Eine „Woke-Generation“ scheint da gerade nicht heranzuwachsen

Diskussion unnötig (Foto: Stefan Laurin)


Einer kleinen Gruppe, die vor allem im Bereich der geisteswissenschaftlichen Fakultäten westlicher Universitäten und in Teilen der Medien aktiv ist, gelingt es , in der Öffentlichkeit den Anschein einer Größe zu erwecken, die sie nicht hat.

Die Konflikte, die wir heute erleben, sind nichts Ungewöhnliches und sie sind nicht neu: In Gesellschaften kämpfen verschiedene Gruppe um Macht und Einfluss und Sprache war immer schon ein Mittel der Auseinandersetzung. Die aktuellen Konflikte konzentrieren sich vor allem auf die Bereiche Medien und Wissenschaft. Viele der Anhänger der Cancel-Culture hoffen, hier bezahlte Positionen zu finden. Dafür muss die Konkurrenz verdrängt, ja sogar denunziert werden: Die anonyme Initiative Münkler-Watch versuchte, den bekannten liberalen Politikwissenschaftler Herfried Münkler als rassistisch, militaristisch und sexistisch darzustellen. Der Historiker Jörg Baberowski muss sich, gerichtlich bestätigt, als Hetzer beschimpfen lassen, weil er sich 2015 für eine Einwanderungspolitik auf der Grundlage geltender Gesetze ausgesprochen hatte.

Der Comedian Dieter Nuhr wurde angegriffen, weil er Witze über die Klimaaktivistin Greta Thunberg machte. Die Deutsche Forschungsgesellschaft zog zeitweilig einen Beitrag Nuhrs zurück, weil Aktivisten ihm in einem Shitstorm vorgeworfen hatten, ein Wissenschaftsleugner zu sein. Nuhr soll sowohl den Klimawandel als auch die Gefahren von Corona heruntergespielt haben. Beides traf nicht zu.

Die Anhänger der Cancel-Culture sehen solche Angriffe als legitim an. Für sie gibt es keine Cancel-Culture. Ihrer Ansicht nach ist es heute nur so, dass Menschen, vor allem die viel gescholtenen alten, weißen Männer, damit rechnen müssten, dass ihnen in der Öffentlichkeit widersprochen wird. Wenn es um mehr nicht ginge, gäbe es kein Problem. In offenen Gesellschaften muss jeder damit rechnen, dass ihm widersprochen wird und er seine Aussagen begründen muss. Position und Herkunft reichen in ihnen zum Glück nicht aus, um einer Ansicht Gewicht zu verleihen.

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Kritik und dem Versuch, einen Menschen zu vernichten und ihm mit ehrabschneidenden Unterstellungen seine Würde zu nehmen.

In einem demokratischen Diskurs hat Kritik sachlich zu sein. Sie zielt auf das Gesagte ab, nicht auf den Sprecher. Und sie will die Debatte, nicht ihr Ende. Wie alles gilt auch das nicht total: Es ergibt keinen Sinn, mit Holocaust-Leugnern zu diskutieren und die Feinde der offenen Gesellschaft, das wissen wir seit Popper, sollten keine Freiheit genießen, denn sonst kann es schnell vorbei sein mit Offenheit, Demokratie und Debatte.

Aber Feinde der Freiheit sind weder Nuhr noch Münkler oder Baberowski.  Sie sind die Feinde all jener, die keine anderen Ansichten mehr ertragen und sich mit ihnen nicht auseinandersetzen, sondern sie aus der Debatte verdrängen wollen.

Rassismus und Sexismus sind dabei die wichtigsten Hebel. Und Rassismus und Sexismus finden die Aktivisten überall, denn sie sind für sie ein struktureller, fester Bestandteil der Gesellschaft. Der Soziologe Aladin El-Mafaalini teilt diese Ansicht. In seinem Buch „Wozu Rassismus“ schreibt er: „Ganz egal, wo wir Rassismus suchen, wir werden ihn finden. Mit etwas Sensibilität finden wir ihn sogar, ohne zu suchen. Warum? Weil der Rassismus im Fundament ist.“

Das ist nicht falsch, aber es ist auch nicht mehr als eine extrem verengte Sicht auf die westlichen Gesellschaften: Ja, Rassismus ist in ihrem Fundament, wie vieles andere Übel auch, aber die Kritik an ihm ist es ebenfalls. Die westlichen Gesellschaften waren immer Diskursgesellschaften: Hielten die Konquistadoren die Indianer für minderwertige Wesen, die man nicht als Menschen bezeichnen könne, stellte sich Kaiser Karl V. dem unter Einfluss des Dominikaners Bartolomé de Las Casas entgegen.

Sprach sich der britische Naturforscher und Cousin von Charles Darwin, Francis Galton, für Eugenik und die Kategorisierung der Menschen in Rassen aus, deren Merkmale nicht veränderbar seien, sah sein Vetter das anders: In „Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat“ fasst der britische Biologe Adam Rutherford Darwins Haltung zusammen: „In der Entstehung der Arten benutzt Darwin den emotionalen Begriff «Rasse», um die Vielfalt der Organismentypen zu beschreiben, einschließlich der «verschiedenen Arten, beispielsweise des Kohls». Doch im Mittelpunkt seiner großen Idee stand die Erkenntnis, dass sich die Organismen im Fluss der Zeit ständig wandeln. Und 1871 schrieb er in der Abstammung des Menschen mit bemerkenswerter Voraussicht, dass diese menschlichen Rassenmerkmale weder dauerhaft noch wesentlich sind.“.

