Kaum noch große Begeisterung: Steuert der Spitzensport auf eine dauerhafte Krise zu?

Olympische Ringe. Quelle: Wikipedia; Lizenz: gemeinfrei

Und? Habt ihr viel von den derzeit in Tokio laufenden Olympischen Spielen 2020 gesehen? Also, so viel wie früher bei den Vorgängerveranstaltungen, meine ich? Noch sind es ja ein paar Tage in Japan, aber die Zeit ist im Grunde schon jetzt reif für ein erstes, kleines Zwischenfazit. So ein ganz persönliches.

Seit meiner Kindheit bin ich allgemein ein sehr großer Sportfan. Zugegebenermaßen eher medial und in der eher verpönten Zuschauerrolle, als aktiv. 😉 Damit befinde ich mich seit jeher in guter Gesellschaft. Deutschland ist seit Jahrzehnten schon ein Land der passiven Sportfans. Millionen schauen regelmäßig zu, wenn sich andere bewegen.

In den vergangenen Monaten hat die Begeisterung für das früher so liebgewonnene Ritual des ‚Sportguckens‘ bei mir massiv gelitten. Was mit Corona im Frühjahr 2020 anfing, sich rasch auf die komplette Bundesliga-Berichterstattung übertrug, fand bei der Fußball-Europameisterschaft in diesem Sommer seine ungebremste Fortsetzung. Und auch die Olympischen Spiele, früher ein stets sehnlichst erwartetes Highlight in meinem Leben, fand diesmal weitestgehend ohne meine Aufmerksamkeit statt.

Und so langsam frage ich mich, ob das nur mir so geht, oder aber ob es sich doch um eine Verschiebung der Prioritäten bei vielen Zeitgenossen handelt. Denn, wie man hört und liest, waren und sind die TV-Quoten, trotz der eigentlich idealen Voraussetzungen in Pandemie-Zeiten, bei nahezu allen sportlichen Großveranstaltungen rückläufig bzw. auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Es scheint also längst nicht nur mir so zu ergehen.

Dass Sport, zumindest in seiner Spitze, schon längst nicht mehr der Körperertüchtigung dient, sondern vielfach Unterhaltung und Kommerz ist, ist kein Geheimnis. Diese Entwicklungen und Auswüchse kann man für sich als Zuschauer und Fan akzeptieren, oder ablehnen. Daran hat sich in den vergangenen Monaten nichts Grundlegendes geändert.

Natürlich hat der (weitestgehende) Wegfall der Zuschauer vor Ort in den Stadien und Arenen bei den Beobachtern viel verändert. Den aktiven Sportlern ohne die früher übliche Stimmung zuzuschauen ist eben nicht das Gleiche, wie dies mit tausenden Fans in der Arena mitzuerleben. Das kostet auf Dauer Emotionen, wie man ja speziell auch in der Bundesliga zuletzt gut mitverfolgen konnte.

Aber spätestens bei der Europameisterschaft der Fußballer war dieses Argument dann weitestgehend eliminiert. Die dort zugelassenen Teilzuschauermengen machten vieles, was die Stimmung vor Ort betrifft, wieder wett. Trotzdem erreichte das Turnier medial längst nicht die Aufmerksamkeit wie frühere Ausgaben. Auch nicht bei mir persönlich. Und das lag mit Sicherheit nicht nur am vergleichsweise schwachen Abschneiden der DFB-Elf.

Auch die Tour de France begeisterte jüngst hierzulande längst nicht so sehr, wie es frühere Ausgaben der Veranstaltung vollbrachten. Die Tennisturniere von Paris und Wimbledon taten sich ebenso schwer den früheren Glanz zu erreichen.

Den absoluten Höhepunkt dieses scheinbar immer mehr um sich greifenden Niedergangs der Spitzensportveranstaltungen bildete jetzt jedoch die Olympischen Spiele von Tokio. Klar, durch die Zeitverschiebung im Vergleich zu Japan, fanden die Wettbewerbe hierzulande zur vergleichsweise unglücklichen frühen Tageszeit statt. Dass solche Übertragungen am Mittag kein großer Straßenfeger sind, ist logisch. Und doch habe ich, selbst von dem was ich hätte schauen können, nur einen Bruchteil wirklich verfolgt. Und in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ging es vielen ähnlich. Bei Olympia, aber auch bei den anderen Highlights des Sportjahres.

Da kommt dann allmählich schlicht der Verdacht auf, dass der Spitzensport im Jahre 2021 generell auf eine bedeutende und grundsätzliche Krise zusteuert. Von den Hochzeiten vergangener Jahre ist hier inzwischen vieles ein ganzes Stück weit entfernt. Teilweise wegen Corona, teilweise wegen der finanziellen Auswüchse des Profisports, teils natürlich sicherlich auch schlicht wegen wichtigerer Sorgen (Hochwasser usw.), die sich als deutlich bedeutender darstellen.

