Lesen und Selbsterkenntnis

Lesen bildet, Reisen auch – eine kleine Kulturgeschichte vom Lesen und der Selbsterkenntnis. Von unserem Gastautoren Ronald Milewski.

Wenn die Ferienzeit um ist gilt: Wer eine Reise getan hat, hat was zu (v-)erzählen. Mitunter das, was er im Urlaub gelesen hat. Reiserfahrung ist häufig Leseerfahrung. Wir lesen im Urlaub Bücher aus und über die Region, in die wir reisen, Bestseller oder, dazu neige ich, endlich die Fachbücher, zu deren Lektüre wir zu Hause nicht gekommen sind. Schon Augustinus sah sich zu der Metapher genötigt: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon?“  Mancher Urlaubsreisende kriegt vor lauter Bücherlesen die Welt am Urlaubsort kaum mit. Andererseits steckt im Lesen die Chance zur inneren Einkehr. Im Urlaub ist endlich Zeit dazu. Was aber wird aus diesen besinnlichen Stunden, wenn wir mittels neuer Möglichkeiten in Bälde ganze Bibliotheken mit uns führen bzw. auf diese Zugriff haben?

Essen, August 2010, die Bostoner Lese- und Bildungsforscherin Maryanne Wolf erklärt im Interview, dass jedes Schriftsystem unterschiedliche Hirnschaltkreise enerviere. Die WAZ berichtete darüber. Bei Chinesen werde beim Lesen auch das motorische Gedächtnis in Anspruch genommen, Nachvollzug der Schreibbewegungen. Wolf treibt die Befürchtung um, dass die neuen Medien aktuell ein „digitales Gehirn“ produzieren. Ein Gehirn, das nicht lernt, zu fokussieren und sich zu konzentrieren. Sie verweist auf Sokrates, der schon in der Antike der Verschriftlichung unterstellte, dem Menschen lediglich das Gefühl zu geben, etwas zu wissen, und zu verhindern, im Gespräch ein Problem in der Tiefe zu behandeln. Darüber hinaus, so vermutet die amerikanische Professorin, gehe Kindern mit dem Buch ein positiver emotionaler Raum verloren. Einem Kleinkind wiederum fehle mit dem etwaigen Verlust des Vorlesens der Berührungspunkt zu den eigenen Gefühlen und den Gefühlen der anderen.

Mich hat der Bericht über dieses Interview insofern elektrisiert, als meine Sommerlektüre sich einer ähnlichen Thematik widmete. Es handelte sich dabei in der Tat um ein Sachbuch nämlich Ivan Illichs „Im Weinberg des Textes“. Illich, Philosoph und Theologe, Ex-Priester, prominenter Kritiker des Medizin- und Bildungssystems, Autor zahlreiche Streitschriften, Sympathisant der Befreiungstheologie, hat mich bereits im vergangenen Winter posthum mit einem faszinierenden Titel und einem ansprechenden Einband als Leser eingefangen. Oder war es der Verlag? Der damalige Titel hieß „In den Flüssen nördlich der Zukunft“,  ist so zu sagen Illichs Vermächtnis und basierend auf zahlreichen Interviews mit David Cayley. Er hielt, was er versprach. Beworben wurde er mit der Ankündigung,  Illich weise in den Gesprächen der westlichen Gesellschaft Korruption der christlichen Botschaft nach.

Vom „Weinberg“ wusste ich vor der Lektüre ein wenig mehr als zuvor über die „Flüsse nördlich der Zukunft“. Mir war bekannt, dass der Essay im Grunde eine Buchbesprechung ist, nämlich die des „Didascalicon“ von Hugo von St. Viktor, einem Autor aus dem frühen 12. Jahrhundert. Ich hatte gelesen, dass es sich um eine Handanweisung zur Kunst des Lesens handelt, die an Traditionen der klassischen Antike anknüpft. Aufgrund gelesener Rezensionen wusste ich, dass sich  der Vorsteher der Schule der Augustiner-Chorherren von St. Victor bei Paris zudem durch Gedanken zur „Entstehung des Selbst“ verdient gemacht hatte.  Mir war somit bewusst, dass ich mich auf eine Zeitreise begab und dass es galt, „schweren Tobak“ zu konsumieren: Lektüre für den Sommer zu Hause.

Illich verortet die eigene Studie des mittelalterlichen Textes in den Untertiteln nüchtern-sachlich in die „Zeit, als das Schriftbild der Moderne entstand“. Die weitere Einordnung als „Kommentar zu Hugos ‚Didascalicon‘ “ wirkt eher freundschaftlich-vertraulich. Die Einleitung beginnt er mit den Worten: „Dieses Buch erinnert an die Aufkunft des scholastischen Denkens“. Was trieb den Geistesvirtuosen Illich vor 20 Jahren, knapp 10 Jahre vor seinem Tod zu diesem Unterfangen? Oberflächlich gesehen sein Interesse an der Geschichte des Alphabets. Doch Illich wäre nicht Illich, wenn dies alles wäre. Denn Illich kann zumindest vom Anspruch her auch reißerisch-romantisch sein: „Was als Studie einer Technologie begonnen hatte, endete schließlich als neuer Einblick in die Geschichte des Herzens.“

Und diesen Einblick hatte sich Illich zum Zeitpunkt des Erscheinens des „Weinbergs“ bereits 40 Jahre lang gegönnt. Von wegen also vorrangig technisches Interesse an dem „Zeitpunkt, zu dem sich die Buchseite verwandelte und aus der Partitur für fromme Murmler der optisch planmäßig aufgebaute Text für logisch Denkende  wurde“, wie es auf dem Buchrücken heißt.

Illich will die Geschichte eines Umbruchs der Lesekultur erzählen, vom Beginn einer Epoche berichten, deren nahes Ende er wähnt. Dies verrät gleichfalls der Buchrücken. Die eigenen Studien sieht er als Teil eines akademischen Abenteuers. Dieses scheint dazu angetan, das Buch vor dem Bildschirm zu retten. Will er damit auch unsere Herzen retten? Das passende Forschungsprogramm beschreibt er wie folgt: „Und unser Nachdenken über das Überleben dieser Form des Lesens unter der Ägide des ans Buch gebundenen Textes brachte uns darauf, eine Studie der Askese zu beginnen, die der Bedrohung durch die Computer-Literalität ins Auge schaut.“

Was mag unseren Herzen aus seiner Sicht drohen, wenn wir uns der Bildschirm-Literalität hingeben? Die bange Frage sei erlaubt, denn immerhin hatte nach Illich das bibliophile Lesen Katholiken, Protestanten und assimilierte Juden, Kleriker und aufgeklärte Antikleriker zusammengebracht und Humanisten und Naturwissenschaftlern ein gemeinsames Grundverhalten ermöglicht. Zur Kultur des Buches habe – so zu sagen – das Motto ‚Lesen und Lesen lassen’ gehört. Illich wagt für die Ehrenrettung des in Buchform geschriebenen Wortes einen Sprung über 900 Jahre. Für ihn wiederholt sich in unserer Zeit etwas, was sich bereits vergleichbar ereignete, nämlich die Loslösung des Textes von der physischen Realität der Buchseite. Die Technologie dazu liefern ihm zufolge im zwölften Jahrhundert Papier und Alphabet. Das Buch wird tragbar, in den westlichen Schreibstuben werden 300 Jahre vor der Entdeckung der Buchdruckerkunst das Ordnen von Schlüsselwörtern nach dem Alphabet, das Sachregister und eine neuartige Gestaltung der Buchseite erfunden. Das neue Seitenbild, die Kapiteleinteilung, Distinktionen, das konsequente Durchnummerieren von Kapitel und Vers, die neue Inhaltsangabe für das ganze Buch, die Übersichten zu Beginn eines Kapitels, die dessen Untertitel benennen, die Einführungen, in denen der Autor erklärt, wie er seine Darlegungen aufbauen wird, sie alle sind nach Illich Ausdruck eines neuen Ordnungswillens. Doch nicht nur das. Illich interessiert sich zudem für den Einfluss, den die neuen Technologien auf die Geistesverfassung der Menschen hatten. Und er ist dem auf der Spur, was hinter diesen Veränderungen steckte, dem kulturellen Impuls und dem geistigen Zweck. Für ihn ist der Einfluss der Technologie nirgends so gut zu beobachten wie in der Erschaffung von alphabetischen Registern. Mit der „Aufkunft“ des Textes als sorgsam geordnetem Gegenstand werde in der Sozialgeschichte des Alphabets die Gebirgskette zwischen vortextlichem und textgeprägtem Lesen, Schreiben, Sprechen und Denken überwunden

Im Referenzzeitraum, dem ausklingenden zwölften Jahrhundert gehen laut Illich eingedenk der beschriebenen technischen Neuerungen alle anderen Verwandlungen rasend schnell: Das „Hörbuch“ verliert an Boden. Wer lesen kann, liest zunehmend leise. Sofortiger Zugang und sichtbare Anordnung fördern das visuell orientierte Verständnis. Aus dem monastischen Lesen wird das scholastische. Das fromme Leiern und Murmeln während des Lesens verstummt und mit ihm geht ein sozialer Hörraum verloren. Die Ohren des Lesers hören auf, das aufzufangen, was der eigene Mund äußert. Lippen und Zunge halten beim Lesen endlich still. Es ist Schluss mit der unmittelbaren Umwandlung der Buchstabenfolge in Körperbewegungen. Lesen ist nicht länger körperliche Höchstleistung, Inkorporation, leibliche Tätigkeit. Noch Hugos frommes Motto hatte  dagegen gelautet: „Lies die heilige Schrift und trachte, leibhaftig zu erfahren, was sie sagt.“