Weder Rassismus noch seine Ablehnung sind letztendlich prägend für die westlichen Gesellschaften, die sich permanent wandeln. Die Debatte, die Vielfalt der Positionen und der Streit sind es. Das Fundament der offenen Gesellschaft ist nicht in Beton gegossen, es ist fluid und verändert sich ständig. Das macht seine Stärke aus.

Doch dieses Fundament wird durch Cancel-Culture gefährdet. „Cancel-Culture“, schreibt Wikipedia, „ist ein politisches Schlagwort, mit dem systematische Bestrebungen zum sozialen Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet werden, denen beleidigende, unanständige oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.“ Das klingt harmloser als es ist, denn zum einen entscheidet nur derjenige, der sich beleidigt fühlt, ob eine Beleidigung vorliegt.

Mit dem Begriff Cancel-Culture verbindet man vor allem Auseinandersetzungen in der westlichen Gesellschaft, doch das ist eine zu enge Sicht. Cancel-Culture ist international und richtet sich immer gegen den Westen und seine Werte. Sie ist die Instrumentalisierung der Gefühle für den politischen Kampf.

Die Mordversuche und Anschläge, die im Zusammenhang der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten geschahen, wurden mit der „Beleidigung der Muslime“ begründet. Bei der Mordaufforderung gegen den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie, der erst vor Kurzem einen Anschlag nur knapp überlebt, durch das iranische Regime wurde ebenfalls die „Beleidigung der Muslime“ als Begründung angegeben. Und wenn UN-Mitgliedstaaten sich auf einer Veranstaltung über den Umgang Chinas mit den Uiguren austauschen wollen, wird das von dem 1,4 Milliarden-Menschen-Staat als Beleidigung aufgefasst.

Wer beleidigt wurde, darf sich als Opfer sehen und da die Reputation des Opferstatus in den vergangenen 50 Jahren zugenommen hat, findet er immer jemanden, der seine Haltung unterstützenswert findet. Unter denen, welche die Zeichner der Karikaturen in der Jyllands-Posten bedrohten, war Günter Grass. „Es war eine bewusste und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes“, sagte Grass nach einem Bericht der FAZ der spanischen Zeitung El Pais. „Dem Westen“, schreibt die FAZ „warf Grass in der Debatte über die Karikaturen hinsichtlich der Verweise auf die Presse- und Meinungsfreiheit Selbstgefälligkeit und Arroganz vor.“

Es ist wichtig, die Cancel-Culture in diesem internationalen Zusammenhang zu sehen. Dies macht deutlich, was sie jenseits aller Beteuerungen von Beleidigtsein und angeblicher Verletztheit in ihrem Kern ist: Ein Angriff auf Aufklärung, Universalismus und die Menschenrechte. All das gilt ihren Vertretern als Tarnung von Privilegien, die es zu vernichten gilt.

Die Cancel-Culture ist eine der Waffen im Reservoire des ursprünglich aus Frankreich stammenden Ideenbündels der Postmoderne, die der britische Philosoph Roger Scruton in seinem Buch „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ als Nonsens-Maschine beschreibt. „Die Nonsens-Maschine aus Paris war die Artillerie, mit der der Angriff auf die bourgeoise Kultur geführt wurde, sie schleuderte über deren Befestigungen hinweg schwere Blöcke von undurchdringlichem Neusprech in den öffentlichen Raum.“ Ihre Folge sei „die Zerstörung der Konversation, von der die bürgerliche Gesellschaft lebt.“.

So weit ist es noch nicht gekommen, die Konversation findet noch statt, aber es wird beständig versucht, den Kreis derjenigen, die an ihr teilnehmen dürfen, einzuschränken. Und alle, die den Protagonisten der Cancel-Culture widersprechen, die Reputation zu rauben. Einer kleinen Gruppe, die vor allem im Bereich der geisteswissenschaftlichen Fakultäten westlicher Universitäten und in Teilen der Medien aktiv ist, gelingt es dabei, in der Öffentlichkeit den Anschein einer Größe zu erwecken, die sie nicht hat. „Innerhalb der jüngeren Generationen (unter 30) ist das Thema weitgehend konfliktfrei im gebildeten Mainstream. Die »woken« Aktivist:innen lösen die (eher unpolitischen) Hipster ab,“ schreibt El-Mafaalani. Von den Erkenntnissen der empirischen Sozialforschung ist das nicht gedeckt: Die Shell-Jugendstudie beschrieb 2019 die Jugendlichen als offen, tolerant, umweltbewusst, demokratisch und traditionell orientiert, wie die Tageszeitung Die Welt beschreibt: „Die wichtigsten Werte sind für die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen nach wie vor gute Freunde (97 Prozent), eine vertrauensvolle Partnerschaft (94) und ein gutes Familienleben (90). Dreh- und Angelpunkt sind für die meisten Zwölf- bis 25-Jährigen die eigenen Eltern. 92 Prozent verstehen sich gut mit ihnen, 74 Prozent betrachten sie auch als Erziehungsvorbild. Zwei Drittel wollen später auch eigene Kinder haben. Hier erlebten die Forscher allerdings eine Überraschung. Erstmals fragten sie nach, wie die Jugendlichen Arbeit und Erziehungszeit in einer Partnerschaft aufteilen würden, wenn sie ein zweijähriges Kind hätten. Das Ergebnis: erstaunlich traditionell. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) bevorzugen das klassische „Versorgermodell“ mit einem in Vollzeit oder vollzeitnah arbeitenden Vater und einer in Teilzeit oder gar nicht arbeitenden Mutter.“.

