…und schon wieder ein Ranking

Gladbecker Innenstadt

Ein neues Ranking – eine neue Pleite für das Ruhrgebiet.

Auch beim neuen Ranking der Top 100 Städte der Wirschaftswoche schneiden die Städte des Ruhrgebiets fast alle schlecht ab. Gerade einmal Mülheim (Platz 34) und Bottrop (Platz 41) haben sich nicht bis auf die Knochen blamiert.  Gelsenkirchen liegt auf dem letzten Platz – hinter Gera. Das Elend in Auszügen: Oberhaus 98, Duisburg 97, Dortmund 89,Essen 87, Bochum 63.

Man kann über den wert solcher Rankings streiten – aber wer ein wenig herumkommt, spürt rein Intuitiv, dass es fast überall im Land besser ist als im Ruhrgebiet. In anderen regionen wird mehr gebaut, ist das Straßenbild oft ansehnlicher und wirken die Menschen wohlhabender. Kein Wunder: Die Arbeitslosigkeit ist ja  auch fast überall geringer.

Fachkräfte ins Ruhrgebiet zu bekommen ist schwer. Allein aus meinem Bekanntenkreis werden zwei Unternehmer bald Aussenstellen in Berlin errichten. Der Versuch, IT-Kräfte von dorthin ins Revier zu locken scheiterte. Nach Hamburg, Köln oder Düsseldorf wären sie gekommen. Nach Bochum und Essen nicht.

Man kann sich das alles schönreden. Man kann auf die erfolge der Kulturhauptstadt verweisen, darauf dass die Städte heute besser zusammenarbeiten als vor  zehn Jahren und dass das Ruhrgebiet noch immer unter einem Strukturwandel leidet.

Alles richtig – doch was nutzt es? Der einzige Maßstab ist der Erfolg. Wer stellt schon jemanden ein, in dessen Arbeitszeugnis steht. „Er gab sich stets vielMühe?“ Niemand. und wer zieht in einer Region die von sich sagt: „Wir strukturwandeln uns noch immer und brauchen Hilfe?“ Offensichtlich auch nicht allzu viele.

Kann das Ruhrgebiet die Situation noch einmal drehen? Ich glaube in weiten Teilen nicht mehr. Hier wurden über die Jahre zu viele Fehler gemacht. Selbst so etwas selbstverständliches wie einen gemeinsame Nahverkehrsgesellschaft gibt es nicht. Eigentlich eine Kleinigkeit.

Der Abstand zu den anderen Städten und Regionen wird immer größer. Erfolgreiche Ansätze, dass zu verändern sind nicht zu sehen. Hier fällt man immer noch auf PR-Dampfplauderer rein und drückt sich um strukturelle Veränderungen.  Das Bohren dicker Brette mag man nicht. Das Jammern um Hilfe beherrscht man perfekt. Im Wettbewerb der Regionen ist das kein Vorteil.  Der kleine, dicke Junge wurde im Sportunterricht immer als Letzter in die Mannschaft gewählt, auch wenn er so traurig guckte. Der kleine dicke Junge ist das Ruhrgebiet und die anderen wissen: Er schießt keine Tore.

Fest van Cleef

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Fest van Cleef mit Kettcar, Thees Uhlmann & Freunde, Gisbert zu Knyphausen, Young Rebel Set,  Nils Koppruch, Beat!Beat!Beat!, An Horse, Tim Neuhaus, Sonntag, 12. Dezember, 17.00 Uhr, Ringlokschuppen, Bielefeld

