
Arabische Parteien könnten bei der israelischen Parlamentswahl im Oktober darüber entscheiden, wer künftig in Jerusalem regiert. Während Israel international von seinen Feinden als „Apartheidstaat“ bezeichnet wird, zeigt der Blick auf die Knesset ein anderes Bild: eine arabische Minderheit mit eigenen Parteien und erheblichem politischen Einfluss.
Nachdem die Knesset im Sommer ihre Selbstauflösung beschlossen hat, wurde ein offizieller Termin für die Parlamentswahlen festgesetzt. Die Israelis werden am 27. Oktober 2026 den Gang zur Wahlurne antreten.
Aktuelle Wahlprognosen für diese „Schicksalswahl“, wie die israelischen Medien sie häufig bezeichnen, zeigen eine stark fragmentierte politische Landschaft, in der kein Block eine klare Mehrheit erreicht.
Aktuelle Erhebungen prognostizieren folgende Sitzverteilung für die politischen Lager:

Das Netanjahu-Lager
Der Regierungsblock, das Netanjahu-Lager, kommt auf 52 Sitze. Die jüngsten Umfragen verschiedener Institutionen sehen den Block zwischen 48 und 64 Sitzen; lediglich eine am 17. September veröffentlichte Umfrage von Channel 14 kommt mit 64 Sitzen auf eine Mehrheit.
Er setzt sich aus den Parteien „Likud“ (ליכוד, deutsch: Zusammenschluss), der führenden rechtskonservativen Partei unter Premierminister Benjamin Netanjahu, „Mafdal – HaTzionut HaDatit“ (מפד״ל – הַצִּיּוֹנוּת הַדָּתִית, deutsch: Religiöser Zionismus), einer weit rechts stehenden religiös-zionistischen Partei unter dem Finanzminister Bezalel Smotrich, „Zehut“ (זֶהוּת, deutsch: Identität), einer nationalistischen und rechtslibertären Partei, die von Mosche Feiglin gegründet wurde, „Otzma Yehudit“ (עוצמה יהודית, deutsch: Jüdische Kraft), einer rechtsextremen Partei unter dem Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, „Jahadut HaTorah HaMeukhedet“ (יהדות התורה המאוחדת, deutsch: Vereinigtes Thora-Judentum), ein Bündnis zwischen den beiden aschkenasisch-charedischen (ultraorthodoxen) Parteien „Agudat Jisra’el“ und „Degel haTora“, „Schas“ (שומרי–תורה ספרדים, deutsch: Sephardische Tora-Wächter), eine charedische, ultrathodoxe Partei und „Amcha Yisrael“ (עמך ישראל, deutsch: Dein Volk Israel), einer im August 2026 gegründeten rechten Partei unter der Führung des ehemaligen Generals Ofer Winter zusammen. Bei zuletzt genannter Partei ist es allerdings noch unklar, ob sie es über die 3,25%-Hürde schafft.
Die Opposition
Die nichtarabischen Parteien des Anti-Netanjahu-Lagers kommen in derselben Übersicht ebenfalls auf 52 Sitze.
Die im israelischen Wahlkampf als „Gush HaShinuy“ („Block des Wandels“) bezeichnete Gruppe von Parteien eint vor allem ein gemeinsames Ziel: die Ablösung von Benjamin Netanjahu als Premierminister und das Verhindern einer erneuten recht-religiösen Regierung unter seiner Führung. Sie setzt sich aus den folgenden Parteien zusammen.
Die vom ehemaligen Militärchef Gadi Eisenkot neu gegründete zentristische „Yashar!“ (יָשָׁר, deutsch: Geradlinig). Sie führt die Umfragen innerhalb des Oppositionsblocks an, weshalb Eisenkot den Anspruch erhebt, das gesamte Lager als Spitzenkandidat anzuführen. Außerdem sind „Beyachad“ (עומדים ביחד, deutsch: Zusammen), das im Frühjahr 2026 geschlossene Mitte-Bündnis, das die liberale Partei „Yesh Atid“ (יֵשׁ עָתִיד) und die rechtskonservative Bewegung des ehemaligen Premierministers Naftali Bennett vereint, „Yisrael Beiteinu“ (יִשְׂרָאֵל בֵּיתֵנוּ), die säkular-rechte Partei von Avigdor Liebermann und „The Democrats“ (הדמוקרטים), das linksliberale Bündnis unter dem ehemaligen General Yair Golan, das aus der Fusion von „Avoda“ (הָעֲבוֹדָה, deutsch: Arbeitspartei) und „Meretz“ (מרצ) hervorgegangen ist, Teil des Blocks.
