
10/7, das monströse Massaker an Israelis heute vor drei Jahren, verübt von Hamas und PFLP, die gerne auf Partys posieren mit Berliner Linken: Warum hat der Schwarze Samstag „die größte Antisemitismuswelle aller Zeiten ausgelöst“? Auf der Rechte wie Linke wie Liberale reiten, weltweit vereint wie nie zuvor? Fragt Maxim Biller in seinem Roman eines Jahres: „Hat das Hamas-Pogrom sie inspiriert?“
Es ist weniger Roman als ein Denk-Tagebuch, was Maxim Biller vorgelegt hat, Denken im Jahr 1 nach 10/7, den undenkbaren Massakern, mit denen sich Hamas & Co – heute vor drei Jahren und seitdem – aus der Menschheit heraus gemordet haben. Biller sucht Unfassbares zu fassen, er teilt sein Denken, keine Meinungen. Seit langem weigert er sich – erfolgreicher Autor, ihn ans Mikro zu kriegen, zählt als Coup – , die Rolle des jüdischen Kronzeugen zu spielen, der bestätige, was andere meinten, dass sie denken. In Schwarze Samstage – שבת השחורה, Schabat ha-schochora wird 10/7 in Israel genannt – ist es ein „auffallend taktvoller Journalist“, Magazin-Redakteur eines namhaften Blattes aus Frankfurt, dessen Telefonanrufe sich wie ein dünner Faden ziehen durch das Buch. Genervt erklärt ihm Ari, Billers alter Ego im Roman, er solle nicht über Juden schreiben, sondern „lieber darüber, ob Sie selbst manchmal auch etwas gegen Juden haben“.
Ob er nicht schnell ein Vorwort schreiben könne zu einem just jetzt geplanten Buch, fragt ihn ein Verleger, unschwer als Mitarbeiter von Klett-Cotta zu erkennen, ein paar Wochen nach 10/7. „‘Klar‘“, sagt Ari, „‘aber vorher müssen Sie Ernst Jünger aus dem Verlag werfen. Und diesen Historiker, der auf seinen Autorenfotos immer ein dubioses Fred-Perry-Polohemd trägt und Bücher schreibt, die Flut und Boden und Mit Rechten reden heißen“. Per Leo. Juden, heißt es später im Buch wie zur Erklärung, wollten nun einmal verstehen, „ob die Geschichte einen Sinn“ habe.
Deshalb dieser Hass? Weil die Geschichte Sinn haben könnte trotz allem? Anders gefragt: „Woher diese Wut?“ Zwei Gedankenlinien, denen Biller nachgeht, nein, die er absucht, um eine Antwort zu finden.
Die eine beginnt bei Abraham, da sind – immer der jüdischen Bibel nach – Himmel und Erde soeben geschaffen, die Menschen aus paradiesischer Unmündigkeit vertrieben, der Noah-Bund geschlossen. Noah-Bund? Ein Vertrag – siehe im ersten Buch der Bibel Kapitel 9 – zwischen dem Einen, dem jüdischen Gott und der Menschheit. Vertragsinhalt: Die Erde werde blühen und bestehen, wenn sich die Menschen an eine Handvoll Regeln halten,
„sie sollen bloß nicht töten, klauen, sich in komischen Tempeln herumdrücken, mit ihren Töchtern und Brüdern schlafen, Gott beleidigen, und sie sollen sich zugleich eine eigene Gerichtsbarkeit zulegen“.
Nicht viel verlangt, „eine Art Reader’s Digest-Version“ der Zehn Gebote, schreibt Biller, eine verlässliche Basis dafür, halbwegs friedlich zusammen zu leben. Und jetzt Abraham, er „begriff als erster Mensch auf dieser Welt, dass es möglicherweise auch gar keine Götter gab“. Und habe diesen Gedanken – in dieser Form zu früh für „seine Leute“ – in der Idee des einen und einzigen Gottes verdichtet. Eine „voratheistische Gottesrevolution“, so Biller, sie habe Juden in keine nur gedachte, sondern gelebte Freiheit entlassen. Wo Unvernunft sei, dies der wesentlich jüdische Gedanke, „muss auch die Vernunft sein“, und „wo es das Böse gibt, muss auch das Gute existieren“. Und das bedeute:
„Wo Menschen sind, sollten sie sich für das Gute und gegen das Böse entscheiden.“
Billers Ari nennt dies „die Erfindung eines freien Individuums“. Durchaus zurecht, ähnlich haben das auch Thomas Mann und Sigmund Freud gesehen, um einmal zwei zu nennen von vielen, die Biller nennt. Nur ist es das Eine, ein freies Individuum zu erfinden, ein Anderes, als freies Individuum zu leben. Einen „delikaten Zivilisierungsauftrag“, nennt Biller dies, mit dem reisten die Juden seitdem durch die Menschheitsgeschichte. Und hätten eben darum – mit ihrem Nicht-Gott, auf den sich keine Verantwortung abschieben lasse für das, was einer tut und lässt – alle Nichtjuden „von Anfang genervt“.
