
Über politische Stimmungen, ostdeutsche Identität und die unerledigte Geschichte der Wiedervereinigung.
Wahlen können analysiert und politisch bewertet werden. Zuallererst ist deren Ergebnis jedoch zu akzeptieren. Auch die Entscheidung der AfD-Wähler und die Tatsache, dass die anderen Parteien in Sachsen-Anhalt sie nicht davon abhalten konnten, eine in Teilen rechtsextreme Partei zu wählen. Eine Partei, die laut ihrem Programm sogar einem großen Teil ihrer Wähler Nachteile bringt. Die Frage ist vielmehr, wie das möglich ist und wieso es in den neuen Bundesländern eher und häufiger passiert als in den alten.
Wahlen sind nur zu einem Teil rationale Entscheidungen, geschweige denn basieren sie darauf, dass jeder Wähler die Programme der von ihm gewählten Parteien genügend kennt, ja überhaupt gelesen hat. Wahlen spiegeln vielmehr Stimmungen wider, die aus einer Mischung aus persönlichen Erfahrungen, daraus gewonnenen Einstellungen und tief sitzenden sozialen Prägungen bestehen. Solche Stimmungen entstehen im Stillen, steigern sich über Jahre, um dann mit großer Macht auszubrechen.
Die Migration als Bedrohung
Der Kipppunkt, an dem diese Entwicklung im Osten noch hätte aufgehalten werden können, ist lange überschritten. Danach haben weder Argumente noch politische Zugeständnisse oder Warnungen geholfen, denn politische Stimmungen haben mehr mit Identität, Kultur und Sozialisation als mit materiellen Vor- und Nachteilen zu tun. Und genau da hatte Ostdeutschland eine völlig andere Geschichte als Westdeutschland.
Das gilt besonders für die Migration. Große Teile der Ostdeutschen haben keine eigene Erfahrung mit Einwanderung im größeren und dauerhaften Maßstab. Deshalb wird Migration dort, besonders in ländlich-provinziellen Regionen, vielfach als größere Bedrohung wahrgenommen als im Westen. Das macht Ostdeutsche nicht automatisch fremdenfeindlich, aber anfälliger für völkisches Denken als die Westdeutschen.
Hinzu kommt nach der Wiedervereinigung für sie die Wahrnehmung zunehmender Integrationsprobleme. Der gelegentliche Besuch von Berlin dient dabei vielen Ostdeutschen als abschreckendes Anschauungsobjekt. Eine solche Entwicklung wollen sie in ihren Orten aus guten Gründen nicht. Der vorschnelle Rassismusvorwurf führt deswegen nicht weiter, sondern erzeugt in Ostdeutschland eher Abwehr als Umdenken.
Was die Ostdeutschen 1989 verloren – und was der Westen nicht verstanden hat
Die DDR hatte einen deutlich niedrigeren Konsumstandard als die Bundesrepublik. Dafür besaßen diejenigen, die nicht offen opponierten – und das war die große Mehrheit –, ein vergleichsweise hohes Maß an ökonomischer und sozialer Sicherheit. Dieses Sicherheitsgefühl brach 1989 für viele abrupt weg und ist bei einem Teil bis heute nicht vollständig zurückgekehrt.
Auch die schönste renovierte Stadt und die modernste Wohnung ändern daran nichts, wenn am Ende die Grundsicherung steht. Wer Arbeit, berufliche Stellung oder gesellschaftliche Anerkennung verlor, empfand materielle Modernisierung nicht automatisch als persönlichen Erfolg. Auch wer sich später beruflich neu erfand und materiell besser dastand, vergaß diese Erfahrung nicht.
Der Westen übernahm obendrein nach 1990 auch nicht die gut funktionierenden Elemente der DDR – etwa die flächendeckende Kinderbetreuung, bestimmte Strukturen der polyzentrischen Gesundheitsversorgung, die gute MINT-Ausbildung oder das flächendeckende Recycling. Die Wiedervereinigung war daher vielfach weniger eine Vereinigung gleichberechtigter Systeme als eine Übernahme westdeutscher Institutionen und Standards.
Dabei kamen aus dem Westen keineswegs nur die besten Fachleute, Manager und Verwaltungsfachleute; vieles war Mittelmaß oder schlechter. Zugleich verloren zahlreiche qualifizierte DDR-Bürger wegen ihrer Parteimitgliedschaft oder anderer Systemverstrickungen ihre Positionen, andere wurden aus wirtschaftlichen Gründen entlassen. Die Wiedervereinigung produzierte so massenhaft Kränkungen.
