
Rentner auf Kreuzfahrtschiffen statt im Pflegeheim – das sind Schlagzeilen, die natürlich neugierig machen. Sie klingen nach einer Mischung aus verrückter Altersvorsorge, Fernweh und einem kleinen Seitenhieb auf den deutschen Sozialstaat. Für rund 2500 Euro im Monat gibt es schließlich Essen, Reinigung, Wäscheservice und jede Menge Meerblick. Da kann man schon einmal ins Grübeln kommen.
Trotzdem halte ich wenig davon, daraus gleich einen großen Trend zu basteln. Ein Kreuzfahrtschiff ist kein Pflegeheim. Wer tatsächlich intensive Betreuung benötigt, kann dort nicht einfach seinen Lebensabend verbringen. Der Vergleich hinkt also gewaltig. Und genau deshalb sollte man sich von solchen Geschichte, wie sie neuerdings immer häufiger in den Medien auftauchen, nicht vom eigentlichen Problem ablenken lassen: Unser normales Pflegesystem funktioniert für viele Menschen schlicht nicht mehr so, wie man es von einem sozialen Sicherungssystem erwarten dürfte.
Jahrelang einzahlen und trotzdem Angst haben
Das Grundproblem ist doch schnell beschrieben. Menschen zahlen über Jahrzehnte in die Pflegeversicherung ein. Wird dann tatsächlich Pflege benötigt, reicht das Geld aus dem System häufig trotzdem nicht aus, um die entstehenden Kosten zu decken. Angehörige müssen einspringen, Ersparnisse werden aufgebraucht und nicht selten wird irgendwann auch die Frage nach dem eigenen Zuhause oder Vermögen unangenehm.
Das ist für mich der eigentliche Skandal.
Denn Pflegebedürftigkeit ist kein Luxusproblem und auch kein persönliches Versagen. Sie kann jeden treffen. Und gerade deshalb sollte ein System, in das praktisch alle Beschäftigten einzahlen, im entscheidenden Moment auch tatsächlich verlässlich funktionieren.
Stattdessen entsteht bei vielen Menschen der Eindruck: Fürs Einzahlen ist das System zuständig, für die Rechnung am Ende dann irgendwie die Familie.
Pflege darf kein finanzieller Absturz sein
Natürlich kostet gute Pflege Geld. Und selbstverständlich kann eine Versicherung nicht unbegrenzt jede Leistung finanzieren. Aber wenn ein Pflegeplatz für normale Rentnerhaushalte zu einer finanziellen Zerreißprobe wird, muss man irgendwann grundsätzlich fragen, ob die Konstruktion noch stimmt.
Besonders absurd wird es, wenn Menschen Angst davor haben, überhaupt pflegebedürftig zu werden, weil sie wissen, was anschließend finanziell auf sie zukommen könnte. Das Alter sollte schließlich nicht automatisch bedeuten: Jetzt wird das mühsam Ersparte Stück für Stück aufgefressen.
Und nein, die Lösung kann auch nicht darin bestehen, ständig auf die Eigenverantwortung der Betroffenen und ihrer Familien zu verweisen. Wer jahrzehntelang gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, darf im Alter mehr erwarten als den freundlichen Hinweis, dass Kinder und Angehörige das Problem schon irgendwie auffangen werden.
Wir brauchen weniger Schönrederei und mehr Ehrlichkeit
Deshalb interessiert mich an den Kreuzfahrtschiff-Geschichten eigentlich nur ein Punkt: Sie zeigen auf ziemlich schräge Weise, dass bei den Kosten und Leistungen im Alter etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Das Kreuzfahrtschiff ist nicht die Alternative zum Pflegeheim. Es ist bestenfalls eine kuriose Möglichkeit für vergleichsweise fitte Senioren, ihren Lebensabend anders zu organisieren. Die eigentliche Alternative muss aber ein funktionierendes Pflegesystem sein.
Das Kreuzfahrtschiff ist nicht das Problem. Das Problem liegt an Land.
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