
Als alle schwiegen, hat die Antilopen-Gang – einer von dreien Danger Dan – ein Statement gesetzt: für Israel, gegen Hamas-Hudelei. Mit Keine Angst setzt Danger Dan jetzt auf beides, er hofiert Terror und Demokratie. Falls es die AntiFa ist, die den Terror verübt, die Kinder der Kunden. Ein Aufruf zur Gewalt? Das ZDF hat Danger Dan ausgeladen, ein Skandal ist das nicht. Aber dass er ästhetische Module abruft, die dem genügen, was er bekämpft, das irritiert. Auf dem Song liegt der Widerschein des Nazismus, den er verdammt. Ein Essay über Keine Angst mit Kitsch und Tod in der Hand, der wegweisenden Arbeit von Saul Friedländer.
Abstract: Im ersten Teil geht es um eine Gruppe der AntiFa-Ost, die Nazis auf äußerst brutale Weise bekämpft, die Hammer-Bande. Wer verfolgt hat, wie sie verfolgen und wie verfolgt werden, kann diesen Teil einfach überspringen. Im zweiten Teil werden Keine Angst, Danger Dans Song, und Kitsch und Tod, das wegweisende Werk von Saul Friedländer, übereinandergelegt. Ergebnis: Nazi-Ästhetik schimmert durch. Das ist kein juristischer Befund, sondern ein pop-ästhetischer. Und ein kulturpolitischer, im dritten Teil ein paar Gedanken dazu. Solidarität wird nicht geschrammt, liebe Grüße an Igor Levit und Danger Dan.
(I) Der Hammer, die Bande
Im Januar 2025 wird eine 48-jährige Frau in Stralsund zu sechs Jahren Haft verurteilt, sie hatte mit einem Hammer auf ihren schlafenden Ehemann eingeschlagen. Im Mai dieses Jahres schlägt ein 41-Jähriger in Essen-Rüttenscheid mit einem Hammer auf seine Ex ein, sie überlebt. Mitte Juni wird ein 47-Jähriger in Ellwangen zu sieben Jahren Haft verurteilt, er hatte seinen Nachbarn mit einem Hammer attackiert. Anfang Juli schlagen zwei Jugendliche mit einem Hammer auf einen 48-jährigen Bootsverleiher in Nürnberg ein, er überlebt knapp; ebenfalls im Juli wird in Hannover Anklage gegen einen 49-Jährigen erhoben, der seine Frau mit einem Hammer erschlagen und die 13-jährige Tochter schwer am Kopf verletzt hatte. Trifft ein Hammer mit Wucht auf den menschlichen Kopf, führt die hohe kinetische Energie – konzentrierte Einschlagfläche, unnachgiebiges Material – zu massiven Verletzungen, die, wenn nicht tödlich, lebenslanges Leiden bedeuten: Lähmungen, Seh-, Hör-, Sprachverluste, Epilepsie, Veränderungen der Persönlichkeit. Öffentlichen Beifall hat keine dieser Hammer-Attacken gefunden.

Anders die der Hammer-Bande, einer Aktivistentruppe der Antifa-Ost, die der Generalbundesanwalt (GBA) als militante, linksextreme Vereinigung einstuft. Zur Hammer-Bande rechnet der GBA u.a.
Lina E. (31)
Sie hat sich, so das Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Dresden, an vier Überfällen beteiligt mit dem Ziel, „von ihr als Rechtsextremisten eingestufte Personen körperlich anzugreifen und erheblich zu verletzen, um die Angegriffenen wie auch andere Angehörige der »rechten Szene« von der Fortsetzung ihres Handelns abzuhalten“. Unter anderem hat die Gruppe – nach einem von ihr als „Fehlschlag“ erachteten Überfall im Oktober 2019 auf das „Bull’s Eye“, eine rechtsextreme Bar in Eisenach – für Mitte Dezember eine weitere Attacke auf den Lokalbetreiber geplant, bei der auch Schlosshämmer zum Einsatz kommen sollten. Stunden vor dem Überfall wurde Lina E bei dem Versuch gestellt, einen Schlosshammer „mit einem Kopfgewicht von 500 Gramm und einen weiteren mit einem Kopfgewicht von 300 Gramm“ aus einem Leipziger Baumarkt zu entwenden. In der folgenden Nacht wurde der rechtsextreme Barbetreiber dennoch „mit Schlagwerkzeugen“, darunter abermals einem Hammer attackiert. Lina E.s Taten hat das OLG Dresden im Mai 2023 mit mehr als fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet, der Bundesgerichtshof hat die Haftstrafe im März 2025 bestätigt. – Ebenfalls vor dem OLG Dresden verhandelt wird seit November 2025 das Tun von
Johann G. (32), „Gucci“
gerufen, der Anklage gilt er als Kopf der Hammer-Bande, er habe die Attacken geplant – so auch den Überfall auf einen Nazi-Laden in der Dortmunder Brüderstraße im Oktober 2019 – , habe „gezielt Mittäter für einzelne Aktionen“ angeworben und „Schulungen“ organisiert. Im Januar 2023 habe er in Erfurt zwei zuvor ausgespähte Personen hinterrücks überfallen und ihnen „mit der Faust, Schlagstöcken und einem Hammer mehrfach wuchtig, zum Teil lebensgefährlich auch gegen den Kopf geschlagen“. Ähnlich einen Monat später bei insgesamt vier Überfällen auf Neonazis in Budapest: Gucci und andere hätten, so die Anklage, zwei der Nazis „mit Pfefferspray, Schlagstöcken und einem Hammer“ angegriffen, „eines der Opfer erhielt mindestens 15 Schläge überwiegend gegen den Kopf.“ Angeklagt ist Gucci wegen des Verdachts versuchten Mordes. – An den Angriffen in Budapest beteiligt:
Maja T. (25),
sie wurde im Februar vom Budapester Stadtgericht zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt – das Berufungsverfahren läuft – , weil an den Überfällen auf deutsche, ungarische und polnische Rechtsextremisten beteiligt. Neun von denen wurden schwer verletzt, in mindestens zwei Fällen waren, so das Gericht, die Kopfverletzungen durch Schläge u.a. mit Hämmern unmittelbar lebensgefährlich. – Derzeit angeklagt auch
Thomas „Nanuk“ J. (49 oder 50),
das OLG Dresden verhandelt nicht wegen Mitgliedschaft, aber Unterstützung einer kriminellen Vereinigung: Nanuk soll Logistiker und Kampftrainer der Gruppe um Gucci und Lina E gewesen sein. Ende April wurde Nanuk aus der U-Haft entlassen, weil sich die Aussage des Kronzeugens der Anklage, Nanuk habe sich 2019 am Überfall auf das „Bull’s Eye“ in Eisenach unmittelbar beteiligt, als nicht belastbar erwies.
Nanuk, Mitte der 70er im Berliner Umland geboren, hatte sich in den 90ern politisiert, den Baseballschläger-Jahren, als rechtsextreme Cliquen eine Welle frei floatender Gewalt losgetreten haben: „Staat und Polizei nahmen wir Anfang der 90er Jahre nicht wahr“, erklärte er Ende November 2025 zur Eröffnung des Prozesses gegen ihn, „der Staat war weder willens noch fähig einzugreifen und zu schützen.“ Ab Mitte der 90er habe sich „der Staat“ zwar „spürbar konsolidiert“, später sei „das Gefühl der 90er“ aber zurückgekehrt: Wenn es gegen rechte Gewalt gehe, so Nanuk, sei auf den Staat „häufig kein Verlass“, diese Erfahrung habe sich ihm „immer wieder bestätigt“. Militante Antifa bedeute daher „keine grundlegende Ablehnung des demokratischen Rechtsstaats“, sondern „demokratische Selbstverteidigung“.
(II) Widerschein des Nazismus
Offenkundig allerdings, dass demokratische Selbstverteidigung der Art, wie die Hammer-Bande sie betreibt, sich alles andere als demokratisch organisiert: Die Auswahl von „Zielpersonen“, die „nachhaltig körperlich geschädigt“ werden sollten, erfolgt in gottgleicher Hoheit, die Planung der Überfälle äußerst klandestin: „Alltagsgewohnheiten“ von Zielpersonen, so der BGH in seinem Revisionsurteil gegen Lina E., wurden „intensiv ausgespäht“, für jede einzelne Tat haben die Terror-Aktivisten „alte Mobiltelefone mit SIM-Karten nicht existenter Personen“ genutzt, „Tatwerkzeuge wie Hämmer umhüllten sie zum Teil mit Plastiktüten, um eine Spurenanbringung an diese zu verhindern.“

Spuren zu hinterlassen, zählt zum Wesen der Demokratie, Spuren zu verwischen zum Wesen der NS-Tyrannei. Was passiert, wenn eine Demokratie, die verteidigt sein will, sich dem anähnelt, wogegen sie sich verteidigt? Wenn sich der Widerschein ihrer Feinde auf sie legt?
„Keine Angst“, singt Danger Dan dann. Seine „passende Idee“: „Gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat“ und „Findet raus, wer sie sind, was sie tun“ und „Wo sie leben, wo sie arbeiten“ und „Lauft ihnen nach zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen“ und „Nie ohne Handschuhe“ und „Lasst das Handy zuhause“ … Als habe er die Anklageschrift eines Staatsschutzsenats in Reimform gebracht. Danger Dan rät Nanuks Denke an: „Ihr wärt blöd, wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst / Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil / Es gibt so viele Faschos bei der Polizei.“ Woraus folge: „Ab jetzt“ gehe es sowohl gegen Faschos wie gegen die Polizei, man müsse „Sicherheit selbst organisieren“. Hate Cops hat sich Gucci auf Finger tätowieren lassen, die den Hammer halten.
Hier die Lyrics von „Keine Angst“ (pdf-Datei)
Und hier das Video (Youtube)
Es gab viel Applaus für den Popsong mit dem Hammer, wenig Mitleid dagegen mit denen, auf deren Köpfe die Hämmer niedergingen. Die einen erleben das Stück als Empowerment für zivilgesellschaftliches Engagement – „Vielleicht zeigt uns das Lied, dass wir nicht komplett ohnmächtig sind“, so Danger Dan im Spiegel-Interview – , andere, so etwa Philipp Peymann Engel in der Jüdischen Allgemeinen oder Peter Hesse hier auf diesem Blog, sperren sich entschieden gegen die Vorstellung, rechtsextreme Gewalt lasse sich mit linksextremer abkühlen und Selbstermächtigung als Selbstjustiz inszenieren. „Schnulzig heruntergeklimpert“ sei der Song, meint Florian Klenk, Chefredakteur des österreichischen Der Falter, das Lied sei „so deutsch und autoritär spießig wie eine Klofuß-Umpuschelung.“

Wiener Schmäh[1], sie trifft den entscheidenden Punkt: Es geht um einen Song, und dieser Song ist Kitsch. Kitsch mit dem Hammer, wenn man so will, aber wohnlich wie der, aus dem Friedländer den „Edelkitsch“ der Nazis hervortreten sieht.[2]
1982 erschien in Paris „Kitsch und Tod“ von Saul Friedländer, Untertitel: „Der Widerschein des Nazismus“. Friedländer, Doyen der Holocaustforschung – 1932 in Prag geboren und seiner Ermordung entkommen, weil in einem katholischen Internat in Zentralfrankreich versteckt – , geht der „beschwörenden Nachgestaltung“ von Nazi-Kultur in filmischen und literarischen Werken ab Ende der 60er Jahre nach, als eine erste Hitler-Welle durch die Kunstwelt schwappte: in Luchino Viscontis „Die Verdammten“ (1969), in Michel Tourniers „Der Erlkönig“ (1970; 1996 von Volker Schlöndorff verfilmt), in Louis Malles „Lacombe, Lucien“ (1974) und Hans-Jürgen Syberbergs „Hitler, ein Film aus Deutschland“ (1977), ebenso in Albert Speers „Erinnerungen“ (1969) und Joachim Fests Hitler-Biographie (1973), beide Bücher waren Bestseller, aber auch in George Steiners „The Portage to San Christobal of A.H.“ (1981), einer der wohl fatalsten Neu-Dichtungen der Shoah, und sonderlich in Rainer Werner Fassbinders „Lili Marleen“ (1981).
Mit dem „Blick des ‚naiven Zuschauers oder Lesers“ interessiert sich Friedländer für das Eigenleben jener Bilder, die von der NS-Propaganda selber in Szene gesetzt worden sind und nun in den Werken der Kunst nachgebildet werden: „verborgene Formen des Imaginären“, in denen er eine „ästhetisch-emotionale Versuchung“ erkennt.

Die Module, die Friedländer aus der Nazi-Ästhetik hebt, sind:
- EIN ÄSTHETISCHER KONTRAST
der hinreißend sei, nämlich das andauernde In- und Miteinander von Kitsch und Tod, von Harmonie und Vernichtung, von unablässiger Süße und unaufhörlicher Zerstörung. Eine Ordnung, die in Willkür und eine Reinheit, die in Rauch aufgeht. Der „Biedermann in seiner Welt aus Kitsch“, in der sich Hitler inszeniert, darin zugleich die „blinde Energie“, darauf aus, alles zu vernichten. Kitsch ist dabei gar nicht abfällig gemeint, „wir alle leben vom Kitsch“, schreibt Friedländer, Kitsch sei eine
„heruntergekommene Form des Mythos“,
auch deshalb sei die Gleichzeitigkeit von „Kitsch und Nichts“ so fesselnd, sie wecke „‘wolllüstige Beklemmung‘“ [3], ein „fasziniertes Erschauern“.[4] Zweites Modul:
- „EROTISIERUNG DER MACHT“
und die „Entfesselung der unterdrückten Affekte“. Macht, zitiert er Michael Foucault, besitze „erotische Sprengkraft“, die Anbetung der Macht und die Sehnsucht danach, alle Macht ein für alle Mal auszulöschen, existierten treulich miteinander als „unmittelbares Begehren“.

Hier denn auch „das Thema des Helden“, der „sterben muss“, aber „seinem Schicksal treu bleibt, auch wenn er klar sieht, dass es nur Tod und Vernichtung bringt“. Und natürlich die „deutsche Romantik“ mit ihren Motiven der Reinheit, der Elite und der Treue – etwa die Silhouetten von Adolf Hitler und Albert Speer vor düsterer Berglandschaft, wie sie „jeder in sich versunken ihres Weges gehen“, nämlich „dem Nichts entgegen“. – Drittes Modul:
- „EXORZISMUS DURCH SPRACHE“,
die sich bemühe, die andauernde Spannung zwischen Kitsch und Nichts zu balancieren. Ihr Merkmal einerseits: die „zirkuläre Sprache der Invokation, der beschwörenden Anrufung, die immer wieder auf sich selbst zurückkommt und durch ständige Wiederholung eine Art Hypnose erzeugt – wie der psalmodierende Singsang in manchen Gebeten“ oder „der dumpfe Gleichschritt marschierender Bataillone“. Andererseits das ebenso dumpfe Schweigen über die Vernichtung selber: Das Mordprogramm werde als „Lösung“ entsorgt, als „Siedlung“ oder „Behandlung“, seine Wirklichkeit – dunkel angedeutet – bleibe der Phantasie überlassen.

Jedes dieser Module, die Friedländer in den Kunstwerken der 70er und 80er wiedererkennt, lässt sich auch in Keine Angst finden. Wobei, das sei betont, nicht zur Debatte steht, ob zustimmend eingesetzt oder ironisierend, ob großzügig ausgeschüttet oder vorsichtig dosiert, ob als Zitat verwandt oder zum Motiv-Spiel avanciert. Es geht darum, einen Song, der Neonazis entgegentritt, mit dem abzugleichen, wie Nazis sich selber inszeniert haben: Gerät der Song in deren Sog? Auch dann, wenn er Neo- und Nazis nicht unmittelbar in Szene setzt? Friedländers Beobachtungen angewandt auf Keine Angst:
Der ästhetische Kontrast,
bei den Nazis das ständige Miteinander von Kitsch und Tod, von Harmonie und Vernichtung, entsteht bei Danger Dan durch das ständige Miteinander von bürgerlichem Kunst-Appeal und Terror-Tutorial. Harmlos das eine, rebellisch das andere. Hier die Musik, ein romantisches Zwiegespräch zwischen Klavier und Pianisten, die Streicher schwellen an, das Drama nimmt seinen Lauf, der ist vertraut und läuft in c-moll, der Tonart des Erhabenen, wieder und wieder aufgelöst in harmonischem Dur ganz wie im sakralen Pop: Die Akkordfolge der gebetskettenlangen Strophen ruft Oasis‘ Wonderwall an oder Mad World von Tears for Fears, man darf sich geborgen fühlen in dieser Welt, in die man – das Crescendo der Streicher, eine Snare-Drum steigt ein, die Trommel des Gleichschritts – höher und höher enthoben wird.
Ganz anders der Text, er enthebt nicht, er mauert ein. Weniger gesungen als rezitiert, ein Manifest ohne Wortwitz und ohne Wärme, ohne Ironie und lyrische Finesse und ohne das, was im Hiphop, aus dem Danger Dan stammt, Flow genannt wird. Stattdessen eine Kaskade von Imperativen, der Zeigefinger gereckt, Lehrer-Rap.
