Die Zukunft wird auch im Revier gemacht

Young Leaders im Heinrich Nixdorf Forum in Paderborn Foto: Privat


Eine Woche young leaders Akademie aus der Sicht eines 17-Jährigen aus Bottrop: über Nachhaltigkeit, Künstliche Intelligenz, das Technische Hilfswerk und die Frage, ob meine Generation noch Lust auf Verantwortung hat. Von unserem Gastautor Rojan Fares

Wer wissen will, ob junge Menschen heute noch Lust auf Verantwortung haben, hätte im April nach Paderborn fahren sollen. Bei der 87. young leaders Akademie kamen vom 7. bis 12. April 2026 rund 100 Jugendliche aus ganz Deutschland zusammen, um fünf Tage lang über die großen Zukunftsfragen zu diskutieren. Ich war einer von ihnen, 17 Jahre alt und Schüler der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Bottrop, und damit einer der wenigen aus dem Ruhrgebiet.

Für mich blieb es nicht beim Zuhören. Ich gehörte zu einer Gruppe von drei Teilnehmern, die ausgewählt wurde, um den UN-Jugenddelegierten Joshua Steib zu interviewen. Unsere Ergebnisse stellten wir anschließend vor dem gesamten Plenum vor. Dass die Akademie kein internes Klassentreffen ist, sondern Aufmerksamkeit findet, zeigte sich auch daran, dass ein Kamerateam der Tagesschau vor Ort war und uns filmte.

Inhaltlich ging es um die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Steib, UN Youth Delegate und EU Young Energy Ambassador, warb dafür, das eigene Engagement nicht kleinzureden. Man müsse nicht die ganze Welt allein retten, sagte er sinngemäß, es komme auf das tägliche Tun jedes Einzelnen an. Solche Appelle hört man oft. Spannender wurde es, als es konkret wurde.

Verkehrsexperte Dr. Henrik Becker, der zu Smart Cities forscht, sprach über nachhaltige Stadtplanung und darüber, wie Daten und Technik Verkehr und Energie im Hintergrund steuern. Clemens Pohl, Gründer der AP Sensing GmbH, erklärte, wie sich mit Sensoren in Glasfaserleitungen kritische Infrastruktur wie Strom- und Versorgungsnetze schützen lässt. Wer im Ruhrgebiet lebt, wo Industrie, Netze und dichte Städte aufeinandertreffen, merkt schnell, dass das keine abstrakten Themen sind.

Am meisten hängengeblieben ist mir der Auftritt von Albrecht Broemme, dem Ehrenpräsidenten des Technischen Hilfswerks. Das THW, das mit seinen rund 88.000 Ehrenamtlichen auch vor Ort war, erinnert an etwas, das in den Technik-Debatten gern untergeht: Am Ende müssen Menschen anpacken. Zwischen Sandsäcken von früher und Drohnen von heute hat sich die Ausstattung verändert. Der Wille zu helfen ist geblieben.

Künstliche Intelligenz haben wir nicht nur erklärt bekommen, sondern selbst auseinandergenommen. In einem eigenen KI-Kurs lernten wir, wie neuronale Netze arbeiten, also wie eine Maschine aus vielen kleinen Rechenschritten so etwas wie Entscheidungen ableitet. Danach programmierte jede und jeder von uns eine eigene Website, und zwar mit sogenanntem Vibe Coding. Dabei beschreibt man der KI in normaler Sprache, was entstehen soll, und sie liefert den passenden Code. Wer einmal selbst gesehen hat, wie das funktioniert, redet anders über KI, nüchterner und neugieriger zugleich. Passend dazu war im Heinz Nixdorf MuseumsForum vom silbernen DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ bis zu einer Büste aus alten Computerplatinen die ganze Bandbreite der Technikgeschichte zu sehen.

Auch die nachdenklichen Töne hatten ihren Platz. Beim festlichen Abend wurde Prof. Nicanor Austriaco mit dem Oswald-von-Nell-Breuning-Preis der Stiftung für politische und christliche Jugendbildung ausgezeichnet. Der Wissenschaftler und Priester, der in den USA und auf den Philippinen lehrt, machte deutlich, dass Werte und Wissenschaft kein Widerspruch sein müssen.

Mit nach Hause genommen habe ich vor allem eine Erkenntnis: Meine Generation steht den Krisen nicht ohnmächtig gegenüber, und gute Ideen brauchen keine Großstadt-Adresse. Man kann auch aus dem Ruhrgebiet heraus mitreden und mitmachen. Genau das sollte man uns öfter zutrauen.

 Rojan Fares, 17, ist Schüler der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Bottrop. Im April war er bei der bundesweiten 87. young leaders Akademie in Paderborn, bei der rund 100 Jugendliche über KI, Nachhaltigkeit und kritische Infrastruktur diskutiert haben.

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ParagrafenPapagei
ParagrafenPapagei
21 Tage vor

Sehr schöner, sehr optimistischer und sehr richtiger Text.

Das Ruhrgebiet hat riesiges Potenzial – was durch gebeutelte Kommunen, Kirchturmpolitik sowie politischen Fehlentwicklungen der letzten Jahre nicht gehoben wird. Würden ungenutzte Gewerbeflächen, vorhandenes wissenschaftliches und wirtschaftliches Know-How und Kooperationspotenziale klug miteinander kombiniert und die Rahmenbedingungen verbessert, könnte das Ruhrgebiet sehr schnell wieder erheblich an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung gewinnen – man muss halt wollen…

Thomas Weigle
Thomas Weigle
21 Tage vor

Guter Text, v.a. die etwas kritische Bemerkung zu KI hat mir gefallen. Auch sonst ist er ein kleiner Lichtblick in diesen düsteren Zeiten. Hier wird ja KI sonst abgefeiert bis der Arzt kommt. KI in bspw. der Medizin ist ne feine Sache, wenn aber KI benutzt wird, um Meinung zu machen, wird es ziemlich unangenehm, da sie dann eben auch Zeitung macht, oder aber Meinungen zensiert. Das kann man auf msn erleben, wo selbst zustimmende Kommentare, die aus zwei Wörtern bestehen, wie mein gern gebrauchtes „so isses“ oder „me too“, als nicht mit den Communityregeln vereinbar bezeichnet werden. Auch der Hinweis, dass Juden von Anfang an von Muslimen diffamiert und unterdrückt wurden, entsprach nicht den Communityregeln und anderes mehr. msn ist nicht der „Niederkaltener Monatsanzeiger“, sondern gehört zu microsoft, also zu einem weltweit verbreiteten HI-Tech-Unternehmen. Just lese ich „Die Praktikantin“, ein Thriller aus allerjüngster Zeit in dem es auch darum geht, wie KI Journalisten ersetzt und passend dazu habe ich heute eine mail von der taz bekommen, in der es genau um dieses Thema geht. Ich finde das alles schon sehr erschreckend.

Alf
Gast
Alf
19 Tage vor

Zurück mit dem Zug von Paderborn nach Bottrop. Willkommen in der Wirklichkeit des Ruhrgebiets. Um dieses festzustellen, brauche ich auch keine KI. Die S9 fällt wieder aus, Dammrutsch an der Strecke, zwischen Essen Dellwig und Bottrop ist es ohnehin nur eingleisig, was permanent zu Verspätungen führt. Zudem ist die Kanalbrücke baufällig und der Turmbahnhof Dellwig wird sowieso nicht gebaut. Der Verkehrsexperte Dr. Henrik Becker ist mir dagegen überhaupt nicht bekannt.

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