Die arabischen Parteien
Die Vereinte Liste (hebräisch: הָרְשִׁימָה הַמְּשֻׁתֶּפֶת, arabisch: القائمة المشتركة), eine arabische Allianz, steht im Schnitt bei 7 bis 8 Sitzen.
Nachdem die Parteien bei den vergangenen Wahlen nicht mehr geschlossen auf einer gemeinsamen Liste angetreten waren, haben sich Hadash, Ta’al und Balad im August 2026 für die bevorstehende Knesset-Wahl neu formiert. Zweck dieses Zusammenschlusses ist es in erster Linie, durch ein gemeinsames Antreten die gesetzliche Wahlhürde von 3,25 % zu überspringen und die politische Repräsentation der arabischen Minderheit (ca. 20 % der Bevölkerung) in Israel zu stärken.
„Hadash“ (hebräisch: החזית הדמוקרטית לשלום ולשוויון, arabisch: الجبهة الديمقراطية للسلام والمساواة) ist eine traditionell linksgerichtete, arabisch-jüdische Allianz mit sozialistisch-kommunistischen Wurzeln. Sie stellt mit Yousef Jabareen den aktuellen Spitzenkandidaten der gesamten Liste.
„Ta’al“ (hebräisch: תַּעַ״ל ,arabsich: الحركة العربية للتغيير, deutsch: Arabische Bewegung) ist eine weltlich-nationalistische Partei, die stark auf Bürgerrechte und die Gleichstellung arabischer Israelis fokussiert ist. Angeführt wird sie vom bekannten Abgeordneten Ahmad Tibi.
„Balad“ (hebräisch: בל״ד, arabisch: التجمع الوطني الديمقراطي, deutsch: Nationales Demokratisches Bündnis) ist eine palästinensisch-nationalistische Partei unter Sami Abou Shahadeh. Balad fordert vehement die Transformation Israels von einem dezidiert jüdischen Staat in einen „Staat all seiner Bürger“ und lehnt eine Regierungsbeteiligung in zionistischen Koalitionen traditionell komplett ab.
Es existieren weitere arabische Parteien, die nicht Teil der Gemeinsamen Liste sind.
Die Partei „Ra’am“ (hebräisch רע“מ, arabisch القائمة العربية الموحدة ) kommt laut Prognosen auf etwa 5 Sitze im Parlament.
Während die Gemeinsame Liste stärker palästinensisch-national ausgerichtet ist und die Zweistaatenlösung unterstützt, verfolgt Ra’am unter Mansour Abbas einen pragmatischeren Kurs. Die Partei ist bereit, sich an israelischen Regierungskoalitionen zu beteiligen, um im Gegenzug konkrete Budgets und Verbesserungen gegen die Kriminalität im arabischen Sektor auszuhandeln.
Das Wahlbündnis Reservisten & New Economic Party (המילואימניקים והכלכלית בראשות יועז הנדל וירון זליכה) liegt dagegen in einigen Umfragen über, in anderen unter der Wahlhürde.
Die schwierige Suche nach einer Mehrheit
Obwohl die nichtarabischen Anti-Netanjahu-Parteien in aktuellen Umfragen teilweise vor dem Netanjahu-Lager liegen, steht der Block vor massiven strategischen Hürden.
Zum einen gibt es zwischen Gadi Eisenkot, dessen Partei „Yashar!“ die meisten Sitze im Block projiziert, Yair Lapid („Yesh Atid“) und Naftali Bennett („Bennett 2026“) unterschiedliche Vorstellungen darüber, wer im Falle einer Regierungsbildung den Posten des Premierministers übernehmen soll.
Zum anderen ist für die Regierungsbildung eine zwingende Mehrheit von 61 der 120 Knesset-Sitze erforderlich, die nach aktuellen Umfragen weder der Regierungsblock noch der nichtarabische Oppositionsblock erreicht.
Die arabischen Parteien als Machtfaktor
Die arabischen Parteien könnten bei der Parlamentswahl im Oktober 2026 eine Schlüsselrolle als Zünglein an der Waage einnehmen. Da sich das rechts-religiöse Netanjahu-Lager und die nichtarabische Opposition in den aktuellen Umfragen gegenseitig blockieren, könnten die arabischen Parteien entscheidend dafür werden, wer eine Mehrheit von 61 Sitzen organisieren kann.
Die arabischen Bürger Israels verfügen über parlamentarische Repräsentation. Ihre Parteien könnten – je nach Wahlausgang und Koalitionsverhandlungen – eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spielen, wer künftig die Regierung führt.
Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet in einem Staat, der als „Apartheidstaat“ bezeichnet wird, arabische Parteien über eine solche parlamentarische Repräsentation und politischen Einfluss verfügen.
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