Ausgesprochen brechtisch, dieser Vortrag (ihr Live-Konzert nach dem abgesagten ZDF-Auftritt haben Danger Dan und Igor Levit denn auch unter das Wort von Bertold Brecht über die „Finsteren Zeiten“ gestellt, in denen auch gesungen werde, jetzt mit Grabesstimme vorgetragen von Blixa Bargeld), musikalisch dann aber maximal konträr zu Brecht & Eisler übersetzt: Das poppige Keine Angst, das sich permanent in Harmonie hineinrettet, ein pastorales Fürchtet euch nicht, lädt zur permanenten Katharsis, dem emotionalen Durchleben als ob – und ist das gerade Gegenteil von dem, was Brecht mit seinem epischen Theater anrichten wollte: Hier rebelliert niemand gegen kein System, hier rebelliert der Text gegen die Musik, die den Text kassiert …
Das Video zum Song wiederum, in s/w gedreht, macht dieses harte Nebeneinander von Musik und Text zum durchlaufenden Stilmittel. Tiefsattes Schwarz, der Hintergrund ein Abgrund, davor ein scharfes Weiß, kaum einmal, dass Grautöne auftauchen. Chiaroscuro – ital. chiaro = hell, scuro = dunkel – als eine in sich geschlossene Welt, in ihr weidet das Schöne neben dem Schauerlichen, das Biedere neben dem Bedrohlichen, die betuliche Bratsche vor dem unheimlichen Nichts. Auch hier also
„eine heruntergekommene Form des Mythos“,
der sich bekanntlich dem Nichts abringt, indem er ihm wieder und wieder eine immergleiche Ordnung entgegenstellt. Wie Keine Angst es tut: die vier Akkorde der Strophen 48 x wiederholt, 48 x auch, dass Danger Dan einem Keine Angst – soll man sagen – einhämmert, es erinnert an ein Mantra, die zyklische Zeit. Anders der Text, er folgt der linearen Zeit, der historischen: „Die Geschichte hat uns schon mal gezeigt“, dass es schlimmer werde, „wenn man schweigt“, singt Danger Dan; gegen Nazis anzugehen, sei „ab jetzt“ und „schon heute“ vonnöten, während die Zukunft „eine kleine Chance“ biete, das Blatt „nochmal zu wenden“, denn: „Irgendwie und irgendwann“ – eine süße Adresse an Nenas Hit – „kommt man an jeden Nazi ran“.
Das Video löst diese Gleichzeitigkeit von zirkulärer und linearer Zeit auf eigene Weise, es versetzt in die Welt der 20er und 30er Jahre und einen Expressionismus, wie er dem Stummfilm entstammt. Hier besonders das Motiv der bedrohlich zugreifenden Hände, die dann zwar in die Tasten greifen oder auf das Griffbrett einer Violine, die einmal auch (ca 01:45) perspektivisch verzerrt ein Schatten-Dirigat imitieren, die aber gleich anfangs des Videos auf F. W. Murnaus Nosferatu verweisen, dessen Symphonie des Grauens aus 1922, auf Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari aus 1920 und nicht zuletzt auf Fritz Langs M- Eine Stadt sucht einen Mörder aus 1931. Hier finden sich die Vorlagen des Motivs einer Hand, die sich gierig heranschlängelt, zu Klauen verzerrt, zum Zupacken gekrümmt. Ein Motiv, das eingelagert ist im visuellen Gedächtnis, eine mystisch aufgeladene Chiffre für eine gesichtslose Bedrohung, die aus dem Dunkel heraus nach einem fasst, selber aber unfassbar bleibt.

Fragt sich nur, in welcher Deutung sie sich schwer fassbar nähert. In Langs „M“ mutiert die bedrohliche Hand zur rächenden Hand der Unterwelt und einer Bürgerwehr, die nach Selbstjustiz giert, in Streichers „Stürmer“ wird sie zum Inbegriff einer jüdisch-dämonischen Macht, die Kinder, Frauen, die ganze Welt umkrallt und – mit einem Hammer versehen plus Sichel – mal als bolschewistisches, dann wieder – mit Dollarzeichen oder five-point star markiert – als kapitalistisches Monster auftritt. Oder als Krake:

Ähnlich auch nach 1945, das Motiv der bedrohenden Hand rechnet links wie rechts zu den beliebten in der politischen Propaganda des Kalten Krieges. Welche Deutung sich obenauf gelagert hat im kollektiven Bildgedächtnis, die der 20er Jahre oder die der Tausend oder die der 50er? Könnte es sein, dass die Assoziationen, die Nazis geschaffen haben, wirkmächtiger sind als die, die Danger Dan abruft, um vor Neonazis zu warnen?[5]
„Fasziniertes Erschauern“
im örtlichen Konzerthaus, „wolllüstige Beklemmung“ in – vom ZDF kurzfristig abgesagt – Der Anstalt oder einem Fernsehgarten? Es liegt nahe, lässt sich aber vorerst nur vermuten, was Danger Dan auslöst, wenn ein durch und durch bürgerliches Publikum, nicht jeder darin der Jüngste, seinen Grundkurs absolviert im konspirativen Straßenkampf: „Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang …“? Sich vorzustellen, überwältigt zu sein, um zu überwältigen, den eigenen Körper in die Bresche zu schlagen, um „das Schlimmste zu verhindern“ … ist eine Vorstellung, die
„erotische Sprengkraft“
entfaltet. Erotisiert das konspirative Tun, das Geheimnis der Nacht, das Heimelige im Unheimlichen, von dem Danger Dan singt. Erotisiert aber mehr noch die unmittelbare Macht, das, was er den „Elefanten“ nennt im Raum: die Faust, die den Hammer umklammert, der auf Köpfe niedergeht – „it’s sex and death, death and sex“, um Chuck Pahlaniuk zu zitieren, den Autor von Fight Club (was einen interessanten Vergleich ergäbe mit der Hammer-Bande heute, ebenso der Vergleich mit Bret Easton Ellis‘ American Psycho). Friedländer spricht von dem „Verlangen nach totaler Entfesselung“, dem das Verlangen nach „restloser Unterwerfung“ zur Seite stehe. Entfesselt hat sich die Hammer-Bande in der Tat und sich der eigenen Omertà unterworfen. Ihr geht es nicht mehr, wie Danger Dan singt, um Nazis in einer Stadt, von der sie glaubt, dass sie ihre sei, sie reist 800 km weit nach Budapest, um polnische und ungarische Nazis mit deutschen Hämmern zu traktieren. Blinde Energie. Die auf den Status des …
„Helden“
spekuliert: „Du weißt nicht, was du tun kannst?“ fragt Danger Dan am Beginn seines Songs und antwortet am Ende: „Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ hätten getan, „was zu tun ist“. Ein Dialog wie aus Rocky IV von vor vierzig Jahren, Adrian: „Warum hast du das getan?“, Rocky: „I just gotta do what I gotta do“. Was Danger Dan hier aufruft: das Bild des edlen Outlaws, der seiner inneren Berufung folgt, auch wenn dies Tod und Verderben bringt. Oder „staatliche Repression“, wie der gefährliche Dan, bürgerlich Daniel Pongratz (43), in Interviews formuliert und so den unverstandenen Helden bemüht, der gegen Drachen kämpft, wie Siegfried es tat. In allem das Bild des starken Mannes, der ein stellvertretendes Opfer erbringe, um die Rettung aller durch eine Handvoll Erwählter zu organisieren – auch religiös ist dies alles bestens konnotiert. Dass es sich leicht in eine schwer
romantische Vorstellungswelt
einfügt, liegt auf der Hand. Zu den romantischen Momenten des Songs zählt die Figur des Künstlers als Seher, eines Seismographen des Kommenden; zählt ebenso die krause Vorstellung, als „Widerständler in der Tradition der Weißen Rose“ zu stehen, wie Philipp Peyman Engel schreibt („Danger Dan ist nicht Sophie Scholl“); zählt vor allem aber – der Hammer.

Nicht, weil seit Lenins Revolution ein hochsymbolisches Mordwerkzeug, das sich mit Stalins Gulag und dem Holodomor zum Zeichen totalitären Terrors aufgeschwungen hat und jetzt zu einem Symbol in Teilen der AntiFa[6] geworden ist, sondern einfach deshalb, weil eklatant vor-modern: 1842 wurde der Dampfhammer erfunden. Seitdem sind Hammer-Morde unmittelbare Beziehungstaten, die Hammer-Bande tritt wie ein Manufactum des Terrors auf, als gäbe es sie noch, die guten Dinge. Im Video tauchen sie vage angedeutet als Schatten auf, den das Drumset wirft. – Schließlich ebenfalls auffindbar bei Danger Dan ein
„Exorzismus“, der sich sprachlich artikuliert,
indem er sich nicht artikuliert. Keine Fotos, fordert Danger Dan, keine Mails, keine Namen – und kein Mitleid. Er fordert es nicht einmal mehr, lauthals werden die Opfer unter dem Hammer ins Schweigen gebannt, sie bleiben unbedacht, während die Musik verlässlich orgelt.

