Ich möchte in keinem amthorisierten Land leben!

In die Nähe des Kanzleramtes hat es Philipp Amthor schon geschafft. Foto: Robin Patzwaldt

Dass die Pressekonferenz zur Regierungsumbildung am Freitag in Berlin mächtig in die Hose ging, das habe ich hier im Blog schon gestern anhand des großen Unterschieds zur viel Optimismus und Aufbruchsstimmung verbreitenden Antrittspressekonferenz von Bundestrainer Jürgen Klopp thematisiert.

In der Öffentlichkeit fiel dem Kanzler im weiteren Tagesverlauf zudem die Berufung von Carsten Linnemann zum neuen Gesundheitsminister auf die Füße, von dem ein Interview aus dem Vorjahr aufgetaucht ist, in dem er sich sinngemäß als ungeeigneten Gesundheitsminister bezeichnet hat. Tja, dumm gelaufen. Auch die scheinbar verschobene Umbesetzung des Postens des Verkehrsministers erwies sich als Stimmungskiller für die Union in Berlin.

Ein Thema aber wurde bisher trotz seiner abschreckenden Wirkung in der Öffentlichkeit aufgrund der Brisanz der anderen Themen weitestgehend vernachlässigt: die Beförderung von Philipp Amthor.

Dabei hätte das Thema durchaus mehr Beachtung verdient. Schon als der Kanzler im Garten des Kanzleramtes sein neues Personal vorstellte, fiel der stets von vielen belächelte Amthor unangenehm auf. Auch wenn er für sein Äußeres nur bedingt was kann, war die Wirkung der Vorstellung von Amthor im Zusammenhang mit dem erhofften Ruck, der durch dieses Land gehen soll, fatal.

Soll das wirklich die neue Generation von Führungskräften sein, die unser Land repräsentiert? Amthor scheint auf dem Weg zur Spitze zu sein. Trotz aller Angriffsflächen, die er bietet, trotz aller Peinlichkeiten, die mit seinem Namen bei Millionen schon jetzt verknüpft werden. Seine Karriere kann das alles bisher nicht bremsen.

Was sagt uns das jetzt? Soll das das neue Deutschland sein oder werden? Oder haben wir schlicht keine anderen, keine besseren „Nachwuchspolitiker“? Ich jedenfalls möchte in Zukunft nicht in einem amthorisierten Land leben. Das wurde mir während der Vorstellung in Berlin wieder einmal ganz deutlich. Wenn das die nachrückende Führungselite Deutschlands ist, dann gute Nacht!

Das System Amthor: Zwischen „Cringe“ und Kalkül

Philipp Amthor ist mit seinen 33 Jahren kein unbeschriebenes Blatt, sondern das personifizierte Paradoxon der deutschen Politik. Seit 2025 füllt er das Amt des Parlamentarischen Staatssekretärs für Digitales und Staatsmodernisierung aus – eine bemerkenswerte Ironie für jemanden, dessen gesamtes Auftreten wie eine Zeitreise in die verstaubten Bonner Republik-Jahre der 1980er wirkt.

Mit strengem Scheitel, Brille, Maßanzug und dem obligatorischen Deutschland-Pin inszeniert er sich bewusst als der „älteste Mittzwanziger“, den dieses Land je gesehen hat. Im Wahlkampf plakatierte er Slogans wie „Sie kochen den Kaffee. Ich bringe den Kuchen.“ Was als Bürgernähe verkauft wird, offenbart bei genauerem Hinsehen ein tief sitzendes patriarchales und reaktionäres Rollenverständnis. Auf Instagram zelebriert er absichtlich peinliche, sogenannte „cringe“ Videos zur Fußball-WM, um Klicks zu generieren. Doch hinter der Fassade des redegewandten Spaßvogels aus der ZDF-heute-show steckt eiskaltes politisches Kalkül. Diese vermeintliche Nahbarkeit dient als Nebelkerze, um von Inhalten abzulenken, die gesellschaftspolitisch den Rückwärtsgang einlegen.