Zunächst bewirtschaftete vor allem die SED-Nachfolgepartei Die Linke diese Kränkungen politisch, später die AfD noch erfolgreicher. Zusammen mit zunehmender DDR-Nostalgie entstand trotz wachsenden Wohlstands eine Entfremdung vom Westen. Dieser wiederum reagierte enttäuscht darauf, dass trotz des vielen „Westgeldes“ die erhoffte Integration ausblieb.
Dankbarkeit als Zumutung
Die Entfremdung wurde im Westen zunehmend als Undankbarkeit verstanden – und dadurch weiter verstärkt. Viele Ostdeutsche waren es satt, sich als Bittsteller betrachten und für die Wiedervereinigung dankbar sein zu müssen. Dafür gab es historische Gründe.
Die deutsche Teilung war weder von Ost- noch von Westdeutschen gewollt, sondern Ergebnis der gemeinsamen deutschen Geschichte. Es war nicht die Schuld der Ostdeutschen, dass die DDR von der Sowjetunion ökonomisch ausgebeutet, politisch dominiert und von deutschen Funktionären in deren Interesse regiert wurde. Ebenso wenig war es das Verdienst der Westdeutschen, dass die westlichen Alliierten die Bundesrepublik wirtschaftlich unterstützten, sicherheitspolitisch schützten und demokratisch förderten.
Beide Gesellschaften kamen aus der gemeinsamen nationalsozialistischen Vergangenheit. Beide fügten sich danach mehrheitlich in ihr jeweiliges System – im Osten in die SED-Diktatur, im Westen in die Demokratie. Der entscheidende Unterschied waren die wesentlich besseren historischen Ausgangsbedingungen Westdeutschlands.
Die Wiedervereinigung war deshalb für die Ostdeutschen eine paradoxe Erfahrung: Sie brachte Freiheit und Demokratie, zugleich aber den Zusammenbruch ihrer bisherigen Lebenswelt. Sie waren Verlierer eines Systems, das sie nicht geschaffen hatten, und mussten sich zugleich für dessen Überwindung dankbar zeigen.
Die westdeutschen Transfers waren notwendig und angesichts der maroden DDR-Infrastruktur auch unvermeidlich. Nur der Westen verfügte über die wirtschaftliche Kraft, diesen Kraftakt zu finanzieren. Die Modernisierung von Infrastruktur und Städten war deshalb keine unangemessene Ausgabe, sondern eine notwendige Zukunftsinvestition.
Die unterschätzte Leistung der Ostdeutschen
Auch der Solidaritätszuschlag war keine einseitige westdeutsche Leistung; die Ostdeutschen zahlten ihn ebenfalls. Vor allem aber mussten die Menschen in den neuen Ländern den eigentlichen Umbruch ihrer Lebensverhältnisse selbst bewältigen.
Dass die enormen Transfers im Westen zeitweise zu Investitionsdefiziten führten, ist eine politische Tatsache, aber nicht die Schuld der Ostdeutschen. Verantwortlich waren die Regierungen des vereinigten Deutschlands, die lange fast ausschließlich von westdeutschen politischen Eliten geprägt wurden.
Der Westen sollte deshalb seine Perspektive auf die Wiedervereinigung korrigieren. Die Ostdeutschen bekamen nicht einfach etwas geschenkt. Sie mussten eine Leistung erbringen, die Westdeutschen erspart blieb: Sie trafen 1989/90 ihre erste freie und demokratische, zugleich hochriskante politische Großentscheidung. Sie entschieden sich gegen ein bestehendes System und für eine ungewisse Zukunft – und hatten damit Erfolg.
Die Westdeutschen mussten eine solche Entscheidung nie treffen. Ihre Demokratie entstand nach 1945 unter besonderen Bedingungen und wurde von den westlichen Alliierten geschützt und gefördert. Zudem konnten viele in die NS-Herrschaft Verstrickte später wieder Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft, Bildung und Kultur einnehmen. Das relativiert weder die DDR-Diktatur noch rechtfertigt es ihre Verbrechen. Es bedeutet lediglich, die unterschiedlichen historischen Ausgangslagen ernst zu nehmen.
