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Sisyphos im Ruhrgebiet

Sisyphus  von Franz Stuck

Sisyphus von Franz Stuck

Im Ruhrgebiet fehlt es an strategischer Kompetenz und regionaler Reichweite. Der letzte relevante  Entwicklungsplan, Ruhr2030, ging von der Großindustrie aus und scheiterte an der Überschätzung noch vorhandener industrieller Strukturen und ihrer Attraktivität für die Ausbildung neuer Cluster. Von unserem Gastautor Reinhard Matern.

Es gibt derzeit wenige Erfolgsprojekte, in Duisburg, um ein Beispiel anzuführen, den Hafen, der zu einem internationalen Logistikzentrum um- und ausgebaut wurde, aber viele Großprojekte, die an den lokalen Inkompetenzen und Selbstüberschätzungen gescheitert sind, bin hin zu fahrlässigem und zynischem Verhalten, das sich auch von möglichen Gefährdungen und tatsächlichen Toden wie bei der Loveparade 2010 nicht beeindrucken ließ noch lässt. Um überhaupt etwas herzeigen zu können, verweist z.B. die Duisburger Marketing-Gesellschaft auf die Tourismuserfolge, die vor allem dem Landschaftspark Nord zu verdanken sind, in dem ehemalige Montanindustrie museumshaft präpariert wurde und ausgestellt wird.

Die Musealisierung des Ruhrgebiets hatte in den Städten viele Hoffnungen geweckt, die Zeche Zollverein in Essen, um ein weiteres Beispiel anzuführen, warb und wirbt mit verblasstem Glanz und ältlicher Ästhetik. Der primär vom Land NRW finanzierte Umbau des Reviers zu einem Industriemuseum und das Engagement, die vormals zu einer Kloake verkommene Emscher zu renaturalisieren, bildeten zwar Ansätze, jedoch keine, die in direkter Weise wirtschaftlich von Belang waren. Sie stärkten den Freizeitwert, boten eine Alternative zu den früher zahlreicheren Schrebergartenidyllen, konnten jedoch nicht verhindern, dass Menschen abwanderten, weil es keine Arbeitsangebote gab. Doch fünf Millionen Menschen, wo sollten die hin: Nach Stuttgart? Nach München?

Der Ruhrbischof Oberbeck forderte in einem Interview ein neues Denken ein: „Bildlich gesprochen: Sie können nicht wie im Theater einen alten Menschen immer weiter schminken”, äußerte er gegenüber der WAZ, und bezog sich auf ein Verhalten in Politik und Kirche gleichermaßen. Doch auf was man sich stattdessen zu konzentrieren hätte, ließ er offen. Zudem war sein Bild unstimmig. Die Musealisierung eröffnete eine neue Gräberkultur! Das Ruhrgebiet ist ein industrieller Friedhof. Die Wirtschaftsförderungen der Städte haben längst begriffen, dass es primär um einen Neuaufbau gehen muss, um eine Sisyphos-Arbeit. Hier im Ruhrgebiet lässt sich der alte Mythos relativ traditionell deuten, als Strafe am Rand der Unterwelt. Sisyphoshaft ist die Arbeit, weil (a) im Ruhrgebiet Kaufkraft fehlt, (b) Wertschöpfungsketten kaum existieren. Ein Engagment z.B. in der sogenannten Kulturwirtschaft hat stets damit zu kämpfen, dass jungen Firmen hiesige Auftraggeber und Kunden fehlen.

Das wirtschaftlich mangelhafte Profil geht mit einem politisch mangelhaften einher. Grundsätzlich gäbe es unter den Städten die Möglichkeit, primär vorhandene Kompetenzen zu stärken: Für Duisburg könnte zum Beispiel in Betracht kommen, den künstlerisch wenig relevanten aber teuren Opernbetrieb (Rheinoper, gemeinsam mit Düsseldorf) einzustellen, sich stattdessen auf Ballett und Philharmoniker zu konzentrieren, und zwar im verwaisten Theater am Marientor, das als Musical-House gescheitert war. Sich auf die lokalen Stärken zu besinnen, hieße aber, von Sentimentalitäten Abschied zu nehmen, und von städtischem Kleinkleinklein. Abschied von einem lokalen Gartenzwergverhalten, das die ganz große Welt will! Es lebe Sisyphos!