Wenig später ist individuelles Entziffern angesagt. Schleichend beginnt das, was Illich die Veränderung der Geistesverfassung nennt. Und schon bald wird der Leser seinen eigenen Verstand in Analogie zu einem Manuskript wahrnehmen. Das Lesen wird zu einem Hin und Her zwischen einem Selbst und einer Seite. Das Buch ist nicht länger Weinberg, Garten oder Landschaft einer abenteuerlichen Pilgerreise, sondern Schatzkammer, Mine, Vorratskammer, untersuchbarer Text.

Schon für die Autoren des späten zwölften Jahrhunderts sind Bücher nicht mehr Nahrung für die eigene Erbauung und Meditation, sondern Baustoff für die Errichtung neuer geistiger Gebäude. Der Autor mutiert vom Erzähler einer Geschichte zum Schöpfer eines Textes. „Mit der Lösung des Textes vom physischen Objekt, dem Schriftstück, war die Welt nicht mehr der Gegenstand, der gelesen werden sollte, sondern sie wurde zum Gegenstand, der zu beschreiben war.“ Klartext: Illich.

„Und endlich muss die ganze Welt zur Fremde werden für die, welche vollendet lesen wollen. Wie der Dichter sagt: Heimischer Boden zieht mit besonderem, süßem Gefühl an / Und läßt eingedenk seiner beständig uns sein.“ Originalton: Hugo von St. Viktor. Er formuliert eher vorsichtig, der Philosoph müsse lernen, diesen heimischen Boden zu verlassen. Schon forscher fordert er den Leser schon auf, sich dem Licht, das von der Buchseite ausgeht, auszusetzen. Und zwar, damit er sich selbst erkenne, sein Selbst anerkenne. Im Licht der Weisheit, das die Seiten zum Glühen bringe, werde das Licht des Lesers Feuer fangen und im Feuerschein werde er sich selbst erkennen.

Illich wähnt hierin die Entdeckung dessen, was wir heute „Selbst“ oder „Individuum“ nennen. Mit dem Geist der Selbstdefinition bekomme das Fremdsein einen neuen, positiven Sinn. Insbesondere letzteres scheint fraglich, denn das Bild von der Selbsterkenntnis im Feuerschein soll alsbald buchstäblich wirklich werden. Die Feuer setzen das Fremde jedoch der Vernichtung aus. Es glühen nicht nur Seiten. Hugos Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux hat zu den Kreuzzügen aufgerufen, die gemäß Illich in anderer Form, dem Ethos der Selbstentdeckung frönen, nämlich dadurch, dass „Menschen auf allen Ebenen der feudalen Hierarchie …  die gemeinsame Gedankenwelt verlassen, in der Identität dadurch entsteht, wie andere mich benennen und behandeln, und ihr Selbst in der langen Reise entdecken.“

Entdeckung des Selbst und alsbaldige Kreuzzüge. Ist dies ein historischer Zufall? Illich läßt dies unkommentiert. Stattdessen hebt er, eher technologisch betrachtet, eine Übereinstimmung zwischen der Entstehung des Selbst als Person und dem Abheben des Textes von der Seite hervor. Hugo, den „Entdecker des Selbst“ oder sollten wir ihn besser dessen Erfinder nennen, sieht er auf der friedfertigen und bodenständigen Seite. Dieser verlange vom Leser eben nicht, dass er seine Familie und seine gewohnte Umgebung verlasse, um von Ort zu Ort in Richtung Jerusalem oder Santiago zu wandern, sondern erwarte vielmehr, dass sich der Leser ins Exil begebe, um eine Pilgerreise durch die Seiten des Buchs anzutreten, so zu sagen, das Selbst am heimischen Herdfeuer zu entwickeln, lesend, im Kerzenschein statt brandschatzend.

Was gibt diese Analyse her für die Frage, was aus uns wird, wenn wir erst einmal, mit riesigen virtuellen Bibliotheken ausgerüstet, den Bildschirm absuchen – auf der Reise oder zu Hause? Was wird aus unserer Geistesverfassung? Wie aggressiv ist ein sich aus dieser neuen Lesart ergebendes Selbstgefühl? Was droht dem Selbsterleben mit der Vervielfältigung der Möglichkeiten? Was droht anderen von uns? Wie verändert sich unsere leibliche Leseerfahrung? Was tun die Hände, wenn sie keine Seiten mehr zum Anfassen, Umblättern und zum zärtlichen Glattstreifen haben? Was legen wir unters Kopfkissen? Wen oder was stellen wir ins Bücherregal?