Anders der visuelle Exorzismus, den das Video vorführt: Die eingangs bedrohlichen Hände werden zu denen, die das Piano streicheln; das Streicher-Ensemble wiederum – zunächst angsteinflößend inszeniert: dunkle Gestalten, deren Finger auf dem Griffbrett tanzen, als tasteten sie einem nach dem Leben, die Hälse von Cello und Bass zu gierigen Wesen verzerrt – wandelt sich nach und nach zum verschworenen Bund, der das Piano umstellt wie ein Griechischer Chor. Oder wie die Bürgerwehr in Fritz Langs „M“, die Streicher als die Stimme eines Kollektivs, die über den Delinquenten urteilt, ihn diesmal aber nicht verdammt, sondern erhebt. Die Lichtgrafik ändert sich entsprechend, ab Mitte des Songs tauchen neben dem kreiselnden Suchscheinwerfer erste Strahlen auf, die sich zu einem Strahlenkranz auswachsen und, das kann sich jeder aussuchen, das Logo der FDJ zitieren, der „Freien Deutschen Jugend“ in einer unfreien DDR, oder die an ein Diadem erinnern, wie es Heiligen aufgemalt wird, oder die lediglich Weißwäsche betreiben, wie es weißer nicht geht.
(III) Was Angst macht in Keine Angst
Von visualisierter Paranoia zur sakralen Freisprechung, von zertrümmerten Schädeln zu „lieben Grüßen“ in 7 Min 21 – wie dies deuten?
Handelt es sich bei Keine Angst – um Walter Benjamins berühmte Unterscheidung aus dem Kunstwerke-Essay aufzugreifen – um eine „Politisierung der Ästhetik“, wie aufklärerisches Denken sie wohl betreiben möchte? Oder um eine „Ästhetisierung der Politik“, wie sie dem Faschismus eigen sei?
Was Angst macht in Keine Angst: dass diese Unterscheidung keine mehr ist, so sie je eine war, der Song weicht die Grenze zum Faschismus ästhetisch auf. Ein Kalkül?

Seltsam wäre, gäbe es keines, der Song ist marktförmig von A wie Antifa bis Z wie ZDF, ihm Erfolg anzukreiden, ist bigott.[7] Sein politisches Kalkül: die Kampfzone ausweiten. „Wie baut man wirksame Antifa-Strukturen auf?“ fragt Danger Dan und antwortet: „Dafür muss man nicht in den Untergrund, das geht auch aus der Mitte der Gesellschaft“, sie ist der Adressat seines Songs.
Aber ob er auch „sie“ adressiert? Die jüdische Mutter, die von der Antilopen-Gang wenige Monate nach 10/7 in Oktober in Europa besungen wurde? Die ihre Mesusa aus dem Türrahmen nimmt, um ihr Jüdischsein zu verbergen, einen Schürhaken an die Tür stellt, um selber für Sicherheit zu sorgen, und dann ihre Kleinen zu Bett bringt und ihnen sagt: „Keine Angst …“[8]
Keine Angst, der antisemitischen Hasswelle zum Trotz, die seit 10/7 durch Europa schwappt?
Würde sie, die fiktive jüdische Mutter aus dem Song vor dem Song, es plausibel finden, was Danger Dan ihr jetzt anrät, nämlich der Polizei zu misstrauen, die jüdische Kindergärten sichert, Schulen, Altenheime, Synagogen? Und ob „sie“ dann wohl bereit wäre, die uniformen Outfits zu sortieren, die sich im antifaschistischen Kampf gegenüberstehen, die Hoodies und Sneakers und Retrobrillen hier wie dort?
Outfits, die sich worin und wie lange noch von islamistischen Killern unterscheiden? Nicht schwer sich vorzustellen, dass aus jener Kultur-Szene, die – völlig konträr zu Danger Dan und den Antilopen – den Israelhass pflegt, schon morgen ein Song rauskommt von, sagen wir: Massive Attack feat Greta, ein Song, der hehre Gefühle besingen würde, romantisches Empfinden, den heldischen Opfergang der Hamas … Wäre es dann irgend möglich, sich ästhetisch zu orientieren? Hitler von Husseini zu unterscheiden, das ging an, aber Hipster von Nipster? Die Antifa von Anti-Antifa, die Hammer-Bande von Hammer-Skins, die Hammer-Skins von der Hamas? Den Terror von Terror? Schwierig, wenn alles ineinanderfließt, je autonomer es sich gibt.

