ARCH+ 264: Ruhr: Vom Gebiet zum Raum

Markuskirche Foto: Daniel Sadrowski Lizenz: Copyright


Ausgabe anlässlich der Manifesta 16 Ruhr*, herausgegeben in Kooperation mit Renée Tribble und dem Fachgebiet StädteBauProzesse der TU Dortmund sowie Anh Linh Ngo, Vizepräsident der Akademie der Künste von Berlin und Editor in Chief von arch+. Von unserem Gastautor Klaus R. Kunzmann.

Es ist ein anderes Ruhrgebiet, das hier von vielen Autoren aus Architektur, Kunst, Theater, Soziologie, Urbanismus, Medienwissenschaft und Raumplanung, die das Ruhrgebiet lieben, in deutscher und englischer Sprache vorgestellt wird. Es ist nicht das Ruhrgebiet, das sich seit Jahrzehnten bemüht sich mit Hilfe innovativer Unternehmen auch international als Innovationsstandort zu präsentieren um seine erfolgreiche Montanvergangenheit vergessen zu lassen, auch nicht die Stadtregion die international wenig Aufmerksamkeit erregt, weil die großen globalen Tech-konzerne ihre deutschen Standorte lieber in München, Dresden oder Berlin eingerichtet haben. Und auch nicht die polyzentrische Stadtregion  Ruhr, in der sich fünf große und viele kleinere Städte unter dem Schirm der “Metropole Ruhr“ gegenseitig belauern und versuchen die Herausforderungen der digitalen Transformation in Zeiten des Klimawandels zu bewältigen.

Diese Ausgabe von arch+ berichtet über ein anderes Ruhrgebiet, das Ruhrgebiet als Labor, als einen polyrationalen Experimentier- und Erfahrungsraum für kulturelle und soziale Projekte. Schon die eindrucksvolle Karte am Anfang, die alle „Kollektiv-Orte“ der Stadtregion zeigt diesen Erfahrungsraum, die Kreativquartiere, die Museen, Bühnen und Orte, an denen Live-Musik angeboten wird, die Mikrostandorte des gesellschaftlichen Zusammentreffens, aber auch die Landschaftsparks und Landmarken, Fußballstadien und die Kirchen, die neue Nutzungen erfahren haben, also welche Raume und Orte die Entdecker eines anderen Ruhrgebiets im Auge haben. Eine weitere Karte macht auf die „Polyrationalität“ der Stadtregion aufmerksam deren vielfältige inneren Verwaltungsgrenzen es erschweren gemeinsame Raumentwicklungsstrategien zu entwickeln und sie auch durchzusetzen.

Es geht in dieser Ausgabe von arch+ aber nicht um traditionelle Regionalplanung, auch nicht um Städtebau  Die Beiträge möchten  vielmehr, so Renèe Tribble, Jan-Tröge Rothaar und Sarah Hübscher in ihrer Einführung,

„bestehende Narrative erweitern und marginalisierte Potenziale fruchtbar machen“ Die anspruchsvolle Motivation für diese Publikation sei die „Reflexion räumlich-gesellschaftllcher Ist-Zustände …in denen die Impulse der Transformation unterschiedlich anschlagen und in einer simultanen Überlagerung resonieren“..

Der „Ist-Zustand Transformation“ soll durch raumplanerische Analysen, kulturwissenschaftliche Theorien und künstlerische Strategien dokumentiert und mit Visualisierungen die räumlichen und sozialen Zusammenhänge der Stadtregion sichtbar gemacht werden. Dies hatte vor über einem Jahrzehnt auch schon Christa Reicher mit ihren Kartenstücke zur räumlichen Struktur des Ruhrgebiets getan. In einem weiteren einführenden Essay verweisen Anh Linh Ngo, Christian Hiller und Sascha Kellermann auf die Bedeutung von “Beziehungsarbeit, lokaler Verantwortung und kollektiver Produktion“ in der Region hin. Die meist nur kurzen Narrative der Ruhrgebiets- Chronisten sind vier Abschnitten zugeordnet: „Permanente Utopien“ ,“Fragile Nachbarschaften“, „Deterministische Superstrukturen“ und „Periphere Zentren“. Sie reflektieren den Geist dieser Überschriften., die neugierig machen.

Die Narrative vermitteln den Eindruck also ob sich die mobilen Menschen der Region, die die nicht unter Arbeitslosigkeit, Wohnflächenmangel ,kleinen Renten oder Einsamkeit leiden und die die permanenten Stauprobleme durch Nutzung der neuen regionalen Bahntrassenradwege vermeiden, sich damit zufrieden geben (sollen), dass ihre Region ein Labor für soziale und künstlerische Innovationen ist. Der Hinweis auf “do-it-yourself-urbanismus“ könnte bedeuten, dass wenig Aussicht besteht, dass die zukünftigen Herausforderungen digitaler Transformation und AI in der Region von Politik und verantwortlichen Planer bewältigt werden können. Von Zukunft ist in diesem Heft jedenfalls nicht die Rede, auch nicht davon wer das kreative regionale Labor bezahlen muss, selbst wenn die Bewohner der Region bereit sind, mit viel zivilgesellschaftlichem Engagement und kreativer Improvisation ihre vergleichsweise hohe Lebensqualität zu sichern.

Die Bilder aus dem Labor sind eindrucksvoll, der sozialwissenschaftliche Jargon reflektiert den Zeitgeist einer Autorenschaft, die sich so gerne um die Verlierer des Kapitalismus bemüht, aber dabei die Lebenswirklichkeit der marginalisierten Gruppen verdrängt, die ihr am Herzen liegt. Vom Gebiet zum Labor wäre vielleicht auch der bessere Titel gewesen, denn er macht wenigstens etwas Hoffnung, dass die Region auch eine Zukunft hat.

*Anlass für diese Sonderausgabe von arch+ ist die Manifesta 16 , die Europäische Nomadische Biennale, die alle zwei Jahre an einem anderen Ort in Europa stattfindet und künstlerische Projekte und urbane Experimente vorstellt (2026 sind es vier Städte im Ruhrgebiet: Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen).

In der App öffnen
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x