Eine „Woke-Generation“ scheint da gerade nicht heranzuwachsen. Die Jugend von heute mag wie die Jugend von gestern auch nicht auf das eigene Auto verzichten und bei Fridays for Future (FFF) liefen ohnehin vor allem die Gymnasiastinnen mit. Dem Tagesspiegel sagte der Soziologe Dieter Rucht: „Bei FFF handelt es sich um eine Bewegung, die in der Hochphase von primär weiblichen Gymnasiastinnen zwischen 11 und 18 Jahren getragen wurde. Selbst wenn da sehr viele Leute unterwegs waren, war es doch nur eine Minderheit der gymnasialen Schülerschaft, die ihrerseits nur einen Teil der gesamten Schülerschaft darstellt. Schülerinnen und Schüler von Haupt- oder Berufsschulen haben an den Demos von FFF so gut wie gar nicht teilgenommen.“.

Viele sind es also nicht, die sich zur Woke-Generation zählen. Und die, die es tun, haben vor allem zwei wichtige Motive, um mit ihrem Aktivismus größer und bedeutender zu erscheinen als sie es sind:

Egal ob in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten, in vor allem öffentlich-rechtlichen Redaktionen, Organisationen, die Unternehmen im Bereich Diversität beraten, oder in Nichtregierungsorganisationen (NGOs):  Die Möglichkeit, die monatliche Miete zahlen zu können, hängt davon ab, andere von der eigenen Bedeutung zu überzeugen und Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Dass die Hochschulen, vor allem ihre geisteswissenschaftlichen Fakultäten, Kampfgebiete sind, hat also auch damit zu tun, dass es um den Zugriff auf Stellen im universitären Bereich geht: Lehrstühle und Stellen für Doktoranten und Wissenschaftliche Hilfskräfte in Fächern wie Gender-Studies oder Postkolonial-Studies sind sowieso in der Hand der Szene, der es bislang gelungen ist, eine an die eigene Existenz gehende Debatte über die Qualität von Forschung und Lehre weitgehend zu verhindern. „Der Umstand, dass Gender-Studies-Vertreterinnen auf die gesellschaftliche Relevanz ihres Fachs verweisen, aber keinerlei gewichtige Studien zu den mitunter virulentesten Konflikten der letzten Jahre vorzuweisen haben, spricht für sich.“, führt Vojin Saša Vukadinović 2019 in einem Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung aus. „An ihnen sind sämtliche geschlechter- und sexualpolitischen Entwicklungen vorbeigezogen, die dringend der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme bedürfen, weil sie qualitativ neue Phänomene sind: Jihadismus, Kinderehen, in aller Öffentlichkeit und oftmals, wie die laufenden Verfahren zeigen, bar jeden Rechtsempfindens verübte Gruppenvergewaltigungen und Morde an jungen Frauen.“

Auch in Fächern wie Geschichte, Soziologie oder Pädagogik sind die Anhänger der Cancel-Culture unterwegs. Im Kulturbereich, vor allem dort, wo die Arbeit nur durch öffentliche Subventionen gesichert werden kann, ohnehin. Der in Südafrika lebende und arbeitende Historiker Achille Mbembe, der den Boykott israelischer Wissenschaftler und Künstler forderte, und im Fall der israelischen Wissenschaftlerin Shifra Sagy sogar durchsetzte, wurde massiv aus diesen Kreisen unterstützt, als sein geplanter und wegen Corona ausgefallener Auftritt bei dem Kulturfestival Ruhrtriennale 2020 kritisiert wurde. Dabei steht der BDS, dessen Ziel der Boykott und letztendlich die Vernichtung Israels ist, wie kaum eine andere Organisation für Cancel-Culture: Man möchte Unternehmen, Hochschulen und Sportveranstaltungen nur aus einem Grund frei von jüdischen Israelis haben: Dass sie jüdische Israels sind. Unterstützt wurde der Protest gegen die Kritik an Mbembe, die natürlich als rassistische gebrandmarkt wurde, ohne dass für diesen Vorwurf auch nur ein Beleg geliefert wurde, von Vertretern großer Kulturinstitutionen wie dem Deutschen Theater Berlin, der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss und dem Deutschen Bühnenverein, denen sich in einem zweiten Aufruf vor allem Künstler und Veranstalter anschlossen, die wirtschaftlich die Nähe zu den Großen suchten. Dass BDS eine antisemitische Kampagne ist, störte weder die A-Hörnchen der Großkulturbetriebe noch die nach deren Anerkennung heischenden B-Hörnchen.

Wer in diesem Milieu eine wirtschaftliche Perspektive haben will, tut also gut daran, sich der postmodernen „Nonsensmaschine“ anzuschließen und damit auch eine Cancel-Culture voranzutreiben, die vielleicht dafür sorgt, dass es für einen selbst noch irgendwo eine Stelle gibt. Doch sich darum zu sorgen heißt nicht, dass es am Ende auch gelingt: Erhellend in diesem Zusammenhang ist das in den sozialen Medien verbreitete Interview eines Gender-Studies-Experten, der keine Stelle findet, weil die vorhandenen alle von Frauen belegt werden. Was er einerseits gut und richtig, aber für sich persönlich trotzdem als bedauerlich empfindet.