Rechtskonservative Dogmen im modernen Gewand

Man darf sich von den lustigen Social-Media-Filmchen nicht blenden lassen: Amthors politische Positionen sind selbst innerhalb der CDU am rechten Rand anzusiedeln. Er wettert medienwirksam gegen ein angebliches „Gender-Mainstreaming“, stellt sich vehement gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen und lehnte die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe ab.

Während das Land vor massiven Modernisierungsaufgaben steht und eine inklusive, zukunftsorientierte Gesellschaft braucht, steht Amthor für die Restauration überkommener Werte. Seine Vorstellung von Gesellschaft ist nicht modern, sondern gestrig. Dass Bundeskanzler Friedrich Merz diesen Mann nun im Zuge des Spahn-Rücktritts zum Staatsminister für die Bund-Länder-Zusammenarbeit befördert und damit in seine direkte Nähe rückt, setzt ein verheerendes Signal. Es zeigt, wohin die Reise der Union gehen soll: weg von der Mitte, hin zu einem harten, wertkonservativen Kurs, der gesellschaftliche Spaltungen eher vertieft als überbrückt.

Die Doppelmoral der sozialen Kälte

Besonders unerträglich wird die Personalie Amthor, wenn man seine wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen mit seiner eigenen Vita abgleicht. Erst im Februar forderte er im RTL Frühstart eine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger und begründete dies pathetisch mit der „Gerechtigkeit“ gegenüber dem Sozialstaat. Wer arbeiten könne, solle gefälligst auch etwas beitragen. Diese moralische Keule schwingt ausgerechnet ein Mann, der im Jahr 2020 das Vertrauen in die Integrität des Bundestages massiv beschädigt hat. Damals flog durch den Spiegel auf, dass Amthor für das US-amerikanische IT-Unternehmen Augustus Intelligence Lobbyarbeit betrieb – inklusive eines Aufsichtsrats-Postens, üppigen Aktienoptionen und luxuriösen, fremdfinanzierten Reisen nach New York, Korsika und St. Moritz. Amthor bezeichnete dies später verharmlosend als „Fehler“ und als „nicht-exekutive Funktion, mit der sich kein regelmäßiger Arbeitsaufwand verbindet“. Großes Geld kassieren für wenig Arbeit, während man gleichzeitig den Ärmsten der Gesellschaft mit drakonischen Sanktionen droht – das ist die soziale Kälte im „amthorisierten“ Deutschland.

Ein fataler Eindruck von Käuflichkeit als Zukunftsentwurf

NGOs wie Transparency Deutschland und Lobbycontrol stellten Amthor damals ein verheerendes Zeugnis aus: Er habe ein „fehlendes Bewusstsein für Interessenkonflikte“ gezeigt und einen fatalen „Eindruck der Käuflichkeit“ hinterlassen.

Dass ein solcher Skandal kein Karrierebrecher ist, sondern Amthor nun sogar im Kanzleramt die Fäden der Bund-Länder-Koordination spinnen darf, offenbart das strukturelle Problem unserer politischen Elite. Seine Beförderung ist ein Offenbarungseid. Sie zeigt eine erschreckende Personalnot und ein System, in dem Seilschaften und mediale Dauerpräsenz schwerer wiegen als moralische Integrität und echte politische Substanz.

Wenn diese Generation von Nachwuchspolitikern das neue Deutschland repräsentiert – ein Deutschland der moralischen Doppelmoral, des Lobbyismus und der gesellschaftspolitischen Rückwärtsgewandtheit –, dann steht uns eine düstere Zukunft bevor. Ein „amthorisiertes Land“ ist kein Ort des Aufbruchs, sondern ein politischer Albtraum.

In der App öffnen Autorenseite: Robin Patzwaldt
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