
Ein Diktator braucht für einen freundlichen Rückblick offenbar vor allem die richtigen Gegner. Die Palästina-LAG der Linkspartei in NRW veröffentlicht eine Instagram-Bildserie über Muammar al-Gaddafi mit: Sozialleistungen, afrikanische Selbstbestimmung und Kritik an der NATO bekommen reichlich Platz. Die Opfer seiner Herrschaft nicht. Für sie war bei der internationalen Solidarität offenbar schon Redaktionsschluss.
Diktatorenpflege im Kollektiv
Anlass ist Gaddafis 15. Todestag am 20. Oktober 2026. Der Beitrag von Justus Dirks erscheint als gemeinsame Veröffentlichung mehrerer Accounts. Zu den Mitautoren gehören lag.palisoli.nrw und dielinke.frieden, der auf Instagram als BAG Frieden und internationale Politik auftritt. Die NRW-LAG steht also in der Autorenliste. Das ist mehr als ein beiläufiges Herzchen unter fremden Erinnerungen.

Ein freundlicher Rückblick mit praktischen Auslassungen
Der Begleittext bezeichnet Gaddafi ausdrücklich als Diktator. Das sollte man der Veröffentlichung zugutehalten. Auch die Kritik an der NATO-Intervention und ihren Folgen ist für sich genommen kein Skandal. Wer den Krieg von 2011 kritisiert, muss Gaddafis Herrschaft deshalb nicht verteidigen. Genau diese Unterscheidung hätte der Bildserie allerdings gutgetan.
Sie würdigt öffentliche Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur und Gaddafis Einsatz für afrikanische Eigenständigkeit. Seine Gegnerschaft zu westlichen Mächten bildet den politischen Rahmen. Die Repression im eigenen Land bleibt ausgespart. Das Wort „Diktator“ funktioniert hier ungefähr wie ein Warnhinweis auf einer Hochglanzbroschüre: formal vorhanden, für den anschließenden Verkauf aber möglichst folgenlos.

Das ist kein Beschluss der gesamten NRW-Linken. Es ist die Veröffentlichung eines Zusammenschlusses, der innerhalb dieser Partei politischen Einfluss beansprucht. Genau deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was er unter einer brauchbaren historischen Bilanz versteht.
Vor der Landesvertreterversammlung in Hagen empfahl dieselbe Palästina-LAG acht Kandidaten für konkrete Listenplätze. Ihre Wunschliste verband sie mit einem politischen Auftrag für die künftige Landtagsarbeit.
Abu Salim: Die Toten passen nicht ins Bild
Eine Erinnerung an Gaddafi könnte zum Beispiel auch Abu Salim enthalten. Nach einem Bericht von Human Rights Watch wurden in dem Gefängnis in Tripolis im Juni 1996 mehr als 1.200 Gefangene getötet. Die Organisation stützte ihre Darstellung unter anderem auf Gespräche mit acht ehemaligen Häftlingen und einem früheren Wachmann.
Dem Massaker war eine Revolte wegen der Haftbedingungen vorausgegangen. Gefangene verlangten unter anderem ein Ende der Folter, Gerichtsverfahren und Familienbesuche. Am folgenden Morgen schossen Sicherheitskräfte laut den von Human Rights Watch dokumentierten Aussagen von Dächern auf Gefangene in den Höfen. Das Regime hielt die Morde jahrelang geheim.
Das war 1996. Die NATO-Intervention begann 2011. Wer Gaddafis Herrschaft beurteilen will, bekommt also ein kleines chronologisches Problem, sobald er sämtliche Verantwortung beim Westen abladen möchte.
Krankenhäuser und Schulen machen ein Massaker nicht kleiner. Man müsste schon ein bemerkenswertes Verständnis von Sozialpolitik haben, um beides gegeneinander aufzurechnen. In der Bildserie wird diese Rechnung gar nicht erst nötig: Die eine Seite wird ausführlich vorgestellt, die andere weggelassen.
Auch jenseits der Palästina-LAG finden sich in der Linken Liebhaber geschönter Revolutionärsbiografien. Blut an den Händen muss den Weg ins politische Fanartikelregal offenbar nicht versperren.
Der Duisburger Bundestagsabgeordnete Mirze Edis (Die Limke) feierte im Juli 2026 Che Guevara auf Instagram. Unser Beitrag erinnert an Guevaras Verantwortung für Hinrichtungen in La Cabaña und seine Bewunderung für Stalin.
Der Mann mit den Erschießungskommandos bekommt ein Revolutionslied. Die Erschossenen stören nur den Refrain.
Gaddafi als Friedensmotiv
Am Ende stehen die Parolen „Gegen jeden Imperialismus“, „Gegen jeden Neokolonialismus“ und „Krieg dem Krieg!“. Daneben: Gaddafis Porträt. Der Diktator darf die Friedensbotschaft persönlich illustrieren. So viel posthume Imagepflege hätte er vermutlich gern noch zu Lebzeiten bestellt.

Die Frage, welche Gewalt im Namen des Antiimperialismus politisch entschuldbar erscheint, beschäftigt diesen Parteizusammenschluss auch in der Gegenwart.
Bei einem gemeinsamen Ulm5-Aufruf veröffentlichte die NRW-LAG einen Text mit, der die Zerstörung von Laboreinrichtungen bei Elbit als Beitrag gegen den Krieg würdigte. Unser Beitrag unterscheidet diese politische Rechtfertigung von der strafrechtlichen Prüfung der Vorwürfe.
Wer internationale Solidarität ernst nimmt, müsste sich auch für die Menschen interessieren, die dem jeweiligen Antiimperialisten im Weg standen. Ihre Rechte hängen schließlich nicht davon ab, ob ihr Unterdrücker mit Washington über Kreuz lag.
Für Gaddafi reicht es in diesem Rückblick noch zum Friedensmotiv. Seine Opfer schaffen es nicht einmal in die Bildunterschrift.
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen