Kaufhausbeerdigung in Dortmund: Abschied von einem alten Wegbegleiter

Der Saturn am Westenhellweg in Dortmund im Juli 2026. Foto(s): Robin Patzwaldt

Ich war heute auf einer großen Beerdigung in Dortmund. Allerdings wurde dort kein geliebter Mensch zu Grabe getragen, sondern ein Kaufhaus. Für viele mag das übertrieben klingen. Wer jedoch über Jahrzehnte regelmäßig im Saturn am Westenhellweg ein- und ausging, der weiß, dass es sich eben nie nur um irgendein Geschäft gehandelt hat.

Bis Ende des Monats läuft dort noch der große Räumungsverkauf. Auch ich wollte mich nicht verabschieden, ohne noch ein letztes Mal durch die vertrauten Gänge zu laufen. Schließlich habe ich dort im Laufe meines Lebens hunderte CDs, etliche DVDs, Fernseher, Computer, Smartphones und zahllose weitere Elektronikartikel gekauft. Zigtausende Euro dürften dort im Laufe der Jahre von meinem Konto auf das des Unternehmens gewandert sein.

Doch der Besuch fühlte sich seltsam an. Statt der geschäftigen Atmosphäre vergangener Tage dominierten leere Regale, provisorische Ausverkaufsflächen und Menschen, die sich auf die letzten Schnäppchen stürzten. Es erinnerte tatsächlich an eine Beerdigung. Nur dass sich die Trauergäste diesmal nicht an Erinnerungen festhielten, sondern an heruntergesetzten Preisen.

Ein unwürdiges Ende für eine Dortmunder Institution

Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass Saturn seinen Standort am Westenhellweg aufgeben würde, schlug diese Nachricht ein wie eine Bombe. Natürlich hatte jeder, der den Laden zuletzt regelmäßig besucht hatte, den schleichenden Niedergang längst bemerkt. Das Gebäude war sichtbar in die Jahre gekommen, das Sortiment wirkte nicht mehr so vollständig wie einst und auch die Besucherzahlen hatten spürbar nachgelassen.

Trotzdem hoffte man irgendwie, dass sich doch noch eine Lösung finden würde.

Nun ist endgültig Schluss.

Der Anblick des Räumungsverkaufs hatte dabei etwas Würdeloses. Wo früher Technikbegeisterte stundenlang Neuheiten ausprobierten und sich beraten ließen, kämpften heute genervte Menschen um die letzten Restbestände. Natürlich ist das bei Geschäftsauflösungen völlig normal. Emotional fühlte es sich dennoch falsch an. Eine Institution, die das Einkaufsleben in Dortmund über Jahrzehnte geprägt hat, verschwindet zwischen Rabattaufklebern und Sonderangeboten.

Saturn war weit mehr als nur ein Elektronikmarkt. Der Laden war einer der großen Anziehungspunkte der Dortmunder Innenstadt. Wer dort einkaufen wollte, schlenderte anschließend häufig noch über den Westenhellweg, besuchte weitere Geschäfte oder kehrte irgendwo zum Essen ein. Genau diese Magneten braucht jede Innenstadt. Einer weniger macht sich bemerkbar.

Wir alle tragen unseren Teil dazu bei

Natürlich wäre es einfach, nun ausschließlich auf Vermieter, Politik oder die Verantwortlichen bei MediaMarktSaturn zu zeigen. Sicher haben hohe Mieten, der enorme Sanierungsbedarf des Gebäudes und fehlende Perspektiven ihren Anteil an dieser Entwicklung.

Ganz ehrlich muss man aber auch sein: Wir Kunden sind ebenfalls Teil des Problems.

Auch ich bestelle seit Jahren vieles bequem im Internet. Oft ist es günstiger, schneller und unkomplizierter. Warum sollte man sich durch den Verkehr kämpfen, Parkgebühren bezahlen und hoffen, dass der gewünschte Artikel überhaupt vorrätig ist?

Genau darin liegt jedoch der verhängnisvolle Kreislauf. Je häufiger wir online bestellen, desto weniger Umsatz machen die Geschäfte in den Innenstädten. Dadurch verschwinden immer mehr attraktive Läden. Und weil immer weniger attraktive Läden vorhanden sind, fahren wiederum noch weniger Menschen in die Innenstädte.

Die berühmte Huhn-oder-Ei-Frage lässt sich längst nicht mehr beantworten. Wahrscheinlich haben sich beide Entwicklungen gegenseitig immer weiter beschleunigt.

Dortmund verliert erneut ein Stück seiner Identität

Für mich persönlich verschwindet mit Saturn tatsächlich der letzte echte Anlass, regelmäßig nach Dortmund zum Einkaufen zu fahren. Früher war die Stadt ein Einkaufsziel. Man konnte problemlos einen halben Tag dort verbringen, kaufte hier etwas, entdeckte dort etwas und hatte das Gefühl, dass eine lebendige Innenstadt genau so funktionieren sollte.

Heute dominiert vielerorts der Leerstand. Wo früher bekannte Geschäfte waren, hängen inzwischen „Zu vermieten“-Schilder oder blickdichte Folien in den Schaufenstern. Man spaziert längst nicht mehr voller Vorfreude durch die Innenstadt, sondern stellt sich unweigerlich die Frage, welches Geschäft wohl als Nächstes verschwinden wird.

Der Abschied von Saturn ist deshalb weit mehr als die Schließung eines einzelnen Geschäfts. Er steht sinnbildlich für den schleichenden Verlust dessen, was Innenstädte jahrzehntelang ausgemacht hat: Vielfalt, Verlässlichkeit und die Freude am Bummeln.

Ich werde den Saturn am Westenhellweg vermissen. Nicht, weil ich dort künftig keine Kopfhörer oder Festplatten mehr kaufen könnte. Das geht heute überall.

Ich werde ihn vermissen, weil mit ihm ein weiteres Stück meiner persönlichen Dortmund-Erinnerungen verschwindet.

In der App öffnen Autorenseite: Robin Patzwaldt
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