gefährlich, wenn bekannt wird, dass sie mit Ausländern kommunizieren, ganz besonders wenn es um Politik geht und diese Ausländer auch noch in engem Kontakt mit der iranischen Exilopposition stehen.

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„Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft“

Peter Finkelgrün Foto: Raimond Spekking Lizenz: CC BY-SA 4.0


Am 9. März 2022 wurde der jüdische Schriftsteller und Journalist Peter Finkelgruen 80 Jahre alt. Anlässlich dieses Jubiläums geht Roland Kaufhold mit einzelnen Lebens-Studien auf die Familiengeschichte Finkelgruens ein, die aufs Engste mit der jüngeren deutschen Geschichte verwoben ist. Peter Finkelgruen, geboren in Shanghai, überlebte die Nazi-Verfolgung, wuchs in Prag und Haifa auf. Dann wurde er zum Rückkehrer: 1959, mit 17 Jahren, kam er mit seiner Großmutter Anna nach Deutschland.

Vorwort von Peter Finkelgruen

Ein Vorwort zu einem Buch zu schreiben, das sich größtenteils mit sicherlich entscheidenden Phasen der eigenen Biografie beschäftigt, ist keine leichte Sache. Für mich jedenfalls bedeutet das, in Lebensphasen zurückzukehren die bestimmt waren von äußeren Ereignissen, gegen die ich meinte, mich auflehnen zu wollen. Nein: zu müssen. Denn dem Mord an meinem Großvater nicht nachzugehen und mich nicht für die rechtsstaatliche Verfolgung dieses Verbrechens einzusetzen, hätte mir jede Legitimation der Existenz in diesem Land, in dieser Gesellschaft entzogen. Dass die Zeit, in der ich in diesem Land lebte, diesem Ziel nicht entsprach, wird rückblickend aber genauso deutlich.

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Ukraine: Zwischen Bomben und Kerzenschein

Nur wenn kurzzeitig Strom und Gas zur Verfügung stehen kann gekocht werden Foto: Christian Gruber

Unser Gastautor Christian Gruber ist Freiwilliger und Chief correspondence eastern Europe bei Freedom Today. Er ist seit Kriegsbeginn in der Ukraine. Seine Arbeit könnt ihr via Paypal unterstützen.

In den vergangenen vier Wochen nimmt Russland verstärkt ukrainische zivile Infrastruktur ins Visier. Darunter Heizkraftwerke und die Wasserversorgung. Das Ergebnis ist, dass weite Teile des Landes immer wieder von Strom und Wasser abgeschnitten werden. In der ukrainischen Hauptstadt Kyiv ist die Versorgung mit Strom und Wasser mittlerweile rationiert. In weiten Teilen des Landes sieht es ähnlich aus. Beides ist nur zeitweise verfügbar und die Angst der Bevölkerung vor dem Winter ist merklich spürbar. Wie wird es weiter gehen? Ein vorstellbares Szenario ist die Evakuierung der Metropole, aber einen Masterplan scheint es noch nicht zu geben. Dies ist auch dem Kriegsverlauf und der Willkür der russischen Angriffe verschuldet.

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Kohle, Kunst und Kontroversen


Helmut Junge – eine Ausstellung in der Bottroper Galerie 7. Von unserem Gastautor Georg Overkamp.

 

Ich freue mich etwas über meinen (nicht-nur) Künstlerfreund Helmut Junge, seine Kunst und die Ausstellung in Bottrop schreiben zu dürfen. Helmut und ich, wir kennen uns schon einige Jahre, achten einander nicht nur als Künstler-Kollegen und haben öfters gemeinsam ausgestellt.

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„Wir dürfen die Ukraine nicht aufgeben“

Zivilsten bereiten sich in Kiew auf den Kampf gegen den russische Armee vor Foto: Yan Boechat/VOA Lizenz: Gemeinfrei


Der Krieg in der Ukraine hat einen weiteren kritischen Punkt erreicht. Russlands Raketen- und Drohnenangriffe auf die zivile Infrastruktur des Landes lassen nicht nach. Von unserem Gastautor Jacob Reynolds

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky wurden bereits bis zum 18. Oktober, innerhalb von nur acht Tagen, 30 Prozent der ukrainischen Kraftwerke zerstört. Die düstere Absicht dieses Angriffs auf das ukrainische Energieversorgungsnetz ist klar. Angesichts des nahenden Winters versucht Putin, Soldaten und Zivilisten gleichermaßen in die Knie zu zwingen. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die barbarischen Angriffe auf die ukrainischen Energiesysteme potenziell zu den katastrophalsten Angriffen gehören, die es in diesem Krieg bisher gegeben hat.

