
Die Politik investiert Milliarden in den grünen Umbau der Stahlindustrie. Eine neue PwC-Studie hält das für einen Irrweg. Sie erwartet, dass die energieintensive Stahlproduktion Europa verlässt. Die Autoren warnen vor einer schleichenden Deindustrialisierung Europas.
Es sind Sätze, die alle Illusionen zerstören: „Schmerzhaft müssen wir in Europa und Deutschland aktuell erkennen, dass die Dekarbonisierung schleichend zur Deindustrialisierung auf unserem Kontinent führt.“ Man hätte erkennen müssen, dass nicht ein idealistisches Governance-Konstrukt der EU den Klimaschutz global vorantreibe, sondern schlicht die Innovationskraft und Wachstumsfreude anderer Regionen, etwa im Nahen Osten und in Asien, die durch Technologiesprünge den Klimaschutz Realität werden lassen.
Geschrieben hat sie die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC), eine der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, in ihrer gestern veröffentlichten Studie „Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft … oder einfach nur anders?“. Während Gewerkschaften und die Politik im Bund, im Ruhrgebiet und in Nordrhein-Westfalen den Glaubenssatz „Stahl hat Zukunft“ wie ein Mantra vor sich hertragen, ergänzen ihn die Autoren der PwC-Studie um wenige Worte: Nicht in Deutschland, nicht in Europa.
Egal, ob konventionell mit Kokskohle oder mit grünem Wasserstoff: Die Erzeugung sei in Deutschland so teuer, dass sich das Stahlkochen nicht lohne. Die sogenannte Flüssigphase, also die Herstellung von flüssigem Roheisen und Rohstahl aus Eisenerz, habe keine Zukunft: „Der Preis für konventionellen Hochofenstahl verdoppelt sich szenariounabhängig bis 2045 in allen Regionen. Getrieben wird dieser Anstieg im Wesentlichen durch die stetig steigende CO₂-Bepreisung.“ Auch CBAM, die CO₂-Zölle, die Europas Industrie schützen sollen, könnten diese Entwicklung nicht aufhalten.
Und grüner Wasserstoff? Die große Hoffnung, für die Land und Bund allein Thyssenkrupp in Duisburg zwei Milliarden Euro Subventionen für die Öko-Umstellung und den Bau einer Direktreduktionsanlage (DRI) zahlen? Ebenfalls chancenlos: Wasserstoff stünde in Regionen wie Indien und auf der Arabischen Halbinsel deutlich günstiger zur Verfügung; es lohne sich auch nicht, ihn nach Deutschland zu transportieren. „Der Blick auf aktuelle Investitionsentscheidungen zeigt, dass eine solche Verlagerung bereits stattfindet. So entstehen etwa in der Sonderwirtschaftszone Duqm im Oman derzeit mehrere großskalige DRI-Projekte parallel.“ Die Naveen Jindal Group errichte eine Anlage, die 2027 in Betrieb gehe, und Meranti Green Steel plane eine Anlage am selben Standort.
Und wie sieht es in Deutschland und Europa aus? Düster: ArcelorMittal hat seine Transformationspläne für die Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt vollständig aufgegeben und zugesagte Fördermittel in Milliardenhöhe verfallen lassen. Thyssenkrupp hat die Ausschreibung für grünen Wasserstoff für seine Duisburger Direktreduktionsanlage ausgesetzt und bewegt sich nach eigener Aussage „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit“. Auch in Tschechien habe Třinecké Železárny, der größte Stahlproduzent des Landes, seine Dekarbonisierungsinvestitionen auf unbestimmte Zeit verschoben.
Schrott zur Metallgewinnung zu schmelzen, habe in Deutschland Zukunft; die klassischen Hochöfen, wie sie bei Thyssenkrupp in Duisburg-Bruckhausen stehen, dagegen nicht. Und auch der Import von Stahl, um ihn hier weiterzuverarbeiten, lohne sich nicht in jedem Fall: Selbst das sei vor Ort deutlich günstiger zu machen.
PwC empfiehlt, falls nicht die gesamte Wertschöpfungskette in Deutschland zu halten sei, zwischen „energieintensiven“ und „wissensintensiven“ Produktionsstufen zu unterscheiden. „Die wissensintensiven Stufen blieben somit in Deutschland bzw. könnten gestärkt werden, während die energieintensiven Produktionsschritte dorthin wandern, wo sie wirtschaftlich tragfähig sind, begleitet durch vergüteten Know-how-Transfer und gegebenenfalls durch Kapitalbeteiligungen deutscher Unternehmen.“ Vorprodukte sollen dann nach Deutschland importiert werden, wo „die spezialisierte, wissensintensive Endfertigung stattfindet“.