Ähnlich ist es in den Medien: In der taz kam es im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um den 2020 erschienenen Kommentar „All cops are berufsunfähig“ der Autorin Hengameh Yaghoobifarah, den man durchaus so lesen konnte, dass Yaghoobifarah Polizeibeamte für so etwas wie Abfall hielt, zu einem Streit. In der Redaktion standen sich zwei Flügel gegenüber: In einem Brief an die Mitglieder der taz-Genossenschaft, der diesem Blog vorliegt, schreibt taz- Chefredakteurin Barbara Junge:

„Das Ringen in der Redaktion über den Text und darüber, was gesagt werden soll, darf oder muss, legt aber auch einen tieferen Konflikt in der taz offen. Wir streiten darum, wie stark der subjektive Blick den Journalismus prägen soll und darf. Identität, Repräsentation und Antidiskriminierung haben in den gesellschaftlichen Debatten inzwischen einen anderen, größeren Stellenwert. Die Frage, ob das einen anderen Journalismus definieren darf oder muss, ist eine schon lange schwelende Kontroverse in der taz.“

Ins Detail ging dann Christian Jakob in dem Beitrag Die Welt ist nicht schwarz-weiß:

„Es ist eine Generationenfrage, die den Journalismus tief verändern wird. Die taz hat nur noch nie offen darüber gesprochen. Und das ist gerade ihr eigentliches Problem (…). So soll die gesellschaftliche Auseinandersetzung stärker von Benachteiligten bestimmt werden können und sich die Dinge deshalb zum Besseren verändern mögen.“.

Die Kernfrage, die sich für die taz stellt, ist, ob Journalismus künftig noch etwas mit Berichterstattung und Distanz zu tun hat oder, wie übrigens in weiten Teilen in den 20er Jahren in Deutschland üblich, vor allem der Verbreitung von Ideologien dienen soll. Für diese Haltung gibt es bekannte und anerkannte Vorbilder wie Reporterlegende Egon Erwin Kisch. In seinem Buch „Die Reportage“ schreibt Armin Haller, Kisch habe sich zeitweise eine Einheitsfront der Intellektuellen und die „Umfunktionierung der Kunst, zu der damals die Reportage als literarische Gattung zählte, in eine pädagogische Disziplin“ gewünscht.

Eng verknüpft mit dieser Frage ist auch, über wen oder was noch wie berichtet werden soll. Der Comedian Jan Böhmermann forderte im Gespräch mit TV-Moderator Markus Lanz und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, den Virologen Hendrik Streeck nicht mehr zu Wort kommen zu lassen, unterstellte ihm indirekt Menschenfeindlichkeit und rückte ihn in die Nähe von Coronaleugnern und Querdenkern. Der WDR darf sich rühmen, zwar eng an der Seite von Fridays for Future und anderen sozialen Bewegungen zu stehen, bei der Berichterstattung über die Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 versagte der Sender hingegen anfangs komplett: Gut in der ideologischen Kür, schlecht in der journalistischen Pflicht.

Wie so ein woker Journalismus aussieht, kann man im öffentlich-rechtlichen Jugendformat Funk beobachten, in dem postmoderne Behauptungen wie die, dass Geschlechter beliebig ausgesucht werden können, was der Biologie widerspricht, unhinterfragt übernommen werden. Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass die Frage diskutiert wird, ob heterosexuelle Männer, die sich nur mit Frauen treffen wollen, die als Frauen geboren wurden, transfeindlich, ja vielleicht sogar rechtsradikal seien. Das Vergehen dieser Männer: Sie wollen sich nicht mit Männern treffen, die sich als Frauen sehen, und was eigentlich normal und die Grundlage der menschlichen Reproduktion ist, wird nun als „superstraight“ ideologisch aufgeladen. Aber die Postmoderne kennt bei allem, was sie ablehnt, keinerlei Essentialismus. Der gilt immer nur für Minderheiten, deren Zahl auch deswegen weiter zunimmt, da einer Minderheit anzugehören, auch das Leben des größten Langeweilers adelt. Wer asexuell ist und einfach keine Lust hat, mit anderen Menschen ins Bett zu gehen, kann sich nun darüber beklagen, diskriminiert zu werden. Dass Asexuelle im wirklichen Leben die gesellschaftliche Gruppe sein dürften, für die sich die wenigsten Menschen interessieren, stört dabei nicht. Biologie hat in der Welt von Funk keinen Platz mehr. Eine ganze Wissenschaft wird gecancelt. Die Welt soll so sein, wie sie den Machern von Funk gefällt. Kaum vorstellbar, dass jemand mit anderen Ansichten in dieser Redaktion dauerhaft arbeiten kann.

Aber es steht auch ein politisches Konzept dahinter. Der Westen, die Marktwirtschaft, Universalismus, das zählt alles nichts mehr und wird angegriffen. Die Cancel-Culture ist das Mittel, um die Debatten in der Gesellschaft zu verengen. Statt offener Diskussionen wird versucht, Narrative und Erzählungen zu etablieren. Zum Teil gehen die auf das 19. Jahrhundert zurück. So erfreut sich die Verelendungstheorie von Karl Marx, nachdem im Kapitalismus die Armen immer ärmer werden, nach wie vor großer Beliebtheit. Vor allem im Hinblick auf die globale Entwicklung wird sie häufig verwendet. Dass Wohlstand, Gesundheit und Bildung in den vergangenen 200 Jahren weltweit gestiegen sind, kann zwar durch zahlreiche Daten belegt werden, aber da die nicht zum Narrativ passen, werden sie geflissentlich ignoriert. Der Westen vereint alles Übel. Sexismus, Rassismus, Homophobie und vieles Andere mehr sind nicht nur Probleme und Fehlentwicklungen, die ja tatsächlich real sind und angegangen werden müssen, sondern „strukturell“ tief in ihm verankert.