Fragen über Fragen. Illich hält sich mit Antworten zurück. Vielleicht habe ich sie überlesen. Immerhin habe ich meinen Urlaub noch vor mir. Ich denke, ich nehme mal „Das lesende Gehirn“ von der Wolf mit. Vielleicht bergen die 350 Seiten Antworten. Voraussetzung ist allerdings, dass ich das Buch noch rechtzeitig kriege. Die Taschenbuchausgabe, die ich vorbestellt habe, sollte Ende August kommen.
Die Auslieferung verzögert sich laut email.
Ebook wär‘ wahrscheinlich schneller gegangen. Was soll‘s? Die Büchertasche ist eh schon fast voll. Die Schuhtasche allerdings auch – zum Wandern.
Ich bin dann mal weg.
Vielleicht lasse ich die Bücher auch zu Hause.
Gerade erfahre ich vom Vermieter des Ferienhauses, dass sich in diesem eine kleine Bibliothek befindet. Mit Romanen und Sachbüchern, die sich mit der umliegenden Gegend befassen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tale?

Bundesbank will Sarrazin rauswerfen

Sarrazin

Sarrazin muss nun wohl doch seinen Hut nehmen. Die Bundesbank will den Vorstand ablösen lassen.

Seine umstrittenen Thesen über ein zukünftiges Deutschland werden den Bundesbanker nun wohl sein Amt kosten. Der Vorstand beschlossen heute einstimmig, einen Antrag auf Abberufung zu stellen. Das letzte Wort hat nun Bundespräsident Christian Wulff, er muss dem Antrag noch zustimmen.

Die Stellungnahme der Bundesbank:

„Vorstand der Deutschen Bundesbank beantragt Abberufung von Dr. Thilo Sarrazin

Der Vorstand der Deutschen Bundesbank hat heute einstimmig beschlossen, beim Bundespräsidenten die Abberufung von Dr. Thilo Sarrazin als Mitglied des Vorstandes zu beantragen. Der „Corporate Governance“-Beauftragte der Deutschen Bundesbank, Professor Dr. Uwe Schneider, unterstützt diesen Antrag uneingeschränkt.“

Festival Prototypen:// findet statt

Es sah so aus als ob das Festival Prototypen:// in der Dortmunder Nordstadt wegen der Nazi-Demo angesagt werden würde. Das ist vom Tisch.

Unabhängig ob die Nazis am Samstag in Dortmund demonstrieren oder nicht: Protypen:// findet statt. Hier ein paar Infos über das Festival von den Machern sowie ein Programm.

Ein Multimedia-Festival ohne Strom aus der Steckdose – so lautet die Intention des bevorstehenden Projekts vom „Labsa e.V.“. Die Projektautoren und Künstler aus Dortmund möchte mit dem Prototypen:// Festival auf ein langfristig erfolgreiches Zusammenleben des Menschen mit seiner Umwelt aufmerksam machen. Internationale Künstler ( aus Polen, Dänemark, Ungarn und Deutschland) Wissenschaftler und Musiker werden dabei die zentralen Themen globale Energiewende, urbane AgrarKultur und künstlerischer Ausdruck im öffentlichen Raum beleuchten und Beispiele dafür geben, wie sich die Besucher aktiv daran beteiligen können. Von Sonnenaufgang des 4. September bis Sonnenaufgang des 5. September erwarten den Besucher neben Medienkunst, Konzerten und Theater auch Vorträge, Diskussionen und Workshops zum Thema Zukunft.
Der Eintritt auf das Gelände an der Münsterstraße in Dortmund ist kostenlos.

Was? Prototypen://  24-stündiges Multimedia-Festival ohne Strom aus der Steckdose
Wann? 24 Std. lang, von Sonnenaufgang des 4. bis Sonnenaufgang des 5.September 2010
Wo? gARTen an der Münsterstr. Ecke Mühlenstr., nahe Dortmund-Hbf
Mehr? www.labsa.de

Programmübersicht:

06.30 Uhr    Rosa Montana | Sun Yoga für alle | auf der Wiese
10.00 Uhr    Zamok Theater & Jugendlichen des Theater Lebendich |Parade|Innenstadt
10.30 Uhr    Felicity Management | Frühstücks-Matinee | Solar Lounge
ab11.30 Uhr  Maciek Łepkowski, Karolina Witowska | Micro Garden Workshop
Randolf Meyer-Grochowiak | Hochbeet-Workshop
Ulrike Fischer | Aktionskunst |auf der Wiese
12.30 Uhr    Palosanto | Musik | gARTen Bühne
13.30 Uhr    A. Schlumberger – Die Welt retten – kinderleicht | Vortrag | geplant
14.00 Uhr    Binaura | New Media Performance | auf der Wiese
ab14.00 Uhr bedingungsloses Grundeinkommen – Bürgerinitiative  Dortmund  Informationsgespräch | auf der Wiese
15.00 Uhr    rein | Konzert | gARTen Bühne
16.00Uhr     Manfred Linz – Wege zu einer sauberen Energie | Vortrag mit Diskussion | auf der Wiese

18.00 Uhr    Moondog Duo | Konzert | gARTen Bühne
19.30 Uhr    Zamok Theater | Straßentheater | auf der Wiese
20.30 Uhr    Akkustische Jam Sassion | Musik | gARTen Bühne
22.00 Uhr    Fremdform & Radioaisle | Installation & Konzert | auf der Wiese
23.00 Uhr    sweetSixteen Flimclub mit Terry Gilliams “BRAZIL” | 16mm Film | auf der Wiese
01.00 Uhr     L’esprit du temps | Konzert | Solar Lounge
ab 02.30 Uhr Thury Tonarm, Till, VJ Stroms | DJ Set | Solar Lounge
ab 6.00 Uhr  Jessy | Hang Drum Spiel | auf der Wiese

ganztägig
Binaura Performance | Interaktive Installation | ab 14.30 auf der Wiese
Prinzessin Linda Quinda | dokumentarisches Zeichnen – live | auf der Wiese
Irina Berginc | Mobile – Workshop | auf der Wiese
Kim Yasmin Siemon | Intervention im Raum & Workshop | auf der Wiese
Jessy | Massagen | Somnium Zelt
Somnium Traumzelt | Gelegenheit zum Ruhen | ab Sonnenuntergang im Somnium Zelt
Initiative Solarmobil Ruhrgebiet e.V. | Informationsgespräch | auf der Wiese
Ulrike Fischer | Aktionskunst | auf der Wiese

… und Gäste

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Polizei verbietet Nazi-Demo in Dortmund

Die Dortmunder Polizei hat die für Samstag geplante Nazi-Demo in Dortmund verboten. Das Rechtsrock-Konzert am Freitag soll allerdings stattfinden.
Soeben hat die Dortmunder Polizei die für Samstag geplante Nazi-Demo in Dortmund verboten. Polizeisprecher Peter Schulz sagte auf Nachfrage, dass der Grund die Festnahme eines 19jährigen Rechtsradikalen in Aachen gewesen sei. Schulz: „Von dem Mann geht eine erhebliche Gefahr aus.“ Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Vorbereitung eines Bombenanschlags vor. Der Festgenommene steht in Verbindung zur geplanten Nazi-Demo und war auch am Überfall auf das Szene-Lokal HirschQ vor wenigen Tagen beteiligt.
Auf den Nazi-Sites steht noch nichts davon, dass  Schritte gegen das Verbot geplant sind. Die Polizei geht allerdings letztendlich von einer richterlichen Entscheidung in letzter Minute aus.

Westfalen würden Nobbi wählen

Norbert Röttgen

Es riecht nach selbst gebratenen Frikadellen und Pomade. Zum ersten Rededuell um den Landesvorsitz der NRW-CDU kamen am Mittwochabend mehr als 800 Christdemokraten in die Stadthalle Münster Hiltrup. Die meisten sind über 60-jährige Männer in braunen Wildlederjacken. Könnten die Westfalen ihren neuen Landeschef alleine wählen, wäre Norbert Röttgen wohl das künftige Gesicht der CDU in Nordrhein-Westfalen. Das erste Duell mit Armin Laschet um den Vorsitz im größten Landesverband der CDU entschied der Bundesumweltminister für sich. Schon nach wenigen Worten erhielt Röttgen deutlich mehr Applaus als der ehemalige NRW-Integrationsminister. Röttgen gab präzisere Antworten und bezog klarer Stellung als sein Kontrahent und hatte den aufgeheizten Saal im Griff.

Nun haben Laschet und Röttgen noch einen Monat und sieben weitere Konferenzen Zeit, die 160 000 Mitglieder im Land zu überzeugen. Laschets stärkstes Argument ist seine Präsenz im Düsseldorfer Landtag. „Diese rot-grüne Minderheitsregierung ist so instabil, dass sie morgen zerbrechen kann. Ich bin 100 Prozent im Landtag,“ stichelte er in Richtung seines Berliner Kontrahenten.

