Giegling – Wenn eine gute Mischung übersteuert

Erst ein Shitstorm dann Flaschenwürfe. Nach grenzwertigen Bemerkungen wurde der Mitbegründer des Techno-Labels Giegling beim Fusion-Festival verbal und physisch attackiert. Doch von der Gewalt gegen Künstler will die überwiegend linke Szene nichts wissen. Ein Sittengemälde aus Ostdeutschland von unserem Gastautor Lasse Baunsn.

Gerade in unserem von Anglizismen durchwirkten Alltag verbirgt sich hinter dem Begriff „Clipping“ eine erstaunlich vielseitige Fülle von Bedeutungen.

In der Welt der Musik beispielsweise bedeutet „Clipping“ eine durch elektronische Mittel verstärkte Übersteuerung von einhergehenden Signalen. Was nach Krach klingt, wird in der Rockmusik geschickt eingesetzt und manifestiert sich letztlich im so typischen Sound von röhrenden Gitarren. Das Phänomen des Übersteuerns ist hier nicht bloß geschätzt, mehr noch: Es ist ein Stilmittel und wird gerne provoziert. Wechselt man jedoch das Genre, steht „Clipping“ schnell für ein totales No-Go. Obwohl manche Vertreter der DJ-Szene nicht gerade widerwillig mit dem Rockstarimage kokettieren, ist „Clipping“ hier verpönt und steht im Kosmos der elektronischen House- und Technomusik doch vornehmlich für mangelnde Fähigkeiten, was das Auflegen betrifft. Egal, wie gut die Anlage eingestellt ist, wenn das Resultat matschig klingt, ist der DJ schuld.

Eine gänzlich andere Bedeutung offenbart sich rasch in der wortwörtlichen Übersetzung des Begriffes „Clipping“. Nun steht er für das Herausschneiden eines Zeitungsartikels aus einer Publikation. Und weitergedacht: Ausschnitte werden aus einem Text gerissen und im schlimmsten Fall in einen anderen Kontext gestellt und damit entfremdet.

So unvereinbar diese zwei Bedeutungen des Wortes „Clipping“ erscheinen, so stellen beide, zum einen als Analogie, zum anderen als medialer Prozess, eine treffliche Beschreibung für die Odyssee des Weimarer Elektro-Labels „Giegling“ dar. Dessen Mitbegründer Konstantin fand sich im vergangenen Sommer plötzlich infolge eines Interviews im Epizentrum eines massiven Shitstorms wieder, der in seiner Größenordnung dem des vom russischen Künstler Ten Walls in nichts nachsteht. Hatte sich der Letztere für homophobe Ansichten zu verantworten, so fielen die Aussagen Konstantins doch vielmehr beiläufig außerhalb eines Interviews für das szenebekannte „Groove-Magazin“. Sie überschatteten einen Artikel, der sich doch ansonsten eher wie eine Lobeshymne über das Weimarer Kollektiv liest.

Dabei solle sich Konstantin, erst nach dem offiziellen Interview jedoch, über eine Art Gender Gap im DJ-Booking, dass mit einer angestrebten Diversifizierung des Line-Ups von Technoveranstaltungen einhergehen soll, ereifert haben. Er habe kritisiert, dass Frauen, die sich um die Produktion und das Auflegen von Musik weniger verdient gemacht haben als viele ihrer männlichen Mitstreiter, bevorzugt würden. Ungerechterweise also, düften diese Damen in höheren Ligen spielen, als männliche Kollegen mit einem vergleichbaren Hintergrund und Werdegang. In einer Szene, die für Progressivität steht, für Innovation und Hippness, bewirkte diese Aussage für das Label Giegling ein fatales Übersteuern – besinnen wir uns auf die Bedeutung des Wortes „Clipping“. Noch vor der digitalen Veröffentlichung des Artikels im Groove Magazine entflammte auf Twitter eine wilde Diskussion um das abfotografierte Konstantinische Zitat in der Printausgabe. Der digital-progressive Mob tobte und hinterließ weniger zerbrochenes Vinyl, als vielmehr mehrere Ausladungen des bereits für die Festivalsaison gebuchten Produktionsgemeinschaft Giegling.

https://twitter.com/codeinedrums/status/877567215238660096?ref_src=twsrc%5Etfw

Es sei dahingestellt, ob nun dieser Kommentar von Konstantin als Hybris-verwirrte Meinungsäußerung eines erfolgsgeplagten Influencers einzuordnen ist oder doch eher als weltfremd chauvinistischer Charakterzug. Tatsache ist, dass männerdominierte LineUps nicht nur im Bereich der elektronischen Musik durchaus Thema sind und medial diskutiert werden.