Und auch diese Linie geht Biller bis an den Anfang zurück. Bis zum „ersten Pogrom der Weltgeschichte“ im Jahr 38 nC in Alexandria, dem antiken New York. Mit einer großen jüdischen Gemeinde, mit erfolgreicher Wirtschaft und Wissenschaft, nur dass die Juden auch dieser Stadt sich weigerten, die vielen Götter der Griechen mit all den vielen „unterhaltsamen Menschenopfern“ ernst zu nehmen: Sie hielten stur an der „entschiedenen Unterscheidung von Gut und Böse“ fest, an der Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen Menschen.
Ihnen gegenüber Apion von Alexandria, womöglich sei der – auch das eine Entscheidung – „der Erfinder des zeitlosen Antisemitismus“ gewesen. Einer, der nicht nur alle gängigen Tropen wiederholt, sondern sie ins Metaphysische gehoben habe: Die Juden, so Apions Idee, seien nicht nur bei den Griechen selber, sondern bei den griechischen Göttern verhasst. Höhere Gewalt. Der weise Philo von Alexandria, hat das Pogrom, das er überlebt hat, bereits beschrieben, als sei es ein 10/7:
„Sie wurden umgebracht, durch die ganze Stadt geschleift, getreten und so zugerichtet, dass kein Glied ihres Körpers übrigblieb, das man hätte bestatten können.“
Das also, schreibt Billers Ari, „das war das Opfer – die schwarze Messe! – , die sich Apions Leute gewünscht hatten“. Deren Spur sich durch die Jahrhunderte ziehe bis dahin, dass,
„wenn in Birkenau die Kamine qualmten, jeder anständige Deutsche wusste, dass das Böse, das Un-Vernünftige, das er anbetete, fest an der Macht war und einen nie enden wollenden Strom an Menschenopfern verlangte.“
Und im unmittelbaren Anschluss:
„Können wir uns jetzt bitte kurz alle an den Händen halten und an die Bodycam-Aufnahmen der Hamas-Assassinen vom 7. Oktober denken (…) Die meisten Eindringliche aus Gaza hatten ihre schwarze Messe gefilmt, sie waren stolz auf ihre Tat. Sie zeigten der Welt, dass es fun war, böse und ein Massenmörder zu sein.“
Ein fun auch heute und seit jeher, das ist Aris „Annahme“. Dass Antisemitismus nichts anderes sei als
„der Hass der Freunde der bösen, vorzivilisatorischen Anarchie auf die Verfechter einer geordneten, friedlichen, menschengemachten jüdischen Welt, in der Gott kein alter Mann mit weißem Bart im Himmel ist, sondern nur eine vollkommene, abstrakte Handlungsanweisung. Eine Welt, in der freudiges Stehlen, Töten, Massakrieren, Vergewaltigungen verboten sind.“
Dagegen habe sich der 7. Oktober empört und rollten die antisemitische Hasswellen an, die seitdem um die Erde spülen: eine „heidnische Gewaltzeremonie“, das Gegenteil einer politischen Befreiungstat, schreibt Billers Ari, „davon bin ich überzeugt!“
Nur dann, „wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob es wirklich so einfach ist“, dann, sagt Ari, gibt es immerhin zwei Möglichkeiten für ihn: Entweder schlage er dann bei Jan Assman nach, der Ägyptologe – Anfang 2024, der Erzählzeit des Romans verstorben – habe einen friedlichen und bunten Polytheismus voller lustiger Götter gegen einen lustlos brutalen Monotheismus der Juden aufgestellt und sich – „zusammen mit seiner ebenfalls immer sehr quecksilbrig denkenen und schreibenden Frau“ – in seiner „spitzen, angeekelten Art“ über die „‘Ethisierung der Religion‘ durch die Juden“ sehr professoral sehr lustig gemacht, ein „freundlicher Pressesprecher der großen antisemitischen Weltverschwörung“.