Nun gibt es diese Probleme in allen Gesellschaften der Welt, aber nur im Westen, so wird behauptet, seien sie Teil der politischen und sozialen DNA. Dass es die Staaten des Westens waren, welche die Sklaverei als erste abschafften, dass nirgends die Rechte von Frauen oder Homosexuellen, bei allen noch vorhandenen Defiziten, mehr geachtet werden, spielt bei der Kritik keine Rolle. Der Westen und alles, wofür er steht, ist der Feind, den es zu bekämpfen gilt. Eine auch nur halbwegs in sich schlüssiger oder auch nur intellektuell reizvolle Vision, was auf ihn folgen soll, gibt es natürlich nicht.

Natürlich kann man so keine Mehrheiten gewinnen. Aber es gibt ja noch Hebel, die einem zur Verfügung stehen, wenn man bei ARD, ZDF oder in skurrilen Fakultäten arbeitet: „Wie Orwell schon festgestellt hatte,“, schreibt Scruton, „ist die Sprache das erste Zielobjekt jeder Revolution. Die Revolution braucht das Neusprech, das Macht an die Stelle setzt, die früher die Wahrheit eingenommen hatte, und nachdem das vollzogen ist, wird das Ergebnis als die »Politik der Wahrheit« beschrieben.“.

Natürlich geht es bei den Auseinandersetzungen um Sprache, in deren Zentrum das Gendern steht, nicht um Geschlechtergerechtigkeit. Das generische Maskulinum ist geschlechtsneutral und nichts ändert sich an den Lebensverhältnissen von Frauen in mies bezahlten Jobs, wenn das ZDF von Taliban*innen schreibt oder die ARD ihrem Publikum zu berichten weiß „Braunbären sind zu 75% Veganer:innen“. Bei diesen Auseinandersetzungen geht es um die Macht über die Sprache. Begriffe sollen durchgesetzt, andere gecancelt werden. Frau wird in den Kreisen auch gern Frau* geschrieben, denn im klassischen Verständnis gibt es in dieser Welt keine Geschlechter mehr und damit auch keine Frauen. Feministinnen wie Alice Schwarzer, die nicht einsehen wollen, dass ein Mann, der einen Rock trägt und bald auf dem Amt seine Geschlechtsidentität geändert hat, eine Frau ist, werden als TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminism) beschimpft. Veranstaltungen an Hochschulen von als „TERFS“ stigmatisierten Frauen wie Naida Pintul werden häufig gestört. So weit kommt es allerdings nur, wenn es im Vorfeld nicht gelungen ist, ihre Vorträge zu canceln.  Pintul sagte 2020 dem Autor in einem Interview für dieses Blog über Vorträge an Universitäten: „Seit 4-5 Monaten werden die verrücktesten Versuche unternommen, meine Vorträge zu verhindern, abgesagt zu kriegen oder teilweise die Organisatoren meiner Vorträge selbst abzuschrecken, zum Beispiel durch Drohmails oder indem man allen Referenten einer Vortragsreihe Gelder verweigert, weil ich in dieser Reihe referiere.“.

Unterstützt von öffentlichen Geldern versuchen kleine, radikale Gruppen einen Einfluss zu gewinnen, der in keinem Verhältnis zu ihrer Größe oder gesellschaftlichen Akzeptanz steht. Politiker demokratischer Parteien wie der SPD, der CDU oder der FDP ducken sich weg und gehen oft der öffentlichen Auseinandersetzung aus dem Weg in dem Glauben, sie könnten damit Rechtsradikalen wie der AfD nützen. Ein Fehler, dessen Konsequenzen der Autor und Dramaturg Bernd Stegemann in seinem Buch „Wutkultur“ klar benennt: „Die Wut linker Identitätspolitik richtet sich immer stärker gegen die neutrale Position des Universalismus. Die raffinierteste Abwehr besteht darin, den Universalismus zum Partikularismus der „weißen Menschen“ zu erklären. Mit diesem logischen Trick sägt die linke Identitätspolitik jedoch an dem Ast, auf dem sie selbst sitzt. Denn wenn es keinen Universalismus in der Gleichheit mehr gibt, entfällt auch ihr Fundament für eine Gleichheit, mit der Minderheiten gleiche Recht fordern können. Wer den Universalismus der Menschenrechte ablehnt, öffnet die Türen zur Hölle, in der wieder das Recht des Stärkeren gilt.“.

Es gilt, sich jedem Angriff auf die universellen Werte der Aufklärung entgegenzustellen, unabhängig davon, ob er von rechts, links, dem Islamismus oder einem anderen religiösen Fundamentalismus kommt. Immer steckt hinter diesen Angriffen eine autoritäre Ideologie.  Dazu gehört auch, dass ihnen der demokratische Staat die Finanzierung streicht. Popper forderte „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit.“. Die Forderung, den Feinden der Freiheit die finanzielle Unterstützung zu streichen, würde wohl auch von ihm geteilt. Es gibt da immer noch einen Ort, an dem sie sich um Geld bemühen könnten: Den freien Markt, den sie hassen und verachten.