Der Ruhrpilot

Ruhrgebiet: Wittke bleibt Chef der Ruhr-CDU…Der Westen

Ranking: Wenig Hoffnung für Ruhr-Städte…RP Online

Verkehr: A52-Ausbau zwischen Essen und Gladbeck stockt…Der Westen

Ruhr2010: Kulturhauptstadt-Bilanz – „Mann, wa dat schön!“…Der Westen

NRW: Kraft sieht keine Abhängigkeit von Linkspartei…RP Online

NRW II: Van Dinther zahlte vier Jahre keine CDU-Beiträge…Der Westen
Loveparade: Interview mit Olaf Geist von aurelis…Xtranews
Dortmund: Nach Envio-Giftskandal sind auch Fische vergiftet…Der Westen
Umland: Demonstranten planen für Mittwoch Störung des Castor-Transports…RP Online
Internet: Ansehen und Ehre der SPD auf ihrem medienpolitischen Kongresm…Netzpolitik
Medien: Namensstreit beim Grimme-Institut…Spiegel
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Der Ruhrpilot

Kraftwerk Datteln Foto: Eon

Datteln: Rot-Grün findet ersten Kompromiss…Der Westen

Steag: Stadtwerke gehen bei Kauf hohes Risiko ein…Der Westen

JMStV: Rot-Grün druckst rum…Pottblog

JMStV II: Pornoindustrie freut sich…Xtranews

JMStV: Jugendmedienschutz Staatsvertrag durchgewunken – natürlich…Kueperpunk

Loveparade: NRW-Hilfsfonds für Opfer ist fast ausgeschöpft…RP Online

NRW:…sperrt sich gegen Bundes-Abitur…RP Online

Ruhr2010: Positive Bilanz…DW

Kulturhauptstadt: Rückkehr zum Meer…Spiegel

Wikileaks: Streitgespräch Leyendecker / Banse…Netzpolitik

Duisburg: Rücktritt von Museumsdirektor Stecker gefordert…Der Westen

Dortmund: Teurer Streit über Westfalentower-Baustelle…Ruhr Nachrichten

JMStV ablehnen!

Der JMStV ist kein Schutz der Kinder vor Pornographie und Gewalt sondern der Einstieg in eine  Zensurpolitik.

Das stört in den meisten Ländern jedoch nicht die Parteien, die an der Macht sind. Egal ob SPD, CDU, Grüne, FDP oder Linke  – wer was zu sagen hat hebt brav die Hand gegen die Bürgerrechte. Seit den Netzsperren im vergangenen Jahr gab es wohl keine größere Werbeaktion für die Piraten.

Aller Protest hat bislang nichts gebracht. Trotzdem: Jeder sollte zeigen, dass er gegen den Jugenmedienschutzstaatsvertrag (JMStV) ist. Man kann das ganz einfach tun: Mit seinem guten Namen. Den haben wir nämlich noch – im Gegensatz zu den Politikern, die für dieses Gesetz gestimmt haben. Online geht das auf der Site jmstv-ablehnen.de

Envio: Gute Zukunftsaussichten mit PCB

In einem Spielcasino in Dortmund fand die Jahreshauptversammlung des Skandalunternehmens Envio statt. Die Konzernleitung verbreitete Optimismus.

Gegen Dr. Dirk Neupert  ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund wegen Körperverletzung und Umweltverbrechen. Eine mittlerweile insolvente Tochterfirma des Konzerns, die Envio Recycling GmbH & Co. KG soll über Jahre hinweg Mitarbeiter und Umwelt mit hochgiftigem PCB verseucht haben. Die Behörden haben das Unternehmen längst dicht gemacht. Das alles scheint Neupert, den Vorstandsvorsitzenden der Envio AG nicht weiter zu berühren.

Entspannt sitzt er im Dortmunder Casino Hohensyburg und hält Hof.

Gut 30 Aktionäre haben sich in einem Kongressraum des Casinos versammelt. Das Motto der Jahreshauptversammlung: „Wertvolles verwerten – wir bieten Speziallösungen im Umweltsektor.“

Vor der Jahreshauptversammlung lief so beinahe alles schief, was schief laufen konnte: Weder war den Aktionären der Geschäftsbericht für das Jahr 2009 rechtzeitig zugesandt worden noch kamen sie in den Genuss, den Bericht des Aufsichtsrates vorher in Augenschein nehmen zu können.