Dazu gehört auch, dass sich unter den Bedingungen der Diktatur keine vergleichbare öffentliche Oppositionskultur entwickeln konnte. Eine westdeutsche 68er-Bewegung, die Institutionen und gesellschaftliches Bewusstsein nachhaltig veränderte, hatte im Osten kein Gegenstück. Die DDR-Opposition blieb klein und konnte sich selbst bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung gegenüber der Mehrheit der eigenen Bevölkerung nicht durchsetzen.
Russlandhörigkeit und Verdrängung der eigenen Geschichte
Deshalb entstand auch nach der Wiedervereinigung nur langsam eine demokratische Zivilgesellschaft, die frühere Prägungen und Narrative überwinden konnte. Dazu gehört die bis heute verbreitete Russlandfreundlichkeit vieler Ostdeutscher, deren Entstehungsgeschichte berücksichtigt werden muss.
Die DDR bot zwar weniger Konsum, aber – für die große Mehrheit, die nicht offen opponierte – vergleichsweise viel soziale und ökonomische Sicherheit. Im Kalten Krieg wurde diese Sicherheit nach außen durch die Sowjetunion garantiert. Durch permanente Indoktrination wurde Russland von Kindheit an als Freund und Beschützer vermittelt, der Westen und die NATO dagegen als Feind.
Die sowjetischen Verbrechen an der ostdeutschen Zivilbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs, einschließlich der Massenvergewaltigungen, wurden ebenso verdrängt wie der Abbau von Industrieanlagen und technischer Infrastruktur als Reparationsleistung, der die Produktivität der DDR um Jahre zurückwarf. Auch der 17. Juni 1953 wurde als Aufstandsbekämpfung kaschiert und als Rettung der DDR vor dem Faschismus dargestellt.
Nach 1989 kam im Westen eine geradezu euphorische Versöhnungsbereitschaft mit Russland hinzu. Sie bestätigte und verstärkte das positive Russlandbild vieler Ostdeutscher. Je stärker die aggressiven Seiten der sowjetischen Geschichte verdrängt wurden, desto mehr weigerten sie sich, Russland als potenziell brutales Imperium wahrzunehmen, denn es hätte bei ihnen alte Gewissheiten zerstört.
Die lange Zeit günstige russische Energieversorgung trug zusätzlich dazu bei. Sie verschaffte dem vereinigten Deutschland und damit vor allem den Ostdeutschen trotz der Zumutungen der Wiedervereinigung einen zuvor nicht gekannten Lebensstandard. Entsprechend stieß die zunehmende Kritik an Putins Kriegen im Osten häufig nicht auf Zustimmung, sondern auf umso stärkere Abwehr.
Wir brauchen keine neue Mauer, sondern eine neue Politik
Aus diesen historischen Erfahrungen und Prägungen entstand jene politische Stimmung, auf die die AfD heute zurückgreifen kann. Sie hat diese Stimmung nicht geschaffen, sondern gebündelt, zugespitzt und in Wählerstimmen verwandelt. Dabei geht es längst nicht nur um wirtschaftliche Benachteiligung. Es geht um das Gefühl, dass die eigene Lebensgeschichte, Kultur und Erfahrung nicht ausreichend anerkannt werden; um die Erinnerung an verlorene soziale Sicherheit, berufliche Entwertung und einen radikalen gesellschaftlichen Umbruch – und um das Gefühl, danach auch noch dankbar sein zu müssen.
Das ändert nichts daran, dass die AfD teilweise rechtsextrem ist und auch im Westen zunehmend Fuß fasst. Man kann sie jedoch nicht mit den bisherigen Mitteln bekämpfen. Der Osten ist vielmehr ein Seismograf für gesamtdeutsche Stimmungen: für Probleme der Migration, des Staatsversagens, der Funktionsuntüchtigkeit von Infrastruktur und des ökonomischen Umbruchs. In solchen Situationen neigen Menschen generell stärker zu totalitären Parteien.
Ebenso wenig darf die Wiedervereinigung als Geschenk des Westens an den Osten verstanden werden. Sie war eine politische Grundsatzentscheidung, deren Kosten absehbar hoch, aber letztlich gut angelegt waren und sind. Deutschland hat in Deutschland investiert, nicht in ein fremdes Land. Jeder Westdeutsche kann durch einen Umzug in den Osten unmittelbar von diesen Investitionen profitieren.