Der Text erschien in ähnlicher Form bereits in dem Buch „Cancel-Culture und Meinungsfreiheit

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Philipp Adamik
Philipp Adamik
4 Monate zuvor

Neben der typisch deutschen Sicht auf die Postmoderne, die von einer unglaublichen Unwissenheit, egal von ihrem Vertretern oder ihren Kritikern geprägt ist, hat der Artikel drei fundamentale Fehler.
1. Betreibt er selbst die angeprangerte Cancel Culture und zwar gegen Leute die einen postmodernen Diskurs führen in dem die Postmoderne als Nonsens dargestellt wird, was (s. O.) zwar für den deutschen, aber nicht für den internationalen Diskurs gilt.
2. Wird der pseudo-postmoderne Diskurs der deutschen Gestenwissenschaft, die Cancel Culture, zwar zurecht kritisiert, aber die Zuschreibung ist falsch.
Wenn Cancel Culture eines ist, dann ist es nicht mit postmoderner Theorie vereinbar zu sein, deren empirischen (Sic!) Kern die Pluralität von Erzählungen und die Machtkämpfe zwischen ihren Vertretern ist. Das ist zwar prinzipiell auch mit der Vernichtung des Gegners (Cancel Culture) kompatibel, wird aber die politische Postmoderne und nicht nur die empirische (Sic!) Postmoderne, die in Deutschland meines Wissens nur in einem Randbereich der Stadtgeographie (z. B.Basten und Wood) existiert, in Betracht gezogen, dann geht es immer um Aushalten, nicht Vernichten der Unterschiede (z. B. Mouffe).
3. Damit Verbunden ist, das Cancel Culture in der akademischen Welt kein neues Phänomen ist, sonder integraler Bestandteil des Wissenschaftssystems. Ein Beispiel ist der marktliberale Diskurs, dem es gelang abweichenden Theorien das Schreckgespenst des direkten Wegs in die kommunistische Barbarei aufzudrücken.

Helmut Junge
4 Monate zuvor

@Philipp Adamik, „Ein Beispiel ist der marktliberale Diskurs, dem es gelang abweichenden Theorien das Schreckgespenst des direkten Wegs in die kommunistische Barbarei aufzudrücken.“
Davon hört und liest man aber nichts außerhalb deer Unis Die Keynesianer gehen putzmunter ihrer Arbeit nach und manche von ihnen kriegen sogar Nobelpreise, wie z.B. Josef Stiglitz, dessen Buch „Der Preis des Profits“ich gerade lese. . Da ist es bei den Opfern der woken aber oft gaaaanz anders. Nämlich ein schmerzhafter Prozeß mit Existenzverlust.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
4 Monate zuvor

#1 | Philipp Adamik
Danke für die Binnenperspektive der Fachbereiche, die sich auch hier erheblich von der stark simplivizierten medialen Darstellung unterscheidet.
Danke auch für den Vergleich mit den Wirtschaftswissenschaften. Dieser taugt allerdings genau nicht für eine Entwarnung.
Natürlich wurde durchgängig auch nicht nur marktfundamentalistische Wirtschaftswissenschaft betrieben, sondern, wie Helmut Junge richtig feststellt, munter weiter dem Keynesianismus gefrönt. Wer dabei schon mal nicht welchen Posten bekommen hatte, führte auch seiner Zeit zu heftigen Debatten.
Viel schlimmer als dies war aber der Effekt im Zusammenspiel mit einer entsprechenden Politik, die die Finanzmärkte nach den gewünschten Vorgaben marktfundamentalistisch als erstrebenswerte Form international durchsetzte. Für die Dummheit dieser Regeln zahlen wir heute noch, ganz wesentlich auch in Form der nun grassierenden Inflation.
Es wurde auch in diesem Fall nicht liberalisiert, sondern Privilegien für ohnehin schon Bevorteiligte geschaffen.

Bebbi
Bebbi
4 Monate zuvor

Gibt es „Bewegungen“, die nicht unrepräsentativ sind und nach Zahlen Minderheiten? Auch die Arbeiterbewegung war nicht repräsentativ und die Mehrheit der Bevölkerung nie beteiligt. Und mit dem Hinweis, das wären vor allem Gymnasiastinnen, bedingt man sich der gleichen Argumentationsform der Woken, die Anliegen alter weißer Männer als illegetim ansehen, weil die Äußerung von eben diesen kommt.

Ist „Postmoderne“ nicht erst einmal ein Begriff, um eine bestimmte Epoche zu bezeichnen? Über dessen Sinnhaftigkeit kann man sich streiten wie bei allen Epochenbegriffen. Zielt die Kritik nicht vielmehr auf Kostruktivismus und Artverwandtes?

Sind Kinderehen eine neue geschlechter- und sexualpolitischen Entwicklungen?

Hälst du wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschlecht überhaupt für möglich, wenn diese auch Wahrnehmungen von Geschlechtlichkeit mit bedenkt?

paule t.
paule t.
4 Monate zuvor

Wieder mal ein wild zusammengerührter Mischmasch über alles und nichts, was der Autor doof findet.
Immerhin weiß ich jetzt, dass es ganz schlimme Cancel-Kultur ist, Größen der Kultur wie Dieter Nuhr zu kritisieren, und irgendwie fast dasselbe wie islamistischer Terrorismus. Nee klar.
Und weil junge Leute zum größten Teil Familie und Freunde gut finden, sind sie irgendwie auch „anti-woke“ wie der Autor. Nee klar.
Ach ja, und die ideologischen Gegner, das sind natürlich die bösen, bösen Leute, die nur aus Eigeninteresse irgendwelchen Quatsch vertreten, um an Einkommen und Posten zu kommen. Nee klar.