Dabei gab es viel zu erklären. Zum Beispiel den Kurs der Aktie: Innerhalb eines Jahres ist der von 4,65 Euro auf klägliche 49 Cent gefallen. Die Schlagzeilen, die der PCB-Skandal machte, haben dem Unternehmen geschadet.

In seinen weitschweifigen Ausführungen geht Envio-Vorstandschef Neupert darauf nur am Rande ein: Es gäbe ein laufendes Ermittlungsverfahren. Zu denen könne er sich nicht äußern. Das Unternehmen arbeite mit den Behörden zusammen und sei an einer Aufklärung interessiert.

Anstatt zurückzuschauen blickt Neupert lieber in die Zukunft. Und die eröffne Envio viele Chancen: „Noch bis in das übernächste Jahrzehnt wird es einen großen Markt für ein Unternehmen wie Envio geben. Wir sind das einzige Unternehmen, das sich auf die Aufbereitung von PCB-belasteten Transformatoren spezialisiert hat. Für unsere Wettbewerber ist das ein Nebengeschäft.“

Ihnen Fehler der technologische Hintergrund, sie kämen aus  der Entsorgungsbranche.

Wachsen soll Envio allerdings vor allem im Ausland. Neupert hat den geschlossenen Standort Dortmund noch nicht aufgegeben, aber Geld soll vor allem in Asien und Südosteuropa verdient werden. Ein gemeinsames Projekt  mit der bundeseigenen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Mazedonien brachte Envio einen Auftrag und einen gemeinsam finanzierten Werbefilm mit dem schönen Titel „Knock Out For PCB“.

In Südkorea ist man schon aktiv. Eine eigene Anlage zur PCB-Aufbereitung hat dort ihre Arbeit aufgenommen. In Kasachstan ist der Konzern mit 25 Prozent an der Envio Kasachstan GmbH beteiligt.

Ungünstig für den Konzern: Der Dortmunder PCB-Skandal hat längst eine internationale Dimension erreicht. So waren die Machenschaften Envios Thema des „Second meeting of the Advisory Committee of the PCBs Elimination Network“, das Ende November auf Jamaika stattfand.

Neupert weiß das und versucht, hinter den Kulissen zu retten, was zu retten ist. In Briefen an Umweltminister Norbert Röttgen beklagt er sich über die Landesregierung in NRW.

Auch während der Jahreshauptversammlung findet er klare Worte. Nicht zu eignen Vergehen, sondern über die Presse, die Politik in Dortmund und die Behörden. Sie alle seien unfair mit Envio umgegangen, hätten Vorverurteilungen veröffentlicht. Man behalte sich vor, dagegen zu klagen. Aber nicht in Dortmund: „Dort sehe ich keine Chance auf ein faires Verfahren.“

Das soll, wenn denn den Ankündigungen Taten folgen, von Hamburg aus angestrebt werden. Dorthin will Envio auch den Unternehmenssitz verlegen.

Überhaupt ist man bestrebt, Dortmund und den PCB-Skandal hinter sich zu lassen. Durch die Insolvenz der Dortmunder Tochter gelang es, die Millionenkosten der Sanierung des Betriebsgeländes auf den Steuerzahler abzuwenden.

Und schon im Sommer hatte man das Tochterunternehmen Envio-Gas in Bebra-Biogas umbenannt. Das soll nun an die Börse gehen. Die Aktionärsstruktur soll gleich bleiben. Für 100 Envio-Aktien gibt es für die Altaktionäre eine Bebra-Biogas Aktie.

Und natürlich sieht auch die Zukunft von Bebra-Biogas gut aus: In Südkorea will man Bauern kleine, hocheffiziente Biogasanlagen verkaufen. Bislang hat man das zwar kaum geschafft, aber, wird den Aktionären erklärt, bald werde die Regierung ein „Green Village“ Programm auflegen. Hunderte von Dörfern sollen dann ihre Energie zumindest zum Teil selbst erzeugen. Und Bebra-Biogas hätte gute Chancen, von diesem Programm zu profitieren.

