Alexander Zverev ist die Nummer 1 – und Deutschland zuckt mit den Schultern

Boris Becker im Jahre 2013. Quelle: Wikipedia, Lizenz: Gemeinfrei

Seit Donnerstag steht fest, dass Alexander Zverev ab kommenden Montag offiziell die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste sein wird. Das ist ohne Frage ein gewaltiger Erfolg. Doch während man sich in den 1980er-Jahren bei einem Boris Becker kaum vor Tennis-Schlagzeilen retten konnte, scheint die historische Nachricht rund um Zverev hierzulande erstaunlich wenig Begeisterung auszulösen. Wie kann das sein?

Eine Nummer eins, die kaum jemanden vom Hocker reißt

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Nach mehr als 35 Jahren steht wieder ein deutscher Tennisspieler an der Spitze der Weltrangliste. Zverev ist erst der zweite Mann aus Deutschland, dem dieses Kunststück gelingt. Er hat sich über Jahre an die Weltspitze herangekämpft, große Turniere gewonnen und nun einen Meilenstein erreicht, von dem selbst viele hochbegabte Profis nur träumen können.

Und trotzdem fehlt der große Aufschrei. Keine flächendeckende Tennis-Euphorie, kein Gefühl, dass gerade ein nationales Sportereignis stattfindet. Natürlich wird berichtet, natürlich gratulieren die üblichen Verdächtigen. Aber die breite Begeisterung, die einst mit Boris Becker oder später Steffi Graf verbunden war, will sich einfach nicht einstellen.

Das ist bemerkenswert. Schließlich reden wir nicht über irgendeinen Erfolg bei einem ATP-Turnier, sondern über die Spitzenposition im Welttennis. Eigentlich müsste das eine Nachricht sein, die auch Menschen erreicht, die sich ansonsten nur selten für Tennis interessieren.

Boris Becker war mehr als ein Tennisspieler

Wer sich noch an die Becker-Jahre erinnert, weiß, wie anders die Situation damals war. Als der Leimener 1985 in Wimbledon triumphierte, wurde er mit gerade einmal 17 Jahren zum nationalen Phänomen. Plötzlich saßen Millionen Menschen vor dem Fernseher, diskutierten über Aufschläge, Breakbälle und Matchbälle. Tennis war Gesprächsthema beim Bäcker, im Büro und am Stammtisch.

Becker hatte etwas, das weit über seine sportlichen Fähigkeiten hinausging. Er war emotional, manchmal ungestüm, gelegentlich provokant und praktisch immer eine interessante Figur. Man konnte ihn bewundern, sich über ihn ärgern oder mit ihm leiden. Gleichgültig ließ er einen selten.

Zverev dagegen wirkt selbst in seinen größten Momenten deutlich nüchterner. Er ist ein hervorragender Tennisspieler, aber bislang kein vergleichbares Unterhaltungstalent. Seine Erfolge erzeugen nicht automatisch Geschichten, die auch außerhalb der Tennisblase hängen bleiben. Ihm fehlt jene Mischung aus Charisma, Nahbarkeit und emotionaler Unberechenbarkeit, die Becker zu einem Star weit über den Sport hinaus machte.

Das ist keine sportliche Bewertung. Es ist allerdings ein entscheidender Unterschied, wenn man verstehen möchte, warum der eine einst ein ganzes Land elektrisierte und der andere trotz seiner Erfolge vergleichsweise wenig öffentliche Begeisterung entfacht.

Tennis hat in Deutschland seinen Zauber verloren

Natürlich wäre es zu einfach, die ausbleibende Euphorie allein Zverev anzulasten. Tennis hat hierzulande seit Jahren mit einem erheblichen Bedeutungsverlust zu kämpfen. Die großen Zeiten der 1980er- und 1990er-Jahre sind lange vorbei. Damals gab es gleich mehrere deutsche Weltstars, große Fernsehereignisse und eine Begeisterung, die sich bis in die Vereine und auf öffentliche Tennisplätze fortsetzte.

Heute konkurriert die Sportart mit einem riesigen Unterhaltungsangebot. Fußball dominiert ohnehin, dazu kommen zahlreiche weitere Sportarten, Streamingdienste und soziale Medien. Ein Grand-Slam-Finale ist längst nicht mehr automatisch ein Ereignis, das halb Deutschland vor den Bildschirm lockt.

Auch der fehlende Nachwuchs an echten deutschen Tennis-Idolen macht sich bemerkbar. Zverev steht ziemlich allein auf weiter Flur, wenn es um internationale Spitzenleistungen bei den Männern geht. Und selbst seine größten Erfolge haben es bislang nicht geschafft, einen neuen Tennis-Boom auszulösen.

Dabei wäre die Nummer eins der Weltrangliste eigentlich eine hervorragende Gelegenheit, die Aufmerksamkeit wieder auf den Sport zu lenken. Nur lässt sich Begeisterung eben nicht allein durch Ranglistenplätze verordnen.

Ein großer Erfolg ohne große Strahlkraft

Man sollte Zverev seinen Erfolg keinesfalls kleinreden. Wer die Weltrangliste anführt, hat sich diese Position durch Leistungen verdient. Dass der verletzungsbedingte Ausfall von Jannik Sinner und die Abwesenheit anderer Konkurrenten bei einzelnen Turnieren die Diskussion über den Zeitpunkt seiner Krönung befeuern, ändert daran grundsätzlich nichts. Im Tennis zählen die erspielten Punkte. Und die sprechen für Zverev.

Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn ein solcher Meilenstein kaum Begeisterung auslöst. Vielleicht ist das ein Zeichen der Zeit. Vielleicht ist der deutsche Sport längst so sehr auf Fußball fixiert, dass selbst historische Erfolge in anderen Disziplinen nur noch kurz wahrgenommen werden.

Vielleicht liegt es aber eben auch an Zverev selbst. Sportliche Klasse allein macht noch keinen Publikumsliebling. Wer Menschen mitreißen will, muss mehr bieten als Siege, Statistiken und eine große Eins auf der Anzeigetafel.

Alexander Zverev ist jetzt die Nummer eins der Tennis-Welt. Das verdient Respekt und Anerkennung. Dass daraus in Deutschland kein neues Tennis-Fieber entsteht, sagt allerdings mindestens ebenso viel über den Zustand des Sports aus wie über seinen prominentesten Vertreter.

Boris Becker wurde einst zum Helden einer ganzen Generation. Zverev ist ein Weltklasse-Spieler. Der Unterschied zwischen beidem ist größer, als es die Weltrangliste vermuten lässt.

Autorenseite: Robin Patzwaldt
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