WM 2026: Schluss mit dem ewigen „Wir“!

Der WM-Pokal. Foto: Robin Patzwaldt

Heute Abend spielt Deutschland bei der Fußball-WM 2026 sein drittes Spiel der Gruppenphase gegen Ecuador. Und fast genauso sicher wie der Anpfiff ist inzwischen etwas anderes: Irgendwann werden Reporter, Moderatoren oder Live-Kommentatoren in Bezug auf die DFB-Auswahl wieder von „wir“ sprechen.

„Wir müssen heute besser verteidigen.“

„Wir brauchen jetzt das zweite Tor.“

„Wir stehen im Viertelfinale.“

Nein. Tun wir nicht.

Die deutsche Nationalmannschaft steht auf dem Platz. Die Journalisten sitzen auf der Pressetribüne oder vor dem Mikrofon. Zwischen beiden Rollen sollte eigentlich ein ziemlich deutlicher Unterschied bestehen. Trotzdem scheint dieser Unterschied in den vergangenen Jahren immer mehr zu verschwimmen. Mich nervt das mittlerweile gewaltig.

Das ist Berichterstattung – kein Fanclub

Natürlich richtet sich die Berichterstattung deutscher Medien an ein deutsches Publikum. Natürlich fiebern viele Reporter mit der Nationalmannschaft mit. Das ist menschlich. Aber genau deshalb sollte man seine Sprache bewusst wählen.

Wer beruflich über Sport berichtet, ist eben kein Teil der Mannschaft. Er bekommt weder Einsatzminuten noch eine Siegprämie. Trotzdem entsteht bei manchen Übertragungen der Eindruck, als hätten sich einige Journalisten gedanklich bereits in den Mannschaftsbus gesetzt.

Das kleine Wörtchen „wir“ verrät mehr, als seinen Verwendern vermutlich bewusst ist. Es signalisiert Nähe, Parteilichkeit und Identifikation. Genau das sollte Journalismus eigentlich vermeiden.

Denn wer sich sprachlich mit seinem Berichtsgegenstand gemein macht, tut sich zwangsläufig schwerer, ihn mit der nötigen Distanz zu beurteilen.

Fans dürfen das – Journalisten sollten es besser wissen

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, jede Emotion aus dem Sport zu verbannen. Wenn ich zum Beispiel das Fanradio eines Bundesligisten einschalte, weiß ich, dass ich parteiische Kommentare hören werde. Dort gehört das zum Konzept. Dasselbe gilt für ehemalige Nationalspieler, die heute als Experten im Medienbereich arbeiten. Wer jahrelang selbst das DFB-Trikot getragen hat, wird diese Verbundenheit nie ganz ablegen. Das ist nachvollziehbar. Aber Journalisten? Deren Aufgabe besteht nicht darin, Fans mit Presseausweis zu sein.

Sie sollen beobachten, kritisch einordnen, hinterfragen und notfalls auch unbequem sein. Genau dafür genießen sie Glaubwürdigkeit. Oder sollten es zumindest.

Stattdessen scheint sich inzwischen eine seltsame Unsitte breitgemacht zu haben. Hauptsache möglichst nah dran. Hauptsache möglichst emotional. Hauptsache bloß nicht den Eindruck erwecken, man könnte der Nationalmannschaft kritisch gegenüberstehen.

Manchmal wirkt das eher wie öffentlich-rechtliches Fantreffen als wie professionelle Sportberichterstattung.

Vielleicht bin ich altmodisch – oder einfach nur konsequent

Ja, möglicherweise bin ich mit dieser Meinung inzwischen in der Minderheit. Vielleicht gilt Distanz heute als altmodisch und das demonstrative Mitfiebern als moderner Journalismus. Ich halte das für einen Irrweg.

Gerade in Zeiten, in denen ständig über Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Medien diskutiert wird, wäre etwas mehr professionelle Distanz kein Nachteil. Im Gegenteil. Journalisten müssen nicht beweisen, dass sie die Nationalmannschaft genauso toll finden wie ihre Zuschauer. Das setzt ohnehin jeder voraus. Sie sollten vielmehr beweisen, dass sie unabhängig berichten können.

Das bedeutet nicht, emotionslos zu kommentieren. Es bedeutet lediglich, die Rollen nicht zu verwechseln. Wer auf der Pressetribüne sitzt, spielt nicht mit, ist nicht Teil des Geschehens auf dem Rasen. So einfach ist das eigentlich.

Deshalb wünsche ich mir, dass das inflationäre „Wir“ endlich wieder dort landet, wo es hingehört: auf die Fanmeile, in den Biergarten oder ins Vereinsheim. Aber bitte nicht in einen professionellen Kommentar. Denn Journalismus beginnt genau dort, wo das Fansein aufhört. Eigentlich…

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