Warum in der Debatte um den Westend Verlag alle es richtig gemacht haben


Julian Reichelt in der WDR-Sendung „Maischberger“ am 7.11.2018 Foto: Superbass Lizenz: CC BY-SA 4.0


Grad wird groß diskutiert über das Weggehen mehrerer Autoren vom Westend Verlag. Da wären Bücher erschienen, die wohl mit dem eigenen Gewissen nicht vereinbar waren. Dabei sagt das Verlagsprogramm viel über das Gewissen aus und vor allem stellt sich die Frage: Warum erst jetzt? Von unserem Gastautor Thomas Müller.

Ulf Porschardt und Wolfgang Kubicki, ja das hat man im Namen der Meinungsfreiheit noch geduldet (wie großzügig von denen, die jetzt den Verlag verlassen haben). Ein Problem hatte man offenbar nicht mit Büchern von Albrecht Müller (Gründer der NachDenkSeiten) oder dem Buch „Wir sind die Guten“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer. Das Werk wurde explizit als „Ansichten eines Putinverstehers“ vermarktet und man ahnt schon, was man da alles zu lesen bekommt, wenn man sich mit den sonstigen. Mit Norman Paech hatte man zudem einen Autor im Sortiment, der seit Jahren durch radikal antiisraelische Positionen auffällt.

Eine derer, die gegangen ist, Ulrike Hermann, war Gast beim Hamasversteher Thilo Jung und auch das gab keine große Resonanz, auch dazu, dass  Thilo Jung wegen ständiger Genozidbehauptungen, die ja sogar der ICC nicht belegen kann, aufstellt und dafür in derselben Sendung angegangen wurde. Frau Herrman verließ für diese Zeit das Studio, wohl weil es da mit Haltung zeigen für sie nicht so drauf ankam.

Immerhin: Matthias Meissner schrieb einen Artikel zu dem Vorfall und der Vorgeschichte des Verlags – war aber wohl der Meinung, dass auch Daniel Bax in einer Reihe mit anderen Autorinnen und Autoren zu nennen kein Problem darstellt. Dass Daniel Bax nun regelmäßig in der taz seine Haltung zu Israel und Nahost ungestraft verbreiten darf, obwohl auch er der Meinung ist, man dürfe das in Deutschland nicht, scheint da ja egal zu sein. Das Medium bei dem der Artikel erschien, hat übrigens Herrman auch aus derselben Sendung zitiert, bei der es zum Eklat über den Genozidbegriff kam. Nein, doch, oh!

Problematische Positionen zu Russland, Corona oder Israel im Umfeld des Verlags störten offenbar niemand. Erst mit Reichelt wurde plötzlich eine moralische Grenze gezogen. Das wirft die Frage auf, ob bestimmte antiwestliche oder israelfeindliche Narrative in Teilen des linksliberalen Milieus deutlich tolerierter sind als rechte Provokationen — selbst dann, wenn beide Seiten mit Polarisierung arbeiten.

Im Grunde kann man statt eines Skandals von einer Win-Win Situation sprechen: Leute, die öffentlichwirksame Haltungssymbolik zum Geschäft gemacht haben, haben Aufmerksamkeit, der Verlag ebenfalls und das Buch von Reichelt wurde gleich mitbeworben. Und der Verlag scheint auch nicht so groß Anstoß am Weggang zu nehmen, Haltungssimulationsbücher scheinen doch nicht der Renner zu sein, dass man mit Krawallbüchern wie links-deutsch deutsch-links von Reichelt mehr verdienen kann, dass solche Millieus Reichelt auch mehr Steilvorlagen liefern, als ihnen lieb sein kann, ist ein anderes Thema.

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