
Students for Palestine Duisburg-Essen lädt zum offenen Treffen in Duisburg. Das Ziel steht bereits fest: Hochschulkooperationen mit Israel sollen beendet werden. Wer wissenschaftlichen Austausch pauschal zur Mitschuld erklärt, erspart sich die mühsame Prüfung dessen, was tatsächlich gemeinsam erforscht wird.
Am Sonntag, dem 11. Oktober 2026 will sich die Gruppe um 14.00 Uhr in der Koloniestraße 173 in Duisburg treffen. Der Instagram-Aufruf vom 4. Oktober 2026 wirbt um Mitstreiter für eine Kampagne gegen Kooperationen von Hochschulen in Duisburg und Essen mit israelischen Einrichtungen. Genannt werden die Tel Aviv University und das Technion in Haifa.
Als Kollaborationspartner des Instagram-Beitrags werden neben Students for Palestine UDE die Academic Boycott Now Campaign Germany, das Kufiya Netzwerk, KoKo – Kollektiv Koloniestraße e.V. und die Aktionsgruppe Palästina (
Duisburg: Am Jahrestag des Hamas-Massakers wird demonstriert – im Namen des „palästinensischen Widerstands“) aufgeführt.
Nach Darstellung der Gruppe tragen diese Institutionen zur Infrastruktur von „Besatzung, Apartheid und Genozid“ bei. Deutsche Wissenschaft normalisiere und finanziere durch die Zusammenarbeit das Geschehen im ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina mit. Das ist der Vorwurf der Organisatoren. Der Aufruf liefert dafür keine Aufstellung konkreter Duisburger oder Essener Forschungsprojekte, ihrer Finanzierung und ihres behaupteten Beitrags zu Menschenrechtsverletzungen.

Das Urteil steht vor der Untersuchung
Die Aktivisten wollen die „Komplizenschaft“ der örtlichen Hochschulen aufdecken und beenden. Aufdecken klingt zunächst nach Recherche. Im Aufruf ist das Ergebnis allerdings schon gesetzt: Die Zusammenarbeit ist schuldhaft, sie soll aufhören. Welche Kooperation aktuell besteht und was sie konkret bewirkt, müsste für einen belastbaren Vorwurf erst einmal einzeln nachgewiesen werden.
Auch die im Beitrag angeführte Zahl von rund 290 offiziellen Kooperationen im Jahr 2024 hilft dabei nicht weiter. Die Gruppe bezieht sie auf deutsche und israelische Institutionen insgesamt. Sie ist weder eine Liste Duisburger und Essener Projekte noch ein Beleg dafür, dass ein bestimmtes Forschungsprojekt angebliche Kriegsverbrechen unterstützt.
Gegen überprüfbare Kritik an einzelnen Kooperationen spricht nichts. Forschung hat Verantwortung. Gerade deshalb muss die Kritik erklären, worin diese Verantwortung im konkreten Fall besteht. Eine israelische Partnerinstitution zu nennen, ersetzt diesen Nachweis nicht.
Was die Zusammenarbeit tatsächlich hervorbringt
Die wissenschaftlichen Ergebnisse solcher Kooperationen lassen sich nachlesen. Ein besonders naheliegendes Beispiel liefert ausgerechnet die Universität Duisburg-Essen – gemeinsam mit dem im Boykottaufruf genannten Technion.
Duisburg-Essen und Technion: ein neuer Blick auf die Sternentstehung
Am 3. Februar 2026 berichtete die UDE über eine Entdeckung unter Leitung des Technion: Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop wies das internationale Team erstmals direkt Infrarotstrahlung von molekularem Wasserstoff nach, der durch kosmische Strahlung angeregt worden war. Der Duisburger Astrophysiker Brandt Gaches war beteiligt und steuerte laut UDE astrochemische Modelle bei.
Der wissenschaftliche Gewinn ist konkret: Die Beobachtungen bestätigen theoretische Vorhersagen und eröffnen eine neue Methode, die Bedingungen in Sternentstehungsgebieten zu untersuchen. Die Originalarbeit in Nature Astronomy dokumentiert neben der UDE auch Beteiligungen der Universität zu Köln und der LMU München. Hier steht eine gemeinsame Publikation mit überprüfbaren Ergebnissen hinter der Kooperation.