 

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13 Kommentare zu “Sisyphos im Ruhrgebiet

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  • #2
    Franz Przechowski

    Ein Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Als Unternehmer in der sog. Kreativwirtschaft, wanke ich, wie ein Betrunkener, zwischen Verzweifelung über Verschwendung von Geldmitteln aus kommunaler Eitelkeit, Fatalismus nach dem X-ten Initialaufruf das Ruhrgebiet zu erwecken und meinem ausgeprägten Willen zum Wandel der Region beizutragen. Der Vergleich des Autors zu Sisyphos klingt überzeugend. Frage mich dabei aufrichtig, wer ist eigentlich dieser Sisyphos, wer oder was ist der Stein und wen symbolisiert der Berg? Zudem suche ich noch die Antwort zurAnalogie der Schwerkraft. Wer oder was läßt den Stein immer wieder seit Jahrzenten den Berg hinunter rollen? An welchen Einflußfaktoren krankt also diese Region seit mehr als 50 Jahren?

    Ein Beispiel aus dem Mikrokosmos Ruhrgebiet:
    Die Dortmunder Wirtschaftsförderer und ECCE sorgen dafür, daß es für das neue Kreativwirtschaftliche Zentrum keine Beauftragung an ein Unternehmen aus Gelsenkirchen gibt. Es muß eine Dortmunder Agentur sein, auch wenn die Aufgabe wahrscheinlich zwei Nummern zu groß ist. An dieser Stelle möchte ich nicht auf die Rolle der ECCE eingehen. Subventionen kassierend und gleichermaßen den privatwirtschaftlichen Marktteilnehmern Aufträge entziehen. Ist dieses Beispiel im kleinem Karo auch die Geschichte der gesamten Region? Man versucht die Überreste der Vergangebheit zu „musealisieren“, hofft auf Wertschöpfung und Imagetransfer durch junge Wirtschaftszweige, die man aber nur mit Subventionen auf Mikrobengrösse ziehen kann. Mauschelei mit Geld aus Düsseldorf und Brüssel, um die eigene Existenzberechtigung zu rechtfertigen. Lokales Kirchturmdenken mit 20 Meter Radius? Mittelmäßigkeit bei Qualität, Kreativität und Umsetzungskompetenz als Maßstab für das Selbstverständnis einer „Metropole“ mit internationaler Strahlkraft?

    Wenn ich nicht stark emotional und nur rein geschäftlich, d.h. mein Kapital hier vor 30 Jahren in Beton gegossen hätte, dann ließe ich den Stein den Berg hinunter poltern. Wäre aber nicht mehr bereit, einen weiteren Anlauf als Franz Sisyphos zu machen. Irgendwann ist es genug. Spätestens dann, wenn wir alle die Mütze eines Museumswärters tragen.

    Glückauf und Gute Nacht Ruhrgebiet

  • #3
    Helmut Junge

    Reinhard Matern, denk ich auch. Aber für Kulturpolitik in Duisburg, und damit für Einschätzung der Bedeutung der Oper ist trotz Ruhestand, immer noch der Alt-OB Herr Krings zuständig. Weil der aber die Oper für wichtig hält, nicken alle Sozen, nicken alle Grüne, nicken die PDL`ler. Über die Konservativen brauch ich gar nicht erst zu reden. Dabei hätte man neue und frische Kultur fördern können, die jetzt für jüngere Leute (unter Siebzig!) interessant wäre. Hat man nicht gemacht, findet altbackenes gut, plant weiterhin nur in Sichtweite des Rathauses, guckt aber nicht hin, bis es optisch sichtbar zum Debakel wird, schimpft über die Kosten an anderen Stellen, und plant neue große Projekte, die mit einer gefühlten Wahrscheinlichkeit von 50% zu neuen großen Flops werden. Den Neuanfang, den man nach der Abwahl von Sauerland hätte machen können, hat man, d.h. die SPD und ihre Verbündeten gewollt verhindert. Aber wenn die Bürger befragt werden, ob sie sich in dieser Stadt wohl fühlen, sagen sehr viele „ja“. Solange das so ist, wird sich auch nichts ändern, denn die, die sich zusammenklüngeln, werden weder schlauer, noch geben sie auf.

