Techniker Krankenkasse lässt Versicherte für anthroposophische Pseudomedizin bezahlen
Die „Techniker Krankenkasse“ (TK) will ab 1. Januar 2012 die Kosten für homöopathische, pflanzenheilkundliche und anthroposophische Medikamente erstatten. Gastautor Martin Ballaschk kommentiert die Entscheidung.
Prof. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, forderte im Sommer 2010: „Man sollte den [Kranken-] Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen“. Sein Argument: „Viele Patienten glauben, die Kassen zahlen nur das, was auch nachweisbar hilft. Deshalb adeln die Krankenkassen mit ihrem Vorgehen die Homöopathie.“ Patienten wird durch die Kostenübernahme eine Wirksamkeit vorgetäuscht, wo keine ist: Die Homöopathie ist längst als pseudowissenschaftliches Konzept entlarvt, von dem sich nichtsdestotrotz eine milliardenschwere Industrie ernährt.
Nun hat die Techniker Krankenkasse entschieden, ab dem 1. Januar 2012 „die Kosten für nicht verschreibungspflichtige, aber apothekenpflichtige Arzneimittel der Homöopathie, der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) und der Anthroposophie“ zu übernehmen.
Können Homöopathika und anthroposophische Heilmittel überhaupt als „Medikament“ bezeichnet werden, wie es die Techniker Krankenkasse tut? Die Homöopathie versucht sich seit 200 Jahren vergeblich an einem Wirksamkeitsnachweis, und die Anthroposophie hat sich ein gescheiterter Philosoph namens Rudolf Steiner ausgedacht.
Rudolf Steiner (1861–1925) war ein populärer Scharlatan und größenwahnsinniger Sektenführer, dessen „Anthroposophie“ so gut wie keinen Lebensbereich unberührt lässt. Seine Heilslehre, die in Anthroposophenkreisen auch irreführend als „Geisteswissenschaft“ bezeichnet wird, gründet sich praktisch vollständig auf den hellseherischen Eingebungen Steiners. Neben bio-dynamischem Gemüse, Heileurythmie und Waldorfschulen haben wir ihm so auch eine anthroposophische „Medizin“ zu verdanken. Das typische anthroposophische Heilmittel ist oft homöopathischen oder pflanzenheilkundlichen Charakters und wird mit einem überdeutlichen Hinweis auf das „Sanfte“ – da „Natürliche“ und „Ganzheitliche“ – vermarktet. Während Homöopathika überwiegend bei Bagatell-Erkrankungen eingesetzt werden, ist bis heute eine anthroposophische Krebstherapie mit Mistelextrakten etabliert, deren Nutzen bestenfalls ungewiss ist.
Wer noch nicht die bizarren Vorstellungen der anthroposophischen Medizinwelt kennt, sollte einen Blick in Rudolf Steiners umfangreichen schriftlichen Nachlass werfen, in dem man Aussagen findet, die von einem zutiefst menschenverachtenden Weltbild zeugen. Krankheit und Schmerz werden von Steiner und linientreuen Anthroposophen als etwas Gutes verstanden: Sie formen den Menschen, machen ihn menschlicher und seien unverzichtbarer Bestandteil seiner Entwicklung. Diese sei besonders im Kindesalter wichtig, damit Körper und Seele später gut zusammenpassen, fassen es die anthroposophischen Mediziner Michaela Glöckler und Wolfgang Göbel in ihrem Buch „Kindersprechstunde“ (Urachhaus, 2006) zusammen:
„Im Unterschied zum Menschen ist es dem Tier nicht möglich, durch Leid und Schmerz Erfahrungen zu sammeln, die sein Lebens bereichern und ihm eine neue Entwicklungsrichtung weisen können. [...] Der Mensch hingegen kann immer „noch menschlicher“ werden und sich zeitlebens weiterentwickeln. Dabei sind ihm Schmerz und Tod weckende Begleiter. [...] Insbesondere in der Kindheit geht es darum, wie sich das seelisch-geistige Wesen des Kindes in seinem Körper „inkarniert“ und sich darin „zu Hause“ fühlen lernt.“ (Seite 173)
Die Ursache von Krankheit soll man in Vergehen in früheren Leben suchen, schließlich würde nach dem Tod das Schicksal für ein neu reinkarniertes Erdenleben bestimmt. Krankheit reinige das Karma und man wäre ganz allein daran schuld, wenn man krank wird oder als Behinderter eine „Trottelinkarnation“ ist.
