
Heute vor 25 Jahren geschah etwas, das nie zuvor geschehen ist: Für einen Moment war die Menschheit in Mitgefühl vereint, war Terror weltweit geächtet.
Die Glocken der Christuskirche Bochum läuten nur einmal im Jahr – immer am 11. September von 14:46 h bis 15:03 h. Sie erinnern an die Opfer des Terrors und daran, dass kein Gott ist, der Menschenopfer verlangt: In den Trümmern des World Trade Centers starben Menschen aus 90 Nationen – Christen, Juden, Muslime und Bürger, die sich nicht religiös gebunden hatten. Der Anschlag auf New York war ein Verbrechen gegen die Menschheit. Die darauf reagiert hat auf eine Weise, wie sie es zuvor nie gegeben hat: Für einen Moment war die Menschheit in Mitgefühl vereint. In diesem einen Moment war Terror weltweit geächtet.
Überall auf der Welt haben Menschen an 9/11 mit demselben Entsetzen reagiert und mit derselben Gewissheit, die sagt: Das soll nicht sein. Wen immer man heute fragt, so gut wie jeder, der damals bei Sinnen war, kann diesen Moment erinnern. Wie es war, als einen die Nachricht erreichte. Als es unmöglich wurde, das Leiden der anderen beiseite zu schieben. Als hätte die Menschheit die Augen aufgeschlagen und schaute dich an.
Er ging zügig vorüber, dieser Moment. Als Putins Terror-Maschine im Februar 2022 begann, die Menschen in der Ukraine niederzuwalzen, ist er vielleicht kurz aufgeblitzt im Bewusstsein dieser Welt, aber sofort ausradiert worden von denen, die russische Massaker als Notwehr verklären. Und dann, im Oktober 2023, als Hamas-Horden wahllos Israelis mordeten, als unerträgliche Bilder, von Hamas gestreamt, die Kanäle weltweit überlaufen ließen, da weckte die begeisterte Barbarei begierige Begeisterung: Terror, der keine Welle gegen Terror ausgelöst hat, sondern eine antisemitische Hasswelle. Sie schwappt durch die Welt in ihre letzten Winkel hinein. Als bestünde die Menschheit heute aus Cheerleadern und Claqueuren.
Von weltöffentlichem Hass genötigt, hat Israel im Oktober 2025 ein „Gaza-Abkommen“ mit Hamas unterzeichnen müssen, um die Chance zu bewahren, Menschen zu befreien, die Hamas als Geiseln versklavt hatte. Mit diesem Abkommen, sagt der Historiker Michael Wolffsohn, sei ein „grundsätzliches Problem“ entstanden,
„ein ethisches. Nämlich dass eine Terrororganisation und ein demokratischer Staat formal völkerrechtlich auf Augenhöhe einen Vertrag abschließen. Eine Terrororganisation ist dadurch der völkerrechtlich legitimierte Sprecher zumindest eines Teils des palästinensischen Volkes geworden. Hier gibt es ein fundamentales ethisch-politisches Ungleichgewicht. Faktisch wurde die Methode des Terrorismus legitimiert.“
Legitimiert durch eine Hasspropaganda, die sich nicht gegen Barbarei richtet, sondern gegen Demokratie. Dahin ist es gekommen, 25 Jahre nach 9/11. Wer die Zivilisation bricht, wird von ihr gefeiert, solange sie noch feiern kann. Mögen es nicht ihre Totenglocken sein, die heute an 9/11 läuten.

» Eine Aufnahme des Geläuts [Ton und Bild] hier.
1958 im Bochumer Verein gegossen, ist das Geläut mit 6,2 Tonnen Gesamtgewicht deutlich schwerer, als es das originale Geläut mit 2,8 Tonnen war. Zu schwer für den seit dem letzten Weltkrieg freistehenden Turm, das haben mehrere Schwingungsgutachten ergeben. 2002 wies ein Sachverständigenrat an, dass nur noch die drei kleinen Glocken im Regelbetrieb zu läuten seien – oder aber, dies der Vorschlag der Christuskirche, alle fünf Glocken einmal im Jahr.
Zwei Tage nach den Terror-Attacken von 9/11 hatten sich Bochumer Bürger aller Religionen und Anschauungen in der übervollen Christuskirche zusammengefunden und dem Terror widersprochen. Vier Tage nach 9/11 wurde bekannt, dass der Terror-Pilot eines vierten entführten Flugzeugs, Ziad Jarrah, ebenfalls Bochumer war, er lebte sechs U-Bahnstationen von der Christuskirche entfernt. Jarrah hat 40 Menschen ermordet, sie starben auf einem Feld in Shanksville/Pennsylvania.
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