Auch in Deutschland, war sich die Konzernleitung sicher, wird das Geschäft bald anspringen. In den nächsten Wochen würde man zahlreiche Anlagen verkaufen. Im Herbst sei das nicht möglich gewesen. Dann säßen die Bauern auf ihren Treckern und hätten für Verkaufsgespräche keine Zeit.

Den Ausführungen der Unternehmensspitze mochten nicht alle Anwesenden folgen: Andrew Murphy vom  Finanzhauses Murphy&Spitz war angesichts des PCB-Skandals enttäuscht von Neuperts Ansprache: „Ich hätte erwartet, dass Sie ein Geständnis ablegen“

Und Thomas Hechtfischer, der Landesgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz war von den Aussichten von Bebra-Biogas nicht begeistert: „Bauer sucht Bebra? Ich weiß nicht.“

Immerhin: Der Vorstand wurde auf Vorschlag des Aufsichtsrates nicht entlastet. Bei anderen Unternehmen wäre er gefeuert worden.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Welt am Sonntag

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Der Ruhrpilot

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Nicola Thomas und Nadja Robiné (Mephisto), Andreas Grothgar (Faust) - Foto: Thomas Aurin

Teufel gibt es viele. Nach der Premiere von Goethes Faust am Schauspielhaus Bochum gab es Standing Ovations, aber auch Buh-Rufe. Nach knapp drei Stunden hatte sich der Regisseur Mahir Günsiray ausgetobt und gleichsam sonderbar erschöpft. Was blieb, das war der andauernde Konflikt zwischen Sehnsucht und Verstand.

Zur Vorgeschichte: „BOROPA“, heißt das Spielplanmotto – die neugestartete Intendanz von Anselm Weber gibt sich weltoffen und experimentierfreudig. Fadhel Jaibi inszenierte „Medea“, Malou Airaudo das Tanztheaterstück „Irgendwo“ und jetzt eben Mahir Günsiray mit dem liebsten Kulturgut der zölibatären Linguisten, Lehrkörper und Theisten: Faust (ersterteilundzwei).

Textversion versus Spielversion

Mahir Günsirays Inszenierung verwandelt den goetheschen Stoff in eine spielfreudige Version, ein bisschen Büchner, Brecht und Kafka reingesampelt und fertig ist die Kiste. Im Subtext kann nun gelesen werden, was sonst im göttlichen Brimbamborium untergeht: Es gibt keine Erlösung, aber eine Menge zu erleben. Denn Gott fehlt, aber Mephisto kommt gleich in achtfacher Ausführung daher. Die multiplen Teile Mephistopheles kopulieren, drohen einander, lachen. Ein bisschen so, wie man sich die alte Fassbinder-Gang vorstellt: Ein Schlachtfeld herrlich polymorph-perverser Teufel, die sich promiskuitiv aneinander berauschen. Alle sind in irgendeiner Weise beschädigt, sie gehen gebückt, sind bandagiert oder hinken. Ihre prunkvollen Kostüme waren einst glitzernd und glänzend, heute sind sie abgefuckt, doch bestechen sie in ihrer Gänze durch schmachtende Phantasie und reizvolle Details. Die verantwortliche Meentje Nielsen hat hier Zierstücke hingeworfen, die sich verschwenden wollen. Dazu die Bühne eines kosmischen Welttheaters als schäbig rotierende Waschkaue der Dead-End-Devotionalien. Claude Leon gönnt den Zuschauern mit ihrem Bühnenbild eine optische Eskalation massiver Details. So ist der Boden bereitet – für ein großes Spiel-mich-schwindelig.