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Alte Motive im neuen Glanz – Lichtinstallation auf Haniel

Halde-Haniel Foto: Jens Herre Lizenz: Copyright


Im Norden von Oberhausen an der Grenze zu Bottrop liegt die Halde Haniel. Mit 185 Meter über Normalnull eine der höchsten Halden im Ruhrgebiet. Wohlbemerkt: Sie liegt auf Bottroper Stadtgebiet, aber ich als Oberhausener spreche, glaube ich für viele, wenn ich sage, irgendwie gehört sie auch zu uns. Von unserem Gastautor Jens Herre.

Die Halde begleitet mich schon mein ganzes Leben. So manches Silvester habe ich dort oben verbracht. So manchen Sturz mit dem Mountainbike habe ich überlebt und mit so manchem Mädel im Arm habe ich Nachthimmel und den Blick über mein Revier bestaunt. Immer wenn ich Abstand vom Alltag brauche, gehe ich auf diese Halde. Auch beruflich kreuzten sich meine Wege. Als Technischer Leiter der Kulturhauptstadt RUHR.2010 hatte ich dort so einige Events. Kurzgesagt: Es ist «meine» Halde.

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„Frau, Leben, Freiheit“: 80.000 demonstrieren in Berlin gegen die Mullahs

80.000 gegen die Mullahs Foto: Thomas von der Osten-Sacken


Am Ende waren es laut Angaben der Polizei 80.000, die sich im Tiergarten in Berlin versammelten, um gegen das Regime in Teheran zu demonstrieren. Mit so vielen hatten selbst die Veranstalter nicht gerechnet. Von unserem Gastautor Thomas von der Osten-Sacken.

Es ist mir in den letzten Dekaden eigentlich nie passiert, dass Demonstrationen mit über 1000 Menschen mir besonders sympathisch waren. Die, deren Anliegen ich voll teilte waren meist wesentlich kleiner: Man stand etwa mit ein paar Dutzend Syrern oder Iranern, bestenfalls Hunderten vor der russischen oder iranischen Botschaft herum und niemand nahm groß Notiz.

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Katar: „Die pure Lust, Fußball zu schauen und zu feiern, wurde uns genommen“

Thomas Spiepmann Foto: TAS Lizenz: Copyright


Unser Gastautor Thomas Siepmann ist Geschäftsführer der Essener Agentur TAS Emotional Marketing GmbH. Während der vergangenen Fußballweltmeisterschaften organisierte TAS erfolgreiche Public Viewing Veranstaltungen. Die Fußballweltmeisterschaft in Katar wird das Unternehmen jedoch boykottieren.

Am 2. Dezember 2010 brach sich im FIFA-Hauptquartier in Zürich wohl das perfideste aller Schurkenstücke der Sport-Moderne bahn. Der damalige FIFA-Präsident und die Seinen im FIFA Exekutivkomitee hatten sich in wochenlanger Detailarbeit genau die Mehrheit an Stimmen zusammengekauft, die es brauchte, um den beiden Fußballgroßmächten Russland und Katar die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zuzuschanzen. Was spielt es da für eine Rolle, dass hernach acht von den 22 Mitgliedern der Korruption überführt wurden und auch der Chef, der Blatter Sepp himself, des Amtes verwiesen wurde?

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Der doppelte Lindner

Christian Lindner (FDP), Foto: Roland W. Waniek


Kurz nach der Landtagswahl in Niedersachsen am letzten Sonntag machte der Bundesvorsitzende der FDP eine interessante Bemerkung, die ihm in den sozialen Medien erheblichen Spott einbrachte. So äußerte Lindner, dass die FDP insgesamt als zu links wahrgenommen werde. Interessant ist, dass Linder damit gar nicht so falsch liegt, wie man auf den ersten Blick glauben mag. Von unserem Gastautor Ioannis Dimopulos.

Dass die Landtagswahl in Niedersachsen ein herber Einschlag für die Liberalen war, lässt sich nicht von der Hand weisen. Die FDP verlor insgesamt 2,8 % im Vergleich zur Vorwahl und flog damit aus dem Landtag. Dieses Ergebnis korreliert mit den Wahlprognosen auf Bundesebene, auf der die FDP im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 von 11,5 % auf 6-7 % zurückfiel. Diese Entwicklung hängt an der teils kruden und widersprüchlichen Krisenpolitik der Ampel im Zusammenhang mit der Ukraine und der Inflationsbekämpfung. Wie Christian Lindner aber zu der Vermutung kommt, dass dies mit einer Wahrnehmung seiner Partei als links zusammenhinge, bleibt er schuldig.

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