
Borussia Dortmund steht einmal mehr in der Champions League, die sportlichen Ergebnisse der vergangenen Monate in der Bundesliga waren solide bis gut, bevor der Verein zuletzt nach der vorzeitigen Qualifikation den Fokus verlor. Dennoch bleibt rund um den Verein am Ende der Spielzeit 2025/26 ein seltsames Gefühl der Unzufriedenheit zurück. Der BVB gewinnt unter Trainer Niko Kovac ausreichend Spiele in der Liga, aber er begeistert seine Anhänger nur noch selten nachhaltig.
Die Identifikation vieler Anhänger mit der Mannschaft wirkt brüchiger als früher, die emotionale Bindung schwächer. Genau deshalb greift die aktuelle Debatte um eine Rückkehr zur „BVB-DNA“ so tief. Denn viele Fans sehnen sich nicht einfach nach besseren Resultaten – sie sehnen sich nach einem Verein, der wieder klar erkennbar für etwas steht.
Die Sehnsucht nach der Klopp-Zeit ist verständlich
Dass Borussia Dortmund nun wieder verstärkt auf junge Talente setzen möchte, klingt zunächst einmal völlig logisch und sogar sympathisch. Der neue Sportdirektor Ole Book scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Frühzeitige Transfers, intensive Betreuung junger Spieler und ein klarerer Entwicklungsplan – all das sind vernünftige Ansätze. Schließlich war genau dieser Weg einst die Grundlage für die erfolgreichste Phase der jüngeren Vereinsgeschichte. Doch die entscheidende Frage lautet: Reicht das wirklich aus, um den alten Geist zurückzubringen?
Der Vergleich mit der Ära von Jürgen Klopp wird dabei fast zwangsläufig gezogen. Schließlich war es Klopp, der aus einem finanziell angeschlagenen Klub wieder einen nationalen Spitzenverein machte. Doch viele verklären die damalige Zeit inzwischen zu sehr und übersehen dabei einen ganz wesentlichen Punkt: Erfolg entstand damals nicht allein durch junge Talente. Erfolg entstand vor allem durch Zeit, Geduld und Kontinuität.
Junge Spieler wie Mats Hummels, Neven Subotić, Nuri Şahin, Mario Götze, Shinji Kagawa, Robert Lewandowski oder auch Kevin Großkreutz entwickelten sich gemeinsam über Jahre hinweg. Ging mal einer, war das verkraftbar. Die Mannschaft durfte im Kern wachsen, Rückschläge erleben und daran reifen. Genau daraus entstand später unter Baumeister Klopp in diesen Jahren jene emotionale Einheit, die Fans und Verein so eng miteinander verband.
Der moderne BVB lebt zu sehr vom Weiterverkauf
Heute dagegen wirkt Borussia Dortmund oft wie eine Durchgangsstation. Junge Spieler werden verpflichtet, entwickeln sich rasant – und verschwinden kurze Zeit später dann wieder aus Dortmund. Sportlich nachvollziehbar, wirtschaftlich sinnvoll, emotional jedoch problematisch.
Die Beispiele der vergangenen Jahre sprechen für sich. Erling Haaland, Jude Bellingham, Jadon Sancho, Ousmane Dembélé und etliche andere waren herausragende Individualisten, aber sie blieben letztlich zu kurz, um beim BVB eine Ära zu prägen. Kaum hatte sich eine vielversprechende Mannschaft gefunden, wuchs scheinbar etwas erfolgsversprechendes heran, wurde sie schon wieder auseinandergerissen.
Genau hier liegt der fundamentale Unterschied zur Klopp-Zeit. Damals entwickelte der BVB nicht nur Spielerwerte, sondern auch eine echte Teamidentität. Heute dagegen scheint häufig der nächste große Transfergewinn wichtiger zu sein als die langfristige sportliche Entwicklung einer gewachsenen Mannschaft.
Natürlich kann Dortmund finanziell nicht dauerhaft mit Vereinen wie Manchester City, Real Madrid oder Paris Saint-Germain konkurrieren. Doch gerade deshalb müsste der Klub eigentlich versuchen, erfolgreiche Strukturen länger zusammenzuhalten, statt sich regelmäßig neu zu erfinden.
Book kann nur ein Teil der Lösung sein
Ole Book bringt ohne Zweifel interessante Ansätze mit. Seine Arbeit bei der SV Elversberg hat gezeigt, dass er ein gutes Auge für Talente besitzt. Auch die geplante engere Betreuung von Leihspielern oder die frühere Transferplanung wirken überfällig. Persönliche Gespräche mit Talenten wie Kennet Eichhorn zeigen zudem, dass Dortmund wieder aktiver und überzeugender auftreten möchte. Doch ein Sportdirektor allein wird die Identitätskrise des BVB nicht lösen können.
Denn die eigentliche Herausforderung ist struktureller Natur. Borussia Dortmund muss sich entscheiden, was der Verein künftig sein möchte: Ausbildungsverein mit regelmäßigem Ausverkauf seiner besten Spieler oder echter Herausforderer des FC Bayern mit langfristigen sportlichen Ambitionen? Beides gleichzeitig funktioniert nur sehr begrenzt.
Identität entsteht nicht auf dem Transfermarkt
Die vielleicht größte Erkenntnis aus der erfolgreichen Vergangenheit lautet daher: Identität lässt sich nicht einfach einkaufen. Sie entsteht durch gemeinsame Erfahrungen, durch Kontinuität und durch Spieler, die über Jahre hinweg ein Gesicht des Vereins bleiben.
Genau daran mangelt es Dortmund seit geraumer Zeit. Zu viele Kaderumbrüche, zu viele kurzfristige Lösungen und zu wenig Geduld haben verhindert, dass sich erneut eine Mannschaft entwickeln konnte, mit der sich die Fans dauerhaft identifizieren.
Natürlich darf und soll der BVB weiter junge Talente verpflichten. Das war immer Teil der Vereinsphilosophie und gehört mittlerweile zur wirtschaftlichen Realität des modernen Fußballs. Doch wenn diese Spieler den Klub weiterhin nach ein oder zwei starken Jahren wieder verlassen, wird Borussia Dortmund zwar regelmäßig hohe Transfererlöse erzielen – aber vermutlich nie wieder jene besondere emotionale Kraft entfalten, die den Verein unter Klopp einst so außergewöhnlich machte.
Die Sehnsucht vieler BVB-Fans richtet sich deshalb nicht nur auf attraktiveren Fußball oder größere Namen. Sie richtet sich vor allem nach einer Mannschaft, die bleibt. Einer Mannschaft, die gemeinsam wächst. Einer Mannschaft, die wieder echte Geschichten schreibt und Gefühle zulässt.
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