Am Anfang war das Spiel

Bühnenbild von Claude Leon - Foto: Thomas Aurin

In der Hölle ist wirklich alles OK, man rülpst und furzt und manchmal haut man sich auch eine rein (best boys: Florian Lange und Roland Riebeling), doch dann kommt er. Faust, gespielt von Andreas Grothgar, betritt sinnkriselnd mit einem gequälten und ausgedehnten „Ach!!!“ die Bühne. Grothgar hat seinen großen Abend, auch wenn er sich natürlich ein bisschen bei Paul Herwig (Die Labdakiden) abgeguckt hat, besonders wenn er späterhin so staatstragend wird, aber anyway – er ist schon Faust. Für die multiplen Teufel ist er es sowieso. Noch glaubt der Gelehrte, er sei von ihresgleichen. Doch nehmen sie ihn nicht ernst – weder seine Qual, noch seine Sehnsucht. Faust forscht nach dem Anfang. Glaubt ihn zunächst im Wort, im Sinn, in der Kraft zu finden und kommt dann zu dem Schluss: Am Anfang war die Tat. Denn immerhin sei alles Teil dieser Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Und diese Kraft treibt viele Späße mit Faust, der sich auf einen verhängnisvollen Pakt mit den Mephistos einlässt. Einziger Unterschied: In Günsirays Inszenierung schließt Faust den teuflischen Pakt gleich achtfach. Günsirays Faust sieht sich mit der Komplexität einer Welt konfrontiert, in der er sich zurechtfinden muss. Nur gut, dass er nach dem Zaubertrank bald Helenen in jedem Weib erkennt.

One-Night-Stand mit Folgen

Therese Dörr (Mephisto), Andreas Grothgar (Faust), im Hintergrund: Ensemble - Foto: Thomas Aurin

Aus einem der Teufel wird durch eine an Lacan gemahnende Spiegelszene das Gretchen, dem Faust sogleich an die Wäsche will. Drei der Mephistofiguren beenden die erotische Zusammenkunft, diesen Schnellfick auf dem Ölfass. Auf Geheiß des Teufels sticht Faust einen der drei, Gretchens Bruder, nieder. Gretchen fragt nur: „Spinnst du?“ Tja, und mehr ist da eben auch nicht. Schon bei Goethe nicht. Der Rest ist nunmehr seit zweihundert Jahren Onanistenphantasie. Doch weiter im Text. Therese Dörr gibt das Gretchen – von ephemerer Leidenschaft, die nur allzu leicht in Leidensbereitschaft kippt. Gretchen wird schwanger, bringt das Neugeborene um und wird zuerst gefoltert und dann hingerichtet. Die Teufel kehren in Hochzeitskleidern wieder auf die Bühne zurück und tanzen um die Szenerie einen makabren Todesreigen. Gretchen wird ins Hochzeitskleid gezwungen. Das Kind wird gekocht und Faust auf einem Teller serviert. Titus Andronicus lässt grüßen. Während Gretchen im Kochtopf steht, wird ihr weißes Kleid mit Blut bestrichen, man hört das Brechen ihrer Knochen: knack, knack – hundert Prozent echte Gefühle. „Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat. Mein Vater, der Schelm, der mich gegessen hat.“

Ordnung muss sein

Andreas Grothgar (Faust), Nicola Thomas, Werner Strenger, Therese Dörr, Nadja Robiné, Florian Lange (Mephistos) - Foto: Thomas Aurin

