
Real-Madrid-Star Kylian Mbappé investierte 2024 in den deutschen TV-Hersteller Loewe. Neymar hat die Rechte an der Marke Pelé erworben. Toni Kroos hat eine eigene Fußballakademie, und David Beckham ist unter anderem an dem US-Team Inter Miami beteiligt, bei dem Lionel Messi spielt, der im vergangenen Jahr sein Immobilienportfolio an die Börse brachte. Über die wirtschaftliche Zukunft der Top-Spieler muss sich auch der leidenschaftlichste Fan keine Sorgen machen. Das war auch früher schon so, wenn auch etwas bescheidener.
31 Jahre bestimmte der Fußball das Leben von Ernst Kuzorra. Er spielte von 1920, als seine Spielerlaufbahn bei den Junioren begann, bis 1950, als er gemeinsam mit Fritz Szepan seine Karriere mit einem Spiel gegen Brasiliens damaligen Meister Atlético Mineiro bei Schalke 04 beendete. Nebenbei und zwischendurch trainierte er Borussia Dortmund, die Spielvereinigung Erkenschwick und von 1949 bis 1951 Borussia Hückelhoven, eine Mannschaft aus dem Rheinland. Kuzorra war damals 46 Jahre alt. Seit Mitte der 20er Jahre praktisch Profi, wollte er nicht wieder wie als Jugendlicher auf Consolidation als Bergmann einfahren. Er machte sich selbständig und wurde Unternehmer: Kuzorra wurde Besitzer eines Lotto- und Tabakladens an der Kurt-Schumacher-Straße in Schalke-Nord. Heute hängen hier auf der „Schalker Meile“ Metalltafeln mit den Fotos und Lebensläufen der legendärsten Schalker Spieler an den Hauswänden. Die Glückauf-Kampfbahn, das Schalker Stadion zu Kuzorras Zeiten, liegt nur einen Bierflaschenwurf entfernt, und auch zur Schalke-Arena ist es nicht weit. Heute ist Schalke-Nord ein heruntergekommener Stadtteil mit vielen Leerständen; in Kuzorras Zeit war es ein normales Arbeiterviertel, mit Geschäften, Kneipen und Kuzorras Lottobude. Schalke ist geschichtsbewusst: Die Lottobude von Kuzorra, die schon in den 80er Jahren zwar nach ihm benannt, aber längst von einem anderen Budenbesitzer betrieben wurde, gibt es immer noch, wenn auch ohne Tabak und Lotto. Heute bewirtschaftet der Verein den Laden, der zu einer Anlaufstelle für Fans des Teams geworden ist.
Kuzorra war nicht der einzige Spieler, der nach seiner aktiven Zeit am Ball in das Lottogeschäft einstieg: Uwe Leifeld, ehemaliger Profi des VfL Bochum, hatte eine Lottobude in Münster, der Stuttgarter Hans-Peter Makan eine in Mannheim, Hans Uebelein in Nürnberg, und auch der 54er-Weltmeister Max Morlock setzte auf Toto, Lotto und Rennquintett.
Georg Schwarzenbeck stammt aus einer anderen Generation als Morlock und Kuzorra: Bis 1981 spielte er für Bayern München, wurde Welt- und Europameister und gewann sechsmal mit den Bayern die Meisterschaft. In Werner Enkes Film Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt, spielte er eine Nebenrolle und ging somit auch in die Popkultur ein. Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen zitierte den Film noch 2014 in ihrem Video zu dem Stück „Kennst du Werner Enke?“.
1983 übernahm Schwarzenbeck von seiner Tante einen Schreibwarenladen, den er bis 2008 betrieb. Einer seiner wichtigsten Kunden war die Geschäftsstelle seines alten Vereins Bayern München. „Die Lieferungen haben mich über Wasser gehalten“, sagte Schwarzenbeck dem Münchener Merkur, als er den Laden schloss.
Obwohl traditionell eine Stadt der außergewöhnlich schlechten Biere, war der Verkauf von Schnitzel und Pils ausgerechnet bei ehemaligen Spielern von Borussia Dortmund zeitweise sehr beliebt: Dieter „Hoppy“ Kurrat, der 1960 bis 1974 für die Borussen spielte, hatte später eine Kneipe im benachbarten Holzwickede, und sein ehemaliger Mitspieler Timo Konietzka betrieb zusammen mit seiner Frau Claudia das Gasthaus „Ochsen“ in Brunnen am Vierwaldstättersee.
Auch Paul Janes, von 1931 bis 1951 Spieler bei Fortuna Düsseldorf, gründete nach seiner Karriere die „Sportlerklause Paul Janes“ in Leverkusen. Die Gastronomie schien seine späte Leidenschaft gewesen zu sein: 1987 starb er nach einem freitäglichen Frühschoppen.
Bis heute ist das Zapfen von Bier unter ehemaligen Spielern von Borussia Dortmund beliebt: Kevin Großkreutz ist an der Dortmunder Kneipe „Mit Schmackes“ beteiligt, die unter anderem Potthucke, einen gebratenen Kartoffelkuchen mit Mettwurst, hausgemachtem Kräuterquark und Salatbeilage, im Angebot hat.
Willi „Ente“ Lippens, bis heute das große Idol der Fans von Rot-Weiß Essen, war als Spieler auch für seinen Humor bekannt. Als ein Schiedsrichter ihm sagte: „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen“, antwortete Ente: „Herr Schiedsrichter, ich danke Ihnen“, wurde für den Spruch vom Platz geworfen. Später gründete Lippens in Bottrop das Lokal „Ich danke Ihnen“, das heute von seinem Sohn Michael betrieben wird.
Nicht ganz so erfolgreich verlief die zweite Karriere von Helmut Rahn, der wie Lippens für RWE spielte und 1954 das entscheidende Tor bei der Fußballweltmeisterschaft im Endspiel gegen Ungarn schoss. Rahn versuchte sich glücklos als Gebrauchtwagenhändler und arbeitete später als Repräsentant und Verkaufsleiter einer Entsorgungsfirma für Bauschutt. Allerdings galt Rahn später auch immer als etwas muffelig, was einer Karriere als munter mit seinen Kunden plaudernder Budenbesitzer wohl im Weg stand.
Eher außergewöhnlich verlief der Berufsweg von Otto Ludwig Naegele. Der erste Torwart von Bayern München studierte an den Kunstakademien München und Düsseldorf und wurde vor allem als Grafiker bekannt. Naegele entwarf unter anderem Plakate für das Kaufhaus Isidor Bach in München und die Hackerbrauerei.
Uwe Seeler hingegen setzte auf Öl und Oberbekleidung und nannte eine Tankstelle und Uwe-Seeler-Moden sein Eigen, war Adidas-Markenbotschafter und verfügte als gelernter Speditionskaufmann über ein solides wirtschaftliches Grundwissen.
Pelé, der beste Fußballspieler aller Zeiten, hingegen legte nach seiner aktiven Zeit in den 70ern eine Karriere hin, die sich auch nach heutigen Maßstäben sehen lassen kann. Er wurde zu einer globalen Werbeikone und warb unter anderem für American Express, Pepsi und Viagra und baute parallel eine eigene Sportmarketing-Agentur auf, die jährlich rund 20 Millionen US-Dollar umsetzte. 2010 stellte er in Johannesburg die Marke „Pelé Sports“ vor. Zum Start gehörten Fußballschuhe – benannt nach seinen Weltmeisterjahren 1958, 1962 und 1970 – sowie Sport- und Lifestylekleidung.
Fußballer verdienten und lebten nicht schlecht, das galt auch schon in den 20er Jahren. Kioske und Kneipen waren lange eine solide Einnahmequelle, vor allem, wenn man wie viele Spieler keine Ausbildung hatte. Und auch wenn die Einkommen der Spieler immer gut waren, die heutigen sensationellen Höhen erreichten sie erst nach dem Bosman-Urteil im Jahr 1995. Damals gewann der Spieler Jean-Marc Bosman seine Klage gegen eine zu hohe Ablösesumme seines damaligen Vereins RFC Lüttich, weil er sich durch sie in seiner Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt sah. Die hohen Ablösesummen für Spieler nach Ende ihrer Vertragslaufzeit wurden verboten; stattdessen stiegen ihre Gehälter, weil ihre Verhandlungsposition gegenüber den Vereinen gestärkt wurde. Bosman selbst profitierte nicht von seinem juristischem Erfolg und lebt heute in Armut.
Der Artikel erschien bereist in ähnlicher Form in der Jungle World