Gute Gründe für den Glauben

Christuskirchen Foto: Ayla Wessel/Kulturagentür

Aller Aufwand erwies sich letztlich als vergebene Liebesmüh: die groß angelegte Langzeit- und Querschnittsstudie konnte die Existenz Gottes nicht beweisen. Von unserem Gastautor Werner Jurga.

Auch für ein Leben nach dem Tode konnte kein zweifelsfreier Nachweis erbracht werden. Zahlreiche Indizien ergaben sich jedoch zur Stützung der Hypothese von der Reinkarnation. Die vielen Zeugnisse deuten jedoch darauf hin, dass ausschließlich Menschen höherer Stände in den Genuss einer Wiedergeburt kommen, während für Angehörige des Fußvolkes mit dem letzten Atemzug definitiv Feierabend zu sein scheint. So konnten viele Interviewpartner davon berichten, im Vorleben Kaiser, König, Prinzessin oder Courtisane gewesen zu sein, wohingegen das Forscherteam auf der Suche nach ehemaligen Stallknechten, Waschfrauen oder an von einer Kinderkrankheit hinweg gerafften Straßenkindern nicht fündig geworden ist.

„Ich denke, also bin ich“. Wie kein anderer Satz markiert eben dieser den Beginn der Aufklärung. „Cogito ergo sum” – das war der Beweis. Ergo: das Cogito war der Beweis für das Sum. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Diesem Satz folgt ein seitenlanges Traktat Descartes´, mit dem der Universalgelehrte beabsichtigte, die Existenz Gottes zu beweisen. Diese Absicht ging gründlich in die Hose, die ganze Schrift ist nicht weiter erwähnenswert, ein einziger Unfug. Okay, auch ein Descartes hat mal seine schlechten Tage. Wie wir alle, wenn wir uns Dinge vornehmen, die nicht menschenmöglich sind. Wenn man Gott wäre, vielleicht … – so aber, als Normalsterblicher kann das einfach nicht gut gehen: die Existenz Gottes beweisen. Mal ehrlich: wenn Sie Gott wären, würden Sie dann einer von Ihnen geschaffenen Kreatur erlauben, Ihr Dasein wissenschaftlich zu beweisen?! Na also!

Descartes´ Gottesbeweis: einfach lächerlich. Aber egal: der erste Satz war der Bringer. „Ich denke, also bin ich“ kennt jeder, ein echter Hit. Evergreen. Etwas idealistisch, zugegeben. „Ich bin, also denke ich“ wäre mir plausibler vorgekommen. Aber wir sind halt alle Kinder unserer Zeit. Wir sind aufgeklärt, meinen wir. Descartes leitete die Epoche der Aufklärung ein. Klar: wenn man schon meint, die Existenz Gottes beweisen zu müssen, ist es um selbige schlecht bestellt. Nicht nur, dass man bis dato davon ausgegangen ist, dass sie sich von selbst verstehe. Sondern auch die von Descartes vermutlich nicht bedachte Implikation: heute beweist einer, dass es Gott gibt. Morgen kommt der nächste und beweist das Gegenteil. Übermorgen stellt jemand fest, dass Gott eine Frau ist. Armer Gott!

Nach dem gegenwärtig allgemein anerkannten Schöpfungsmythos stellt ein Urknall den Anfang aller Dinge dar. Gegenüber dem lieben Gott hat die Theorie des Urknalls den unbestreitbaren Vorteil, dass sie zu beweisen ist. Und tatsächlich: sie ist bewiesen. Es hat nachweislich geknallt. Man kann heute noch, wenn man entsprechende Instrumente zur Hand hat, das Rauschen hören. Damit ist die Angelegenheit empirisch belegt. Auch theoretisch erweist sich der Urknall als gut belastbar. Zumindest für die Phase vom Knall bis heute, die Zeit davor – so haben es die Physiker festgelegt – ist „nicht definiert“. „Nicht definiert“, Ende, Aus. Tja, es ist schon geil, wenn man die Definitionsmacht hat.

Fest steht: es hat urig geknallt. Wir wissen halt bloß noch nicht, wo und vor allem warum. Es knallt ja nicht einfach so; es muss doch einen Grund geben, warum es „auf einmal“ so – ich möchte fast sagen: nachhaltig – geknallt hat. Da Sie mir ohnehin nicht glauben würden, wenn ich behauptete, dass es daran gelegen habe, dass der liebe Gott gerade mit Streichhölzern gespielt habe, schlage ich vor, wir einigen uns darauf, dass kein metaphysischer, sondern ein ganz „natürlicher“, also physischer Grund für den Big Bang vorliegen dürfte. In Kürze werden die Physiker auch dieses Rätsel entschlüsselt haben.

Damit wäre dann wirklich das letzte Rätsel entschlüsselt, wenn wir davon absehen, dass es freilich auch für den Auslöser des Urknalls eine Ursache geben muss. Und auch dafür wieder einen Auslöser, eine Ursache, einen Grund. Und so weiter und so fort. Ein Regressum ad infinitum. Unendlichkeit am Anfang, sprich: Anfangslosigkeit. Beweist dies irgendetwas? – Ja. Die Welt / das Universum ist prinzipiell erkennbar, und wir werden die Welt letztlich nicht erkennen können. Denn jede beantwortete Frage wird eine Reihe neuer Fragen auf. Lenin hat Recht, der liebe Gott aber auch. Auch der kritische Rationalist, der sich jenseits leninistischer Ideologen und verbohrter Moraltheologen wähnt, muss damit irgendwie zurecht kommen.

Was bleibt, ist die Ethik. Aber wo kommt die nun wieder her? Fest steht, dass diejenigen, die sich schwerer Verstöße gegen die Ethik schuldig gemacht haben, keinen Monopolanspruch auf Ethik erheben können. Damit sind wir aber bei der Beantwortung der Frage, wo denn wohl die Ethik herkomme, keinen Schritt weiter. Ethik aus einer dem Menschen vermeintlich innewohnenden Vernunft herzuleiten, erscheint abwegig. Einerseits sind Geschichte und Gegenwart voll von Beispielen unethischen – insofern also unvernünftigen – Verhaltens. Zweitens könnte ich etliche Beispiele dafür anführen, dass das – ethisch kaum vertretbare – Ausschalten unliebsamer Konkurrenten ein hohes Maß an Rationalität aufweist. Wer an die Allmacht der Vernunft glaubt, braucht kein Strafgesetzbuch.

Die eingangs erwähnte, groß angelegte Langzeit- und Querschnittsstudie über die Religiosität ist nicht völlig ergebnisfrei abgeschlossen worden. Vielmehr konnte sie nachweisen, dass Menschen, die an Gott glauben, zufriedener, gesünder und auch – am einfachsten zu quantifizieren – länger leben. Ein, wie ich finde, guter Grund, an Gott zu glauben. Das Blöde ist: die Sache funktioniert nur, wenn man auch wirklich an Gott glaubt, und nicht einfach nur so tut, als ob. Man weiß nicht warum. Ob es daran liegt, dass der liebe Gott alles sieht? Oder an bislang unerforschten psycho-neuro-immunologischen Abläufen? Wie gesagt: man weiß es nicht. Dennoch: man muss wirklich glauben und nicht nur so tun, als ob. Scheiße! Wie soll man das denn bloß machen. Das scheint mir ja ein ganz schönes Arschloch zu sein, dieser Gott.

Gute Nachbarschaft

Vor knapp drei Jahren bin ich in ein kleines Appartement in einer netten Gegend gezogen. Ich genoss die Ruhe und den schönen Garten. Wie oft habe ich draußen die Stille des Abends genossen. Von unserer Gastautorin Nina Ryschawy.

Aber zu mir: Ich bin 32 Jahre alt und habe einen Abschluss in Geschichte, Sozialpsychologie und –anthropologie gemacht. Lange Zeit habe ich gedacht, ich könnte mit dem zweiten Teil meines Studiums, besonders mit der Anthropologie, nicht viel anfangen. Und dann geschah das Unvorstellbare.

Ich muss aufgrund der Geschehnisse eine neue paläoanthropologische These aufstellen, die so bahnbrechend wir unglaublich ist. Nach nun etwa zwei Jahren intensiver wie teilweise unfreiwilliger Feldforschung kann ich sie erheben. Die Wissenschaft wird sich auf den Kopf stellen.

Der homo neanderthalensis ist nicht etwa, wie man bisher glaubte, einfach ausgestorben. Er hat sich auch nicht, wie manche Theorien sagen, mit dem homo sapiens vermischt. Nein, er muss sich irgendwo, an einem abgeschiedenen Platz über lange Zeit doch so weit entwickelt haben, dass er sich gerade so an die ihn heute umgebenden Bedingungen angepasst hat.

Und dann ist er nebenan eingezogen.

Eine Gruppe des homo neanderthalensis von variierend fünf bis sieben Individuen. Nur ein ausgewachsenes Individuum ist weiblich.

Beschauen wir noch einmal die gängigen Theorien und vergleichen sie mit den von mir gemachten Beobachtungen aus dem Fenster des zweiten Stock unseres Hauses.

Bezüglich des Körperbaus lassen sich fast keine Unterschiede zu den bisher bekannten Theorien feststellen. Sie sind alle relativ klein, wirken gedrungen und sind muskulös. Die Hände sind zu einem Präzisionsgriff fähig, was ich immer wieder beobachten konnte, wenn eines der Individuen nach einer Bierflasche griff. Während die männlichen Individuen der Gruppe die bekannte Schädelform aufweisen (dominanter Kiefer und Überbaugeschwülste), wirken die weiblichen eher zierlich. Alle weisen einen kräftigen Kauapparat auf.

Zum Thema Sprache muss ich die bisherige Theorie an dieser Stelle fortführen. Wir wissen, dass man in den 1980ern das Zungenbein eines Neandertalers fand, womit die anatomischen  Voraussetzungen zur Sprache gegeben sind. Die Isolierung des FOXP2-Gens bei einem anderen Fund, weist ebenso auf die Fähigkeit zur Sprache hin, denn das Gen wird für die Entwicklung der Sprache als bedeutend erachtet. Bisher konnte man jedoch keine triftigen Beweise für Sprache bei den Neandertalern finden. Ich habe sie. Sie verständigen sich in einer äußerst simplen und verkürzten Sprache, die zwar minimale Grundzüge der Sprache des homo sapiens aufweist, aber dennoch nicht zu vergleichen ist.

Die männlichen Individuen verständigen sich durch relativ einfache, allgemeine Grunzlaute und Worte. „Bier, Schlafen, Essen, Nein, Ja, Ey Alter“, sind von mir schon gehört und aufgezeichnet worden.  Die Sprache des weiblichen Individuums ist beschränkter als die der männlichen. Sie gibt auch keine Grunzlaute von sich, sondern eher ein Gekreisch, das noch immer an den Menschenaffen erinnert. Bisher gehört wurden Laute wie: „Chantal, Kiki, Essen, Nein, Schluss.“

Währen die männlichen Individuen eine einfache Vorstufe von Kleidung tragen, stellt das weibliche Individuum seine Vorzüge offen zur Schau. Damit folgt sie wohl einem angeborenen Locktrieb. Die Gruppe scheint sich aus Gründen des Überlebens und der Fortpflanzung zusammengeschlossen zu haben.  Das Sexualverhalten variiert in der Gruppe, Monogamie scheint es nicht zu geben. Außerdem werden sexuelle Handlungen  recht offensichtlich und öffentlich durchgeführt.

