#Peking2022: Der Traum von einer Trendumkehr beim Gigantismus und Kommerz im Sport

Olympische Ringe. Quelle: Wikipedia; Lizenz: gemeinfrei

Dass sich die Interessen der Bürger dieses Landes in  Bezug auf den Sport als etabliertem Unterhaltungsprogramm seit längerem massiv verschieben, haben wir hier im Blog in den vergangenen Monaten und Jahren ja schon häufiger diskutiert.

Viele Menschen haben ihre Begeisterung für den Profifußball inzwischen ein Stück weit verloren. Darüber kann auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass Borussia Dortmund seine inzwischen wieder erlaubten 10.000 Tickets für das am Sonntag anstehende Heimspiel im Westfalenstadion gegen Bayer 04 Leverkusen offenbar binnen 15 Minuten verkauft hatte.

Das deutlich nachlassende Interesse der Öffentlichkeit betrifft auch die Olympischen Spiele in Peking, die heute offiziell eröffnet werden. War es bei den vergangenen Winterspielen immer noch so, dass sich das Thema für einen als Sportfan irgendwann automatisch ergab, schlicht weil einen Leute im Bekannten- und Freundeskreis irgendwann von alleine auf die anstehenden Wettbewerbe ansprachen, ihre Freude und Erwartung kundtaten, waren die anstehenden Spiele von Peking aus völlig anderen Gründen bei vielen ein großes Gesprächsthema. Und um Sport ging es dabei eigentlich nie.

Und tatsächlich, es gibt, spricht man über Peking 2022 so viele andere Dinge, die einen beschäftigen, da fällt der Sport fast hinten runter. Die Veranstaltungen in China, sie interessieren die Leute (bislang zumindest) aus übergeordneten Gründen: Die Corona-Problematik, das Regime in Peking, die Politik des IOC, der Gigantismus bei der Errichtung der Wettkampfstätten usw. … All dies scheint Menschen in diesem Jahr deutlich mehr zu interessieren als der Sport . Und dafür gibt es viele gute Gründe.

Dabei sind die meisten Kritikpunkte, abgesehen von Corona, eigentlich auch bei den vergangenen Olympischen Spielen stets vorhanden gewesen. Deutliche Kritik am IOC gibt es schon seit Jahrzehnten. Auch dass die örtlichen Regierungen solche Mammutveranstaltungen gerne dazu benutzen um sich in ein positives Licht setzen zu wollen ist nicht neu. Häufig schon wurden Umweltschützer aktiv, weil solche Einmalevents die Natur in den Gastgeberregionen unverhältnismäßig zu belasten drohen. Und doch war die Stimmung vor dem Start einer solchen Veranstaltung wohl noch nie so ‚schlecht‘, wie diesmal.

Unsere Gesellschaft, sie verändert sich offenbar. Viele von uns schauen inzwischen deutlich kritischer auf solche Veranstaltungen, nicht nur im Sportbereich. Würden wir hier jetzt eine Diskussion darüber starten, welche Punkte der Kritik an den Olympischen Winterspielen 2022 berechtigt ist, und welche vielleicht übertrieben oder gar naiv ist, wir würden schnell ein nettes Durcheinander bekommen. Dessen bin ich mir sicher.

Einig dürften sich die meisten hier hingegen darüber sein, dass sie sich nicht wirklich (oder zumindest deutlich weniger als früher) auf die Wettbewerbe in den kommenden Wochen freuen.

Und das macht die Dinge dann doch schwierig für die Veranstalter und Planer solcher Events und schlägt zugleich auch eine Brücke zurück zu uns hier im Lande und zum Beispiel zur Fußball-Bundesliga, die sich aktuell ebenfalls in einer kritischen Phase befindet, sich gegen Kritik aus diversen Richtungen zur Wehr setzen muss.

Das Alles nur auf Corona und die Auswirkungen der Pandemie zurückführen zu wollen, dürfte zu einfach gedacht sein, wenn es sicherlich auch ein wichtiger Faktor der offenkundig aufziehenden Krise in der Veranstaltungsbranche ist.

Die Gesellschaft entwickelt sich offenbar in eine deutlich kritischere Richtung, in der Fans, Zuschauer, Kunden, wie immer man sie auch bezeichnen mag, mehr über die grundsätzlichen Entwicklungen nachdenken und nicht mehr so leichtfertig und unreflektiert solche Veranstaltungen besuchen und beklatschen. Und das macht Hoffnung.

Das Ergebnis einer dauerhaft abnehmenden Begeisterung für solch hochkommerzielle, extrem politisch ausgenutzte und sogar massiv Gesundheit und Natur gefährdende Veranstaltungen könnte nämlich irgendwann zu einer echten Trendumkehr in der aus Sicht vieler negativen Entwicklung  im Sport der vergangenen Zeit führen.

