INTERIA im Interview: Aus Tel Aviv nach Berlin – für Wacken und Wembley

Metal macht Spaß! Itai Avrahamoff führt bei INTERIA den 5-String-Bass. Foto: Till Oliver Becker
Metal macht Spaß! Itai Avrahamoff führt bei INTERIA den 5-String-Bass. Foto: Till Oliver Becker

Die Band INTERIA stammt aus Israel, lebt inzwischen in Berlin und will von dort aus die europäische Alternative-Metal-Szene erobern. Im Interview mit den RUHRBARONEN spricht Sänger Argaman Ventura über den Schritt nach Deutschland, über künstlerische Verwundbarkeit, große Ziele, den Alltag zwischen Rockband und Start-up sowie über die Frage, was große Kunst heute bedroht.

Ihr stammt ursprünglich aus Israel, lebt inzwischen aber in Deutschland. Wann kam der Moment, in dem euch klar wurde: Wir müssen Israel verlassen und mit dieser Band nach Berlin gehen?

Die Idee, nach Berlin zu ziehen, entstand, nachdem wir unsere EP „London“ fertiggestellt hatten. Wirklich klar wurde es uns, als wir darüber sprachen, wie großartig es wäre, auf Festivals wie Wacken oder dem Summer Breeze zu spielen. Plötzlich schien es einfach sinnvoll, alles hinter uns zu lassen, in ein neues Land zu gehen und unseren Traum zu verfolgen. Auch wenn ich heute verstehe, wie verrückt das klingen muss.

Argaman Ventura, Sänger der Band INTERIA. Foto: Till Oliver Becker
Argaman Ventura, Sänger der Band INTERIA. Foto: Till Oliver Becker

War der Umzug nach Deutschland vor allem eine künstlerische Entscheidung, eine wirtschaftliche, eine persönliche oder am Ende eine Mischung aus allem?

Am Ende war es sicher eine Mischung aus all diesen Dingen. Aber wir lieben die deutsche Metal- und Rockszene wirklich. Wir fühlen uns hier zu Hause. Trotzdem bleiben wir nicht hier stehen.

In einem früheren Interview habt ihr gesagt, ihr hättet „alles hinter euch gelassen“ und seid nach Berlin gezogen. Was lässt man genau zurück, wenn man nicht nur den Wohnort, sondern auch sein musikalisches Umfeld wechselt?

Natürlich ist es schwer, die Heimat zu verlassen. Und es ist ein Risiko, eine lebendige Musikszene zu verlassen, zu der man bereits gehört. Aber wir haben noch viel mehr zurückgelassen. Ich persönlich war Focus Puller in der israelischen Filmindustrie. Auch das habe ich aufgegeben, um hierherzukommen und diesen Traum zu verfolgen.

Warum Berlin? Hätte Interia auch in London, Amsterdam oder Tel Aviv wachsen können, oder brauchte diese Band genau diese Stadt?

Ich glaube, wir hätten auch in anderen Städten wachsen können, nur eben anders. Berlin war für uns eine Mischung aus vielen Möglichkeiten und vielen Erfahrungen.

Roy Asher aktiv an der Axt. Foto: Till Oliver Becker
Roy Asher aktiv an der Axt. Foto: Till Oliver Becker

Wie hat sich euer Blick auf Israel verändert, seit ihr aus der Distanz darauf schaut? Und wie verändert diese Distanz eure Texte?

Israel wird für immer unsere Heimat bleiben. Wir vermissen das Land sehr. Ich hoffe, dass wir bald wieder zu Besuch dort sein und auch ein Konzert spielen können. In gewisser Weise gehe ich immer noch den Weg, auf dem ich gerade bin. Deshalb hatte ich noch gar nicht wirklich Zeit, stehenzubleiben und zurückzuschauen. Aber ich bin sicher, dass viele Worte und Texte, die ich schreibe, meine Liebe zu diesem erstaunlichen Land widerspiegeln.

Eure Musik wird als Alternative Metal, Post-Grunge und Alternative Rock beschrieben. Ihr selbst verwendet auch den Begriff „distorted cinematic metal“. Was kommt dem Kern von INTERIA näher: Genre oder Gefühl?

INTERIA ist definitiv eher ein Gefühl als ein Genre. Früher haben wir unsere Musik als „ein anderes Genre“ beschrieben. Ich glaube, das lag daran, dass wir immer noch nach den richtigen Worten suchen, um dieses Gefühl zu beschreiben, das INTERIA ist.

