
„Kein Klub wird so kritisch gesehen wie wir“, beklagt BVB-Geschäftsführer Carsten Cramer laut transfermarkt.de. Wirklich? Dass Borussia Dortmund im eigenen Umfeld besonders kritisch beäugt wird, dürfte stimmen. Dass die Verantwortlichen daraus offenbar ein besonderes Problem ableiten, ist allerdings bemerkenswert. Vielleicht sollten sie sich lieber fragen, warum das so ist.
Natürlich haben Lars Ricken und Carsten Cramer recht, wenn sie auf den gewaltigen wirtschaftlichen Vorsprung des FC Bayern verweisen. Ein 250-Millionen-Euro-Deal mit Viessmann ist für Dortmund nicht mal eben aus der Portokasse zu stemmen. Doch wer daraus eine Erklärung für nahezu alles ableitet, macht es sich zu einfach.
Was seit Tuchel verloren gegangen ist
Denn das eigentliche Problem des BVB ist nicht allein der Rekordmeister aus München. Es ist die fehlende sportliche Entwicklung seit dem Ende der Ära Thomas Tuchel im Sommer 2017. Unter Jürgen Klopp und später auch unter Tuchel verkörperte Dortmund noch den selbstbewussten Underdog, der die Bayern herausfordern und auch international ganz nach oben wollte.
Heute scheint man sich in Dortmund mit der Rolle des ersten Verlierers irgendwie arrangiert zu haben. Meisterschaften der Münchner werden zur Normalität erklärt, während die eigene Ambition immer häufiger hinter wirtschaftlichen Sachzwängen verschwindet. Das mag vernünftig kalkuliert sein. Begeisterung löst es bei vielen Fans trotzdem nicht aus.
Transfererlöse statt Titelträume?
Natürlich muss ein Klub wie Dortmund wirtschaftlich arbeiten. Niemand verlangt, dass die Borussia finanzielles Harakiri betreibt, nur um den Bayern kurzfristig Paroli zu bieten. Doch wenn sich die Transferpolitik über Jahre gefühlt vor allem darum dreht, Talente gewinnbringend weiterzuverkaufen, stellt sich irgendwann eine unangenehme Frage: Wann soll aus all diesen Geschäften eigentlich wieder eine Mannschaft entstehen, die dauerhaft um Titel spielt?
Zwischen 2008 und 2017 ging es beim BVB auf allen Ebenen spürbar bergauf. Seither ist trotz einzelner Erfolge eher Stagnation angesagt. Der Rückstand auf die europäische Spitze wächst, während die Münchner national enteilen. Dass sich Anhänger damit nicht einfach abfinden wollen, ist kein Zeichen mangelnder Wertschätzung, sondern Ausdruck ihrer Erwartungen.
Die Führung muss sich selbst hinterfragen
Natürlich ist das Klagen auf hohem Niveau. Borussia Dortmund ist weiterhin ein großer Klub mit hervorragenden Möglichkeiten. Gerade deshalb darf man aber mehr erwarten als den regelmäßigen Hinweis auf die Übermacht der Bayern.
Auch die Vereinsführung muss sich fragen lassen, welchen sportlichen Weg sie eigentlich verfolgt. Trainer Niko Kovac mag Stabilität zurückgebracht haben. Doch Stabilität allein ist noch keine Vision. Und wer von den Fans Verständnis für den eigenen Kurs erwartet, muss ihnen auch überzeugend erklären, wohin dieser führen soll.
Dass Jürgen Klopp und Thomas Tuchel inzwischen auf anderen Bühnen um die ganz großen Titel kämpfen, während Dortmund vor allem seine wirtschaftliche Vernunft betont, ist zumindest eine bittere Ironie. Vielleicht liegt das Problem des BVB also weniger darin, dass sein Umfeld zu kritisch ist. Vielleicht hat der Klub seinen Anhängern schlicht zu lange zu wenig Anlass gegeben, wieder wirklich groß zu träumen.
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