Dem kontert Röttgen, er könne die Interessen zum Beispiel der notleidenden Kommunen in Berlin vertreten. „Die erste Aufgabe von uns ist es, die Düsseldorfer Regierung so schnell wie möglich beenden. Ich sage klar, ich möchte die kommende Landesregierung hier anführen“, sagte Röttgen.

Bislang scheint Laschets Strategie, sich die öffentliche Unterstützung der Funktionäre im Land zu sichern, nicht aufzugehen. Möglicherweise nimmt ihm die Basis seine Nähe zum abgewählten Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers übel. Der hatte in der kargen Mehrzweckhalle seinen ersten Auftritt nach der Schlappe im Mai, beschränkte sich aber darauf, als unparteiischer Moderator wortkarg auf der Bühne zu sitzen.

Rüttgers hatte sich vor mehr als einem Jahrzehnt selbst in Münster-Hiltrup der Basis gestellt – und am Ende ja bekanntlich gewonnen. Nun hat er die Landtagswahl nach nur einer Amtszeit verloren und wird den Parteivorsitz abgeben. Alle 160 000 Mitglieder an Rhein und Ruhr können bis zum 30. Oktober per Brief seinen Nachfolger wählen.

Inhaltlich waren die beiden Rheinländer Laschet und Röttgen auf einem Kurs: Beide finden Thilo Sarrazin und seine ausländerfeindlichen Thesen inakzeptabel, beide wollen verhindern, dass es eine Partei rechts der CDU gibt und natürlich befürworten sie den Mindestlohn in bestimmten Branchen, wollen eine christliche Politik durchsetzen und die rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen stellen. So suchen und betonen beide nur einen formalen Unterschied – der eine arbeitet eben in Berlin, der andere in Düsseldorf. Trotzdem gehören beide dem modernisierendem Flügel der Partei an und sind zum Beispiel für schwarz-grüne Bündnisse offen.

So ist das bürgerliche Westfalen eigentlich für keinen der beiden Großstädter ein Heimspiel. Hier sind die Kreisverbände von Bauern bestimmt, die Kirchen am Sonntag noch gefüllt und nicht selten ist der Schützenkönig auch Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes. „Warum haben wir nicht einen Handwerker an der Spitze im Land?“, fragt einer. Eine andere möchte die Landesmittel für Abtreibungen streichen, ein dritter die Zuwanderung stoppen.

Für die CDU-Basis war es die erste Gelegenheit zur Aussprache nach der verlorenen Landtagswahl im Mai. Sie kam auch zahlreicher als bei den meisten Veranstaltungen der CDU im verlorenen Landtagswahlkampf. Ein Fragesteller bezeichnet die Versammlung ironisch als „erweiterte Seniorenunion.“ Auch der Speisezettel war westfälisch auf sie abgestimmt. Es gab münsterländische Frikadellen und Pfefferbeißer. Mit Senf, aber ohne Brötchen.

Freude ist…wenn ein animiertes GIF von 2 x 1 m crasht…

P1030025crEs gibt ein festes Gesetz in Deutschland: Werbung ist erst dann gut, wenn sie nervt, ärgert, auf den Sack geht. Deshalb rülpst und gackert es im WWW auch auf den meisten Seiten in Flash.

Leider werden diese rüden Sitten inzwischen in das Offline-Leben übernommen – und da gibt es keinen Flash-Blocker. Aber manchmal zumindest einen ‚Browser-Crash‘.

Aus anderen Ländern kennt man die „Cannes-Rolle“ mit den lustigsten Werbefilmen. In Deutschland gibt es im Kino auch mal eine witzige Werbung, die meiste Werbung ist aber „für total Doofe“. Im Fernsehen genauso, es wird brüllend laut, man muß einfach sofort den Ton abstellen, damit einem nicht die Bücher aus dem Regal fallen und die Nachbarn die Bullerei holen.

Übers Radio schweigen wir besser, im Zeitalter der Stationstasten hilft hier eine schnelle Reaktion. Im Internet zappelt und röhrt es auch auf allen Seiten, „Flash“ heißt hier das Mittel der Qual.

„Holzmedien“ und Plakate sind dagegen immerhin noch statisch. Normalerweise.

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Leider auch nicht immer: Aus der Computerzeitschrift purzelt garantiert beim Einsteigen in die gerade noch erwischte U-Bahn ein 1&1-Einleger auf den Bahnsteig („Junger Maaaann! Sie haben gerade etwas verloren, würden Sie das bitte wieder aufheeeben?!!!i“). Und Plakate bewegen sich inzwischen leider auch. Vordergründig, um mehrere Werbeflächen verkaufen zu können – tatsächlch, weil Bewegung aufregt, alarmiert, zum Hingucken reizt. Deshalb sind bewegte Plakate an Straßen auch in Deutschland verboten.