Die männlichen Individuen sind für das Beschaffen von Nahrung verantwortlich, die sie täglich auf einem offenen Feuer innerhalb ihres Territoriums zubereiten. Hauptsächlich nehmen sie Fleisch zu sich. Ihr angestammtes Territorium verlassen sie nur zum Sammeln und Jagen. Das weibliche Individuum ist mit der Aufzucht der Kinder beschäftigt.

Kommen wir zu kultischen Handlungen, die oft zu beobachten waren. Die Männchen sind bereits ab Mittag auf dem Territorium sichtbar, während das weibliche Individuum immer erst später mit der Nachkommenschaft hinzukommt. Es wird gekreischt und gegrunzt und eine Mange Alkohol konsumiert. Das schätze ich als eine kultische Handlung ein. Es ist bekannt dass bei den Neandertalern eine Vorstufe der Emergenz von Religion vorhanden war. Und der Alkoholkonsum ist für mich eine Huldigung der Ahnen, die wahrscheinlich auch immer blau waren. Sobald die Sonne untergeht, wird noch mehr Alkohol konsumiert und das verbale Verhalten lauter. Das lässt auf eine Angst vor der Dunkelheit schließen, gegen die sie sich wappnen und die sie außerdem mit Gekreisch und Gegrunze zu vertreiben suchen. Damit haben sie, wie der homo sapiens weiß, keinen Erfolg und ziehen sich dann in ihre Höhlen zurück.

Erstaunlicher Weise gibt es einige schüchterne Versuche ihrerseits, Kontakt zur Gattung des homo sapiens aufzunehmen, was aber immer wieder an den doch sehr großen Unterschieden scheitert.

Nun gut, ich werde weiterhin meine Feldforschung betreiben, mich vielleicht noch genauer mit den kultischen Handlungen beschäftigen und dann ein Buch oder Filmsequenzen herausbringen. Dank meiner Nachbarn hat mein Studium also doch einen Sinn gehabt. Aber wer hat schon das Glück solche Nachbarn zu haben?

Politisches Marketing: Ruhr.2010, Duisburg, Loveparade

Loveparade 2010

Marketing ist alles. Auch dann, wenn das angepriesene Produkt gar nicht vorweisbar ist? Von unserem Gastautor Reinhard Matern.

Typische Metropolen wie New York, London, Paris haben nicht nur viele Einwohner, sie ziehen nicht bloß Wirtschaft, Kultur und Touristen an. Die Städte wurden und werden auch gestaltet. Metropolen waren und sind eigenständige politische Räume. Als Metropoleregion gelten hingegen Verflechtungsgebiete mit wenigstens einer Metropole. Typische Beispiele für solche Regionen sind Tokyo-Yokohama, Berlin-Brandenburg. Im Ruhrgebiet ist man auf die Idee gekommen, dass es auch anders geht. Im Vorfeld und Rahmen der Events zur europäischen Kulturhauptstadt ist aus dem Ballungsraum eine Metropole geworden, die auch ohne eigenständigen politischen Raum auskommt.

Dem Vorgehen stehen Defizite gegenüber, die dem Bemühen diametral entgegenstehen. Das Ruhrgebiet war in der Zeit von Kohle und Stahl eine hochgradig politisierte Region. Die Mitgliedschaft und das Engagement in einer Partei, nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend in der SPD, gehörte zum Alltag der Menschen. Die Einflussmöglichkeiten reichten jedoch nur bis zu den jeweiligen Stadt- und Gemeindegrenzen. Das Leben gestaltete sich primär im Ortsteil. Privater Hort war der Schrebergarten, die Laube. Die Region ist bis heute kein politischer Raum. Eine Identifikation mit dem Ruhrgebiet fehlt. Die Region ist drei verschiedenen Bezirksregierungen zugeordnet, die allesamt außerhalb des Ruhrgebiets liegen: in Düsseldorf, Münster und Arnsberg. Diese noch aus preussischer Zeit (1816) stammenden unterschiedlichen Zuständigkeiten haben eine Metropolenbildung wirksam unterbunden.

2003 formulierten acht Großstädte Ziele für eine Kooperation: im ‘Stadtregionalen Kontrakt’. Inzwischen gelten diese Ziele als Grundlage aller Städte und Gemeinden, die im Regionalverband Ruhr, dem Zweckverband der Kommunen, vertreten sind. Doch beschränken sich diese Vorgaben auf Flächenplanungen und ein Standortmarketing. Seit Herbst 2009 obliegt dem Zweckverband die Koordinierung der Flächennutzungspläne als hoheitliche Aufgabe. Für die Schaffung eines gemeinsamen Regierungsbezirks, obwohl seit den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts immer wieder darüber diskutiert wurde, war und ist bis heute keine Einigung aller Beteiligten zu erzielen. Die notwendige Verwaltungsreform beträfe nicht bloß die Region, sondern ganz Nordrhein-Westfalen. Ebenso gibt es derzeit keine Pläne, dem Regionalverband der Kommunen weitere hoheitliche Aufgaben der verschiedenen Bezirksregierungen zukommen zu lassen. Anstatt dem Ruhrgebiet die geeigneten Rahmenbedingungen bereitzustellen, um eine Entwicklung zur Metropole zu ermöglichen, eine, die dem gesamten Bundesland neue Impulse geben könnte, gefällt man sich darin, die Region faktisch als Provinz zu erhalten.

Die regionale Moibilität ist rückständig. Der Nahverkehr, der die überlasteten ‘Stadtautobahnen’ A40 und A42 wirksam entlasten könnte, lässt Fahrten innerhalb des Ruhrgebiets unter Umständen länger dauern als eine Zugfahrt nach Frankfurt. Jede Großstadt hat ihre eigene Verkehrsgesellschaft, die Fahrpläne sind schlecht abgestimmt, nicht bloß untereinander, auch mit der Deutschen Bahn. Der Nahverkehr befördert nur 11% des regionalen Personenverkehrs. In Berlin sind es gut 25%. Während der Vorbereitungen zum Jahr der Kulturhauptstadt, eingedenk der erhofften auswärtigen Besucher, sah man sich genötigt, übergangsweise den Eindruck von regionaler Mobiltät vermitteln zu müssen und investierte punktuell in den Nahverkehr. Eine Lösung des strukturellen Problems sähe anders aus. Die zur Verfügung stehenden Verkehrsverbindungen werden den Einwohnern und der regional notwenigen wirtschaftlichen Entwicklung kaum gerecht.

Auch die Wirtschaftsförderung ist primär lokal angesiedelt. Seit 2007 ergänzt eine aus dem Zweckverband entstandene Einrichtung die separaten, in Konkurrenz ausgetragenen Bemühungen der Städte und Gemeinden. In dieser Kooperation hat man ‘Kompetenzfelder’ der ansässigen Wirtschaft ausgewählt, sowohl Branchen-Cluster als auch Branchen-Konzentrationen, um die Region im nationalen und internationalen Vergleich zu positionieren. Die Cluster Energie, Logistik und Chemie werden von der ansässigen Großindustrie dominiert. Die Gesundheitswirtschaft besteht primär aus den Kliniken in der Region, die in hoher Konzentration vorzufinden sind. Zusätzlich geförderte Zweige stehen überwiegend in einem direkten Zusammenhang mit den neu entstandenen Technologie- und Wissenschaftszentren. Mit diesem ‘Kompetenzfeldmarketing’ erhofft man sich den Ausbau von Clusterbildungen und ein weiteres Fortschreiten der Konzentrationen. Es ist schon einmal geschehen, dass sich die Wirtschaft im Ruhrgebiet zu sehr an den Großbetrieben orientiert hat. Der Mittelstand war schwach und einseitig auf die herrschende Kohle- und Stahlindustrie bezogen, wie in der ‘Regionalkunde’ des Verbandes betont wird. In einer politischen Diskussion hätte die Frage nach dem Mittelstand öffentlich aufgeworfen werden können und auch müssen.

Das Fehlen einer regionalen Politik hat jüngst zu einer kaum ermessbaren Katastrophe beigetragen. In Duisburg sind durch die Loveparade vom 24. Juli 2010 einundzwanzig Menschen zu Tode gekommen und über fünfhundert zum Teil schwer verletzt worden. Der Plan, die Loveparade im Jahr der europäischen Kulturhauptstadt und im Zusammenhang mit der Kampagne ‘Metropole Ruhr’ in Duisburg stattfinden zu lassen, hat zu einem Sicherheitskonzept geführt, das den ungeeigneten Bedingungen angepasst worden ist. Sowohl die Ruhr.2010 GmbH, Betreiber der Kampagne ‘Metropole Ruhr’, als auch die ehemalige Landesregierung haben auf eine Durchführung gedrungen. Für die Sicherheit zu sorgen, lag fraglos bei der Duisburger Genehmigungsbehörde und dem privaten Veranstalter: Diese Verantwortung ist ihnen nicht zu nehmen. Zu den Rahmenbedingungen der Loveparade gehörte jedoch auch ein von außen produziertes Drängen. Fritz Pleitgen sah sich als Geschäftführer der Ruhr.2010 GmbH veranlasst, seine moralische Mitschuld öffentlich (ZDF, 29.07.10) einzugestehen. Eine regionale Planung der Loveparade hätte völlig anders verlaufen können: Duisburg wäre aufgrund der ungeeigneten Bedingungen als Ausrichtungsort kaum in Betracht gezogen worden, unabhängig von einem lokal herrschenden Ehrgeiz. Alternativen hätte es in der Region gegeben.

Das Ruhrgebiet benötigt sowohl für die weitere Entwicklung als auch zur Vermeidung zukünftiger Katastrophen einen politischen Raum. Ohne ein gemeinsames politisches Planen und Gestalten würde die Region ein in sich zerrissener Ballungsraum bleiben, der den gestellten Aufgaben nicht gerecht wird. Die Frage nach einer Metropole ist hingegen nachrangig. Zwei Wege, eine regionale Politik betreiben zu können, sind bislang angedacht worden: 1. Eine Verwaltungreform, die das gesamte Bundesland beträfe, 2. die Überantwortung von Aufgaben und Ressourcen der verschiedenen Bezirksregierungen auf den Regionalverband. Der zweite Weg ist unter den derzeitigen Bedingungen leichter zu beschreiten. Auf diesem Weg wäre allerdings zu erörtern, ob die neu zu schaffende politische Institution nicht einer gesonderten politischen Legitimität durch die Bürger der Region bedarf. Als Kommunalverband besonderer Art wäre eine solche Möglichkeit durchaus gegeben. Das Versammlungsgremium des Regionalvebandes nennt sich bereits ‘Ruhrparlament’. Warum nicht ein echtes Parlament entstehen lassen?

