Corona: In Großbritannien geht die Party weiter

Boris Johnson
Hat die Corona-Ruhe weg: Boris Johnson, Foto: U.K. Prime Minister Lizenz: OGL 3

Ganz Europa schließt Schulen und Unis, verbietet Konzerte und Events. Ganz Europa?! Nein! Auf einer Insel geht die Party munter weiter: Großbritannien. Schüler müssen weiter zur Schule, Studenten weiter in die Uni, Bands geben weiter Konzerte. Spinnen sie, die Briten? Keineswegs, sagen sie selbst. Sie hätten nur eine andere Strategie gegen Corona gewählt.

Boris Johnson, der britische Premierminister, will einen anderen Weg einschlagen als die Festlandeuropäer: Öffentliche Veranstaltungen jetzt abzusagen, bringe nichts, so BoJo in einer Pressekonferenz am gestrigen Sonntag. Ebenso wolle er die Schulen nicht schließen, weil dies zu diesem Zeitpunkt mehr schaden als nützen könnte. Dabei beruft er sich auf die wissenschaftlichen Berater seiner Regierung.

Und in der Tat rät Sir Patrick Vallance, seines Zeichens Arzt, Chief Scientific Adviser und Chef des Government Office for Science, den Briten lediglich dazu, bei Husten und erhöhter Körpertemperatur sieben Tage lang zu Hause zu bleiben. Für Menschen ohne Symptome hat er vier einfache Ratschläge: „Keep. Washing. Your. Hands.“ Er hätte als sein persönliches Handwaschlied „Raspberry Beret“ von Prince gewählt.

Mehr nicht.

Zwar geht auch Boris Johnson davon aus, dass das Coronavirus zu mehr Infektions- und Todesfällen führen wird. Aber er sieht noch nicht den Zeitpunkt für drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens gegeben. Man müsse erst auf den richtigen Zeitpunkt warten, um die Gegenmaßnahmen mit maximalem Effekt einsetzen können. Noch sei es nicht soweit.

Viele Experten in Großbritannien sind damit nicht einverstanden. Sie empfehlen angesichts von 1.543 SARS-cov-2-positiv getesteten Briten (Stand 16. März, +171 Fälle gegenüber Vortag) und 36 Toten weitergehende Maßnahmen. Auch gibt es erste Demonstrationen in London gegen Johnsons Corona-Politik.

Johnsons Strategie und Denkweise ist für uns kaum nachvollziehbar. Ein Amateur-Clip auf Youtube versucht, sie vereinfachend darzustellen. Es ist zumindest leichter zu verstehen als die blumige Rhetorik Boris Johnsons:

Angesichts dieser Corona-Politik von Boris Johnson muss sich nun die deutsche Bundesregierung fragen lassen: Wann verhängt sie einen Einreisetopp für Großbritannien? Donald Trump jedenfalls hat seine Ausnahme für die Briten geändert und seit heute die US-Grenzen für sie geschlossen.

 

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9 Kommentare

  1. #1 | Gerd sagt am 16. März 2020 um 19:43 Uhr

    "Wann verhängt sie einen Einreisetopp für Großbritannien?"

    Die Realität ist weitaus absurder: Es gibt keinen Einreisestopp für China und den Iran. Dass das eine gute Idee sein könnte, ist dem Andi erst heute eingefallen.

  2. #2 | ke sagt am 16. März 2020 um 20:07 Uhr

    Prof. Drosten geht in seinem aktuellen Podcast auch auf England und deren Motive ein:
    https://www.youtube.com/watch?v=Zr8B6gkOkMc (ca. ab 21. Minute)

  3. #3 | Helmut Junge sagt am 16. März 2020 um 21:36 Uhr

    Ich glaube nicht, daß die von Deutschland ausgesprochenen Einreisestopps hauptsächlich wg. der möglichen Ansteckungsgefahr erfolgen. Die haben auch viele andere Gründe. Aber selbst wenn, sehe ich sie nicht anders, als wenn eine Nachbarstadt unter Quaratäne steht. Deutschland ist mitten in Europa und Transitland und niemand fährt in 2.3 Stunden ohne Aufenthalt durch. Wenn Deutschland die Grenzen schließt, nützt das auch den Nachbarländern.