Die deutsche Einheit war deshalb keine Einbahnstraße und sollte auch politisch nicht als solche verstanden werden. Sie war ein historischer Glücksfall – zugleich aber ein gewaltiger gesellschaftlicher Umbruch, dessen Folgen bis heute nicht vollständig verarbeitet sind.
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Die angeblich so gute MINT-Ausbildung oder die immer wieder zu lesende Legende vom angeblich so guten Schulsystem in der DDR ist genau das: eine Legende. Als jemand, der 10 Jahre in der DDR zur Schule ging, dann (von 1985 bis 1988) drei Jahre in Westdeutschland, und anschließend ein MINT-fach studiert und darin promoviert hat, kann ich das ganz gut beurteilen. (Ich will jetzt gar nicht davon anfangen, dass die Schule in der DDR – zumindest für unangepasste Schüler – ein Unterdrückungsapparat war. Das war hier nicht das Thema.) Man darf nicht den Fehler machen, die Schulen (z.B. bzgl. MINT) in der DDR mit denen von heute zu vergleichen, sondern muß als Maßstab die 80ziger Jahre in Westdeutschland nehmen, Und da gab es keinen Unterschied. (Ich hatte zum Vergleich Mathe- und Physik Schulbücher aus der DDR, die ich oft zum Lernen verwendet habe, und die nicht schlecht waren, keine Frage.) In allen anderen Fächern (Sprachen, Geschichte etc.) war die DDR-Schule deutlich anspruchsloser (die Russisch-Prüfung zum Abschluss der 10. Klasse also nach sechs Jahren Unetrricht, vier Stunden die Woche, bestand darin, zu einer Seite russischen Tetxt deutsche Fragen auf deutsch zu beantworten. Mit Wörterbuch!). Natürlich waren die Abiturienten in der DDR im Schnitt besser leistungsstärker als die heutigen: Kein Wunder, wenn nur etwa 10% eines Jahrgangs Abitur machen. Man sollte aber nicht Äpfel und Birnen vergleichen. Obwohl es hier wohl eher Äpfel und Bananen sind.
@ mus
Danke für die Ergänzung aus persönlicher Erfahrung. Ich habe KI gebeten, die Sache differenzierter zu betrachten als mir das im Rahmen meines Artikels möglich war. Hier das Ergebnis:
„Die Stärken des DDR-Systems:
Die Stärken des westdeutschen Systems (BRD)
Warum der direkte Vergleich hinkt:
Die Systeme verfolgten völlig unterschiedliche gesellschaftliche
Ziele. Ein Hauptproblem der These vom „besseren“ DDR-System liegt darin, dass sich die ideologische Komponente im Osten gar nicht sauber vom Fachlichen trennen lässt:
Das Nachwirken bis heute:
Dass das DDR-System heute oft positiv erinnert wird, liegt auch am sogenannten „PISA-Schock“ Anfang der 2000er-Jahre. Die skandinavischen Länder und später auch ostdeutsche Bundesländer wie Sachsen und Thüringen schnitten bei PISA-Tests in den Naturwissenschaften traditionell sehr gut ab. Diese Länder hatten nach 1990 Elemente der DDR-Struktur (wie das längere gemeinsame Lernen in Mittelschulen, Zentralabitur nach 12 Jahren und den Fokus auf MINT-Fächer) beibehalten bzw. modernisiert, anstatt das rein westdeutsche System komplett zu kopieren. „
Arnold Voss, ich habe die Artikel und die Kommentare zu dem Thema intensiv gelesen.
Mittlerweile bin ich der Überzeugung dass wir in Nordrhein-Westfalen, ein Land mit 18 Millionen Einwohnern, darunter auch ehemalige DDR-Bürger, die Problematik überhaupt nicht richtig verstehen können.
Es ist in erster Linie ein Stadt Land Problem. Auf der einen Seite ist NRW größer wie die Niederlande und dich Besiedelt, auf der anderen Seite hat Sachsen-Anhalt wenige Städte und viel dünnbesiedeltes Umland.
Aber was bedeutet schon „der Westen‘.
Mit dem Westen kann ja nicht nur NRW, Rheinland-Pfalz und das Saarland gemeint sein. Bayern und Baden-Württemberg liegt ja im Süden, Schleswig-Holstein im Norden.
Im der BRD war auch nicht alles gleich. Es gab immer schon einen Nord-Süd-Gefälle. Wir sprachen immer schon Südstaatler und Nordlichter. Entsprechend gab es schon immer die Wanderbewegungen, auch schon vor 200 oder 300 Jahren.