Der Text ist aus der aktuellen Ausgabe des  politischen Kulturmagazins Gazette.


Singen mit Mina – Ein melancholischer Vokalkurs

 

„Was geht auf Deutsch, und was geht nicht?“ fragt sich Andreas Lichte. Ein Sprach- und Vokal-Kurs mit einem Lied von Mina.

Vokale geschrieben (fast!) wie gesungen, Text wörtlich übersetzt, Wortstellung wie im Italienischen:

 

Non Credere

Nicht glauben

 

Noooooo, nooooooo, noooooooo,

Nein, Nein, Nein

No-oooo, non crederleeeeee

Nein, nicht glauben ihr

non gettare nel ventooooooo

nicht werfen in den Wind

in un solo momentoooooo

in einem einzigen Moment

quel che esiste fra noi-iii

das, was existiert zwischen uns

 

Noooooo, nooooooo, noooooooo

Nein, Nein, nein

n-oooo ascoltamiiiiiiiii

nein, hör zu mir

tu per lei-ii sei un giocattolooooooo,

du für sie bist ein Spielzeug

il capriccio di un attimooooooo

die Laune von einem Augenblick

e per me sei sei la vi-itaaaaaa.

und für mich du bist das Leben

 

Se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

saprei soffrire ed anche morire

ich würde wissen leiden und auch sterben

pensando a teeeeeeeeee.

denkend an dich

 

Ma non ti ama, noooooooo,

Aber nicht dich sie liebt, nein

lei non ti ama, noooooooo,

sie nicht dich liebt, nein

ed io non voglio vederti morire,

und ich nicht will sehen dich sterben

morire per leiiiiii.

sterben für sie.

 

Noooooo, nooooooo, noooooooo,

Nein, Nein, Nein

No-oooo, non crederleeeeee

Nein, nicht glauben ihr

non gettare nel ventooooooo

nicht werfen in den Wind

in un solo momentoooooo

in einem einzigen Moment

quel che esiste fra noi-iii

das, was existiert zwischen uns

 

Se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

saprei soffrire ed anche morire

ich würde wissen leiden und auch sterben

pensando a teeeeeeeeee.

denkend an dich

 

Ma non ti ama, noooooooo,

Aber nicht dich sie liebt, nein

lei non ti ama, noooooooo,

sie nicht dich liebt. nein

ed io non voglio vederti morire,

und ich nicht will sehen dich sterben

morire per leiiiiii.

sterben für sie.

 

Ma non ti ama, noooooooo,

Aber nicht dich sie liebt, nein

lei non ti ama, noooooooo,

sie nicht dich liebt. nein

ed io non voglio vederti morire,

und ich nicht will sehen dich sterben

morire per leiiiiii.

sterben für sie.

 

Werbung
Werbung


Abenteuer Ruhrpott – Ein Leben zwischen Orient und Okzident

Heute ist Mittwoch. Markttag. Der Tag in der Woche, an dem etwas mehr los ist, im Herz von Gelsenkirchen-Hassel. Man kommt zusammen, redet miteinander über wichtige und unwichtige Dinge des Lebens. Irgendwann dann, am Stand mit den Blumen, stehen sie neben mir. Frauen, eingehüllt in schwarze Tüchern. Zu sehen ist nur das blasse Gesicht, das aus den Tüchern herausschaut. Die Tücher sind der so genannte „Tschador“, der vor allen Dingen im Iran getragen wird. Von unserem Gastautor Malte Trösken.

Der Rest der muslimischen Frauen auf dem Markt trägt Kopftuch oder Hidschab. Der „Koran“ hat den Frauen Freiheit gebracht, sagen muslimische Männer und Frauen mir oft. Und dass muslimische Männer ihre Frauen ehren. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Seit 4 Jahren lebe ich hier im Gelsenkirchener Norden. Als ich hier hin zog,  glaubte ich zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ich war auch mal einer, der daran geglaubt hat, das „Multi-Kulti“ funktioniert und es hier ganz toll wird. Ein Ruhrpott-Abenteuer zwischen Orient und Okzident. Weit gefehlt.

In Hassel, im Norden von Gelsenkirchen, gibt es drei „offizielle“ Moscheen. Das urbane Leben hier ist sehr stark durch Muslime geprägt. Das ist seit vielen Jahren so. Aber seit zwei Jahren etwa verändert sich hier alles. Viele Geschäfte wurden geschlossen. Schon bald werden sie von muslimischen Geschäftsleuten übernommen. Dasselbe gilt für Häuser die frei werden, oder Wohnungen.

Die Grundstimmung in Hassel ist schlecht. Deswegen gehen viele Geschäftsleute, ziehen  weg. Denn auch hier gibt es Unterdrückungen seitens der türkischen Community gegenüber den Deutschen. Vor allen Dingen in den Schulen. Aber auch auf der Straße. Dort wird die Abneigung gegen Juden und auch Christen auch schon mal recht deutlich zum Ausdruck gebracht.

Wir alle in Hassel geben uns Mühe, über dieses Dinge hinweg zu sehen, aufeinander zu zugehen. Veranstalten interreligiöse Gottesdienste und Feste. Doch es funktioniert nicht. Veranstaltet der Stadtteil ein „Straßenfest“, bleiben die Muslime meist weg. Veranstalten diese wiederum ein Straßen bzw. Gemeindefest, bleiben die „Deutschen“ weg. Interreligiöse Gottesdienste weisen ein Ungleichgewicht auf, wenn viele Christen und wenige Muslime den Worten von Pfarrer und Imam lauschen.

Wie sollte es auch funktionieren, in einem Stadtteil in dem kleine Kinder täglich verschleiert in die Koranschule gehen. Später dann besuchen sie  einen Kindergarten, in dem sie größtenteils unter sich sind, wie, wieder später, in der Schule auch. Kontakt zu „Deutschen“ wird zwar, meist oberflächlich, gepflegt, aber eigentlich braucht man den nicht, wofür auch? Hier in den Geschäften gibt es alles, was man braucht und, man spricht türkisch oder arabisch. Auch wenn zumindest die Mitarbeiter deutsch sprechen können.

Als nichtmuslimische Frau ist es hier gar nicht ratsam, nach Einbruch der Dunkelheit allein über die Straße zu laufen. Es ist dann nicht mehr sicher, wie man so schön sagt.  Um nur mal ein Beispiel zu nennen, wenn meine Liebste mal allein abends vor die Tür geht, wird sie oft „angepöbelt“. Weil sie dunkle Haare hat, nennen muslimische Halbwüchsige sie „Sarah“.

Raubüberfälle. Einbrüche. Körperverletzungen. Meist steht in solchen Zeitungsmeldungen einen Hasseler Adresse. Tags und nachts geschieht so etwas. Wenn die Täter mal geschnappt werden, sind es meist Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn es nur um die Kriminalstatistik geht, müsste jeder Polizist in Gelsenkirchen Pro-NRW recht geben, was sie in Teilen auch tun, nur halt nicht öffentlich! Viele junge Männer aus dem Stadtteil haben den Gerichtssaal mehr als einmal von innen gesehen. Und sei es nur, weil ältere gegenüber jüngeren körperliche Züchtigungen getätigt haben, um diese zu „erziehen“. Eine harte Hand, die hier an einigen Stellen völlig normal ist.

Was mich in letzter Zeit sehr stark bewegt ist, dass ich an mir selbst eine Veränderung festgestellt habe. Schleichend entwickelt sich eine Abneigung gegen diese Menschen, die unsere Grundrechte nicht achten. Und das, obwohl ich viele von denen mag. Aber ich stelle auch fest, dass sie einfach zu wenig tun, um gänzlich in unserer deutschen Gesellschaft aufgenommen zu werden. Und viele von ihnen wollen das auch gar nicht. Egal ob sie jetzt einen deutschen Pass haben oder nicht, sie sind und bleiben Türken, Araber oder Libanesen.

Das alles macht nachdenklich, traurig. Gerade wenn man sieht, wie die Stadt sehr viel Geld investiert um diese Situation zu ändern. Bei Gesprächen mit den Menschen, die denselben Hintergrund haben, aber es geschafft haben sich zu integrieren, ohne ihre eigene Identität zu verlieren, höre ich immer raus, dass die ihre eigenen  „Landsleute“ nicht verstehen. Eine sagte mal zu mir, dass sie schon versucht habe, über Gespräche etwas zu ändern, dass sie da nicht mehr rankommt. Denn sie sei schon zu westlich, zu „angepasst“, als dass diese Menschen auf sie hören würden.

Die momentan laufende „Integrationsdebatte“ interessiert hier viele nicht. Ich bin mir fast sicher, dass ein Thilo Sarrazin durch Hassel laufen könnte, ohne Probleme zu bekommen. Denn entweder wird er nicht erkannt, weil hier ohnehin keiner eine Zeitung liest. Und wenn, dann ist es „Hürriyet“. Oder den Migranten hier ist es einfach scheißegal, was der sagt. So egal, wie Pro-NRW, die können hier in den Straßen und auch direkt vor türkischen Läden ihre „Propaganda-Plakate“ aufhängen, ohne dass einer der Betroffenen reagiert, während wir für deren rechte auf die Straße gehen.

Überhaupt regen mich viele sehr scheinheilig geführte Diskussion zum Thema Islam ziemlich auf, denn schaut euch an, was da passiert.  Während man als Christ in Deutschland vielfach belächelt, ja sogar gegängelt wird, soll auf einmal alles Muslimische und der Koran „ganz toll“ sein und das Essen „halal“, also rein?  Und „wir“ haben die „Pflicht“, diese Menschen zu integrieren. Wir?

Wenn ich ins Ausland fahre, muss ich doch die Sitten und Gesetze des jeweiligen Landes achten. Und wenn ich dort leben möchte, umso mehr. Bevor jemand fragt, ja, ich war schon in der Türkei, in Tunesien oder Marokko. Abgesehen von Istanbul ist das alles nun mal arabisch/islamisch geprägt. Und jetzt sollen wir, weil einige nicht bereit sind sich anzupassen, ganze Stadtteile aufgeben? Also unsere Identität, die Deutsche oder meinetwegen auch Europäische, aufgeben, weil Deutschland ja ein „Einwanderungsland“ ist? Panislamismus im Kleinen  zulassen, im eigenen Land, nur damit Ruhe herrscht?

Das ist paradox. Diese  Menschen kommen ja vielfach gerade wegen dem, vermeintlichen, Reichtum hier hin, wegen der Demokratie und der Freiheit. Auch der der Religion. Ich erinnere mich an die Dokumentation  über eine Schule in Gelsenkirchen, in der eine junge Muslimin sagte „Wenn alle Deutschen für einen Tag verschwinden, das würde nicht auffallen“. Schön zu hören, wenn man für all seine Anstrengungen den entsprechenden Dank bekommt!

Und was sagt die Regierung dazu, natürlich dass „wir“ uns noch mehr anstrengen müssen. Dass „wir“ noch mehr Geld in integrative Projekte stecken müssen. Aber warum „wir“, warum nicht die Muslime, die dritte Säule des Islams, die Spenden, wäre doch zumindest mal eine finanzielle Quelle um all diese Projekte zu finanzieren, ein Ansatz?

Wohin eigentlich soll das führen, wenn die Formel hierzulande schon heißt „Christ =Pädophil“ und „Konservativ = Nazi“? Ich für meinen Teil bin weder rassistisch oder  islamophob noch fremdenfeindlich. Trotzdem ist es schon so weit gekommen, dass ich meine Meinung nicht laut aussprechen darf. Das ist, so traurig das klingt, gefährlich.

Ömer, ein guter Bekannter, lebt seit Anfang der 70’er Jahre in Deutschland. Ömer lebt seit vielen Jahren mit einer deutschen Frau zusammen. Die beiden haben zwei Kinder. Er kam mit dem Abitur in der Tasche, wollte damals eigentlich Lehramt studieren. Das ging aber in den 70’ern nicht. Er machte  eine Ausbildung zum Schlosser. Auf dem Pütt. Seit einigen Jahren ist Ömer selbstständig. Zum Thema „Integration“ hat er seine ganz eigene Meinung,  er sagt, dass diejenigen die die „Integration“ strikt verweigern, dieses Land auch wieder verlassen sollten. Er, als Türke, darf das sagen!

Grundsätzlich kann man sagen, dass früher tatsächlich alles besser war. Früher hatten wir noch die Kohle und Stahl Industrie. Deutsche, Italiener, Polen, Türken, Jugoslawen usw. arbeiteten zusammen „unter Tage“.  Sie waren aufeinander angewiesen. Zumindest unten, in der Grube. Da waren sie Kumpel. Auch im übertragenen Sinne. Jeder musste auf den anderen aufpassen, das hat die Menschen zusammengeschweißt. Mit dem Ende der großen Stahl und Kohleindustrie haben wir es verpasst, diesen Zusammenhalt auch weiter zu tragen und mit in die Zukunft zu nehmen. Die Zeit der Kumpel ist vorbei. Jetzt haben wir das Zeitalter des Nebeneinanders. Im besten Fall.

In sterbenden Stadteilen blieben meist die Türken, die muslimischen Mitbürger zurück, oft arbeitslos, oft hoffnungslos. Die Regierung hat jahrzehntelang dabei zugesehen, wie sich z.B. in Berlin Neukölln, Duisburg Marxloh oder halt Hassel eine Parallelgesellschaft entwickelt, die von deutschem Recht oder deutscher Kultur nur sehr wenig hält. Dazwischen leben nur noch Hartz IV Empfänger. Und die Alten. Die gehen nicht mehr. Die halten durch. Die geblieben sind, stammen oft selbst aus bildungsfernen Schichten. Das zumindest verbindet sie mit vielen Migranten. Kultur, das ist hier ein gutes Essen, der kleine Garten, die Religion. Intelektuelles Leben geht nur von ein paar wenigen Einrichtungen aus. Und deren Aktionsradius ist einfach begrenzt.

Jetzt sollen wir, also wir Bürger, gefälligst mal ein wenig toleranter sein und das kitten, was die Politiker in Jahrzehnten versaut haben. Weil sie weggeschaut haben. Weil sie die unangenehmen Diskussionen nicht führen wollten. Dabei sind sie heute noch viel schlimmer. Politische Extreme konnten sich nur ausbilden, weil die Probleme nicht auf den Tisch kamen. Der Protest der Menschen formierte sich in Gruppierungen wie Pro NRW.

Es wird nicht funktionieren, der echte Austausch, das sich befruchtende Miteinander. Da bin ich mir sicher. Ich selbst werde bald aus dem Hassel wegziehen. Nicht nur weil ich eine neue Bleibe brauche. Nein. Auch weil ich einfach Abstand brauche von diesem tollen multikulturellem Leben hier. Vom Schmelztiegel, der ein Pulverfass ist. Denn auf Dauer ist das einfach zu heiß.

Malte Trösken betreibt das Blog Hometown-Glory

„Dann kommt auch der Sandmann …“

Ein Beitrag von unserem Gastautor Andreas Lichte zur „Integrationsdebatte“.

 

„Dann kommt auch der Sandmann …“

und sofort ist da dieser Blick … der „Sandmann“?

„Hilfe! Wie soll ich Xinying das jetzt erklären? Natürlich ist der »Sandmann« in China unbekannt!“ denke ich, zu spät, das hätte mir auch vorher auffallen können.

„Der Sandmann ist eine Märchengestalt. Er bringt die Kinder zum Schlafen. Dazu streut er ihnen Sand in die Augen“, sage ich, und diesmal schaue ICH ungläubig, über meine eigenen Worte: „Sand in die Augen streuen, zum Einschlafen?“ Das ist doch Folter!

Und richtig, als ich es später bei wikipedia nachschaue, lese ich: „E.T.A. Hoffmanns Schauernovelle „Der Sandmann“ entwirft mit der Sandmanngestalt eine typische traditionelle Kinderschreckfigur, deren Auftreten Furcht und Schrecken verbreitet. Sie setzt den Sand als eine für die Augen gefährliche und verletzende Waffe ein.“

Das sage ich Xinying natürlich nicht. Zweifel unerwünscht. Ich möchte doch, dass Xinying „La Le Lu“ singt. Als Ausspracheübung. Und das kam so. Ich rufe Prof. Klaus Prange an, frage: „Wie bringe ich einer Chinesin Deutsch bei? Wie schaffe ich es, dass sie die Angst vor der Aussprache verliert, vor dem bösen »r«?“ „Da gibt es doch Bücher für Schauspieler …“ sagt der Pädagoge. „Grossartig! Eine Freundin ist Professorin an der Schauspielschule.“ Und da ist er, „Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens“. Aber: alles viel zu schwierig, bekomm’ ich ja kaum selber hin. Also alles wieder auf Anfang. Fangen wir doch mal mit etwas an, dass JEDER kann … ein Kinderlied, Wiegenlied?

Und nun hat Youtube wirklich VIELE Zugriffe. Das gefällt mir alles nicht. Das würde ich nie selber singen, mir nie selber glauben. Aber dann kommt Heinz Rühmanns grosser Auftritt: „La Le Lu“ … Heinz Rühmann, ausgerechnet, den fand ich früher immer doof.

Aber als ich mir die Begleitung für die Gitarre zusammenbastele, werde ich selber wieder zum Kind:

 

La Le Lu

nur der Mann im Mond schaut zu

wenn die kleinen Babys schlafen

drum schlaf auch du.

 

La Le Lu

vor dem Bettchen stehn zwei Schuh

und die sind genau so müde

gehn jetzt zur Ruh.

 

Dann kommt auch der Sandmann

leis tritt er ins Haus

sucht aus seinen Träumen

dir den schönsten aus.

 

La Le Lu

nur der Mann im Mond schaut zu

wenn die kleinen Babys schlafen

drum schlaf auch du.

 

Jetzt nicht lesen. Singen! Und dran glauben!

Ich weiss nicht, ob mir Xinying geglaubt hat, aber sie hat „La Le Lu“ gesungen. Und ich – ich –habe dazugelernt. Nicht nur, wer der Sandmann wirklich ist. 

Das Thema ja, aber Sarrazin nein

Thilo Sarrazin

Ich kann nicht sagen, ob Herr Dr. Thilo Sarrazin, der an einem altsprachlichen Gymnasium sein Abitur gemacht hatte, wirklich keine Ahnung von Geschichte hat, oder nur so tut. Mir fällt nur auf, Herr Sarrazin zitiert Geschichte chronisch falsch. Von unserem Gastautor Helmut Junge

So sagt er zum Beispiel, daß es seit der Völkerwanderung keine Zuwanderung nach Deutschland in dieser Größenordnung gab, wie zur Zeit.
Das ist falsch, denn in der Zeit der Völkerwanderung sind die Germanen aus Deutschland herausgewandert, es ist nicht umgekehrt jemand eingewandert.

Hier bei den Ruhrbaronen hatte Werner Jurga in einem Kommentar, den 30-jährigen Krieg als Beispiel für eine Phase der Zuwanderung nach Deutschland genannt. Während des dreißigjährigen Krieges ist die Zahl der Bevölkerung in Deutschland auf etwa 4 Millionen, von vorher etwa sechzehn-achtzehn Millionen geschrumpft. Wer den Simplizissimus gelesen hat, wird auch eine Vorstellung davon haben, wie brutal die Soldateska mit der Zivilbevölkerung umgegangen ist, und aus wie vielen Ländern diese Söldner kamen. Die durch Vergewaltigung entstandenen Nachkommen, sind über die Jahrhunderte mit der restlichen Bevölkerung so vermischt, dass man sagen kann, wir sind allesamt Nachkommen dieser Söldner.
Ein zweites Beispiel für die massenhafte Zuwanderung von Ausländern bietet die Zeit der Industrialisierung des Ruhrgebiets. Dort wurden aus kleinen Bauernschafften in kürzester Zeit große Städte. So hatte zum Beispiel Marxloh im Jahr 1843 nur 321 Einwohner. Im Jahre 1925 waren es dann infolge der Industrialisierung bereits 35.872 Einwohner! Ähnliches gilt für alle kleinen Gemeinden im Ruhrgebiet, so dass man sagen kann: Im Ruhrgebiet hat sich die Zahl der Einwohner wegen des Bergbaus in kurzer Zeit verhundertfacht.

Die Mehrzahl dieser zugewanderten Leute kam von weit her, meist aus anderen Ländern, meist aus Süd-und Osteuropa, wo es billige Arbeitskräfte in so großer Zahl gab, so daß ich ziemlich sicher bin, daß höchstens einer von Hundert Einwohner im Ruhrgebiet rein deutsche Wurzeln hat. Sehr geehrter Leser, wenn sie das nicht glauben, empfehle ich Ihnen, mal aus Spaß etwas Ahnenforschung über alle Abstammungslinien zu betreiben, und sie werden sich wundern. Sarrazin selber stammt laut Wikipedia aus einer Hugenottenfamilie, die lange vor der Industrialisierung Zuflucht in Deutschland gefunden hatte. Wenn man von Geschichte spricht, muss man auch sagen, dass historisch gesehen, nicht alle Teile Deutschlands zum ursprünglichen Kern dieses Deutschlands gehörten. So wurde das westliche Ruhrgebiet erst nach der dritten Reichsteilung endgültig Bestandteil dieses späteren Deutschlands, und die Gebiete östlich von Magdeburg kamen noch 300 Jahre später dazu. Also: Unsere schöne Hauptstadt, und ihr Umland waren vor 1000 Jahren noch nicht dabei. Ich denke, dass meine kleinen Beispiele genügend deutlich gemacht haben, wie leichtfertig Dr. Sarrazin mit historischen Vergleichen umgeht. Dieser leichtfertige Umgang mit der Geschichte macht mich misstrauisch, denn ich weiß ja, dass er es von seiner Bildung her durchaus besser können müsste. Ich frage mich dann, wie dieser Mensch dann mit seinen anderen Anliegen umgeht, ob die vielleicht auch so locker daher geredet worden sind. Nun ist Herr Sarrazin ja nicht deshalb in der Öffentlichkeit so angegriffen worden, weil er Geschichtsdaten strapaziert hätte, sondern weil er sich in das Gebiet Genetik verlaufen hat. So konstruierte er eine Theorie, die Intelligenz von Menschen von deren genetischem Ausstattung her begründet. Es ist wahr, dass jeder Mensch eine von anderen Menschen abweichende genetische Ausrüstung besitzt.

Wenn ich jemanden betrachte, der nicht haargenau so aussieht, wie ich, hat der eine andere genetische Zusammensetzung, als ich. Daher, von den Genen, kommt das ja.

Wenn ich auf eine Gruppe Menschen treffe, die sich untereinander ähnlicher sind, als ich es hnen gegenüber bin, dann sind sie eben als Gruppe genetisch von mir verschieden.
Das ist so, wie ich es hier schreibe, seit langer Zeit allen Menschen bekannt.

Sarrazin gelingt es nun aber, den Leuten zu suggerieren, daß es sich dabei um allerneueste wissenschaftliche Erkenntnisse handele, und daß diese Unterschiede in der genetischen Ausstattung, auch bewiesenermaßen Ursache für eine unterschiedliche Intelligenz seien.
So etwas hat aber noch nie ein Wissenschaftler beweisen können.
Nur Sarrazin glaubt das zu wissen und verkündet das.
Ein kurzer Blick in ein Lexikon reicht schon, um sich da genau über den Stand der Wissenschaft zu informieren.
Wikipedia sagt:

„Es gibt keine von allen Psychologen geteilte, eindeutige Definition von Intelligenz. Stattdessen existieren verschiedene Intelligenzmodelle.“
Es ist also nicht mal klar, was Intelligenz ist!
Und wie ist es um die Erblichkeit der Intelligenz bestellt?

Dazu sagt Wikipedia:
„Schließlich ist die Debatte um die Erblichkeit der Intelligenz auch nicht frei von Skandalen geblieben. Als äußerst umstritten, gelten dabei zum Beispiel Cyril Burt (der aufgrund von Studien an getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen, die möglicherweise nie stattfanden, eine Erblichkeit der Intelligenz von 70 bis 80 Prozent annahm)[7] und Rick Heber (der aufgrund eines Experimentes, an dessen Existenz ernsthafte Zweifel aufgekommen sind, annahm, dass der IQ sich durch entsprechende Programme um circa 35 Punkte steigern lasse).[8] Obwohl diese Forscher heute als äußerst umstritten gelten, werden sie noch immer (Stand 2009) von anderen Wissenschaftlern aus den entsprechenden Lagern unkritisch zitiert“

Ich wiederhole also meinen Vorwurf, des leichtfertigen Umgangs mit wissenschaftlichen Zusammenhängen, denn noch nie ist der Beweis erbracht worden, daß es eine genetische Ursache für den, von Sarrazin postulierten, hypothetischen Intelligenzunterschied gibt. Wenn es also keinen Beweis dafür gibt, dass Intelligenz genetische Ursachen hat, und damit erblich ist, entfällt natürlich auch Sarrazins Kernbehauptung, dass die Deutschen immer dümmer werden, weil wir einen ungebremsten Zuzug von dummen Migranten hätten. Das ist aus meiner Sicht genau deshalb schlimm, weil diese Behauptung bedeutet, dass an schulischen Leistungsgefällen dieser Art nichts zu korrigieren wäre. Leistungsschwächere Kinder besonders zu fördern hätte dann nämlich gar keinen Sinn, weil die Schwäche ja genetisch bedingt wäre und bei denen Kindern aus Migrantenfamilien wäre sie sogar rassisch bedingt genetisch fixiert. Diese Aussage macht Herrn Dr. Thilo Sarrazin zu einem Rassisten! Ich verstehe nur nicht, wieso er das nicht selber begreift. Möglicherweise hatte er für solche Behauptungen in den Kreisen, in denen er sich üblicherweise aufhält, noch nie Missbilligung erfahren? In diese rassistische Kategorie lässt sich auch sein Spruch über die Juden, die alle ein gemeinsames Gen haben sollen, einordnen. Auch dieser Spruch lässt sich spontan widerlegen. Er müsste sich nur die Frage stellen, ob er selber, im Falle eines Übertritts zum Judentum, sofort und plötzlich im Besitz dieses Gehens wäre. Ich will jetzt hier an dieser Stelle nicht untersuchen, ob Sarrazin ein hartnäckiger Rassist ist, oder ob dieser Rassismus bei ihm nur gelegentlich vorkommt, und eigentlich seinem unqualifizierten, aber populistischen Umgang mit solchem Gedankengut zuzuschreiben ist.

Nun kann niemand Populist werden, weder hier noch anderswo, wenn er nicht Themen aufgreifen würde, die großen Teilen der Bevölkerung und den Nägeln brennen würden. Es gibt ja tatsächlich eine nicht zufrieden stellenden Grad an Integration speziell bei muslimischen Migranten. Es gibt ja tatsächlich häufig unbefriedigenden Lernerfolge bei Kindern muslimischer Migranten und Kindern, die dem so genannten Prekariat entstammen. Es ist ja tatsächlich auffallend, dass Frauen, die einen Beruf ausüben, nur selten Kinder kriegen.
Nur fällt Herr Dr. Thilo Sarrazin als Berater in dieser Angelegenheit aus, weil er ja von falschen Voraussetzungen kommend, an dieseThemen herangeht, was wir ja bereits gesehen haben. Weil er in denen bereits besprochenen Themenbereichen populistische und damit falsche Argumente gebraucht hat, wären seine Vorschläge für diesen sensiblen Zusammenhang äußerst skeptisch zu betrachten.

Darum schlage ich vor, die Diskussion über diese Themenbereiche ohne Herrn Sarrazin zu führen, denn Sarrazin hat mir nichts zu bieten, außer dem Thema. Aber dieses Thema werde ich mit ihm nicht diskutieren. Gerne aber ohne ihn. Wenn einer so einen Stuß verkündet, habe ich keine Lust, den als Diskussionspartner zu akzeptieren. Ich kann ihn, um Sarrazins eigene Worte zu gebrauchen, „nicht anerkennen“. Als Gesprächs-bzw. als Diskussionspartner, versteht sich, als Mensch schon. Das ist ja das mindeste.

Weil ich ja bereits gezeigt habe, wie schnell jemand, der sich auf diesem Gebiet zu einer Aussage entschließt, entgleisen kann, schlage ich vor, zunächst einmal zu fragen, ob es wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gibt, ob es wirklich Intelligenzunterschiede bei Schulkindern deren Eltern unterschiedlichen sozialen Schichten angehören, gibt, und ob diese, falls es sie gibt, überhaupt einen Einfluss auf die spätere berufliche Karriere haben.

Dazu sagt Wikipedia folgendes:
„Eine neuere Studie von Ceci (1996), die unter der Fragestellung „What is better, to be rich or to be smart?“ stand, zeigte, dass zumindest in den USA die soziale Herkunft einen sehr viel stärkeren Einfluss auf das später erzielte Einkommen hatte, als die Intelligenz. [24]

Zusätzlich kann man dort lesen:

„Es lässt sich feststellen, dass es deutliche Unterschiede im IQ bei Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Schichten gibt. Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern der Unterschicht schneiden auf IQ-Tests deutlich schlechter ab, als Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern der Mittelschicht[26].

In der frühen Kindheit hat die Herkunftsschicht noch kaum einen Einfluss auf die Entwicklung: Bei Kindern aus allen sozialen Schichten zeigt sich im Verlauf der ersten 15 Monate die gleiche Entwicklung der Sprache, des Geistes und des Sozialverhalten. Es gibt einen kleinen Unterschied: Arbeiterkinder sind im Alter von 15 Monaten in ihrer motorischen Entwicklung etwas weiter. Die Gründe dafür sind nicht geklärt[27]. Im Alter von 24 Monaten zeigen sich bereits Unterschiede zu Gunsten der Kinder aus den Mittelschichten. Bei diesen kann nun ein größerer Wortschatz gemessen werden. Mit drei Jahren ist der Wortschatz von Mittelschichtskindern schon drei mal so groß, wie der von Kindern aus der Unterschicht. “

Aus diesen wenigen Zitaten, geht meines Erachtens sehr deutlich hervor, dass alle Kinder bei der Geburt mehr oder weniger gleich intelligent sind. Kinder, die aus denen immer wieder problematisierten Familien stammen, werden offensichtlich, in ihrer frühkindlichen Phase, weniger gefördert, als das bei Kindern im Durchschnitt der Fall ist. Kämen diese Kinder in den Genuss der gleichen Förderung wie die Kinder in den besser situierten Familien, wäre demnach auch keine unterschiedliche Entwicklung in wichtigen Fähigkeiten zu erwarten. Das zu erreichen, ist die m.E. Pflicht unserer Gesellschaft, unserer Politik, schon allein aus Gerechtigkeit diesen Kindern gegenüber, aber auch, weil diese Gesellschaft später einmal auf die Leistung dieser Kinder angewiesen ist.

Außerdem möchte ich noch auf einen anderen Aspekt den ich dem Kommentator Udo Pahl verdanke, hinweisen:
Wer Kinder hat, verliert schnell den Job. Nicht jede Frau kann es sich leisten, für kranke Kinder der Arbeit fern zu bleiben. Die Frauen haben aus diesem Grund Angst, Kinder in die Welt zu setzen.
Das betrifft zwar alle Mütter, aber vor allem solche Mütter, die ihre Kinder ohne Partner aufziehen. Viele alleinerziehende Mütter landen gnadenlos bei Hartz 4.
Und alleinerziehende Mütter vermehren sich heutzutage in Deutschland schneller, als die Gesamtbevölkerung.
Wer allerdings bereits bei Hartz 4 gelandet ist, für den ist es nicht mehr besonders nachteilig, Kinder in die Welt zu setzen. Darum gibt es unter den Frauen, die noch arbeiten so wenig Kinder, und bei den Frauen, die keine Arbeit haben, deutlich mehr Kinder!!! Da müßte doch einer, der ein sozialdemokratisches Parteibuch besitzt, von alleine drauf kommen, oder?

3 Jahre Rudolf Steiner ist „zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen“

Berlin, 6.9.2010 – Vor drei Jahren, am 6. September 2007, entschied die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM), dass Bücher Rudolf Steiners rassistischen Inhalt haben. Die Bücher waren nur knapp der Indizierung durch die BPjM entgangen, weil der Verlag zusicherte, alsbald kommentierte Neuauflagen herauszubringen und bis dahin die Bücher nur mit einer Beilage auszuliefern. Doch nach drei Jahren ist noch immer nichts geschehen. Unser Gastautor Andreas Lichte erstellte für die BPjM ein Gutachten zur Praxisrelevanz von Steiners Rassismus, in dem er auch die Vermittlung von Rudolf Steiner im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“ darstellte. Hier ein Auszug, Zitat:

 

Tauchten während der Ausbildung zum Waldorflehrer [im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“] auch rassistische Inhalte auf? Ja. Ich möchte drei Ebenen unterscheiden:

1. Betonung der Überlegenheit der Europäer (= Weißen) unter Ausklammerung der Unterlegenen, der Nicht-Europäer

2. Beschreibung des Verhältnisses von Europäern zu Nicht-Europäern unter Verwendung rassistischer Stereotypen

3. Beschreibung der Nicht-Europäer

Zu jeder Ebene hier ein Beispiel:

1. Betonung der Überlegenheit der Europäer (= Weißen) unter Ausklammerung der Unterlegenen, der Nicht-Europäer:

Im Fach „Kunstbetrachtung“, einer anthroposophischen Kunstgeschichte, erläutert der Gastdozent Dr. Weiss* die Entwicklung der Steinerschen „Wesensglieder“ anhand von dafür typischen Kunstwerken: Die alten Ägyper besaßen noch ein „magisches Bewusstsein“, eine unmittelbare Verbindung zur „geistigen Welt“; bei den Griechen bildete sich die „Verstandesseele“ aus; und „um das Jahr 1413 herum begann mit der Entdeckung der Perspektive die Ausarbeitung der Bewusstseinsseele“. „Damit haben die Europäer eine Vorreiter-Rolle übernommen“, erklärt Dr. Weiss. Ich frage nach: „Und der Rest der Menschheit hinkt hinterher?!“ Dr. Weiss: „Sie wollen mich wohl auf’s Glatteis führen!“ Gefahr erkannt, leider aber nicht gebannt:

Dr. Weiss ist durchaus bewußt, dass mit der von ihm – oder besser: von Steiner – festgestellten Überlegenheit der Europäer eine Unterlegenheit aller Nicht-Europäer einhergeht. Aber dazu steht er, betont an anderer Stelle, dass doch gar kein Zweifel daran bestünde, dass Schwarz-Afrikaner ganz anders als Weiße seien: „Das merke ich schon, wenn ich bei einem schwarzen Taxifahrer mitfahre …“ Dr. Weiss muß es ja wissen, spricht er doch aus Erfahrung: Er hatte nach eigenem Bekunden jahrelang in Südafrika gelebt.

Im Zusammenhang mit der Perspektive präsentiert Dr. Weiss noch ein überraschendes Detail: auf nicht nachvollziehbaren Umwegen verortet er den eigentlichen Verdienst an der kulturhistorischen Leistung „Perspektive“ im germanischen Kulturkreis nördlich der Alpen:

eben anthroposophische Kunstgeschichte …

2. Beschreibung des Verhältnisses von Europäern zu Nicht-Europäern unter Verwendung rassistischer Stereotypen:

Im Fach „Erzählübungen“, angeleitet vom Leiter des Waldorfseminars, Herrn Klein*, soll ein als vorbildlich geltender Text mit eigenen Worten wiedergegeben werden – dieser Text ist ausdrücklich als Material für den Waldorf-Schulunterricht vorgesehen. Worum geht es? Um Geographie. Geschildert wird die Begegnung von Stanley mit Livingstone irgendwo im finsteren Kontinent, Afrika. Stilistisch scheint es sich um einen Aufsatz des neunzehnten Jahrhunderts zu handeln, mit klarer Rollenverteilung: Der europäische Entdecker, Wissenschaftler, begegnet dem primitiven, naiven Schwarzen …

Die vorgestellten Sterotypen sind so eindeutig diskriminiernd, dass es zu massiven Protesten der Waldorfseminaristen kommt, was aber für die Dozenten kein Anlaß zur Selbstkritik ist.

3. Beschreibung der Nicht-Europäer:

In der Seminarveranstaltung zum Thema Geographie, die der Dozent Vormann* vom 29.10. – 2.11.2001 durchführt, wird eine der nicht-europäischen Rassen mit Namen genannt: die „Indianer“.

Im folgenden zitiere ich aus meinem Erlebnisbericht „Wundersame Waldorf-Pädagogik oder Atlantis als Bewusstseinszustand”:

„»Wie unterrichte ich Geographie an der Waldorf-Schule?« ist das Thema des Dozenten Vormann. Sein Ziel ist es, »hinter den äußeren Eindrücken nach und nach den Schleier für eine höhere Ganzheit zu heben«.

Eine Woche hat er dazu Zeit, und er nutzt sie, um zwei Kontinente vorzustellen: »Geographische Polaritäten. Zentral- und Ostasien im Vergleich mit Nordamerika.« Zunächst ist es nur mehr oder weniger eine Wiederholung des altbekannten Schulstoffes – Gelber Fluß und Colorado River werden gegenübergestellt. Dann widmet er sich seinem eigentlichen Thema: »Mensch und Landschaft.« Aus der asiatischen Architektur – der Pagode – folgert er, daß der Asiat sich dem Himmel – »Tien« – zuwendet.

»Und was ist die typische Architekturform Nordamerikas?« fragt Herr Vormann und gibt alsbald die Antwort: »Es ist die Stufenpyramide. Sie steht für die Erdverbundenheit der präkolumbianischen Völker.« L. erlaubt sich die Frage: »Und was ist mit den Indianern Nordamerikas – der Puebloarchitektur? Oder dem Zelt der Nomadenvölker der großen Prärien?« »Die haben im großen Überblick keine Bedeutung, die Indianer waren schon eine absterbende Rasse«, ist die Antwort des Dozenten. »Eine absterbende Rasse, was meinen Sie damit, daß die Indianer von den Weißen aus ihrem angestammten Lebensraum verdrängt wurden?« »Nein, die Indianer waren schon vorher eine absterbende Rasse, ihnen fehlten die Voraussetzungen für eine kulturelle Höherentwicklung.«

Keiner der Seminaristen sagt etwas. In L. brodelt es, er erinnert sich an seine Reise in den amerikanischen Westen: »Finden Sie das nicht unfair, nach all dem Unrecht, was die Indianer erleiden mußten, ihnen auch noch die Schuld daran anzulasten?!« »Was regen Sie sich so auf, die Alten Agypter waren schließlich auch eine absterbende Rasse.«

L. ringt um Worte: »Meinetwegen können Sie das über die Alten Ägypter sagen, aber ich habe keine Lust, einem Indianer, den ich als Anhalter im Auto mitnehme, zu erklären, daß er zu einer absterbenden Rasse gehört!« Herr Vormann ist ob soviel Respektlosigkeit erbost. »Lassen Sie uns im Unterricht fortfahren, diese Frage können wir hier und jetzt nicht hinreichend erörtern!« Ist damit für ihn die Sache erledigt? L. hört nie wieder etwas von ihm …“ [Zitat-Ende]

Was meint der Dozent Vormann, wenn er von den Indianern als „absterbender Rasse“ spricht? Er fasst mit eigenen Worten eine „Erkenntnis“ Rudolf Steiners zusammen, wie sie sich z.B. in „Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie“ findet, Zitat:

„Auf das Drüsen-System endlich – nur auf dem Umwege durch alle anderen Systeme – wirkt dasjenige, was wir bezeichnen können als die abnormen Geister der Form, die im Saturn ihren Mittelpunkt haben. Da haben wir in allem, was wir als Saturn-Rasse zu bezeichnen haben, in allem, dem wir den Saturn-Charakter beizumessen haben, etwas zu suchen, was sozusagen zusammenführt, zusammenschließt das, was wieder der Abenddämmerung zuführt, deren Entwicklung in gewisser Weise zum Abschluß bringt, und zwar zu einem wirklichen Abschluß, zu einem Hinsterben. Wie sich das Wirken auf das Drüsensystem ausdrückt, sehen wir an der indianischen Rasse. Darauf beruht die Sterblichkeit derselben, ihr Verschwinden. Der Saturn-Einfluß wirkt durch alle anderen Systeme zuletzt auf das Drüsensystem ein. Das sondert aus die härtesten Teile des Menschen, und man kann daher sagen, daß dieses Hinsterben in einer Art Verknöcherung besteht, wie dies im Äußeren doch deutlich sich offenbart. Sehen Sie sich doch die Bilder der alten Indianer an, und sie werden gleichsam mit Händen greifen können den geschilderten Vorgang, in dem Niedergang dieser Rasse.“

Dieselbe „These“ wiederholt Steiner auch in anderen Werken, in wechselnder Ausgestaltung, z.B. in „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis“, Seite 244:

„Wir haben in der amerikanischen Rasse eine primitive Urbevölkerung vor uns, die weit, weit zurückgeblieben ist, auch in bezug auf religiöse Weltanschauung. (…) Aber die Europäer sind hinaufgestiegen zu einer höheren Kulturstufe, während die Indianer stehengeblieben und dadurch in Dekadenz gekommen sind. Diesen Entwickelungsvorgang muß man immer beachten. Er läßt sich darstellen wie folgt. Im Laufe der Jahrtausende verändert sich unser Planet, und diese Veränderung bedingt auch eine Entwickelung der Menschheit. Die Seitenzweige, die nicht mehr in die Verhältnisse hineinpassen, werden dekadent. Wir haben also einen geraden Entwickelungsstamm und abgehende Seitenzweige, die verfallen (siehe Zeichnung).“

Im vorgestellten Zitat aus „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis“ erläutert Steiner diese „Zeichnung“ auf der gegenüberliegenden Seite, Seite 245 [siehe Abbildung oben].

Fazit:

Im Rahmen der anthroposophischen Ausbildung zum Waldorflehrer am „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin” wurden eindeutig rassistische Inhalte gelehrt.

Das Spektrum reichte von krassen Aussagen über Nicht-Europäer  („Indianer”), die diesen letztlich die Existenzberechtigung absprechen, bis hin zum ganz alltäglichen Rassismus, der eine Vorreiterrolle, Dominanz, Überlegenheit des Europäers (= Weißen) gegenüber anderen Rassen ausdrückte.

Steiners esoterische „Menschheitsentwickelung“ wurde in Form seiner „Kulturepochen“-Lehre am Waldorfseminar unterrichtet.

Wie die Steinerschen „Kulturepochen“ und damit seine rassistische „Menschheitsentwickelung“ den Weg über die indirekte Vermittlung durch den Waldorflehrer zu den Waldorfschülern findet, wird im nächsten Kapitel aufzuzeigen sein. [nächstes Kapitel im Gutachten].

* Namen geändert

 

Anhang: Aus der „Entscheidung Nr. 5506 vom 6.9.2007“ der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu „Geisteswissenschaftliche Menschenkunde“ von Rudolf Steiner, vertrieben vom Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, Zitat Seite 6f.:

 

„(…) Der Inhalt des Buches ist nach Ansicht des 12er-Gremiums in Teilen als zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen.

Der Begriff der zum Rassenhass anreizenden Medien konkretisiert das allgemeine verfassungsrechtliche Diskriminierungsverbot des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG. Mithin ist der Begriff „Rasse“ weit auszulegen. Zum Rassenhass anreizende Träger- und Telemedien sind solche, die geeignet sind, eine gesteigerte, über die bloße Ablehnung oder Verachtung hinausgehende feindselige Haltung gegen eine durch ihre Nationalität, Religion oder ihr Volkstum bestimmte Gruppe zu erzeugen, welche zugleich bei Kindern und Jugendlichen einen geistigen Nährboden für die Bereitschaft zu Exzessen gegenüber diesen Gruppen schafft (Nikles, Roll, Spürck, Umbach; Jugendschutzrecht, 2. Auflage; § 18 Rn. 5). Ein Medium reizt mithin zum Rassenhass an, d.h. stellt Rassenhass als nachahmenswert dar, wenn darin Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse, Nation, Glaubensgemeinschaft o.ä. als minderwertig und verächtlich dargestellt oder diskriminiert werden (Ukrow, Jugendschutzrecht, Rn. 284). Auch wenn ein Medium nicht direkt zum Rassenhass anreizt oder aufstachelt, fällt es dennoch unter § 18 Abs. 1 S. 1 JuSchG, wenn es das namentlich aus Art. 3 und 4 GG ersichtliche Toleranzgebot der Verfassung z.B. dadurch verletzt, dass es Kinder und Jugendliche dazu verleitet, andere zu missachten, die eine andere Hautfarbe, einen anderen Glauben und eine andere Weltanschauung haben (Ukrow; a.a.O.; Rn. 284).

Nach Auffassung des Gremiums finden sich im Achtzehnten Vortrag vom 3.5.1909 (S. 277-294) Textpassagen, die aus heutiger Sicht als Rassen diskriminierend einzustufen sind, weil der Autor darin Menschen verschiedener ethnischer Herkunft aufgrund körperlicher Merkmale in unterschiedliche Wertungsstufen einteilt. Dort wird u.a. ausgeführt:

Was wäre nun geschehen, wenn nun keine Veränderung innerhalb der Erdentwickelung eingetreten wäre? Dann hätten überhaupt die besten der Seelen der polarischen Länder nicht hineinsteigen können in eine physische Körperlichkeit. Und auf der anderen Seite wäre sozusagen die Bevölkerung um den Äquator herum mehr oder weniger dem Untergange verfallen. Weil sie zu früh in eine physische Leiblichkeit hinuntergestiegen war, verfiel sie ja gerade in jene Laster und Untugenden, die zum Untergange von Lemurien geführt haben. Und die Folge war, dass der beste Teil der Bevölkerung auswanderte in jene Gegenden, die zwischen dem Äquator und den nördlichen Ländern lagen. Denn in den lemurischen Zeiten haben wir die zukunftssichersten Glieder der Menschheit in den Zwischenländern zwischen dem Äquator und dem Nordpol. Gerade am besten entwickelten sich die Menschenleiber, die dann wieder Träger werden konnten der besten Menschenseelen, in jenen Gegenden der alten Atlantis, die in der heute sogenannten gemäßigten Zone lagen. (S. 283)

Diejenigen Völker, bei denen der Ich-Trieb zu stark entwickelt war und von innen heraus den ganzen Menschen durchdrang und ihm die Ichheit, die Egoität aufprägte, die wanderten allmählich nach Westen, und das wurde die Bevölkerung, die in ihren letzten Resten auftritt als die indianische Bevölkerung Amerikas. Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übriggebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden. Bis in die körperlichen Eigenschaften hinein tritt das zutage, wenn man die Dinge wirklich geisteswissenschaftlich betrachtet. Wenn der Mensch sein Inneres ganz ausprägt in seiner Physiognomie, in seiner Körperoberfläche, dann durchdringt das gleichsam mit der Farbe der Innerlichkeit sein Äußeres. Die Farbe der Egoität ist aber die rote, die kupferrote oder auch die gelblichbraune Farbe. Daher kann tatsächlich eine zu starke Egoität, die von irgendeinem gekränkten Ehrgefühl herrührt, auch heute noch den Menschen von innen heraus sozusagen gelb vor Ärger machen. Das sind Erscheinungen, die durchaus miteinander zusammenhängen: die Kupferfarbe derjenigen Völker, die nach Westen hinübergewandert waren, und das Gelb bei dem Menschen, dem die „Galle überläuft“, wie man sagt, dessen Inneres sich daher bis in seine Haut ausprägt. Diejenigen Menschen aber, die ihre Ich-Wesenheit zu schwach entwickelt hatten, die den Sonneneinwirkungen zu sehr ausgesetzt waren, sie waren wie Pflanzen: sie setzten unter ihrer Haut zuviel kohlenstoffartige Bestandteile ab und wurden schwarz. Daher sind die Neger schwarz. – So haben wir auf der einen Seite östlich von Atlantis in der schwarzen Negerbevölkerung, auf der andern Seite westlich von Atlantis in den kupferroten Völkern Überreste von solchen Menschen, die nicht in einem normalen Maße das Ich-Gefühl entwickelt hatten. Mit den Normalmenschen war am meisten zu machen. Sie wurden daher auch dazu ausersehen, von dem bekannten Orte in Asien aus die verschiedenen anderen Gebiete zu durchsetzen. (S. 286)

Diejenigen, die nach dem Osten hinüberwanderten und die schwarze Bevölkerung wurden, waren stark beeinflussbar durch die Außenwelt, besonders für die Sonnenwirkung, gerade weil sie ein geringes Ich-Gefühl hatten. Nun aber wanderten in dieselben Gegenden, wenigstens in dieser Richtung, Völkerschaften, die ein starkes Ich-Gefühl hatten. Das ist eine Bevölkerung, die sozusagen die östliche Richtung der westlichen vorgezogen hat. Diese hat gemildert die kupferrote Farbe, welche sie bekommen hätte, wenn sie nach Westen gezogen wäre. Und aus ihr entsprang jene Bevölkerung, die ein starkes Ich-Gefühl hatte, das sich die Waagschale hielt mit dem Hingegebensein an die Außenwelt. Das ist die Bevölkerung Europas, von der wir im letzten öffentlichen Vortrag sagen konnten, dass das starke Persönlichkeitsgefühl von Anfang an bei ihr das Wesentliche war. (S. 287)

Sehen Sie sich diese Farben an, von den Negern angefangen bis zu der gelben Bevölkerung hin, die in Asien zu finden ist. Daher haben Sie dort Leiber, die wiederum Hüllen der verschiedensten Seelen sind, von der ganz passiven Negerseele angefangen, die völlig der Umgebung, der äußeren Physis hingegeben ist, bis zu den anderen Stufen der passiven Seelen in den verschiedensten Gegenden Asiens. (…) So dass wir im Grunde genommen zwei Gruppen von Bevölkerungen haben, welche die verschiedenen Mischungsverhältnisse darstellen: auf europäischem Boden die einen, welche den Grundstock der weißen Bevölkerung bildeten, die das Persönlichkeitsgefühl am stärksten ausgebildet hatten, aber sich nicht dort hinwandten, wo das Persönlichkeitsgefühl den ganzen Leib durchdrang, sondern wo das Ich-Gefühl sich mehr verinnerlichte. Daher haben Sie in Westasien, zum Teil auch in den älteren Zeiten in Nordafrika und in den europäischen Gegenden eine Bevölkerung, die innerlich ein starkes Ich-Gefühl hat, aber äußerlich im Grunde genommen wenig sich verliert an die Umgebung, die innerlich starke und gefestigte Naturen sind, aber diesen inneren Charakter nicht der äußeren Leiblichkeit aufgeprägt haben. Dagegen haben wir in Asien Bevölkerungen, die passive, hingebende Naturen sind, bei denen gerade das Passive im höheren Grade zum Ausdruck kommt. (S. 288)

Wenn wir jetzt in die Zeiten zurückschauen, können wir sagen: Daran, dass gewisse Bevölkerungsteile der Erde nicht die Möglichkeit gefunden haben, richtig mit der Erdentwickelung Schritt zu halten in der Herausentwickelung ihres Ichs, daran können wir uns die Lehre nehmen, wie viel verfehlt werden kann in bezug auf die Entwickelung des höheren Ichs aus dem niederen Ich. (S. 291)

Da gab es zum Beispiel in der alten Atlantis Völker, die dann zu Indianern geworden sind, die sich sozusagen verloren haben von der Erdenbevölkerung. (…) Und sie haben dieses Ich so stark entwickelt, dass es bei ihnen bis in die Hautfarbe gegangen ist: sie wurden eben kupferrot. Sie haben sich in der Dekadenz entwickelt. (S. 291/292)

Das andere Extrem waren die, welche da sagten: Ach, das Ich ist nichts wert! Das Ich muss sich selber ganz verlieren, muss ganz und gar aufgehen, muss sich alles sagen lassen von außen! – In Wirklichkeit haben sie es nicht gesagt, denn sie reflektierten ja nicht so. Aber das sind die, welche so ihr Ich verleugnet haben, dass sie schwarz davon wurden, weil die äußeren Kräfte, die von der Sonne auf die Erde kommen, sie eben schwarz machten. Nur diejenigen, welche imstande waren, die Balance zu halten in bezug auf ihr Ich, das waren die, welche sich in die Zukunft hinein entwickeln konnten. (S. 292)

Da gab es auch schon diese drei Teile unter den Menschen: Die einen, die ihr Ich wirklich entwickeln wollten, Neues und immer Neues aufnahmen und dadurch wirklich zu Trägern der nachatlantischen Kultur wurden. Es gab die anderen, die ihren Gottmenschen nur aus sich sprechen lassen wollten, und ihr Ich durchdrang sie mit der kupferroten Farbe. Und die dritten, welche nur nach außen hin den Sinn wandten, und dieser Teil wurde schwarz. (S. 294) (…)“

 

Andreas Lichte bei den Ruhrbaronen:

„Waldorfschule: Vorsicht Steiner“ – Interview mit Andreas Lichte

„Kampf bis zur Erleuchtung – Lorenzo Ravagli und der Glaubenskrieg der Anthroposophie gegen Helmut Zander“

„Die Waldorfschulen informieren“

„Drei Gründe für die Waldorfschule“

Waldorfschule: „Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit“

„Waldorfschule: Lehrer gesucht!“

„Waldorfschule Schloss Hamborn, das anthroposophische Zentrum in Ostwestfalen“

 

Abbildung aus: Rudolf Steiner, „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis”, Seite 245

Werbung
Werbung


Von Herzen Punk – ar/gee Gleim zum Ratinger Hof Buch

Unser Gastautor, der Fotograf Richard Gleim setzte seinerzeit die deutsche Punkszene rund um den legendären Düsseldorfer Ratinger Hof ins Bild. Er war dabei.

Das Ratinger Hof-Buch. Ablichtung ar/gee Gleim
Das Ratinger Hof-Buch. Ablichtung ar/gee Gleim

Jetzt ist ein opulentes Buch zum Hof von damals erschienen.

Bei uns bespricht ar/gee das Buch selbst und richtet einen Aufruf an die Jugend:

Was macht eine Blechkiste so attraktiv? Das ist wie bei einer Pralinenschachtel, der Inhalt.

Weist der Prägedruck von Verpackungen erlesener Pralinen schon auf den Inhalt hin, ist es hier feines Blech mit einem Bild des Ratinger Hofs.

Du wiegst die propere Blechkiste in der Hand und spürst, dass sich darin etwas Wertvolles befindet, etwas das es zu heben gilt.

Du öffnest den Deckel und …. dir fällt ein Bierdeckel entgegen, der sich alsbald als ein Remake der Eintrittskarte zu einem Konzert von WIRE am 09.11.1978 im Ratinger Hof erweist.

Dann entnimmst du ein DIN A4 Foto des Ratinger Hofs auf festem Karton.

Das ist wie in der Geschichte vom Schlaraffenland, das du erst erreichst, wenn du dich durch einen Berg Reis gefressen hast. Dann aber im Schlaraffenland angekommen hebst du ein Buch aus der Kiste, das dir, solltest du damals nicht dabei gewesen sein, eine Welt eröffnet, über deren Existenz du vielleicht schon einmal gehört hast, die du aber nicht gesehen hast. Wer damals dabei war, wird in Erinnerungen schwelgen und vielleicht Dinge erfahren, die er selbst damals übersehen oder sonst nicht mitbekommen hat.

Authentisch und unmittelbar dargereicht von den Protagonisten dessen, was den ‚Hof’ ausmachte, Peter Hein, Franz Bielmeier, Thomas Schwebel, Peter Braatz (Harry Rag), Jürgen Engler, Wolf Lauenroth, Susanne Reimann, Moritz Reichelt, Klaus Audersch, Joost Renders, Michael Schirner, Collin Newman und Graham Lewis von Wire, Ralf Zeigermann und etwas verspätet und am Rande auch von ar/gee gleim als Beobachter.

Ich habe sie nicht gezählt die Bilder, die das Buch enthält. Es sind sehr viele. Die Texte sind sparsam, kurz und prägnant, beeindruckend wie eben Punktexte so sind, obwohl es sich um erzählende Texte und nicht um Punklyrik handelt.

Die Bilder sind die Musik.

Für dich, der du jetzt in dem Alter bist, welches die damaligen Akteure in ‚Hof’ hatten, ist es die Welt aufgeweckter Mütter und Väter.

Das ist keine abgedroschene, zu verachtende Welt sondern ein Ereignis, das bis heute wirkt.

Diese Eltern sahen nicht aus wie Sascha Lobo.

Das kam später und war eine modische Attitüde.

Diese Eltern waren keine braven, angepassten Arschlöcher. Wichtig war, dass die Akteure gleichermaßen auf der Bühne wie vor der Bühne atmeten, tanzten, tranken und etwas lebten, was einzigartig war und ist. Jeder kann es, auch du. Jetzt!

Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.

Doch eins bleibt, du selbst kannst die Welt aus den Angeln heben. Jeder ist ein kompletter Mensch. Jeder kann sich auf eine tatsächliche oder imaginäre Bühne stellen. Jeder hat das Potential, das Schöne und das Beschissene seiner Gegenwart auszudrücken und mitzuteilen.

Man nennt so was Kunst.

Jeder ist in diesem Sinne Künstler und es ist lächerlich, Angst zu haben, sich in diesem Sinne nicht als solcher zu sehen und zu   e r l e b e n.

Das Buch ruft: „Mach es!“

Das kann heute nicht Punk sein.

Welche Form es annimmt, liegt ganz an dir.

Du bestimmst die Form, Du bestimmst den Inhalt.

Und wenn du es nicht glaubst, dann nimmst du das – dank der geilen Verpackung für eine Ewigkeit gemachte – Buch zur Hand und …. fängst an zu leben.

Viel Spaß dabei.

Es geht ums Leben – das Buch ist somit ein ‚must have’!

Erfahrungsgemäß ist so was bald vergriffen und dann ärgert man sich Jahre lang, dass man jetzt nicht zugegriffen hat.

Hier noch nützliche Daten, falls dein Buchhändler das Buch nicht vorrätig hat und es bestellt werden muss:

Ratinger Hof Buch

Ralf Zeigermann (Hrsg.)

Robert Wiegner Verlag, Königswinter

978-3-931775-13-1

Stoppt die Zensur!

Jusos sollen "Arsch in der Hose haben" - ihr künftiger Chef Veith Lemmen FOTO: www.nrwjusos.de

Veith Lemmen wird am Wochenende zum neuen Vorsitzenden der Jusos in NRW gewählt. Er fordert die SPD in diesem Gastbeitrag auf, den neuen Medienschutzstaatsvertrag (JMStV) neu zu verhandeln – und damit die Meinungsfreiheit zu verteidigen.

Die Novelle des Jugendmedienschutzstaatsvertrages (JMStV) ist derzeit in aller Munde, beziehungsweise eher in aller Finger. Das Thema wird vor allem im Internet heiß diskutiert und die vorherrschende Meinung ist eindeutig: Der Landtag in Nordrhein-Westfalen soll die Novelle ablehnen. In der Offline-Öffentlichkeit scheint man dem – fast schon traditionell – nicht folgen zu wollen, die kritischen Expertinnen und Experten zum Thema finden kaum Gehör. Dabei gilt NRW als letzte Möglichkeit, die Ratifizierung des Vertrages zu stoppen.

Die NRW Jusos lehnen die Novelle ab. Wir haben uns schon seit längerer Zeit klar gegenüber dem Vertrag und der Partei positioniert. Selbstverständlich fühlen sich auch die NRW Jusos dem Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet verpflichtet. Mit der geplanten Novelle des JMStV soll jedoch über die so genannte „regulierte Selbstregulierung“ ein Mechanismus eingesetzt werden, der unserem Begriff von Meinungsfreiheit- und vielfalt nicht angemessen Rechnung trägt. Die Novelle sieht vor, Netzinhalte mit Alterskennzeichnungen zu versehen, ähnlich wie bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Dies betrifft nicht nur große kommerzielle Angebote, sondern auch private Blogs und Webseiten kleinerer Anbieter, die sich keine eigene Selbst-Regulierungsabteilung leisten können. Darüber hinaus sind technische Sperren auch (technisch) zu umgehen und verlieren so ihre Wirkung. Ihr einziger Effekt ist, dass Inhalte vor technisch weniger versierten NutzerInnen verborgen werden, die Inhalte aber dennoch weiterhin abrufbar und erreichbar bleiben. Der Jugendmedienschutzstaatsvertrag birgt in der Summe der Maßnahmen die Gefahr von Zensur in sich. Wir wollen keine Zensuransätze, keine unreifen Konzepte mit unklaren Folgen. Daher gibt es aus unserer Sicht nur eine Lösung: Es muss neu verhandelt werden.

Hier wird ein Spannungsfeld, in dem sich eine Parteijugend in Regierungszeiten bewegt, sichtbar. Einfach alle Beschlüsse und das Regierungshandeln der Mutterpartei abzunicken, würde die eigenen Ideen und Ziele verwässern und teilweise verraten. Wer glaubhaft die Ängste der jungen Menschen in NRW formulieren und deren Wünsche in politische Forderungen und Ziele gießen will, der kann – trotz vieler Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten – nicht immer vor der Mutterpartei salutieren. Bei KiTa- und Studiengebühren, Gemeinschaftsschulen, Hochschulräten, Ausbildung und Praktika, um einige Themenfelder exemplarisch zu nennen, gibt es teils unterschiedliche Auffassungen, manchmal beim Ziel, eher aber beim Weg zu einer besseren Politik.

Doch ob, bzw. wann die Jusos letztlich in der Öffentlichkeit lospoltern oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Zu den guten politischen Gepflogenheiten gehört es schließlich, gemeinsam zu diskutieren und sich gegenseitig mit dem notwendigen Respekt zuzuhören. Auch hier kann man als Beispiel den Jugendmedienschutzstaatsvertrag ins Felde führen. Hier werden wir in den nächsten Wochen Gespräche führen und es ist lobend zu erwähnen, dass sich dieser Diskussion von Seiten der Partei auch gestellt wird. Selbstverständlich bleibt offen, was die Gespräche ergeben, aber bei den Jusos gilt, dass wir Standpunkte stets aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Hierbei setzen wir auch auf die Bereitschaft der NRWSPD zu mehr Offenheit und Transparenz. Es ist positiv zu erwähnen, dass in der letzten Zeit versucht wurde, eine bessere Beteiligung der Mitglieder zu erreichen. Dieser Prozess der Weiterentwicklung der inneren Demokratie muss fortgesetzt und verstärkt werden. Dabei sollten wir uns alle gemeinsam mehr als bisher der Expertise von anderen Organisationen bedienen. So haben es die Jusos beispielsweise bereits im Zulauf auf die Wahlen getan und sind damit gut gefahren. Das bedeutet einen engen und kontinuierlichen Austausch mit Gewerkschaften, NGOs, bis hin zur Wissenschaft. Ansonsten müsste sich die Partei Beratungsresistenz vorwerfen lassen, meiner Meinung nach konnte man das früher auch teilweise feststellen.

Und hier stellt sich die Frage, wo eigentlich das Lob der Jusos für die SPD bleibt. Da wird es nicht uninteressanter, denn Kritik ist bisweilen leicht ausgesprochen und findet im Zweifelsfall auch leichter Widerhall in der Öffentlichkeit. Allerdings ist Glaubwürdigkeit ein hohes Gut und das bedeutet auch Anerkennung offen zu äußern, da die Welt nun einmal nicht schwarz-weiß ist. In der letzten Zeit, so zumindest der subjektive Eindruck mancher Menschen, hat Politik durch weichgespülte Ja-Sager auf der einen und Pauschalkritiker auf der anderen Seite, an Glaubwürdigkeit verloren. Zusammengefasst kann man sagen, um einfach ehrlich die Meinung zu sagen, fehlen bei manchen die Schultern im Anzug oder der Arsch in der Hose. Auch an dieser Stelle ist es der Anspruch der Jusos, ehrlich zu sein. Sowohl in der Kritik, als auch im Lob. Hannelore Kraft hat in den letzten Monaten viele Menschen davon überzeugen können, dass die SPD es ernst meint mit einem Politikwechsel. Diesen Vertrauensvorschuss hat sie in der Koalitionsbildung mit den Grünen glaubhaft bestätigt und sie musste sich dabei allemal mehr beweisen, als es ein Mann in ihrer Situation vermutlich hätte tun müssen.

Die NRW Jusos werden sich stets an Inhalten und Sachthemen orientieren und von Fall zu Fall entscheiden. Dabei wollen wir unseren Beitrag leisten, um den Politikwechsel umzusetzen und dieses Land zu erneuern, ohne unsere Ideale aufzugeben oder uns zu verbiegen. Wir wollen teilnehmen an der Meinungsbildung in der Partei. Wir wollen die Regierungsarbeit offen und kritisch begleiten. Dabei wollen wir Schultern im Anzug haben. Was mich persönlich angeht, so bin ich kein leidenschaftlicher Anzugträger, aber das hindert mich ja hoffentlich nicht daran, die Schultern dafür zu haben.