  4. #4 | Berthold Grabe sagt am 17. März 2020 um 12:11 Uhr

    Bis gestern erschein die Politik von Johnson noch vernünftig.
    Aber seit dem die Daten des Robert Koch Institutes zu Wuhan bekannt wurden, istsieweit schwieriger zu begründen.
    Das liegt daran, das es schlicht unklar ist, ob die offiziellen Behauptung, "Alte" und Risikopatienten seien vor allem gefährdet richtig ist. Schlicht wie lin wuhan die nötigen differenziertne Daten gar nicht erhoben wurden.
    Stattdessen befinden sich in der Gruppe der Schwererkrankten 40% Jüngere von denen nicht bekannt ist, wie schwer der Verlauf war, welche und ob intensivmedizinische Massnahmen erforderlich waren bzw. Vorerkrankungen eine Rolle spielten.
    Wenn man das zugrunde legt, hat die Bundesregierung auf jeden Fall bis zum Wochenende gravierend falsch gehandelt.
    Zu lasch bezogen auf die den jetzigen Stand der Information und falsch bzw. zu heftig bezogen auf den vorherigen Stand.
    Aufgrund des Informationstandes bis zum Wochenende wäre die britische Politik vertretbar gewesen, jetzt kommt es darauf an, wie Johnson nun reagiert.

  5. #5 | Helmut Junge sagt am 17. März 2020 um 16:20 Uhr

    @Berthold Grabe, in Großbritannien sind lt. John Hopkins university von den 1553 Infizierten bereits 56 verstorben.
    Deutschland zum Vergleich lt. gleicher Quelle 7689 Infizierte und nur 20 Tote.
    Jetzt müssen Sie aber helfen. Was ist an der britischen Politik klug, und was ist an der deutschen Politik falsch?
    Auch die große USA liegt bei traurigen 85 Toten, obwohl sie erst 4561 Infizierte hat.
    Achten Sie auf gelungene Reden, oder werfen Sie schon mal einen Blick auf Zahlen?
    Bei der Dynamik, mit der sich der Virus ausbreitet, werden die großen Mäuler der Herren Johnson und Trump schon in einer einzigen Woche zwangsläufig kleiner werden. Die Bilanz wird sie dazu zwingen. Wie sich das bei Trump und Johnson anhören wird? Schuldzuweisungen an wer weiß wen.

  6. #6 | Berthold Grabe sagt am 17. März 2020 um 18:50 Uhr

    @Helmut Junge
    Die Zahlen über Infizierte und Todesfälle sagen schlicht nichts aus, weil völlig unbekannt ist, wie sich die festgestellten Infiziertenzahlen zur Dunkelziffer verhalten. bzw. wie hoch bei den festgestelllten Fällen die Anzahl der schweren Fälle ist.
    Ohne nähere Angaben lässt sich der Anschein dieser Zahlen eben nicht ins Verhältnis setzen.
    Die britische Politik war bis zum Wochenende deshalb klüger, weil sie von geringerem Risikopotential ausging, und das gleiche gilt für Deutschland, die bis zum Wochenende das Risiko gleich eingeschätzt hatten. Für diese Einschätzung waren die deutschen Massnahmen bis letzte Woche zu massiv und für die Realität waren sie nicht frühzeitig massiv genug.
    Dei Risikoeinschätzungen hatten sich quasi stündlich verändert. Und der Zeitpunkt ist relevant, um Reaktionen der Politik zu beurteilen.
    Johnson hat übrigens ebenfalls auf die neueren Zahlen reagiert und die Strategie geändert.

    Das große Problem werden wir erst noch zu spüren bekommen, die sich schon anbahnenden Insolvenzen in größerer Zahl sind kaum noch abwendbar, wenn der "shut down" länger als 2 Wochen dauert. Und der Staat seine Hilfsmittel nicht mindestens verzehnfacht, alleine schon für die Großunternehmen.

  7. #7 | Helmut Junge sagt am 18. März 2020 um 08:19 Uhr

    @Berthold Grabe, bei der Zahl der Toten dürftedie Dunkelziffer zumindest in Deutschland bei Null liegen, denn es kommt niemand unter die Erde, der nicht untersucht wurde. Oder glauben Sie, daß die Angaben absichtlich falsch niedrig gehalten werden?

  8. #8 | Pion Blanc sagt am 18. März 2020 um 08:33 Uhr

    Für alle die glauben, dass die Johnson-Regierung in GB Recht hat: Bitte tragen Sie zu meinem Herdenschutz bei! Infizieren Sie sich gezielt mit CoVid-19. Dann schreiben Sie eine rechtsverbindliche Erklärung, dass Sie auf einen Platz auf der Intensivstation verzichten und auch keinesfalls ein Beatmungsgerät möchten, falls jüngere bzw. wichtigere (Entscheidung trifft das Krankenhaus) Personen es möglicherweise brauchen. Dann warten Sie ab – wahrscheinlich gehören Sie zu den 80% die keine Behandlung brauchen. Los geht's!

  9. #9 | Helmut Junge sagt am 7. April 2020 um 22:44 Uhr

    @Berthold Grabe, wie bewerten Sie die Coronastrategien weltweit denn jetzt?

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