Bemerkenswert ist es dennoch, dass der Sport als Unterhaltungsfaktor aktuell seine besten Tage auf breiter Front hinter sich gebracht zu haben scheint….

Dir gefällt vielleicht auch:

14 Kommentare

  1. #1 | Marcus sagt am 5. August 2021 um 14:01 Uhr

    Ich gucke nachmittags und letzte Woche auch morgens. Aber die Zeiten sind halt ungünstig für Deutschland. Nachts aufstehen würde ich dafür nicht. Das gleich bei der Europameisterschaft, da war mir der Anstoß um 21 Uhr schlicht zu spät.

  2. #2 | Helmut Junge sagt am 5. August 2021 um 16:02 Uhr

    Ich ärgere mich über die Auswahl der Sportarten über die Überproportional berichtet wird. Das sind Ballspotarten, Reitsport, und ästhetische Sportarten. Die Leichtathletik hat insgesamt soviel Sendezeit wie zwei oder drei Handballspiele. Kampfsportarten kommen überhaupt nicht vor. Das war früher anders. Und für mich war früher die Leichtatletik immer der Höhepunkt der Olympiade. Meiner Frau übrigens gefällt das so und sie hält mich für einen Meckerbolzen. Vermutlich nimmt man bei den Staatlichen keine Rücksicht auf Männer und deren Vorlieben.

  3. #3 | Marcus sagt am 5. August 2021 um 16:47 Uhr

    @Helmut Junge

    Diesmal werden doch ganz viele Sportarten parallel übertragen. Wenn man kein Basketball gucken will kann man zum Bogenschießen schalten. Hat dann auch noch den Vorteil das man nicht immer den Kommentatoren zuhören muss.

  4. #4 | DAVBUB sagt am 5. August 2021 um 17:37 Uhr

    Dies ist natürlich eine ganz persönliche Wahrnehmung: Seit einigen Jahren stelle ich bei mir, aber auch in meinem sozialen Umfeld eine gewisse Sportmüdigkeit fest. Weder schaue ich mir Fußball im TV an noch verfolge die BuLi aufmerksam. Bei der Euro z.B. wurden die Spiele nur geschaut, wenn auch ein üppiges, mehrgängiges Mahl auf dem Tisch stand; da war der Fußball Beiwerk statt Hauptgericht. Auch der früher gerne gehörte Sport im Westen läuft nur noch, wenn nichts anderes zu tun ist bzw. als Hintergrundgeräusch beim Kochen o.Ä. Das mag am zunehmenden Alter liegen. Andere Dinge werden wichtiger… oder es liegt am Sport. Die aus dem modernen Menschenhandel entstandene Söldnermentalität im Fußball hat die Vereine bis zur Unkenntlich- oder Austauschbarkeit für immer verändert und findet auch mittlerweile international z.B. in der Leichtathletik ihre Fortsetzung. Mit sehr zügigen Einbürgerungen, damit die Scheichs auch mal ihre Hymne bei Olympia hören können.
    Aktuell sind bei Olympia Rekorde zu bestaunen, die nur mit neuen Trainingsmethoden nicht mehr zu erklären sind. Das macht alles irgendwie einfach keine Freude mehr.

  5. #5 | Walter Stach sagt am 5. August 2021 um 18:02 Uhr

    Robin,
    gibt es im Sinne Deinen Mutmaßungen und Deiner Empfindungen, die ich im wesentlichen teile, Daten, mit denen sich das Gemutmaßte", das Empfundene belegen ließe-nebst einer Datenanalyse und vor allem mit Erklärungsversuchen zu den Gründen für….
    Und das Ganze nicht nur auf die laufenden olympischen Spiele bezogen, sondern, wie von Dir angesprochen, auf möglichst viele Sportveranstaltungen ?

    Interessant wird sein zu beobachten, wie die Einschaltquoten in der bevorstehenden Spielzeit der Fußball-Profi-Ligen sein werden -national/international. Bekanntlich sind für die Wirtschaftsunternehmen in den Profi- Fußball-Ligen die Zahlen der Zuschauer in den Stadien weniger bedeutsam als die Einschaltquoten im Fernsehen pp.

    Robin,
    ich denke, es wäre journalistisch durchaus reizvoll, den Mutmaßungen, den Empfindungen, die Du in Deinem Kommentar ansprichst,, nachzugehen und sich dabei z.B. auf Fragen/Gedanken einzulassen, wie ich sie hier formuliert habe. In diesem Sinne : "Bleibe am Ball"!