  • #4
    Heinz Gelkiing

    Die Gleichsetzung von Oper mit Altbackenem ist aber ziemlich ignorant. Wohl lange nicht mehr in einem Opernhaus des Ruhrgebiets gewesen, was? Viel langweiliger finde ich die stets gleich Programmierung bei Stadtfesten, der Extraschicht oder ähnlichen „Events“. An irgendeiner Ecke tauchen regelmäßig Pan-Kultur oder Atemgold 09 oder ähnliche Gruppen auf. Das ist ebenso vorhersehbar wie langweilig.

  • #5
    Reinhard Matern

    @Heinz: Ich bezog mich im Text auf die Rheinoper! Zudem: Ich hätte nichts gegen Stücke aus dem zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahrhundert. Aber das Thema würde hier zu weit führen …

  • #6
    Soeren

    So ein Kreativwirtschaftliches Zentrum kann natürlich nur ein Creative Brand Builder wie Herr Przechowski vermarkten

  • #7
    keineEigenverantwortung

    Ja, das Ruhrgebiet muss sich als Metropole betrachten und in den einzelnen Städten Schwerpunkte bilden, die dann ein Top-Niveau erreichen können. Das gilt insbesondere im teuren Kulturbereich.

    Beispiel: Bochum braucht auch ein Konzerthaus.

    Zurzeit sehe ich eher eine Abwärtsbewegung, da immer noch zu viele große Betriebe schließen und im Ruhrgebiet keine Gründermentalität vorhanden ist. Die letzte „Generation Abfindung“ hat dazu beigetragen, dass die Abfindung mit Frührente zum Lebensziel wurde.

    Die neue Generation braucht wieder heimische Dynamik und keine Politiker, die nur immer jammern, dass Berlin und Brüssel kein Geld überweisen. Diese Strategie klappt nur in Berlin.

  • #8
  • #9
    abraxasrgb

    Wie war das noch bei Albert Camus?
    „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“ …

    Zukunft im Ruhrgebiet ist nostalgisch rückwärts orientiert. Mit Tourismus kann man bestenfalls auf Zeitungsleserniveau punkten. Niedrige Löhne, saisonales Geschäft und wenig bis keine strukturellen Effekte (ca. 0,2 weitere Arbeitsplätze).

    Industriekultur? Als ausgestellter balsamierter Leichnam (Lenin)? Diese Region musealisiert sich wahrlich selbst zu Tode. Wie war noch der Titel eines Reiseführers: Tal der Könige 😉
    OK, jetzt habe ich es kapiert: Es heisst Nekropole Ruhr …

    Hinzu kommt diese unsägliche Fördergelderturm-Politik.

  • #10
    Rumia

    Ich sehe keine Chance, dass sich das Ruhrgebiet jemals wirtschaftlich erholen wird. Die ehemaligen Fundamente Kohle und Stahl sind endgültig weggebrochen. Die Abhängigkeit von dieser Monostruktur wurde in Zeiten der Hochkonjunktur verdrängt oder verleugnet. Die politisch Verantwortlichen von damals haben sich aus dem Staub gemacht oder liegen als Staub auf dem Friedhof.
    Damals ging der Malocher in der Frühstückspause mit der Bildzeitung auf’s Klo,
    leistete freiwillig Überstunden, trank abends sein Pils und wählte meist die SPD.
    So richtig brenzlig wird es noch werden, wenn die Alten mit ihrer relativ guten Bergmannsrente nicht mehr leben, wenn die Armutszuwanderung aus Süd-Ost-Europa an Fahrt gewinnt und eine ehemals homogene Bevölkerungsstruktur sich völlig aufgelöst hat. Ein wenig optimistisch könnte ich sein, wenn es gelänge, dass Ruhrgebiet auf dem Hochschul- und Fachochschulsektor auszubauen, den Studenten preiswerten Wohnraum und jungen Start up Unternehmen finanzielle Hilfen anzubieten. Die Chancen liegen weniger in einer industriellen Fertigung, sondern im Lernen und in der Weitergabe erworbenen Wissens. Eine spezifische Kultur würde sich dann fast von alleine ergeben.

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