Wegbier? „Lower class behavior“

Vor dem Klassenkampf um die guten Sitten
Vor dem Klassenkampf um die guten Sitten


Ich lese gerade, dass die Städte planen, das sogenannte „Wegbier“ zu verbieten. Sofort wird natürlich eine schleichende Islamisierung vermutet. Ich persönlich halte das für Quatsch. Es ist viel einfacher. Von unserem Gastautor Michael Auksutat.

Schon vor fünfzehn, zwanzig Jahren hatte ich anregende Diskussionen zum Verhalten von Menschen. Eine der Aussagen, die ich immer wieder gehört habe war „Smoking is lower class behavior“. Rauchen ist also ein Unterklassenvergnügen. Damals hat sich das noch nicht mit dem gedeckt, was man allgemein wahrgenommen hat, doch das sollte sich schnell ändern. Alles was dem Arbeiter gefällt, um sich nach seinem Schaffen die Zeit zu versüßen, steht zur Disposition.

Die Schlosser, die sich noch in öligen Arbeitsklamotten in der verrauchten Kneipe gegenseitig zugeprostet haben? Vergangenheit. Das Schnitzel, Pommes-Mayo, dass nach einem Acht- oder Zehn-Stunden-Tag wahrlich verdient ist? Die Attacken werden täglich schärfer. Der Urlaubsflug nach Malle? Inbegriff der Umweltschändung. Das Auto, das erst als Massenware den Arbeiter von den Transportbedingungen des Staates und seiner hohen Herren unabhängig und frei gemacht hat? Sein Status als individuelles Eigentum steht zur Disposition. Die Proletarier-Sprache, die in ihrer Derbheit durchaus in der Lage ist, Sachverhalte klar darzulegen ohne Rücksicht auf die Verstimmtheit des Gegenübers? Als Hate-Speech geächtet. Und nun auch noch das Wegbier, als kleiner weiterer Tropfen, um dem Arbeiter den öffentlichen Raum zu entziehen. Denn allein darum geht es.

Ein Planungsfehler, der den Steuerzahler und damit in seiner Masse den Arbeiter Milliarden kostet – Who cares. Aber wenn nach einem Wochenende die Stadtreinigung aktiv werden muss – was für eine Katastrophe. Eine Show-Kathedrale für Herrn und Frau Oberstudienrat, die nach der fast Verzehnfachung der Baukosten auf über eine  Milliarde Euro und jahrelanger Verspätung nun Hamburg verschönert? Keiner Diskussion wert.

Wenn aber der Elektrikerbengel diesen Hort der Intellektualität mit seiner Bierflasche zu stören wagte, was wäre das für eine Schmach. Einer der Ansätze für Rauchverbote in früheren Jahrhunderten war übrigens die Klage, dass der Tabakgenuss dazu führe, dass von Zeit zu Zeit der Edelmann beim gemeinen Bauern um Feuer nachsuche.

Die Zeiten sind glücklicherweise überwunden.

Das Lower-Class-Behavior wird verboten, verdrängt und wo man es kann, bis zum Exzess besteuert. Das Proletariat findet, mit ein paar Euro vom Sozialamt abgefüttert, nicht mehr öffentlich statt.

Die Werkbank ist kein Safe Space.

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12 Kommentare

  1. #1 | Sebastian Bartoschek sagt am 8. November 2016 um 10:02 Uhr

    Ich werde mein Wegbier trinken, bis ich im Knast lande. Das sei mein heiliger Schwur.

  2. #2 | Hans Martin Slayer sagt am 8. November 2016 um 12:12 Uhr

    Schöner zynischer Artikel! Was interessieren uns auch Andere, wenn wir unseren imperialen Lebensstil als "Arbeiterklassen-Folklore" verkaufen können? Autofahren und Urlaubsflüge als Wohlstands-Chauvinismus! Was stört der Klimawandel? Und eh, die Luftverschmutzung, ordentliche Arbeiter sterben ja eh an Krebs wegen die Zigaretten. Ja, wegen DIE Zigaretten!
    Und wenn der Arbeiter "Neger" sagen will, soll er es am besten auch dürfen, egal ob sich so ein Bimbo davon beleidigt fühlt!
    Für unsere Freiheit dürfen sich dann die "Schlitzaugen" (Oettinger) in den Bananenrepubliken gerne totschuften, oi!
    Was das aber alles mit dem Wegbier zu tun hat? Nichts!

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 8. November 2016 um 12:34 Uhr

    Die Bionade-Bourgeoisie gehört zu den Wegbereitern des Aufstiegs der AfD. Schöner Artikel dazu in der Welt: https://www.welt.de/kultur/article159316646/US-Philosoph-sah-schon-1997-das-Szenario-Trump-voraus.html

  4. #4 | RbZn58 sagt am 8. November 2016 um 13:10 Uhr

    Also so nen Blödsinn hab ich selbst bei den Ruhrbaronen selten gelesen..