    Helmut Junge,
    abgesehen davon, daß Sport-Fans sehr unterschiedlliche sog. Lieblingssportarten haben und sie dementsprechend deren mediale Präsentation -quantitativ/qualitativ- unterchiedlich werten, finde ich den vom IOC seit Jahren eingeschlagenen Weg problematisch, möglichst immer wieder neue Sportarten "olympisch" zu machen -auch sog. "Randsportarten". Der umgekehrte Weg erscheint mir der richtige zu sein, nämlich "die Spiele" auf wenigere Sportarten zu beschränken, z.B. ausgewählt nach der Zahl der Menschen, die weltweit den jeweiligen Sport betreiben und nach der Zahl derjenigen, die sich weltweit für den jeweiligen Sport interessieren.
    Nur das allein sind bekanntlich nicht die Faktoren, die für die Wahl/Auswahl von Sportarten für Olympia bestimmend sind, sondern vor allem die Interessen/Wünsche derjenigen, die die Spiele direkt oder indirekt subventionieren. Helmut, und Letztere haben vermutlich nicht nur -oder nur noch am Rande- ältere bzw. alte Sport-Fans im Blick, sondern junge Fans und deren Interessen. Während Du Dich -so wie ich auch – nach wie vor wünscht, daß die Leichtathletik der Schwerpunkt der Spiele bleiben sollte -auch medial-, registriere ich z.B. heute im Veranstaltungsplan Skatebord, Karate, Sportklettern . Damit wird heute "Geld gemacht", möglicherweise weltweit mehr als mit der Leichtathletik bzw. mit den Leichtathleten.

    Helmut,
    es ist doch gut so,- jedenfalls nach meinem Empfinden- , daß wir hier auch hier bei den Ruhrbaronen dank des Kommentares von Robin Gelegenheit finden, unser Meinung über die olympischen Spiele in Tokio auszutauschen bzw. aus deren Anlass über "sportlichen Entwicklungen" zu reden und *mal nicht über…… die .Pandemie, über die Klimakatastrophe im allgemeinen, über weltweite Flut- und Brandkatastrophen im besonderen, über den Bundestagswahlkampf, über Wahlprognosen oder wie so oft über Rassismus, Faschismus, Antisemitismus, über weltweit Flüchtlings – und Hungerkatastrophen, über Kriege in….. u.ä. mehr.

  6. #6 | Helmut Junge sagt am 5. August 2021 um 18:50 Uhr

    Karate ist gar nicht so jung, denn ich hab in jungen Jahren etlicheKämpfe in duisburg-Hamborn gesehen. Das ist etwa 50 Jahre her. Und eine Trainingsenheit hatte ich damals mit 22 Jahren auch absolviert. Mehr nicht. Das hat mir zu weh getan. Aberinteressieren tut es mich schon. Boxen hab ich nur bei Eurosport gesehen. Trotzdem zeigt unser Ferhseher viel , weil meine -Frau begeistert guckt. aber die geschliffenen Kommentare von Cerne hört auch sie sich nicht an. Die Kommentatoren von Euronews schalte ich aber auch ab.

  7. #7 | Peter Mohr sagt am 5. August 2021 um 19:24 Uhr

    Ein wichtiger Aspekt des nachlassende Interesses ist im Artikel meiner Ansicht nach vergessen worden.Die sportbegeisterten Zuschauer können theoretisch rund um die Uhr irgendwelche Sportevents schauen und irgendwann tritt zwangsläufig eine Übersättigung ein. Beim Fußball z.B. wird die Übersättigung mit der Aufblähung der EM und WM betrieben, nicht zu vergessen dabei die Einführung der überflüssigen Conference League.

  8. #8 | Walter Stach sagt am 5. August 2021 um 19:42 Uhr

    Helmut,

    aber "olympisch" ist Karate jetzt zum ersten Male oder?
    t
    Ich habe zudem ganz und gar nicht die Absicht, irgend eine Sportart zu diskreditieren. Warum sollte ich. Es ist letztendlich Sache des IOC, darüber zu befinden, welche Sportart unter welchen Bedingungen "olympisch" ist, oder werden soll bzw. als olympische Sportart aussortiert wird…

    Das IOC hat in der Vergangenheit bei all seinen Entscheidungen erkennen lassen, daß es, "wenn die Kohle stimmt " stets wiohlwolllend" und wenn "die Kohle nicht, nicht mehr stimmt" kritisch/ablehnend entscheidend .
    Dass das Ganze im IOC stets wesentlich davon abhängig ist, was die jeweilige international gewichtige Politik wünscht,, soll nicht unerwähnt bleiben.. Und für einen Opportunisten vom Schlage des IOC-Präsidenten Bach ist das ein äußerst belangreiches Kriterium;. Damit wären "wir" doch wieder "im Politischen" gelandet , und ich widerspreche mir insofern selbst -sh. -5-abschließend-.