Ihr beschreibt INTERIA in drei Worten als „wounded, honest, driven“, also verwundet, ehrlich und getrieben. Ist diese Verletzlichkeit eher eine persönliche Haltung, oder hängt sie auch mit eurer Herkunft und der Geschichte des Weggehens aus Israel zusammen?

Diese drei Worte sind Teil unserer Identität. Sie haben mit dem Ort zu tun, aus dem wir kommen, mit uns als einzelnen Menschen und insgesamt mit den Werten, die uns mit unserer CREW verbinden. Wir nennen unsere Hörerfamilie CREW, weil wir es ohne sie wirklich nicht schaffen könnten.

Gibt immer Vollgas: Trommelpeter Idan Arad. Foto: Till Oliver Becker
Gibt immer Vollgas: Trommelpeter Idan Arad. Foto: Till Oliver Becker

Viele Bands klingen international, bleiben aber stark in ihrer lokalen Szene verwurzelt. Ihr habt offen gesagt, dass ihr eine große europäische Alternative-Metal-Band werden wollt. Was bedeutet Europa für euch als israelische Musiker, die in Deutschland leben?

Viele Menschen denken beim alten Bild von Amerika an das Land der Träume. Für uns war es anders. Wir sind in einer kleinen und sehr engagierten Szene in Israel groß geworden. Europäische Musikfestivals und Communitys waren für uns immer ein Traum, dem wir nachjagen wollten. Am Ende ist es unser Ziel, jedes Festival und jede musikalische Gemeinschaft zu erreichen, selbst die kleinste.

Ihr habt das Ziel formuliert, die größte Alternative-Metal-Band Europas zu werden. Ist das Größenwahn, Überlebensstrategie oder schlicht notwendig, wenn eine Band heute nicht verschwinden will?

Ich glaube, es ist eine Mischung aus all dem. Aber im Ernst: Wir haben nicht vor aufzuhören. Wir arbeiten hart, weil wir wirklich daran glauben, dass wir es schaffen können, wenn etwas möglich ist. Wir haben einen Spruch für schwere Zeiten: „Wir werden in Wembley darüber lachen.“ Wir sind so entschlossen, unseren Traum wahr werden zu lassen, dass wir uns immer wieder daran erinnern: Eines Tages wird sich all diese harte Arbeit auszahlen.

Ihr beschreibt INTERIA fast wie ein Start-up. Ihr analysiert Daten, schreibt E-Mails, bucht Konzerte, plant Veröffentlichungen und macht alles selbst. Wie viel Romantik bleibt im Leben einer Rockband, wenn man zugleich Unternehmer sein muss?

Das ist eine großartige Frage. Wir arbeiten sehr hart daran, diese beiden Seiten unseres Lebens in Balance zu halten. Persönlich glaube ich, dass es leicht ist, die meiste Zeit den Start-up-Hut zu tragen. Aber sobald wir uns treffen, um zu spielen, gemeinsam Musik zu schreiben oder aufzutreten, fliegt dieser Hut weg. Dann nimmt der echte Geist von Musik und Rock and Roll seinen Platz ein. Genau daraus ziehen wir die Energie und Kraft, um weiter hart zu arbeiten.

Eure Musik setzt stark auf Melodie, große Gefühle und klare Stimmen, nicht auf permanente Härte. War das ein bewusster Weg, euch von bestimmten Metal-Klischees zu entfernen?

Ich muss ehrlich sein: Ich liebe alle Metal-Klischees. In gewisser Weise wünschte ich, wir könnten das auch alles machen. Aber „The Death of Great Art“ war für uns eine Reise. Auf dieser Reise haben wir versucht, uns stärker darauf zu konzentrieren, was eigentlich „wir“ sind. Wir sind vier Typen und könnten uns leicht auf Metal-Klischees stützen und dabei Spaß haben. Aber ich glaube, dass das Leben mehr zu bieten hat. Das sind die Farben, die wir für dieses Bild gewählt haben.

Die Bilder entstanden 2025 beim LET THE BAD TIMES ROLL Festival in Manslagt. Foto: Till Oliver Becker
Die Bilder entstanden 2025 beim LET THE BAD TIMES ROLL Festival in Manslagt. Foto: Till Oliver Becker

Eure Songtitel heißen unter anderem „Euphoria“, „Déjà Vu“, „Hana-Bi“, „London“, „Gaia“, „Icarus“ und „The Swan“. Das klingt weniger nach klassischer Metal-Bildwelt, sondern eher nach Kino, Mythologie und innerer Reise. Welche Geschichte erzählt ihr dort eigentlich?