  5. #5 | Arnold Voss sagt am 8. November 2016 um 13:25 Uhr

    @ 2
    Hans Martin, jetzt mal halblang. Es wird in nicht weiter Zukunft bezahlbare Autos geben, die weder die Luft verschmutzen noch fossile Energie vebrauchen. Selbst Flugzeuge werden wesentlich weniger Umweltschäden verursachen. Was also spricht dagegen, wenn Menschen das tun, was sie mehrheitlich offensichtlich gerne tun: wegfahren und wegfliegen. Niemand verlangt doch von ihnen, dass sie dabei mitmachen. Sie können weiter per Pedal wohin und so weit fahren wie sie wollen. Da wäre ich dann ganz bei ihnen, denn ich fahre gerne und viel Rad.

  6. #6 | Arnold Voss sagt am 8. November 2016 um 13:33 Uhr

    @ RbZn58 # 4

    Natürlich können wir auch Blödsinn. 🙂 Aber wo ist der hier genau?

  7. #7 | Jens Koenig sagt am 8. November 2016 um 14:28 Uhr

    "Das Auto, das erst als Massenware den Arbeiter von den Transportbedingungen des Staates und seiner hohen Herren unabhängig und frei gemacht hat"
    These: Das Auto macht den Arbeitnehmer auch zum Opfer von (aus Unternehmenssicht sinnvoller, volkswirtschaftlich oft schädlicher) Betriebsverlagerung bzw -zusammenlegung. Ich vermute, dass es nicht selten vorkommt, dass in solchen Fällen Arbeitnehmer weite Fahrstrecken auf sich nehmen, um den Job zu behalten.

  8. #8 | Stefan Laurin sagt am 8. November 2016 um 15:02 Uhr

    @Jens Koenig: Wenn sie einen nähern Job finden würden, würden sie nicht so weit fahren. Und weit fahren kann je nach Strecke mit der Bahn oder mit dem Auto schneller und preiswerter gehen. Das Auto erhöht also nur die Entscheidungsspielräume.

  9. #9 | Helmut Junge sagt am 8. November 2016 um 15:27 Uhr

    @Hans Martin Slayer, "Für unsere Freiheit dürfen sich dann die "Schlitzaugen" (Oettinger) in den Bananenrepubliken gerne totschuften, oi!"
    bisher dachte ich, daß Arbeiter am Hochofen stehen und nicht "Schlitzaugen" (Oettinger) in den Bananenrepubliken" wie Sie schreiben.
    Sagen Sie mal ehrlich, wissen Sie zufällig, wer all das gemacht hat, was Sie in Ihrem Alltag so umgibt und was Sie vermutlich gedankenlos benutzen?
    Und dazu kommt noch, Deutschland exportiert mehr, als es importiert. Haben Sie das gewußt? Sie glauben vermutlich daß "wir" alles aus dem Ausland kostenlos kriegen und daß die Asiaten sich für uns totschuften. Glauben Sie mir, ich habe schon Männer innerhalb Deutschlands sehr harte Arbeit machen sehen. Das ist allerdings eine Subkultur, die Ihnen nie begegnet zu sein scheint.

  10. #10 | Axel Schmitt sagt am 9. November 2016 um 05:42 Uhr

    Das bekannte Bild "Stützen der Gesellschaft" von George Grosz muß umgepinselt werden. Die nicht minder häßlichen Stützen der Gegenwartsgesellschaft sind bio, sie sind grün. Und sie säubern die Welt.

  11. #11 | Nansy sagt am 9. November 2016 um 06:17 Uhr

    @Hans Martin Slayer: an der "Arbeiterklassen-Folklore" wird von ganz anderer Seite gearbeitet – nach einer Studie des Umweltbundesamtes (die auch gerne in Biosupermärkten verteilt wird) sind arme Menschen die wahren Klimaschützer:
    http://www.cicero.de/berliner-republik/umweltschutz-duscht-euch-weniger-und-geht-zu-fu%C3%9F
    Die wahren Klimasünder sind demnach Menschen mit bewusst umweltfreundlichem Kaufverhalten, denn diese wohnen luxuriös und reisen quer durch die Weltgeschichte. Das einzig gerechtfertigte Leben führen deshalb offenbar die Armen. Zitat aus dem Cicero-Artikel: "Der Weg zum Himmel soll gepflastert sein mit Spaßverbot, Konsumverzicht und Duschaskese".
    Die Nachhaltigkeitreligion wird immer zynischer….

  12. #12 | Karmen sagt am 9. November 2016 um 07:36 Uhr

    Schrägere Formulierungen und Themenverwurstung habe ich selten lesen können..aber regt zum Nachdenken an. Danke. Was arg nervt sind die seltsamen Anglismen. Deren Einsatz passt nun so gar nicht..

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