Was daran liegen mag, dass es – folgt man Friedländers Analyse – einen ästhetischen Unterstrom gibt, der sich aus dem Faschismus speist. Eine „Tiefenstruktur“, wie Friedländer dies nennt, die wie ein U-Boot unterwegs ist im popkulturellen Strom und alles unterfährt, was sich über Wasser zeigt. Unbemerkt, mal mehr mal weniger erahnt, eine „ästhetisch-emotionale Versuchung“.
Wenn aber, wenn es der Nazismus selber ist mit seinem idealistischen Trieb, der eine Kultur unterspült, die Politik ästhetisiert und Ästhetik politisiert, und zwar linke wie rechte wie religiöse Kultur, dann – das setzte Saul Friedländer seiner Arbeit 1999 voran – könnte der Verzicht darauf „eine der Grundvoraussetzungen für politische Freiheit sein“. Eine, die Danger Dan unterläuft.
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ANMERKUNGEN
[1] Das Original – „Klofußumpuschelung“ – stammt von Max Goldt, Die Mitgeschleppten im Badezimmer (1996).
[2] Im Mai 1933 haben die Nazis – Friedländer weist 1999 im Vorwort zur Neuausgabe von „Kitsch und Tod“ darauf hin – ein Gesetz gegen den Kitsch erlassen, „Reichsgesetz zum Schutz der nationalen Symbole“ betitelt. Erlaubt fortan nur, was Friedländer „Edelkitsch“ nennt, verboten dagegen massentauglicher Kitsch wie eine „Hakenkreuzbratwurst“. Wesentlich dafür, das eine vom anderen zu unterscheiden, war den Nazis der Begriff der Würde. Das Hitler-Porträt in einer Glaskugel am Weihnachtsbaum – dem „Lichtbaum“ fürs „Julfest“ – war zunächst verboten, wurde für die „Kriegsweihnachten“ dann aber wieder amtlich.
[3] Mit „wolllüstiger Beklemmung“ hat Susan Sontag, von Friedländer zitiert, die Wirkung von Syberbergs Hitler-Film auf den Begriff gebracht.
[4] Als „Mysterium tremendum“ hat Rudolf Otto in Das Heilige (1917) die eine Seite einer tief religiösen Erfahrung beschrieben, die andere als das „Mysterium fascinans“: das eine erschreckend, erschauernd, vernichtend, das andere anziehend, bestrickend, betörend. Und beides gleichzeitig, fasziniertes Erschauern, von den Nazis verkitscht.
[5] Georg Seeßlen in Natural Born Nazis (1996): „Das faschistische Bild“ – vom Nazismus generiert – „erweist sich als dominant gegenüber dem Bild vom Faschismus.“
[6] AntiFa ist ein loses Spektrum, schon klar, die Antworten auf die „Gewaltfrage“ unterscheiden sich, auch klar. Aber eine eindeutige, öffentliche Distanzierung von der exzessiven Gewalt der Hammer-Bande sucht sich auch vergebens.
[7] Im Video ab ca 06:20 ein Adidas-Sneaker in Schwarz, die drei Streifen strahlend weiß wie die Tastatur eines Klaviers, hier treiben sie den Rhythmus mit der Base-Drum voran. Dargestellt ist ein klassisches Adidas-Modell der 60er/70er Jahre, ab den 80erm popkulturell adaptiert, soll heißen: Das Video jettet durch die Zeit. Vom Griechischen Chor durch die Romantik weiter zum Expressionismus und hinein in die Retro-Ästhetik der Gegenwart. Falls es sich bei der Adidas-Szene um Product Placement handelt, es wäre raffiniert.
[8] Aus der AntiFa-Szene hat die Antilopen-Gang auch Zuspruch gefunden, vor allem aber verbale Prügel bezogen für einen Song, der – einsames Statement im politisierten Kulturbetrieb – dem Terror der Hamas jedes Verständnis verweigert. – Davon ab, in Oktober in Europa ist es 1 jüdische Mutter, die ihren Kindern sagt: „Keine Angst“, in Keine Angst ist es Danger Dan, der allen, die nicht selber Nazis sind, „keine Angst“ zuspricht. Es hat schon etwas Päpstliches.
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