Zugegeben, um die Strukturen des IOC oder der DFL wirklich spürbar zu verändern, muss der Druck auf die Mächtigem im Sport wohl erst noch ein ganzes Stück weit weiter wachsen. Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen… 😉 Und der Anfang, er scheint zumindest gemacht zu sein.

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3 Kommentare

  1. #1 | Richard Heller sagt am 5. Februar 2022 um 18:30 Uhr

    Die sinkende Sportbegeisterung für große Sportereignisse bei uns (bzw. die Einkehr des Realismus) kann man an der Entwicklung der Begeisterung für Olympische Spiele im eigenen Land ablesen.

    Zum letzten Mal waren die Beglückten einer Olympiabewerbung im Jahr 2003 so richtig begeistert, als sich Leipzig entschlossen hatte, sich für die olympischen Sommerspiele 2012 zu bewerben. Ich möchte hier nicht darüber raisonnieren, was letztlich zum ziemlich frühen Misserfolg der Bewerbung führte (Logistik, peinliche Berufung auf die Montagsdemonstrationen 1989, Stasiverdacht gegen maßgebliche Figuren, Korruptions- und ähnliche Vorwürfe), denn es kommt auf die tatsächlich noch vorhanden gewesene Begeisterung der örtlichen Bevölkerung an.

    Das Gegenteil von Begeisterung war bei NOlympia zu sehen, eine Initiative, die sich 2010 gegen die Bewerbung von München für die olympischen Winterspiele 2018 wandte. Der Widerstand ging nach meiner Erinnerung vor allem von Garmisch-Partenkirchen aus, also dem Ort, wo die Spiele tatsächlich überwiegend stattfinden sollten. Bekanntlich ist das Münchner Stadtgebiet mit beeindruckenden Nordwänden nicht besonders reich gesegnet, ja, nicht einmal mit nennenswerten idiotenhügeln.

    2013 hat man es für 2022 (zur Erinnerung: diese jetzigen Spiele) nochmal versucht, ist allerdings schon in Abstimmungen vor Ort untergegangen.

    Als sich Berlin und Hamburg 2015 für die olympischen Sommerspiele 2024 bewarben war die Begeisterung nicht mehr so recht da. In Hamburg hat man in einer Umfrage immerhin eine überwiegende Zustimmung für die Bewerbung ausgemacht, während für Berlin eine "ambivalente" Stimmung ausgemacht wurde. Der Berliner Slogan "Wir wollen die Spiele" entsprach dann auch eher dem Pfeifen im Wald.

    Man hat einfach gesehen – auch am Beispiel Athen 2000 – dass nicht derjenige kassiert, der vorher gezahlt hat. Und mit dem Gigantismus im Sport muss der Ort und dessen Umgebung zahlen. Man versuche mal eine Bewerbung folgenden Umfangs abzugeben: In unserer Großstadt haben wir Anlagen, auf denen wir auch die Leichtathletik-WM veranstalten können, am Stadtrand haben wir eine Batze mit 'nem Zehnmeter und 'nem 50-m-Becken, und die Segel- und Ruderwettbewerbe können wir in der Kieler Förde abhalten. Busse und Bahnen gibt es auch. Ich glaube, das Lachen des IOC könnte man bis Narvik hören.

    Es soll ja schon bisher Schwierigkeiten gegeben haben, Bewerber aus demokratischen Staaten zu finden. Die Leute sind ja nicht blöd. Bleiben nur noch Diktaturen (oder "gelenkte Demokratien"), in denen solche Großveranstaltungen noch möglich sind. Also: Entweder nicht mehr an olympischen Wettbewerben teilnehmen oder die örtlichen politischen Gegebenheiten hinnehmen. Und das dauerhaft in den nächsten Jahrzehnten.

  2. #2 | Walter Stach sagt am 6. Februar 2022 um 18:07 Uhr

    Robin,
    mein ohnehin geringes Interesse an sog. Winterolympiaden ist zur Zeit gleich Null. Gibt es schon ersten Daten zum Interessen weltweit? Es kann ja sein, daß ich "die " Ausnahme bin.

    PS
    Und "unser" BVB…..2:5 gegen Leverkusen.
    Für mich kein überraschendes Ergebnis. Ich hatte auf ein Unentschieden gehofft, aber 1.4 getippt.
    Und nun….?????

  3. #3 | Robin Patzwaldt sagt am 6. Februar 2022 um 19:05 Uhr

    @Walter: Zum Glück war ich an diesem Wochenende intensiv mit Eishockey beschäftigt. So musste ich mich nicht allzu sehr über den scheinbar unbelehrbaren BVB ärgern. 😉

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