Bonn und Jerusalem: Erkenntnisse zur Gehirnalterung
Forschende der Universität Bonn und der Hebräischen Universität Jerusalem untersuchten, wie eine längerfristige, niedrig dosierte THC-Behandlung den Stoffwechsel beeinflusst. Die Universität Bonn erläuterte die Ergebnisse am 21. August 2024: Im Gehirn und im übrigen Körper zeigte sich eine unterschiedliche Wirkung auf den Regulationsmechanismus mTOR. Das liefert neue Erkenntnisse für die Forschung zur Gehirnalterung.
Die am 14. August 2024 veröffentlichte Studie weist die beteiligten Bonner Institute und die Hebräische Universität ausdrücklich aus. Die Ergebnisse stammen aus Versuchen an Mäusen. Sie sind ein Forschungsfortschritt, aber noch kein Nachweis einer wirksamen Behandlung beim Menschen.
München und Technion: mehr Informationen aus biologischen Proben
Bereits 2013 veröffentlichten Gali Sela, Daniel Razansky und Shy Shoham ein gemeinsam entwickeltes Verfahren, das optoakustische und Mehrphotonen-Fluoreszenzmikroskopie kombiniert. Das Forschungsportal der TU München dokumentiert die begutachtete Veröffentlichung mit dem Technion und die experimentellen Ergebnisse.
Das System verbindet unterschiedliche Bildinformationen und ermöglicht dreidimensionale Aufnahmen biologischer Proben. Der Nutzen liegt in einem demonstrierten Werkzeug für die Forschung an Zellen und Gewebe; eine bereits etablierte klinische Diagnosemethode wird damit nicht belegt.
Diese Beispiele machen nicht jede denkbare Kooperation unangreifbar. Sie zeigen aber, was bei einem pauschalen Abbruch ebenfalls betroffen wäre: gemeinsame Forschung, deren Ergebnisse längst veröffentlicht sind und von der auch deutsche Hochschulen profitieren.
Wen der Boykott schwächt
Die deutschen Wissenschaftsorganisationen haben sich zu solchen Forderungen deutlich positioniert. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen erklärte am 10. Juni 2024, den Boykott israelischer Wissenschaft abzulehnen. Forschungskooperationen abzubrechen oder israelische Wissenschaftler aus dem internationalen Austausch auszuschließen, bezeichnete sie als „diskriminierend und falsch“. Ein solcher Boykott schwäche unabhängige Stimmen.

Auch HRK-Präsident Walter Rosenthal wandte sich am 11. Juni 2025 gegen einen Wissenschaftsboykott. Er verwies auf israelische Universitäten als liberale und demokratische Kräfte sowie auf den gemeinsamen akademischen Alltag jüdischer und arabischer Israelis und von Palästinensern. Das sind grundsätzliche Stellungnahmen, keine Reaktionen auf den aktuellen Duisburger Aufruf.
Der Einwand trifft dennoch dessen entscheidende Schwäche: Eine Universität ist mehr als die Regierung des Landes, in dem sie steht. Wer Kooperationen pauschal kappen will, trifft auch Orte des Widerspruchs, des Austauschs und der gemeinsamen Arbeit.
In Duisburg sollen nun weitere Mitstreiter für den akademischen Boykott gewonnen werden.
Die naheliegende Frage an die Kampagne lautet: Welche konkrete Zusammenarbeit soll aus welchem überprüfbaren Grund enden?
Bis darauf konkrete Antworten folgen, ist „Komplizenschaft“ vor allem eines: ein großes Wort für einen noch zu führenden Nachweis.
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