Aber sich intensiv und sachlich mit dem „Artikel“ zu beschäftigen, lohnt nicht nur nicht, es ist reinweg unmöglich. Wie soll man das machen, wenn drölfzig Themen durcheinandergerührt werden und die meisten Verbindungen durch lose Assoziation zustandekommen? Jedes der vielen Themen hätte eine ausführliche Diskussion verdient, gerne auch mit reaktionären Positionen wie denen des Autors. Nur müssten sie dafür auch diskussionsfähig dargelegt werden, und das ist hier einfach wieder mal nicht der Fall.

Arnold Voss
4 Monate zuvor

@ Philipp Adamik # 1

1. Etwas als Nonsens zu bezeichnen ist nicht „Cancel Culture“. Erst recht nicht, wenn es – meinetwegen auch falsch – begründet wird.

2. Die Aggressivität von Meinungen steigt je nach gesellschaftlichen Bedingungen und/oder subjektivem Empfinden potentiell, wenn der „empirische Kern“ einer Aussage als „Pluralität von Erzählungen“ aufgefasst wird. Empirie ist nämlich kein Erzählung, sondern ihr Gegenteil.

Helmut Junge
4 Monate zuvor

paule t.“Immerhin weiß ich jetzt, dass es ganz schlimme Cancel-Kultur ist, Größen der Kultur wie Dieter Nuhr zu kritisieren“
Dieter Nuhr ist ein Clown, ein Kleikünstler.. Wer solchen Leuten das Wort verbietet, ist krank im Kopf. Ich kann auch nicht über alles lachen was der sagt, aber verbieten? Viel Despoten hatten Hofnarren bezahlt. Dafür bezahlt, daß die ihnen ins Gesicht sagen durften, was sich sonst niemand wagen durfte.
Aber mal so nebenbei: Ab welcher Kulturgröße müßte er denn sein, damit Sie sagen, „den bitte nicht, der ist zu gut“?

SvG
SvG
4 Monate zuvor

@6; paule t. „Aber sich intensiv und sachlich mit dem „Artikel“ zu beschäftigen, lohnt nicht nur nicht, es ist reinweg unmöglich.“
Dafür ist Ihr Kommentar aber dann doch recht lang.

Arnold Voss
4 Monate zuvor

@ paule t.

„Aber sich intensiv und sachlich mit dem „Artikel“ zu beschäftigen, lohnt nicht nur nicht, es ist reinweg unmöglich.“

Ich verstehe den Satz nicht. Was ist der Unterschied zwischen unmöglich und reinweg unmöglich? Und wenn eine Beschäftigung mit was unmöglich ist, ist dann die Frage nach dem Lohn dafür nicht ebenfalls unmöglich? Kann es sein, dass sie unter die Schwurbler gegangen sind, aber es noch nicht bemerkt haben?

paule t.
paule t.
4 Monate zuvor

@ #10 Arnold Voss, Zitat: „Ich verstehe den Satz nicht.“

Das ist bedauerlich, aber ich kann helfen. „Reinweg“ ist ein verstärkendes Adverb, und „unmöglich“ lässt sich zwar logisch nicht sinnvoll steigern (unmöglicher als unmöglich geht nicht), aber es lässt sich natürlich verstärken im Sinne von „vollständig“ o.Ä.. Und es gibt Sachen, die sich nicht lohnen, aber möglich wären, und es gibt Sachen, die sich nicht lohnten (auch wenn sie möglich wären), aber eh nicht möglich sind – bei letzteren gibt es also gleich zwei Gründe, diese Sache gar nicht erst zu unternehmen, bei ersterer nur einen.
Eigentlich ist das gut verständlich, deshalb verstehe ich Ihr Problem mit dem Satz nicht. Kann es sein, dass Sie unter die Korinthenkacker gehen möchten, es dafür aber nicht reicht?

paule t.
paule t.
4 Monate zuvor

@ #8 | Helmut Junge, Zitat:
„Dieter Nuhr ist ein Clown, ein Kleikünstler.. Wer solchen Leuten das Wort verbietet, ist krank im Kopf. Ich kann auch nicht über alles lachen was der sagt, aber verbieten?“

Sehen Sie, Herr Junge, Sie haben damit ein schönes Beispiel dafür geliefert, wie die „Cancel Culture“-Panik funktioniert, die Herr Laurin und allerlei andere Leute beschwören, die eine starke Meinung zugunsten der unkritisierten Meinungsäußerung der Leute vertreten, die sowieso satte Möglichkeiten zur Meinungsäußerung haben.

Kleine Rückfrage: Wer verbietet denn einem Dieter Nuhr das Wort? Der Mann kann an diversesten Orten auftreten und seine Meinung sagen, er kommt immer wieder in verschiedensten Medien zu Wort, er kann Bücher in hohen Auflagen verkaufen … ich würde mal sagen, dass er locker zu den 0,1 % der Bevölkerung gehört, die die besten Möglichkeiten haben, ihre Meinung in der Öffentlichkeit hörbar zu äußern. Und daran hat sich überhaupt nichts geändert und niemand hat in diese Möglichkeiten irgendwie eingegriffen.