Oder, wenn Assmann gerade nicht greifbar ist im Bücherschrank, dann
„gehe ich auf meinem Telefon in den Ordner mit den Bodycam-Aufnahmen der tötenden, fickenden, abspritzenden, brandschatzenden, feuerlegenden, köpfenden, jubelnden Hamas-Priester.“
Harter Schnitt: „Wie geht die jüdische Utopie?“ Frage von Ari an Eli, seinen theologisch gebildeten Schwager, Antwort: Eines Tages werde das Messianische Zeitalter anbrechen. Ob denn die anderen dann einmal aufhörten, Barbaren zu sein? „Ja.“ Ob sie dann auch aufhörten, Antisemiten zu sein? „Ja.“
Und was bis dahin? Solange – es ist Aris eher still formulierte Einsicht, sie ist evident, Biller selber lebt in der Diaspora – solange bräuchten Juden mit ihrem delikaten Zivilisierungsauftrag „einen Ort, wo sie bis zu seiner Erfüllung leben können“. Bis es mit dieser Zivilisierung einmal geklappt und mit diesem „ewigen, lächerlichen, gespenstischen, metaphysischen Hass auf die Juden“ ein Ende habe.
Billers Utopie. Keine gebratenen Hähnchen rund um die Uhr, keine Jungfrauen im Dutzend, nur diese Welt ohne Hass auf Juden. Eine jüdische Utopie, keine islamische, keine christliche, auch keine kulturchristliche. „Keine christlichen Selbstanklagen“ im Jahr 1 nach 10/7, schreibt Billers Ari, „keine öffentlich zugegebenen Mord-, Neid- und Unterlegenheitsgedanken. Keine Geständnisse moderner, gebildeter Deutscher.“ Keine in dem Frankfurter Magazin mit dem „traurigen und immer etwas zu nachdenklichen Redakteur“, keine „von Arte-Redakteuren, von Spiegel-Redakteuren, von Zeit-Redakteuren, von Markus-Lanz-Gästen, von Markus Lanz selbst, von Linken- und SPD-Bundestagsabgeordneten …“ und schon gar nicht von „Dr. Carolin Emcke“, die zwar gefordert habe, „wir“ müssten nun doch einmal „‘dringend ausbuchstabieren und erläutern, was Antisemitismus ausmacht‘“. Und dann? Kommt „nichts“.
„Überraschend lustig“ sei das Buch, flötet die ZEIT, wenn auch „tieftraurig“. Weder noch, Billers Ari steht allein in der deutschen Gesellschaft wie Israel in der Welt. Seine Frage an den traurigen Frankfurter Redakteur, „ob Sie selbst manchmal auch etwas gegen Juden haben“, ist keine journalistische Frage, keine literarische, es ist – völlig unpathetisch – eine Frage an uns, die Ruhrbarone und ihre Leser, was das denn nun sei, dieser „ewige, lächerliche, gespenstische, metaphysische Hass auf die Juden“. Bei dem Versuch, eine Antwort darauf zu finden, mag es lustig wirken oder traurig oder einfach nur einfach, auf uns alle zu zeigen, so wie Ari es macht. Sehr viel einfacher ist es für uns alle, auf andere zu zeigen.
Was Biller zeigt: dass der zeit- und ortlose Hass auf Juden glaubensstark ist und völlig frei von Glauben, dass er ideenlos ist und äußerst idealistisch. Judenhass ist wie ein nächtlicher Nebel, in dem sich die Rotte findet, die Massaker begehen will, schwarze Messen. Und die beginnen dann, wie sie an 10/7 begonnen haben, wenn die Sonne aufgeht.
_ _
Maxim Biller
Schwarze Samstage. Roman eines Jahres
Kiepenheuer und Witsch 2026
304 Seiten gebunden, 24 EUR

Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen