Der Schlächter von La Cabaña. (K)ein Nachruf.

Oder: Warum der Mythos Che Guevara auf den Müllhaufen der Geschichte gehört

Heute, am 9. Oktober, feiert die Linke wieder einen ihrer liebsten Mythen. Am Todestag des argentinischen Arztsohns Ernesto Guevara de la Serna wird in Parteizentralen, linken Postillen und den einschlägigen Social-Media-Blasen andächtig Revolutionsfolklore aufgewärmt.

Kaum ein Konterfei prangt bis heute so ungeniert auf T-Shirts, Arsch-Tattoos, Kaffeetassen und WG-Toiletten wie das des Mannes, den die Welt nur als „Che“ kennt. Der verträumte Blick in die Ferne, Baskenmütze mit Stern – Alberto Kordas Foto hat einen rücksichtslosen Ideologen in eine weltweite Pop-Ikone verwandelt. Für saturierte Wohlstandsbürger und Alt-68er gilt er noch immer als heroischer Rebell gegen das „imperialistische Establishment“.

Zeit, die Legende abzuräumen. Hinter dem Abziehbild steckt kein edler Freiheitsheld, sondern das reale Gesicht eines totalitären Fanatikers: ein Exekutor, ein ökonomischer Blindflieger und ein militärischer Versager.

Bild: Wie ungebrochen der Kitsch bis heute gepflegt wird, beweisen die alljährlichen Gedenk-Posts, wie z.B. vom LINKE MdB Sören Pellmann (Screenshot Facebook).

Gnadenlose Willkür statt Justiz: La Cabaña

Die Propaganda behauptet, die kubanische Revolution habe das Volk befreit. In Wahrheit tauschte Kuba eine korrupte Militärdiktatur gegen eine totalitäre Parteidiktatur. Und Guevara war ihr oberster Scharfrichter.

Ab Januar 1959 funktionierte er die Festung La Cabaña über Havanna zum Hinrichtungszentrum der neuen Machthaber um. La Cabaña war Gefängnis und Erschießungsstätte in einem. Die Urteile fällten Revolutionstribunale im Minutentakt: ohne Verteidiger, ohne Beweise, ohne Rechtsmittel. Guevara fungierte als letzte Berufungsinstanz – und lehnte Gnadengesuche routinemäßig ab. Seine Haltung zum Rechtsstaat:

Um Menschen zu erschießen, ist kein richterlicher Beweis nötig. Diese Verfahren sind eine archaische bürgerliche Erfindung. Dies ist eine Revolution! [1]

Zwischen Januar und Mai 1959 starben an der Festungsmauer, dem Paredón, Hunderte Menschen vor Exekutionskommandos, Schergen des Batista-Regimes ebenso wie liberale Demokraten, Dissidenten und Revolutionäre, die Castros Kurs nicht teilten. Guevara beaufsichtigte das Morden direkt von seinem Büro aus.

Schon im Guerillakrieg in der Sierra Maestra hatte er Deserteure und angebliche Verräter eigenhändig per Kopfschuss umgebracht und das trocken in seinem Tagebuch notiert:

Ich löste das Problem mit einer Pistole Kaliber .32 auf der rechten Seite seines Gehirns, mit der Austrittswunde im rechten Schläfenlappen. Er keuchte eine Weile und war tot. Bei dem Versuch, an seine Sachen zu kommen, konnte ich die Uhr nicht abnehmen, da sie mit einer Kette am Gürtel befestigt war; da sagte er mir mit fester Stimme, die keine Spur von Angst enthielt: ‚Reiß sie ab, Junge, was macht das schon…‘ Ich tat es, und seine letzten Atemzüge hörten auf. [2]

In La Cabaña machte de la Serna daraus Staatspraxis. 1960 legte er nach und baute auf Guanahacabibes das erste Zwangsarbeitslager für sogenannte Abweichler auf. Es war die direkte Blaupause für die späteren UMAP-Lager: Dort landeten nicht nur Homosexuelle und Zeugen Jehovas, sondern auch religiöse Juden, die sich weigerten, am Schabbat zu arbeiten oder sich der atheistischen Parteidisziplin zu unterwerfen.

Der „Neue Mensch“ als kalte Tötungsmaschine

Guevaras politisches Ziel war die vollständige Unterwerfung des Einzelnen unter den Willen des Staates. In seiner Schrift „Der Sozialismus und der Mensch auf Kuba“ skizzierte er das Konstrukt des „Neuen Menschen“: ein Individuum, das persönliche Ambitionen, materielle Interessen und abweichende Ansichten ablegt, um ausschließlich als auswechselbares Rädchen im Kollektiv zu funktionieren. Was nicht in dieses Schema passte, galt als bürgerliche Dekadenz, die beseitigt werden musste.

Es blieb keine graue Theorie. Unter seiner maßgeblichen Mitwirkung wurden freie Gewerkschaften zerschlagen, unabhängige Medien verboten und Streiks als Sabotage kriminalisiert. Wer sich der staatlich verordneten Disziplin verweigerte – ob Künstler, Intellektuelle, Gläubige oder Homosexuelle –, geriet automatisch ins Fadenkreuz der Staatssicherheit. Abweichendes Verhalten war in Guevaras Augen keine Privatsache, sondern Hochverrat an der Revolution.

Was er vom „bewaffneten Kader“ verlangte, formulierte er 1967 in seiner Botschaft an die Trikontinentale – das in Havanna gegründete Bündnis radikaler Bewegungen aus Afrika, Asien und Lateinamerika – deutlich, ohne jede Beschönigung:

Der Hass als Element des Kampfes: der unbarmherzige Hass auf den Feind, der den Menschen über seine natürlichen Grenzen hinausführt und ihn in eine effektive, gewalttätige, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt. [3]

Das war seine Doktrin: Hass als Pflicht, Entmenschlichung als Regierungstechnik. Wer verlangt, Bürger in gefühllose Tötungsmaschinen umzuerziehen, schafft keine Freiheit, sondern Kasernen und Gulags.

Ökonomischer Ruin: Der Parteisoldat als Bankenchef

Aber, wie immer und immer wieder, scheiterte auch dieser revolutionäre Sozialist an den Gesetzen der Wirklichkeit. Genau das passierte, als Castro seinen Che 1959 zum Chef der kubanischen Nationalbank und später zum Industrieminister machte. Guevara besaß weder ökonomische Vorbildung noch ein Gespür für Wirtschaftsabläufe, dafür umso mehr ideologische Verbohrtheit. Geld hielt er für ein Übel, das es abzuschaffen galt. Seine Unterschrift auf den neu gedruckten Banknoten geriet zur Farce: Statt mit seinem vollen Namen signierte er lapidar mit „Che“ – ein Dokument seiner Verachtung für das Finanzsystem. Guevara strich materielle Leistungsanreize für Arbeiter schlicht zusammen. An ihre Stelle trat der Zwang zu „moralischen Triebfedern“ und unbezahlter Fron, beschönigend als „freiwillige revolutionäre Arbeitseinsätze“ tituliert.

Aber Realität lässt sich nicht per Parteibeschluss verbiegen. Ohne Anreize stürzte die Produktivität ab. Guevaras Versuch, Kuba im Eiltempo nach sowjetischem Muster zu industrialisieren, endete in einer gigantischen Fehlinvestition: Ganze Fabrikanlagen wurden teuer importiert, standen aber still, weil Rohstoffe, Ersatzteile und Fachkräfte fehlten. Am härtesten traf seine Politik das traditionelle Rückgrat des Landes, die Zuckerproduktion. Durch Zwangskollektivierung und dilettantische Planwirtschaft brachen die Ernten ein. Ausgerechnet die florierende Zuckerwirtschaft Kubas – historisch der wichtigste Devisenbringer der Insel – wurde unter seiner Regie ruiniert.

Auch die rund 15.000 Menschen zählende jüdische Gemeinde Havannas, vor allem im Handel, der Textilindustrie und im Kleingewerbe verwurzelt, verlor durch Guevaras Verstaatlichungswelle schlagartig ihre Existenzgrundlage. Mehr als 90 Prozent flohen binnen weniger Jahre wie viele andere mittellos ins Exil. Kuba, vor 1959 trotz aller sozialen Ungleichheiten des Batista-Regimes eine der wohlhabenderen Inseln der Region, verkam zum Armenhaus. Um nicht vollends bankrottzugehen, musste sich das Regime den Milliarden-Subventionen aus Moskau unterwerfen.

Selbst Castro begriff schließlich, dass der ideologische Blindflug seines Industrieministers zu teuer wurde. Nach desaströsen Bilanzen und offener Kritik an der Sowjetunion – Kubas unverzichtbarem Zahlmeister – stellte Castro ihn politisch kalt. Guevara trat von allen Ämtern zurück, verlor die kubanische Staatsbürgerschaft und wurde elegant aus dem Land komplementiert. Für Havanna taugte der Gescheiterte nur noch in einer Rolle: als exportierter Guerillero im Ausland.

Bild: Sozialistische Wohnkultur 2023, Wikimedia Commons: File:Decaying building, Calle Industria, La Habana.jpg

Das finale Scheitern: Kongo und Bolivien

Was tut ein dogmatischer Schreibtischstratege, dessen Wirtschaftspolitik kollabiert ist? Er flieht in die nächste Eskalation. Guevara wollte seine Foco-Theorie – die absurde These, eine Handvoll bewaffneter Freischärler könne überall auf der Welt spontan Revolutionen entzünden – in den globalen Süden exportieren.

Sein Unternehmen von 1965 im Kongo endete im Desaster. Arrogant ignorierte er die lokalen ethnischen Realitäten, sprach die Sprache nicht und traf auf zerstrittene Rebellen, die mit seinen Phrasen nichts anfangen konnten. Nach wenigen Monaten flüchtete er geschlagen aus Afrika. Im Versteck in Daressalam zog er im ersten Satz seines Kongo-Tagebuchs die Bilanz:

Dies ist die Geschichte eines Scheiterns. Oder, um es genauer zu sagen: Es ist die Geschichte einer Zersetzung. Denn nicht nur das revolutionäre Ziel scheiterte, sondern nach und nach ging auch die revolutionäre Moral verloren… [4]

Castro und die kubanische Führung hielten diese Aufzeichnungen jahrzehntelang unter Verschluss. Guevaras schonungslose Abrechnung mit den kongolesischen Rebellen um Laurent-Désiré Kabila und mit dem eigenen Unvermögen hätte das mühsam gezimmerte Heldenbild schon damals zerstört.

Er lernte nichts daraus. Ende 1966 zog er verdeckt nach Bolivien, um dort seine Parole wahrzumachen und „zwei, drei, viele Vietnam“ zu entfesseln. Das Vorhaben geriet zur Farce mit tödlichem Ausgang.

Guevaras strategische Blindheit war beispiellos. Er wählte eine dünn besiedelte, unwegsame Region im bolivianischen Tiefland, ohne die gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort zu begreifen. Die einheimischen Bauern dachten gar nicht daran, sich für eine marxistische Kollektivierung erschießen zu lassen. Sie besaßen infolge der bolivianischen Revolution von 1952 bereits eigenes Land. Für sie waren Guevaras Kämpfer keine Befreier, sondern fremde Eindringlinge. Nicht ein einziger lokaler Bauer schloss sich der Truppe an. Stattdessen versorgte die Landbevölkerung die bolivianische Armee regelmäßig mit präzisen Hinweisen über die Aufenthaltsorte der Guerilla.

Gleichzeitig manövrierte sich Guevara politisch ins völlige Abseits. Er überwarf sich mit Mario Monje, dem Chef der Kommunistischen Partei Boliviens, weil er die uneingeschränkte militärische und politische Führung für sich beanspruchte. Damit brach das städtische Unterstützungsnetzwerk zusammen. Es gab weder Nachschub noch Waffenlieferungen, und auch Havanna unternahm keinerlei Anstalten, den isolierten Comandante aus der Falle zu retten.

Krank, von Asthmaanfällen geschwächt und ohne Funkverbindung, irrte die Gruppe monatelang durch das Gestrüpp. Von US-geschulten bolivianischen Ranger-Einheiten gejagt und eingekreist, fand der Feldzug am 8. Oktober 1967 in der Schlucht von Yuro sein – glückliches, möchte man fast sagen – Ende. Nach kurzem Gefecht ergab sich Guevara mit den Worten:

Schießt nicht! Ich bin Che Guevara und für euch lebend mehr wert als tot. [5]

Einen Tag später, am 9. Oktober 1967, wurde er im Schulhaus von La Higuera auf Befehl der bolivianischen Militärführung erschossen.

Bild: Guevara nach der Festnahme in Bolivien, Wikimedia Commons

Die späte Rache der Realität

Heute liefert die Realität die Abrechnung für seine Utopie. Kuba ist ein verfallenes Trümmerfeld des real existierenden Sozialismus: tagelange Blackouts, marode Kraftwerke, leere Apotheken und ein kollabiertes Verteilungssystem, in dem die Menschen für ein paar Kilo Reis stundenlang anstehen. Das Land, das Guevara im Eiltempo industrialisieren wollte, kann heute nicht einmal mehr die eigene Bevölkerung verlässlich mit Wasser und Strom versorgen.

Wer kann, flieht. Seit 2021 hat mehr als eine Million Menschen – über zehn Prozent der Inselbevölkerung – das Weite gesucht. Familien verkaufen ihr letztes Hab und Gut für ein Flugticket nach Mittelamerika, um über Dschungelpfade und Mexiko dem totalitären Stillstand zu entkommen. Was der argentinische Guerillero hinterlassen hat, ist kein stolzer „Neuer Mensch“, sondern eine ausgezehrte Bevölkerung, deren Alltag im nackten Kampf gegen den Mangel aufgeht.

Wo immer er jetzt schmort: Möge er von ganz unten zuschauen, wie sein verordnetes Paradies an den elementaren Gesetzen von Ökonomie und menschlicher Freiheit elend zugrunde geht.

Schmeißt die T-Shirts weg

Dass ein Mann, der Zwangsarbeitslager einrichtete, Andersdenkende ohne Prozess an die Wand stellen ließ und zwei Volkswirtschaften ruinierte, heute ausgerechnet in westlichen Demokratien als Lifestyle-Accessoire herumgetragen wird, ist ein moralischer Offenbarungseid.

Besonders grotesk wirkt der Kult bei jenen, die heute für Minderheitenrechte, sexuelle Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit auf die Straße gehen – und sich dabei das Antlitz eines Mannes überstreifen, der Homosexuelle als „Parasiten“ internieren ließ, freie Gewerkschaften vernichtete und jede abweichende Regung im Keim erstickte.

Der Pop-Art-Marxismus hat den Henker von La Cabaña zu einer Art säkularem Jesus für Wohlstandskinder weichgespült. Man trägt den Schlächter auf der Brust und hält sich dabei für progressiv. Es wird Zeit, mit dieser zynischen Romantik aufzuräumen. „Che“ war kein Freiheitskämpfer. Er war ein totalitärer Schreibtischtäter, Mörder, Gefängniskommandant und militärischer Hasardeur, dessen Erbe aus nichts anderem besteht als aus Blut, Ruinen und ideologischem Bankrott.

Wer heute noch sein Bild spazieren trägt, demonstriert nicht gegen „das System“ – er stellt nur seine eigene historische Ahnungslosigkeit zur Schau. Die T-Shirts gehören nicht in den Kleiderschrank. Sie gehören auf den Müll. Nehmt lieber das:

Bild: (c) 2016, Achim Chajim Hecht

Quellen

Beitragsbild: Jim Fitzpatrick – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Che_por_Jim_Fitzpatrick_red.svg

[1] Zitat: Dokumentation bei Cuba Archive (Truth and Memory Project) – https://cubaarchive.org/

[2] Zitat: https://www.marxists.org/archive/guevara/1963/reminiscences/ch06.htm

[3] Zitat: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/guevara/1967/04/dreikont.htm

[4] Ernesto Che Guevara: Der afrikanische Traum. Das wiederaufgefundene Tagebuch vom revolutionären Kampf im Kongo. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000, S. 19 (Einleitung)

[5] Dokumentation des National Security Archive (George Washington University) – https://nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB5/

Autorenseite: Achim Chajim Hecht
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