Das einzige, was dann mal passiert ist, ist, dass er a) für seine Meinungsäußerungen auch mal Kritik abbekommen hat und dass b) andere Leute, in diesem Fall die DFG (was hat der Mann mit Forschung zu tun?) ihm für eine Meinung, die sie kurzzeitig doof fanden, nicht noch zusätzliche Plattformen bieten wollten und eine Äußerung deswegen von ihrer eigenen Homepage (!) zwischenzeitlich gelöscht haben. Beides – eine andere Meinung zu kritisieren und diese andere Meinung nicht selbst weiterverbreiten zu müssen – gehört ja wohl zu den selbstverständlichen Rechten innerhalb einer freien Debatte.

Nichtsdestotrotz wird ausgerechnet dieser Mann, der für jeden Pups die größten Plattformen bekommt, in Artikeln wie diesem hier zum Opfer einer angeblichen „Cancel Culture“ stilisiert; und Leute, die den Namen in so einem Artikel lesen, gehen dann sogar noch über diesen Quatsch hinaus und fantasieren völlg frei davon, diesem Mann werde „das Wort verboten“.

_So_ funktioniert diese frei drehende „Cancel Culture“-Debatte: Leute mit extrem großen Reichweiten bekommen mal Kritik ab, und schon wird völlig substanzlos so rumgejammert, als wäre Ihnen ein diktatorisches Redeverbot auferlegt worden.

Helmut Junge
4 Monate zuvor

Nein paule t. diese Sache lief anders. Ich habe mich heute eingelesen. Die DFG hat Nuhr angefragt, ob er ein Grußwort zu ihrem 100. Geburtstag formulieren würde. Er hat es getan, und die DFG hat seinen Beitrag erst treffend und gut gefunden.
(Das ist er auch nach meiner Meinung). Aber dann gab es e-mails, in denen die Schreiber kundtan, daß sie diese Einstellung nicht teilen.
Manch einem Zeitgenossen gilt die Wissenschaft tatsäch als unumstößlich, obwohl es gerade das Wesen von Wissenschaft ist, daß neue Erkenntnisse manchmal ältere Erkenntnisse in Frage stellen. Weil es diese e-mails gab, sind die Verantwortlichen trotz ihrer Überzeugung eingeknickt, und haben den Beitrag von Nuhr wieder gelöscht. Das hat widerum zu einer Debatte geführt, und daraufhin hat die DFG den Beitrag von Nuhr wieder öffentlich stellen wollen. Aber das wollte Nuhr dann nicht mehr.
Ich werte die Sache so: Gegen shitstorms gibt es keine Hilfe. Die wird es immer geben. Aber wenn dann die entscheidende Instanz, ob Geschäftsmann, Verwaltung, Instanzen, Unileitung oder Gastwirt einknickt, wird daraus erst eine „cancel culture“.
In unserer Gesellschaft fehlt der Mut, sich gegen solche e-mails zu stellen. Und wg. des fehlenden Mutes kommt es zum canceln.

Arnold Voss
4 Monate zuvor

@ pauke t.

„…und es gibt Sachen, die sich nicht lohnten (auch wenn sie möglich wären), aber eh nicht möglich sind …“

Wie bitte? Nicht ich kacke Korinten, sondern sie schreiben Kacke.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
4 Monate zuvor

„Nein paule t. diese Sache lief anders.“
Allerdings!
Hier wird von paule t. mit Fiktion die Stringenz der Position konstruiert – eigentlich eine typische Querdenker Methode.

Sie haben sich sehr verändert paule t.

Walter Stach
Walter Stach
4 Monate zuvor

-1-
Ein wohltuend sachlich begründeter Beitrag:

Ansonsten:

Alles wie gehabt und folglich wie zu erwarten. Nichts Neues.

Warum immer wieder die Begrifflichkeit „Cancel-Kultur“ ?
Abgesehen davon, daß mir die Verwendung des Begriffes „Kultur“ hier zumindest fragwürdig erscheint, würde es m.E. sachdienlich sein, über „Inhalte und Schranken der Meinungsfreiheit“ zu reden, und das nicht, wie üblich, mit Blick auf den Staat, auf die von ihm, z.B. per Verfassung/per Strafrecht gesetzten Schranken, sondern mit Blick auf die jeweilige Gesellschaft. Das würde helfen, all die in der jeweiligen Gesellschaft existenten Schranken zu erkennen, ihren Ursachen nahezukommen, ihre Sanktionen in und durch eine Gesellschaft aufzulisten/aufzuarbeiten und zu begreifen, diese zu kritisieren oder zu begrüßen. Das gehört zum Wesen jeder Gesellschaft (und jedes Staates), die von sich meint, freie Meinungsäußerung sei ihr wichtigstes Gut und das sollte Selbstverständnis eines jeden Menschen in diesen Gesellschaften zählen . Dazu gehört neben Kritikfähigkeit /Kritikbereitschaft die Fähigkeit, Kritik ertragen zu können , ertragen zu müssen. Das Ganze kann nicht funktionieren „im Dunkeln“ der Anonymität, deren Relevanz für mich bezogen auf das Nachdenken über aktuelle Probleme der Meinungsäußerungsfreihet wesentlich relevanter ist als die sog. Cancel-Kultur .

Helmut Junge,
in diesem Sinne : Einverstanden mit -13- letzter und vorletzter Absatz.

La Retromarcia
La Retromarcia
4 Monate zuvor

Wolfram Obermanns, Zitat: „Sie haben sich sehr verändert paule t.“

Sie leider gar nicht. Sie schreiben immer dasselbe. Ich kann Sie kaum noch von Arnold Voss und Nussknacker unterscheiden.

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