In einer Szene, die sich um Diversität hinter den Plattentellern bemüht, während der Großteil ihrer Mitglieder Männer sind, sollte eine solche Aussage zwar nicht willkommen sein aber nachvollziehbar. Rasch folgte eine entsprechende Entschuldigung Konstantins. So beteuerte er, die Autorin des Artikels habe „mich und meinen schlechten Humor missverstanden“, um danach klarzustellen: „Natürlich sind Frauen keine schlechteren DJs als Männer – ich selbst habe von meiner guten Freundin Sarah das Auflegen gelernt und habe die ersten Jahre immer mit ihr gemeinsam aufgelegt.“

Ein Jahr nach diesem Vorfall schien Giegling kuriert, der Backlash überwunden. Vergeben und vergessen hatte auch das Fusion Festival und hatte Konstantin wieder in ihr LineUp aufgenommen. Dass sie damit jedoch weitaus mehr Milde bewiesen als ihre Festivalbesucher, illustrierte folgender Vorfall:

So wurde Konstantin während seines Auftrittes mit der DJane Elli von einer 20-köpfigen Gruppe erst mit Sand und danach mit Flaschen beworfen. Dabei wurde nicht nur Equipment zerstört, sondern auch Elli am Kopf getroffen und verletzt. In Folge darauf brach Konstantin seinen Auftritt ab und die DJane spielte alleine weiter. Während sich etliche Medien mit der Veröffentlichung des Konstantinschen Fauxpas schmückten, erfuhr dieser Übergriff keinerlei Abdeckung – lediglich auf dem Fusion Forum wurde fleißig diskutiert.

Gegenstand ist jetzt allerdings nicht mehr die initiale Äußerung des K oder seine geleistete Abbitte: In den Vordergrund gerückt ist nun weniger die Tatsache seiner Schuld, als vielmehr das gerechtfertigte Maß seiner Sühne.

Erfordert Konstantins Meinungsäußerung – und möge sie noch so unreflektiert sein – ihn und seinen Anhang in seiner exponierten Position, ohne Rücksicht auf Unbeteiligte, feige aus der Menge heraus anzugreifen? Folgt man der Berichterstattung, entsteht der Eindruck, dass jene Debatte aus dem vorhergegangenen Jahr bereits beendet schien. Auch hatte es den Anschein, all jene Schreibtischempörten und Phrasengrimmigen seien einfach weitergezogen. Und dabei hatte sich doch auch eine der Klägerinnen, die DJane The Black Madonna, in der Zwischenzeit nicht gescheut, einen Deal mit Rockstar Games abzuschließen.

https://twitter.com/blackmadonnachi/status/877577992125374464?ref_src=twsrc%5Etfw

Hatte sie sich doch zuvor dazu verpflichtet, den jetzt-endlich-überführten Chauvinisten Konstantin abzuurteilen, so leiht sie jetzt ihr digitales Konterfrei für das neuste Release der amerikanischen Computerspieleschmiede, GTA Online After Hours. Ironischerweise reiht sich dieser Titel ein in eine Spielreihe, die seit jeher für eine misogyne Darstellung und Übersexualisierung von Frauen steht.

Hinsichtlich der Vorfälle in Lärz scheint solch eine Doppelmoral jedoch unwichtig, zeigen sie doch auf, wie gefährlich eine einseitig geführte Debatte sein kann. Während Giegling noch immer mit einer Imagedepression zu kämpfen hat, scheint es für die Anwender von physischer Gewalt auf der Fusion keinerlei Konsequenzen zu geben. Ganz im Gegenteil: Den Angriff auf Konstantin schien Nährboden für den Vorschlag zu geben, den DJ auf dem Forum des Festivals in einem neuen Thread als „sexistischen/antisemitischen/homophoben/faschistischen Künstler*in“ zu klassifizieren. Auch im nahen EU-Ausland scheinen Künstler wie Konstantin unerwünscht: Hunderte Stimmen machen sich in einer Onlinepetition gegen die Auftritte von Konstantin auf dem diesjährigen Amsterdam Dance Event stark.

Laut dem englischsprachigen “Mixmag”, scheint es auch versöhnliche Stimmen in der Szene zu geben, wie den holländischen Booker Robert Deutsch zu geben, die sich für die Absolution Konstantins und gegen eine Hexenjagd aussprechen. Ebenfalls berichtet das Mixmag von Bestrebungen von Seiten des Amsterdam Dance Events, Konstantin bei einem Panel zum Thema Sexismus in der Musikindustrie referieren zu lassen.

Bei der Pflege eines subversiven „Berghain-Image“ einer Szene, die sich gerne antikapitalistisch und zutiefst links versteht, erscheinen militante Aktionen wie diese leider plausibel. Ebenso nachvollziehbar scheint das Selling-Out erfolgreicher Künstler in Form von Major Label Deals oder andere Industrien zu sein. So ein Künstlerdasein ist schließlich von unsteten Finanzen und Zukunftsängsten durchdrungen. Wenn eine Mischung gefährlich übersteuert, braucht es wohl Bauernopfer, um diese wieder in den grünen Bereich zu bringen. Schade nur, dass es dann nicht – wie in linksideologischer Manier so gerne gefordert – „Die da Oben“, sondern eine innovierende Graswurzelbewegung treffen muss.

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