Wir hatten Einwanderer, und gleichzeitig Auswanderer z.b nach Kanada oder in die USA.
@ mus
Hier noch ein Zeitungsartikel zum Thema von einer der DDR Nostalgie eher abgeneigten westdeutschen Zeitung aus dem Jahre 2013 : https://www.welt.de/politik/deutschland/article120816928/Schueler-Studie-Der-Osten-rechnet-besser-als-der-Westen.html
Bis auf den ersten Punkt hat das aber nichts mit MINT zu tun, und ja, der Unetrricht in MathePhysik/Chemie war – dadurch dass es zentralisiert war und jeder Lehrer sich exakt nach dem Lehrplan/den Büchern gerichtet hat – sicher gut auf einander abgestimmt. Aber das war nach meiner Erfahrung in der 11. bis 13. Klasse auf dem „Westgymnasium“ auch nicht anders. Ebenso das Niveau. Bei der zweiten vermeintlichen Stärke, würden sich sicher die Geister scheiden. (Ist ja in der öffentlichen Diskussion ständig ein Thema und außerdem stark ideologisch geprägt.) Den dritten Punkt würde ich eher als Nachteil sehen (ich habe das gehasst, das war völlig sinnlos, gelernt hat man da auch nichts.) Die Ganztagsbetreuung gibt es (zumindest in Niedersachsen) hier mittlerweile verpflichted auch. Die letzte Stärke: Ja, es gab sicher nicht so viele leistungsschwache Kinder, und nach der vierten Klasse konnte jeder rechnen und schreiben. (War das vor 40 Jahren in Westdeutschland anders?) Und als leistungstarker Schüler wurde man angehalten den schwächeren Nachhilfe zu geben. Es gab trotzdem auch etliche Schüler, die – anders als vorgesehen – nach der 8. Klasse die Schule verlassen haben. Sicher, das ist bezogen auf das Leistungsvniveau mit der heutigen Situation nicht vergleichbar (meine Frau ist Grundschullehrerin, ich habe die Veränderungen und die Probleme in den letzten 25 Jahren sozusagen hautnah miterlebt). Man sollte aber nicht den Fehler machen, daraus irgendwelche vermeitlichen Stärken des DDR-Bildungssystems abzuleiten. Da könnte man auch sagen: In der Weimarer Republik waren die Abiturienten leistungsstärker, und die konnten sogar Altsprachen, lass uns das zum Vorbild nehmen.
Hallo Her Voss. Zum Artikel in der Welt: Da werden ja auch Gründe genannt, weshalb das 2009 so war. Ich würde auch nicht bestreiten wollen (und habe das auch nicht getan), dass die Lehrer in den MINT-Fächern in der DDR gut ausgebildet waren. Keine Frage, und das tangiert ein immer größeres Problem in der Mathematik heute: Ich kann aus eigener Erfahrung – durch die Schule meiner Kinder – bestätigen, dass es wirklich unglaublich schlechte Mathelehrer gibt. Und ehemalige Kommilitonen von mir, die mittlerweile an Universitäten unterrichten, bestätigen mir, dass man seit einiger Zeit jeden durch das Studium kommen läßt, weil es sonst noch weniger Mathe-Lehrer gäbe. Vereinfacht gesagt: Früher sehr gut in Mathe-> Lehrer, heute sehr gut in Mathe -> sehr gute Gehälter in allen möglichen Bereichen der Wirtschaft. (Bis Anfang der neunziger Jahre, und das betrifft die DDR noch mehr als die Bundesrepublik, hat man als Mathematiker zu überwiegenden Teil entweder Karriere in der Forschung gemacht, und das waren natürlich nur wenige, oder ist Lehrer geworden.) Das sind sicher alles große Probleme, die zu den viel diskutierten der heutigen Zeit noch dazu kommen. Und sicher sicher war MINT in der DDR-Schule das, was gut war. Ich betreite nur, dass es irgendwie besser war. Wenn man die gleichen Zeitpunkte betrachtet. Und dass man deshalb daraus keine irgendwie gearteten Schlüsse ziehen kann.
Weil der Osten zu einem Altersheim mutiert.
Die, die eine 68’er Abrechnung mit der DDR hätten anstoßen können, leben ganz überwiegend nicht mehr im Osten.
Außerdem halten viele im Osten Berlin für DEN Westen. Da wäre ich auch opponent.