Was PwC vorschlägt, erinnert an ein fast merkantilisch anmutendes Modell: Indien und die Golfstaaten liefern billige Rohstoffe und Vorprodukte, in Europa und Deutschland werden sie dann durch hochqualifizierte Fachkräfte, die ein Cluster mit Universitäten und Mittelständlern, den Hidden Champions, bilden, zu maßgefertigten Produkten für den Weltmarkt weiterverarbeitet. Ein Teil der Wertschöpfung wird ausgelagert, der besonders wertige Teil bleibt aber erhalten.
Auf den ersten Blick wirkt das logisch und vernünftig, ein Hoffnungsschimmer: Statt zu einem Kahlschlag käme es zu einem Strukturwandel. Doch ist das realistisch? Indien und viele Staaten der Arabischen Halbinsel haben sich längst mit Erfolg aufgemacht, Hightech-Ökonomien zu werden. Indiens Raumfahrt ist der europäischen überlegen, das Land hat eine leistungsfähige Digitalwirtschaft. Viele Staaten auf der Arabischen Halbinsel investieren massiv in Rechenzentren und Universitäten. Indische IT-Experten gehören längst zu den besten der Welt. Dass sich diese Länder, die auf Wachstum, Hightech und Qualifikation setzen, dauerhaft damit zufriedengeben, die lohnendsten Teile der Wertschöpfung zu verrichten, ist unwahrscheinlich.
Gegen Deutschland als Standort für wissensbasierte Industrie spricht auch die Bildungsentwicklung. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer warnt im Interview mit der Welt vor einem Bildungsnotstand: „Wenn inzwischen mehr als ein Drittel der Kinder die Mindeststandards beim Rechnen, Lesen und Schreiben nicht erreicht, sprechen wir nicht mehr über kleinere Probleme.“ Das habe unmittelbare Folgen für Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft.
Europa zerstört durch die Dekarbonisierung und den „Green Deal“ seine industrielle Basis, und Deutschland gibt sich mit seiner Energiewende Mühe, diesen Prozess durch teure und knappe Energie zu beschleunigen. PwC hat sich in seiner Studie mit der Stahlindustrie beschäftigt, die Erkenntnisse lassen sich aber auch auf die chemische Industrie übertragen. Allein in der Grundstoffindustrie droht damit der Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen.
Eine Überraschung ist das nicht: Schon vor vier Jahren sagte Patrick Graichen (Grüne), damals Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, im Interview mit Michael Liebreich, dem Chef von Liebreich Associates: „Die Industrie muss nicht in Deutschland bleiben.“ Sie könne, vor allem die Grundstoffindustrie und die Chemie, sagen: „Wissen Sie was? Wir werden unser Zeug einfach in Übersee herstellen.“ Es sei klar, dass Wasserstoff, der mit LNG-Tankern aus Australien käme, allein durch die hohen Transportkosten immer teuer sein würde: „Wir werden Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee und vielleicht Solaranlagen im Mittelmeerraum nutzen können.“ Und der so erzeugte Wasserstoff sei nun einmal ebenfalls nicht preiswert.
„Wir haben uns entschieden“, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest im März im Interview mit The Pioneer, „ein Land zu sein, in dem Energie knapp ist. Das haben wir politisch alle gemeinsam so gewählt, und die Konsequenzen müssen wir jetzt tragen.“ Energieintensive Industrien hätten in Deutschland keine Zukunft.
Dumm nur, dass die Politik den Menschen bis heute etwas anderes erzählt und so tut, als ob Green Deal und Energiewende keine Jobkiller wären. Allein die schwarz-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will mit 700 Millionen Euro – weitere 1,3 Milliarden Euro kommen vom Bund – den Öko-Umbau von Thyssenkrupp in Duisburg subventionieren. Folgt man der PwC-Studie, ist das ein sinnloses Unterfangen, das allerdings auch von der IG Metall unterstützt wird, die seit Jahren kühn behauptet: „Unser Herz aus Stahl hat eine grüne Zukunft.“
Aber eine grüne Zukunft für die Industrie gibt es weder in Deutschland noch in Europa, zumindest nicht in großem Umfang. Nicht nur das: Was für Stahl und Chemie gilt, gilt auch für Rechenzentren. Künstliche Intelligenz ist wie immer weitere Teile der Digitalwirtschaft eine energieintensive Industrie. Wir können also zugleich von unserer industriellen Basis als auch von der künftigen wissensbasierten Wirtschaft Abschied nehmen.
Die Politik und die Gewerkschaften sollten das den Menschen sagen. Sie haben ein Recht darauf, zu entscheiden, ob sie weiterhin einem Weg folgen wollen, der ihre wirtschaftliche Zukunft zerstört und auf den sie mit falschen Versprechungen gelockt wurden.
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