Da beginnt auch schon der zweite Teil: Von der kleinen Welt wird nun zur großen Welt geschritten. Der Homunculus, eine Art künstlicher Mensch beobachtet mit kindlicher Unschuld, was sich hier zwischen den Figuren zuträgt. Er jedoch hat noch immer nur den Wunsch, im besten Sinne zu entstehen. Als er auftritt, verkündet er „Sobald ich bin, muss ich auch tätig sein“. So bald auch Faust. Nachdem der Schnellficker über sein Gretchen-Trauma ein längeres Nickerchen gehalten hat, erwacht er und will sogleich gestalten. Statt Teufelspakt bedient sich Faust nun zivilisatorischer Errungenschaften. Indem er sich an den Ordnungsvorstellungen eines bürgerlichen Zusammenlebens orientiert, erreicht er genau das Gegenteil. Mit der schönen Helena als archetypischer und völlig langweiliger Frau gelingt es Faust nicht einmal, seinen Sohn Euphorion vor (den selbst begangenen) Fehlern zu bewahren. Als trotzköpfiger Euphorion beweist Marco Massafra an diesem Abend, dass er völlig zu Recht als einer der besten Nachwuchsschauspieler gehandelt wird.

Spul mal vor

Xenia Snagowski (Homunculus), Andreas Grothgar (Faust) - Foto: Thomas Aurin

Das abermalige Scheitern Fausts deutet Günsiray als Vorgriff Goethes auf das Progressive und Zerstörerische der kapitalistischen und postkapitalistischen Welt. Für Günsiray fällt ein nach Höherem strebender Faust – glaubt er sich auch gebildet oder zivilisiert – dennoch seinen Trieben und Sehnsüchten zum Opfer. Im Kleinen und im Großen gilt: „Bist du erst ein Mensch geworden, so ist es völlig aus mit dir.“ Indem Günsiray bei seiner Inszenierung auf den christlichen Gott verzichtet, fällt auch die vermeintliche Annahme eines kosmischen Plans weg, der letztlich sinnstiftend sein könnte. Es obliegt dem Menschen innerhalb des Gegebenen, schaffend tätig zu sein. Doch gibt es keine universellen Konzepte, an denen er sein Tun ausrichten könnte. Vielleicht ist aller Anfang tatsächlich die Tat, aber das menschliche Dasein birgt in jeder Handlung auch immer die Möglichkeit des Scheiterns. Es irrt der Mensch, solang er strebt. Er verliert sich nicht in Spekulationen über Erlösungswege und Lebensführungen. Es gibt nicht das Böse an sich, das sich ausmachen ließe. Es sind immer nur Aspekte, die changieren und einer ständigen Dynamik unterliegen – multidimensionale Phänomene, die von uns als Welt erlebt werden. So war ein diesem Abend eine wunderbar verspielte zeitgenössische Darstellung des goetheschen Stoffes zu erleben.

Feuilleton im Totalausfall

Nadja Robiné (Mephisto), Andreas Grothgar (Faust) - Foto: Thomas Aurin

Wer in den Tagen nach der Premiere einen Blick in die Feuilletons warf, kam nicht um den Eindruck eines Totalausfalls herum. Kaum ein Artikel verzichtete auf die pointierte Bezugnahme auf Günsirays türkische Herkunft. In Ermanglung weiterreichender Ideen musste die nationale Karte ständig ausgespielt werden. Ein Türke inszeniert Goethe! Da wurde gegen Zeilenhonorar von „einen Satz, der uns heilig war“ schwadroniert oder von einem „deutschen Blick“ gesprochen, der dem aus Istanbul stammenden Günsiray „kulturhistorisch gar nicht geläufig“ sein könne. Was soll eigentlich dieser ganze kultur-nationale Scheiß? Peinlicher geht es doch nun wirklich nicht. Man möchte meinen, die Damen und Herren in den Kulturredaktionen hätten vielleicht schon einmal etwas von dem Begriff Ethnozentrismus gehört. Oder gar Deutschtümelei? Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass Britinnen und Briten nicht jedes Mal derart aufschreien, sobald ein Deutscher Regisseur es wagt, Shakespeares Rosenkriegszyklus zu inszenieren. Und eines ist ganz gewiss, meine Damen und Herren: Goethe – nicht zuletzt Verfasser des West-östlichen Divans – hätte angesichts ihrer Zeilen ganz bestimmt gekotzt.