Nicht so in Bahnhöfen. Wenn man so in Gedanken zum Zug rennt und sich plötzlich vor einem der Boden hebt, daß es einen vor Schreck fast hinlegt, so denkt man erst einmal an ein Erdbeben oder einen Bombenanschlag. Ist aber nur ein Plakat, das eine ganze Wandsäule bedeckt und gerade nach oben rollt. Nerv!

Ab und zu verheddert sich so ein Teil aber mal. Ist nämlich reine Mechanik, gepaart mit einer Menge an Leuchtstofflampen, bei der so manches Solarium vor Neid erblassen würde. Und dann ist Schluß mit der Großflächen-Animation – und es wird in den dunklen Gängen plötzlich taghell.

Leider gibt es keine (legale) Methode, diese Werbeplakate abstürzen zu lassen.

Aber immerhin die Freude, daß am nächsten Tag wieder eins gecrasht war – und diesmal auch die anderen mit anhielt:

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Der Ruhrpilot

Nazis: U-Turm protestiert am Samstag gegen Nazis….Der Westen

Nazis II: Eskalation zwischen Nazis und Autonomen verhindert…Ruhr Nachrichten

Nazis III: Dortmunds Polizei verbietet Samstag-Nazi-Demo…Der Westen

Loveparade: Krieg der Gutachter…Der Westen

NRW: Kampf um die Führung der NRW-CDU…Stern

NRW II: CDU-Mitglieder zum Schlagabtausch…Kölnische Rundschau

NRW III: Zukunft. Röttgen…Dirk Schmidt

NRW III: Grüne wollen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) zustimmen…Pottblog

NRW IV: Grüne tragen “Schwarz-Gelbe Altlast”…Netzpolitik

Ruhrgebiet: Der letzte macht das Licht aus…Bottblog

Ruhr2010: Brüche und Vitalität der Metropolen Istanbul|Ruhrgebiet…Hometown Glory

Ruhr2010 II: Kunstpfad Ruhr – So ganz habe ich es noch nicht verstanden…Zoom

Bochum: NPD-Landeschef nicht länger Fußball-Jugendbetreuer…Dattelner Morgenpost

Essen: Neues RWE-Stadion soll 20.000 Fans fassen…Der Westen

Essen II: Alternative Szene feiert bei „Essen originell“…Der Westen

Gladbeck:…verschwindet von der Landkarte…Der Westen

Debatte: Sarrazin bei Plasberg…DL

Debatte II: Sarrazin lenkt vom Versagen der Oberschicht ab…Frontmotor

Debatte III: Der jüdische Genpool…Achse des Guten

Wirtschaft: Insolvenzverwalter setzt Karstadt-Vermieter unter Druck…Zeit

Wirtschaft II: Großmann baut RWE um…Handelsblatt

Vorbild Sarrazin

Seit einigen Tagen schockt Thilo Sarrazin die Republik. Nahezu geschlossen fordern Vertreter der etablierten Parteien und Zeitungs-Kommentatoren seinen Rücktritt als Vorstand der Bundesbank. In der Bevölkerung kann Sarrazin aber auf eine breite Unterstützung bauen.

Laut einer vom Nachrichtensenders N24 in Auftrag gegebenen Emnid-Umfrage lehnen 35 Prozent seine Thesen zwar ab, allerdings stimmen 30 Prozent der Befragten diesen zu. Noch deutlicher wird das Votum der Zuschauer von ProSieben und Sat.1.

Die beiden Sender veröffentlichen auf ihren Videotext-Seiten Umfragen die bedenkliches zu Tage fördern: Demnach geben 94,5 Prozent der Sat.1-Zuschauer Sarrazin mit seinen Thesen Recht. Nur ein verschwindend kleiner Teil stuft seine Äußerungen als „gefährlich“ oder „unsinnig“ ein.

Wer nun glaubt, die Zuschauer stammen aus dem rechten Spektrum, der hat sich getäuscht. Der Ted-Umfrage zufolge wählen über 60 Prozent der TV-Konsumenten von Sat.1 SPD, Linkspartei oder die Grünen.

Nicht viel besser sieht es bei ProSieben aus. 77,9 Prozent sehen dort Sarrazin sogar als Vorbild und 16,8 Prozent als „mutigen Mann“. Als Spalter (1,5 Prozent), Populist (0,3 Prozent) oder Hetzer (3,4 Prozent) bezeichnet ihn nur eine Randgruppe.

Die TV-Umfragen lassen sicherlich nur begrenzt Rückschluss auf die tatsächliche Meinung der breiten Bevölkerung zu, aber sie geben ein Stimmungsbild wieder. Und immerhin haben mit 5333 (Stand 21 Uhr) Stimmen fünf Mal mehr Leute ihre Meinung abgegeben als bei der Emnid-Umfrage.