Ich glaube, du hast genau die richtigen Elemente benannt, aus denen unsere derzeitige INTERIA-Welt gebaut ist. Tatsächlich ziehe ich sehr oft Inspiration aus anderen großartigen Kunstwerken. „Déjà Vu“ ist eine Referenz auf „The Matrix“, „The Swan“ bezieht sich auf „Lost“ und „Hana-Bi“ ist eine Hommage an einen meiner absoluten Lieblingsregisseure, Takeshi Kitano.

Aber es endet nicht dort. Wir lassen uns von jedem Kunstwerk inspirieren, mit dem wir uns bewusst beschäftigen. Ich könnte wahrscheinlich stundenlang über die Inspirationen und Kunstbezüge hinter jedem einzelnen Song sprechen. Vielleicht sollte ich das öfter tun.

Die Geschichte, die wir erzählen, ist noch im Entstehen. Ich glaube, es ist die Aufgabe der Kunst, uns dazu zu bringen, nach innen zu schauen. Das ist wichtiger denn je in dieser schnellen Instagram-Welt des modernen Metal. Wir konzentrieren uns so sehr auf die Form, dass es wirkt, als seien wir aus der Substanz vertrieben worden.

Euer Album heißt „The Death of Great Art“. Das ist ein großer, fast kulturpessimistischer Titel. Woran stirbt große Kunst aus eurer Sicht: an Algorithmen, an der Industrie, am Publikum oder an den Künstlern selbst?

Ja, das ist ein großer Titel. Ich glaube, dass Kunst in vielerlei Hinsicht direkt vor unseren Augen stirbt und es scheint, als könnten wir nichts tun, um das aufzuhalten. Zugleich ist es für mich eine sehr persönliche Aussage. Während der Arbeit an diesem Album habe ich Menschen verloren, die mir nahestanden, und musste mit erheblichem Trauma umgehen. Meine Art, mit diesem Tod der Unschuld umzugehen, besteht nicht darin, wegzuschauen. Ich starre direkt hinein. Und wenn aus dem Tod etwas Neues entstehen kann, dann soll es große Kunst sein.

Ihr seid eine israelische Band in Deutschland. Spürt ihr im Alltag, in der Szene oder bei Konzerten, dass dieser Hintergrund seit dem 7. Oktober 2023 anders wahrgenommen wird?

Es ist kein Geheimnis, dass wir in einer Gesellschaft leben, die gegen sich selbst gespalten ist. Israeli zu sein, ist etwas, worauf wir sehr stolz sind. Bislang haben wir in dieser Szene nur Liebe gegeben und Liebe erhalten. Wir sind keine politische Band und suchen deshalb keine politische Auseinandersetzung. Wenn jemand ein Problem damit hat, dass wir Israeli sind, dann ist das rassistisch. Und ich bin gegen Rassismus.

Was sollte ein deutsches Publikum über Israel, über junge israelische Künstler und vielleicht auch über euch verstehen, wenn es euch nicht politisch, sondern musikalisch begegnet?

Politik ist das Schlimmste, was menschlicher Begegnung passieren kann. Musik ist das Beste. Wir sind alle Menschen. Wenn jemand eine Begegnung mit einem anderen Menschen mit Vorurteilen beginnt und ihn nach seiner Herkunft beurteilt, dann gibt es dafür ein Wort. Das ist nicht Politik. Das ist Rassismus, und wir müssen es auch so benennen.

Vor einer Sache muss ich das deutsche Publikum allerdings warnen, wenn es Israelis trifft: Seid darauf vorbereitet, einige der liebevollsten und schönsten Menschen kennenzulernen, denen ihr je begegnet seid. Ganz ehrlich denke ich das aber auch über das großartige deutsche Publikum und die Bands, die wir bisher getroffen haben, ganz besonders in der Metal-Szene. Wir können es kaum erwarten, unsere CREW und neue Zuhörer auf unserer nächsten Deutschlandtour im September zu sehen.

INTERIA auf dem LTBTR. Foto: OSHRIT ZINGER
INTERIA auf dem LTBTR. Foto: OSHRIT ZINGER

Webseite INTERIA 

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