Wien: Der Tod auf der Insel der Seligen

In Wien hat in der Nacht ein islamistischer Attentäter vier Menschen erschossen. Die Polizei fahndet nach möglichen Mittätern. Es ist der erste tödliche terroristische Anschlag in Österreich seit Jahrzehnten.

Ein Polizeiauto braust mit Blaulicht den Gürtel entlang.

Dienstagmorgen, knapp zwölf Stunden nach den ersten Schüssen in der Wiener Innenstadt, ist in den Außenbezirken der österreichischen Hauptstadt etwas mehr Polizei auf der Straße als sonst.

Ein paar Minuten später fährt ein weiteres Fahrzeug der Exekutive die Hauptdurchzugsstraße entlang. Ohne Blaulicht.

Ein Obachloser schlendert in zu weiten Hosen und zu großer Winterjacke Richtung Urban-Loritz-Platz.

Mit seinem ergrauenden Zausebart und seinen schwarzen Locken sieht der 50- bis 60-Jährige Saddam Hussein fast bemerkenswert ähnlich, als man den irakischen Diktator festnahm.

Die Verkäuferin in der Bäckerei in der U-Bahn-Station beim Ausgang Loritz-Platz ist fröhlich wie jeden Morgen um diese Uhrzeit.

Es gibt Menschen, die stehen gerne früh auf.

Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren wie gewohnt. Außer beim Schwedenplatz ohne Einschränkungen, wie Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) im Radiointerview betont.

Wegen des Lockdowns, der seit Mitternacht gilt, sind sie leerer als sonst. Corona.

Würde man es nicht wissen, man würde hier kaum merken, dass in der Nacht etwas passiert ist.

Vier Passanten erschossen

Einen Kilometer weiter sieht es anders aus. Dort beginnt die Wiener Innenstadt.

Sie gilt als „Rote Zone“, wie Polizei und Innenministerium sagen. Nach dem Anschlag in der Nacht würden nach internationalen Erfahrungen weitere Anschläge als wahrscheinlich gelten.

350 Polizistinnen und Polizisten sind hier im Einsatz.

Der Großteil gehört den Spezialkommandos Cobra und WEGA an. Diese Beamten fahnden vor allem nach möglichen weiteren Attentätern von gestern abend und beschützen wichtige Objekte.

Nach wie vor scheint unklar, ob der Attentäter alleine gehandelt hat, alleine handeln konnte.

Um 20 Uhr schoss er das erste Mal in der Innenstadt, offenbar auf einen 28-jährigen Polizisten. Der befindet sich in kritischem Zustand.

Um 20 Uhr 09 lieferte sich der Attentäter ein letztes Feuergefecht mit Polizei, wurde tödlich getroffen.

Innerhalb dieser neun Minuten fielen auf vier weiteren Schauplätzen Schüsse, wurde auf Passanten auch eingestochen.

(Details zum Ablauf, siehe ORF.at)

Zwei Frauen und zwei Männer wurden tödlich verletzt, manche kämpften Stunden lang in Wiener Spitälern um ihr Leben.

Ein gutes Dutzend weitere Wienerinnen und Wiener erlitt teils Verletzungen, mehrere Patienten sind laut ärztlicher Auskunft nach wie vor in kritischem Zustand.

Der perfekte Abend für ein Attentat

Wegen des lauen Herbstwetters waren gestern abend tausende Menschen in der Wiener Innenstadt im Freien.

Viele wollten in Schanigärten den letzten Abend vor dem Lockdown genießen, der um Mitternacht begann. Lokale sind österreichweit seitdem bis auf weiteres wegen Corona geschlossen.

Ob ein Mann die Strecke zwischen den Tatorten innerhalb von neun Minuten bewältigen und gleichzeitig auf Passanten schießen und einstechen konnte oder ob das nur für mehrere Menschen möglich gewesen wäre, ist eine der zentralen Fragen, die die Ermittler klären.

Neben der Spurensicherung an den sechs Tatorten werten die Ermittlerteams 20.000 Videos aus, die seit den Nachtstunden eingegangen sind.

Ob es der Attentäter vor allem auf Passanten abgesehen hatte oder ob der Stadttempel in der Seitenstettengasse – die Synagoge – das eigentliche Ziel war, ist ebenfalls unklar.

Die Seitenstettengasse ist einer der Orte, an denen Schüsse fielen. Neben dem Stadttempel befinden sich dort einige Lokale.

Attentäter laut Innenminister IS-Sympathisant

Laut Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) war der Attentäter Sympathisant des IS.

Weitere Angaben konnte oder wollte der Innenminister nicht machen. Er hatte noch gestern abend kaum zwei Stunden nach den ersten Schüssen schon von einem mutmaßlichen terroristischen Anschlag gesprochen.

Laut letzten Angaben gab es mehrere Hausdurchsuchungen und Festnahmen „im Umfeld des Täters“.

Woher der erschossene Attentäter stammt, wie alt er war, kurz: jegliche Details über den Mann, wurden bisher nicht bekanntgegeben.

(Update: Dienstagvormittag gab Nehammer bekannt, dass der Verdächtige 2019 versucht hatte, nach Syrien auszureisen und sich dem IS anzuschließen. Er wurde zu 22 Monaten Haft verurteilt und offenbar vorzeitig entlassen.)

Neben Betroffenheit über das Attentat führt das auch zu Skepsis bei manchen Wienerinnen und Wienern.

Die Bundesregierung von Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich gerade in Krisensituationen wie etwa bei Corona mehr um ihr öffentliches Image und markige Sprüche bemüht als darum, ob ihre Aussagen auch mit dem übereinstimmen, was man gemeinhin als Realität bezeichnet.

Freilich bestätigen die Spitzen der Wiener Polizei Nehammers Angaben.

Dennoch scheint bei allem Schock und aller Trauer relativ schnell Realität eingekehrt zu sein in Wien.

Das mag auch daran liegen, dass der Lockdown das öffentliche Leben ohnehin stark einschränkt.

Erster tödlicher terroristischer Anschlag seit 1995

Das ist bemerkenswert: Was Terrorismus betrifft, galt Österreich bis Montag 20 Uhr, als eine Insel der Seligen.

Der letzte tödliche terroristische Anschlag lag da 25 Jahre zurück.

Am Rande der burgenländischen Stadt Oberwart tötete eine Rohrbombe Peter Sarközi, Josef Simon sowie Karl und Erwin Horvath.

Sie waren Roma.

Ihr Mörder hieß Franz Fuchs. Der Rechtsextreme war auch für eine Briefbombenserie Anfang der 90-er verantwortlich, die mehrere Menschen schwer verletzte.

Montagabend kehrte der Tod zurück auf die Insel der Seligen.

Die Allermeisten hoffen, dass es das letzte Mal für mindestens 25 weitere Jahre gewesen sein wird.

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