  9. #9 | Jürgen sagt am 5. August 2021 um 19:48 Uhr

    Olympische Spiele heißt für mich: Viele interressante Sportarten mit beeindruckenden Leistungen von Sportlern, die ich wie ihre Sportarten selten bis gar nicht im ÖRR zu sehen bekomme. Und tendenziell lieber Europäer als ÖRR (Hambach Challenge). Ebenso scheint die Berichterstatzung zu diesen Sportarten in den Zeitungen auf Papier wie digital einfach nicht mehr zu existieren. Genauso ging es mir bei den 'Finals' (bescheuerter Name) 2020 im Frühsommer. Tolle Sportarten, bewundernswerte Leistungen.
    Fußballbundesliga? Nur 2. Liga wegen des Lieblingsvereins. Ansonsten, nada, keine Nationalmannschaft, keine europäischen Konkurrenzen. Lieber gehe ich auf die Rennbahn, zu einem Footballspiel der GFL2, Landesmeisterschaft in der Leichtathletik oder vierte Liga.

  10. #10 | Psychologe sagt am 5. August 2021 um 20:31 Uhr

    Vielleicht passen solche Veranstaltungen (gerade diese "Mischveranstaltungen", Fußball-WM dürfte grundlegend anders sein) auch nicht mehr zu der Abkehr vom linearen Fernsehen. Wer will schon dem 100-Meter-Finale "on demand" entgegenfiebern? Feierabend, Füße hoch, Netflix an (oder Amazon Prime). Passt irgendwie nicht zu "um 19:00 ist der erste Vorlauf im…"

    "Auch die Tour de France begeisterte jüngst hierzulande längst nicht so sehr, wie es frühere Ausgaben der Veranstaltung vollbrachten. Die Tennisturniere von Paris und Wimbledon taten sich ebenso schwer den früheren Glanz zu erreichen."

    Schlechte Beispiele! Die "deutsche Radsportbegeisterung" war nie mehr als Jan Ulrich und Erik Zabel. Und als der "Magenta-Express" nicht mehr fuhr, waren Jens Voigt, Marcel Wüst & Co. nur noch für den harten Kern, der übrig geblieben war, interessant. Deutschland war diesbezüglich nie Belgien. Oder eben Frankreich. Beim Tennis waren es dann Steffi Graf und Boris Becker. Später dann noch Michael Stich. Aber der gemeine Toitsche hat Tennis, dieses ganz herausragende, wunderbare Spiel, nie verstanden und dem Bauernsport Fußball den Vorzug gegeben.

  11. #11 | Angelika, die usw. sagt am 6. August 2021 um 18:29 Uhr

    6. August 2021

    Olympia
    Fünfkampf

    Isabell Werth zum Fall Annika Schleu: "Fünfkampf hat nichts mit Reiten zu tun". (siehe link)

    Die Pferde werden, so Werth, kurz vorher mit einem Transporter gebracht, kein Reiter kennt sie.

    "…keine gewachsene Beziehung, wie sie in diesem Sport mit diesen sensiblen Lebewesen nötig ist. Die Pferde sind hier nur Mittel zum Zweck.", so Werth.

    https://www.spox.com/de/sport/olympia/2108/News/isabell-werth-zum-fall-annika-schleu-fuenfkampf-hat-nichts-mit-reiten-zu-tun.html

  12. #12 | Richard Heller sagt am 6. August 2021 um 18:44 Uhr

    Der Artikel beschreibt ja nur eine persönliche Befindlichkeit. Aber gibt es auch eine Tatsachengrundlage, d. h. ein festgestelltes Schwinden des Publikumsinteresses?

    Ein Indiz für nachlassende Strahlkraft kann sein, dass sich kaum ein demokratisches Land noch dafür hergibt, olympische Spiele auszurichten. Vorstöße unserer Politiker in dieser Richtung sind jeweils am erbitterten Widerstand der Bevölkerung gescheitet. Das Beispiel der olympischen Spiele von Athen, an denen Griechenland heute noch zu würgen hat, ermuntert auch nicht gerade.

  13. #14 | thomas weigle sagt am 6. August 2021 um 19:21 Uhr

    1980 bin ich in den Sommerferienteils in Freistatt geblieben, teils in Berlin gewesen, um die Moskauer Olympiade im DDR-TV zu sehen,84 konsequent für 2 Wochen Tagesablauf umgestellt. Und heuer? Nicht einmal die Tageszusammenfassungen. Was in der Tagesschau oder in WDR aktuell kommt, reicht. Und die Laufbänder bei den Nachrichtensendern. Die Sportseiten in HK und TAZ werden nur überflogen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Werbung