
Warum das Bauhaus-Erbe vom Westen gerettet werden muss.
Das Bauhaus ist Deutschlands bedeutendstes kulturelles Erbe der Moderne. Und ausgerechnet dort, wo es heute zu Hause ist, bricht seine Zukunft gerade weg. Mit dem anstehenden Griff der AfD in Sachsen-Anhalt nach der Macht ist eine Partei zur stärksten politischen Kraft geworden, die das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ verunglimpft – und damit nationales Kulturgut.
Das ist mehr als eine kulturpolitische Marotte. Die Nationalsozialisten erklärten die Moderne für „entartet“, bekämpften das Bauhaus und trieben es erst aus Dessau, dann aus Berlin. 1932 musste die Schule in Dessau schließen; 1933 wurde das nach Berlin verlegte Bauhaus endgültig aufgelöst. Wer heute wieder in ähnlicher Diktion gegen die Moderne zu Felde zieht, muss sich den historischen Vergleich gefallen lassen.
Natürlich wird niemand morgen „das“ Bauhaus (Meisterhäuser, Bauhausgebäude, Siedlung, Stiftung, Museum, Archiv) abreißen. Darum geht es auch gar nicht. Die eigentliche Gefahr ist weniger spektakulär – und gerade das ist die große Gefahr. Ein kulturelles Erbe muss nicht mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht werden – es kann auch durch einen Federstrich verhungern. Etat für Etat. Ausstellung für Ausstellung. Entscheidung für Entscheidung. Wegzug eines Wissenschaftlers nach dem anderen.
Man muss also keine Gebäude öffentlichkeitswirksam zerstören, um eine Institution zu schwächen. Es reicht, ihre Finanzierung zu kürzen, ihre Spielräume einzuengen, ihre Gremien gleichzuschalten, ihre Geschichte umzudeuten – oder dafür zu sorgen, dass in einem Klima der Angst Wissenschaftler (für Frauen und damit Wissenschaftlerinnen hat die AfD ja im Wahlprogramm ganz eigene Vorstellungen) einen großen Bogen um Dessau und Sachsen-Anhalt machen. Der Welterbetitel der UNESCO ist dabei kein Schutzschild gegen jede Form politischer Einflussnahme. Er bewahrt Gebäude. Er garantiert keine lebendige Kultur.
Und genau deshalb müssen Nordrhein-Westfalen und die schlafende Regierung in Düsseldorf unter Hendrik Wüst jetzt aufwachen. Es reicht nicht mehr, Politik nur zu simulieren!
Denn NRW hat etwas, das anderen Ländern fehlt: Substanz. Krefeld besitzt mit Haus Lange, Haus Esters und dem ehemaligen VerSeidAG-Gelände ein einzigartiges Ensemble von Mies van der Rohe – darunter seine einzigen realisierten Industriebauten. Aachen ist Geburts- und Ausbildungsstadt von Ludwig Mies van der Rohe, des letzten Direktors des Bauhauses. Und Hagen war mit Karl Ernst Osthaus ein wichtiges Labor der frühen Moderne und ein entscheidender Knotenpunkt in den Netzwerken, aus denen später das Bauhaus hervorging.
Biografien, Gebäude, Archive, Netzwerke: Das Bauhaus ist längst auch NRW-Geschichte.
Und trotzdem behandelt die aktuelle Landesregierung in Düsseldorf diesen Schatz höchstens wie einen Termin im Jubiläumskalender statt wie eine kulturpolitische Aufgabe. Ein bisschen Ausstellung hier, ein bisschen Gedenkveranstaltung dort – und danach zurück zur Tagesordnung der Polit-Simulation. Das reicht jetzt aber nicht mehr.
Wir dürfen einem Bundesland im Osten – das gerade mal so viele Einwohner hat wie Essen, Bochum, Gelsenkirchen, Mülheim und Oberhausen zusammen – nicht eines der wertvollsten Kulturgüter Deutschlands überlassen. Es reichte schon, dass der Westen den Aufbau des Ostens finanzierte, die Rentenzahlungen übernahm und das Lebensniveau durch Unsummen von Milliarden Euro auf Westniveau gehievt hat. Aus einer Region, in der zu DDR-Zeiten die industrielle Umweltverschmutzung am größten war, wurde eine wohlhabende Region, auf die andere Teile Europas neidvoll blicken – inklusive vieler Gegenden auch in NRW.
NRW sollte deshalb aus seinem Bauhaus-Erbe eine dauerhafte Institution machen. Eine Stiftungsprofessur an der RWTH Aachen etwa. Ein eigenständiges Forschungsinstitut in Krefeld, das aus dem Vereinsstatus herauswächst. Ein verbindliches Kooperationsabkommen mit der Stiftung Bauhaus Dessau zur Sicherung von Archiven und Wissen – und um zu retten, was zu retten ist. NRW muss der Zufluchtsort für das aus Sachsen-Anhalt vertriebene nationale Kulturerbe werden!
Das wäre keine kulturpolitische Luxusveranstaltung. Es wäre Vorsorge.
Denn wer das Bauhaus für unantastbar hält, verwechselt Denkmalschutz mit politischer Sicherheit. Gebäude können geschützt sein und eine Idee kann trotzdem ausgehöhlt werden. Geschichte verschwindet nicht immer, weil jemand sie verbietet. Manchmal verschwindet sie, weil niemand mehr bereit ist, sie zu verteidigen.
Die AfD hat mit ihrem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt eine neue politische Realität geschaffen. Dass sie das Bauhaus zusammen mit dem moskautreuen BSW angreifen wird, ist sicher. Und genau darin liegt der Punkt: Man wartet nicht auf den Schaden, um über Vorsorge nachzudenken.
NRW hat die Mittel. NRW hat die Bauten. NRW hat die Geschichte. Und Ministerpräsident Wüst hat jetzt einen ziemlich guten Grund, daraus endlich Verantwortung zu machen. Endlich mal!
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