Sollte Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ nicht nur schnell Kasse machen wollen (bei Amazon Platz eins), sondern auch politische Ambitionen hegen, dann wird es kalt in Deutschland.

Einundzwanzig Tote, Null Verantwortliche

Eine Tragödie ohne Schuldige?

Dieses bezahlte Urteil konnte nur ein Freispruch sein: Sechs Wochen nach der für 21 Menschen tödlich endenden Loveparade hat die Stadt Duisburg ein Gutachten zu ihrer Entlastung vorgelegt. Die Düsseldorfer Kanzlei Heuking sollte prüfen, ob in der Verwaltung Fehler gemacht wurden. Am Mittwochnachmittag zogen  die Juristen das vorhersehbare Fazit: „Die Stadt Duisburg hat ihre Amtspflichten beachtet und keine juristischen Fehler begangen.“

Wochenlang hat die Stadt Duisburg geschwiegen, nun sollten Juristen ihre Weste weiß waschen. Laut Anwältin Ute Jasper hätten diese „stur chronologisch die Sachverhalte geprüft“. In erster Linie hätten sie sich dabei auf Aussagen der Mitarbeiter verlassen. „Wir prüfen nicht, wer letztendlich Schuld war am tragischen Unglück,“ so Jasper. Sie hätten nur analysiert, ob formale Fehler begangen wurden.

Offenbar wollte die Stadt Duisburg nun in die Offensive gehen. Schließlich hatten die beiden anderen Beschuldigten der Tragödie, die Polizei und der Veranstalter Lopavent, schon über zahlreiche Medien ihre Unschuld versucht zu beweisen. Lopavent-Chef Rainer Schaller stellte Anfang der Woche Videoaufnahmen online, nach denen die Polizei für die tödliche Massenpanik im Tunnel verantwortlich sein soll. Sie hatte drei Ketten gebildet, die letztendlich den verheerenden Stau auf den Zugangswegen verursacht haben könnten.

Inzwischen stehen sich über die Loveparade drei widersprüchliche Gutachten gegenüber. Sie betonen jeweils die Unschuld ihrer Mandanten. Nur wenige Stunden vor der Duisburger Konferenz hatten Bonner Verwaltungsrechtler am Mittwochmorgen im Auftrag des nordrhein-westfälischen Innenministeriums ihrerseits ein Gutachten vorgestellt, nach dem die primäre Verantwortung für die Sicherheit auf der Loveparade beim Veranstalter Lopavent lag. Die Juristen kritisieren etwa, dass in dem von Lopavent vorgelegten Sicherheitskonzept weder eine Mindestanzahl der Kräfte des Ordnungsdienstes, noch die Sicherheitsdurchsagen festgelegt sind. Gleichzeitig weisen die Bonner Juristen der Stadt Duisburg die „allgemeine und übergreifende Zuständigkeit für die Sicherheit der gesamten Veranstaltung“ zu.

Vorhersehbar widerspricht die Kanzlei Heuking. „Die Stadt hat nicht die allgemeine Verantwortung für das Sicherheitskonzept“, betonte Jasper. Nicht beantworten konnte die Verwaltungsexpertin allerdings die Frage, wer am Tag der Loveparade die verhängnisvolle Stauung im Tunnel hätte verhindern müssen. Zwar sei in einigen Szenarien vor der Veranstaltung immer wieder betont werden, eine Stauung im Tunnel unbedingt zu verhindern. Und selbst nach diesem Gutachten hätte die Stadt als Ordnungsbehörde in einer Telefonkonferenz die Sperrung der Zugangswege bei einer drohenden Stauung veranlassen müssen. „Über die möglichen Telefonate liegen uns aber keine Informationen vor“, so Jasper. Warum ausgerechnet hier, am entscheidenden Punkt der Tragödie, nicht genauer überprüft wurde und er auch nicht in dem mehrere hundert Seiten dicken Gutachten erwähnt wird ist schleierhaft. Ohnehin steht die Kanzlei im Verdacht, der Stadt nahe zustehen: Seit Jahren erhält sie lukrative Aufträge der Kommune.

Der umstrittene Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) ließ sich in dem Konferenzsaal erst gar nicht blicken. Er wird am Donnerstag im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtages berichten. Hier wiederum wird Veranstalter Rainer Schaller nicht anwesend sein: Er bleibt die parlamentarische Aufklärung schuldig. Erst in letzter Sekunde hat er seinen Auftritt in der Fernsehsendung Kerner abgesagt, weil der „Druck“ zu groß gewesen sei. Knapp sechs Wochen nach der verheerenden Katastrophe ist niemand bereit, Verantwortung zu übernehmen.