In der Konsequenz werden auch Impfungen von vielen Anthroposophen abgelehnt, man will den Sprösslingen ja keine wichtige entwicklungsfördernde Krankheit vorenthalten. Waldorfschulen und -Kindergärten sind daher bekannt als Brutstätten für die immer wieder aufflammenden Masernepidemien in Deutschland, die Durchimpfungsraten liegen hier weit unter dem Durchschnitt. Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern können schwerste Komplikationen – bis hin zum Tode – nach sich ziehen.
Das alles begründet sich auf Eingebungen des selbst ernannten Hellsehers Rudolf Steiner, der behauptete, in der „Akasha-Chronik“, einem „Geistigen Weltengedächtnis“ und im „Äther“lesen zu können. Mit Steiners Hellsichtigkeit war es allerdings nicht weit her, wie der Philosophieprofessor Sven Ove Hansson anhand einiger Beispiele belegen konnte. So prophezeite Steiner, dass das von ihm heiß geliebte Quecksilber bald eine Renaissance als Heilmittel bevorstehe:
„Und in bezug auf diese Wirkung des Quecksilbers bei syphilitischen Erkrankungen muß man ja auch erwähnen, daß in der neueren Zeit vieles an die Stelle von Quecksilber gesetzt worden ist. Die berühmten neueren Mittel, die an die Stelle gesetzt worden sind, sind aber durchaus erkannt, auch heute schon, in ihrer nicht ganz einwandfreien Wirksamkeit, und sehr bald wird die Medizin auch auf diesem Gebiete wiederum zu den Quecksilberkuren zurückgegangen sein.“ (GA 348, Dornach 1928)
Die Wiederkehr der Quecksilberkuren blieb bekanntermaßen aus.
So viel zur anthroposophischen „Medizin“. Zurück zur Techniker Krankenkasse: Vor welchem gesetzlichen Hintergrund fiel deren Entscheidung? Im Rahmen des sogenannten „Binnenkonsenses“ werden anthroposophische Heilmittel, wie auch Homöopathika, als „besondere Therapieeinrichtung“ anerkannt und müssen damit keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen, sondern lediglich registriert werden. Die Hersteller entscheiden de facto über die Wirksamkeit, ganz im Sinne eines Wissenschaftspluralismus, und im Widerspruch zu den Ansprüchen einer solidarisch finanzierten Krankenbehandlung, die sich grundsätzlich nur auf einen fassbaren Wirksamkeitsnachweis stützen kann.
Warum übernimmt die Techniker Krankenkasse die Kosten für so einen ausgemachten Unsinn? Handelt es sich um eine reine Werbeaktion? Nach Karl Lauterbachs Forderung, die Homöopathie abzuschaffen, stiegen sowohl Krankenkassen, als auch Pharmakonzerne auf die Barrikaden. Man sah sich plötzlich im Wettbewerb bedroht, und wies darauf hin, dass „Zehntausende mit der Homöopathie gute Erfahrungen gemacht haben“. Die Techniker Krankenkasse bekannte damals unumwunden: „Rund ein Fünftel unserer Beitragszahler verdienen so viel, dass sie zu einer privaten Kasse wechseln könnten. Wenn wir diese Gruppe im System der gesetzlichen Krankenversicherung halten wollen, müssen wir dafür auch etwas bieten.“
In Zeiten der gesetzlich festgelegten Regelsätze sind diese Angebote also ein willkommenes Mittel der Kassen, ihre Patienten zu halten oder von anderen gesetzlichen Kassen abzuwerben. So scheint es auch die Techniker Krankenkasse mit dem Hokuspokus nicht ganz ernst zu meinen, denn pro Versichertem ist der Erstattungs-Höchstbetrag auf 100 Euro im Kalenderjahr begrenzt. Allerdings werden die alternativmedizinischen Leistungen nicht mehr, wie bisher, durch den eigens erhobenen Zusatzbeitrag gedeckt, sondern als Satzungsleistung von allen Versicherten getragen. Während vorher jeder Einzelne für sich entscheiden konnte, Pseudomedizin zu nutzen und zu finanzieren, wird dies nun auf die Gesamtheit der Versicherten abgewälzt.
Zum Autor: Martin Ballaschk ist Biologe und studierte an der Universität Potsdam. Derzeit arbeitet er an seiner Dissertation an der Freien Universität Berlin und am Leibniz-Institut für molekulare Pharmakologie. Martin Ballaschks Blog „Detritus“ befindet sich bei den SciLogs – den Wissenschaftsblogs des Spektrum-Verlags.
Ruhrbarone zu Anthroposophie, Pseudowissenschaft und Waldorfpädagogik – eine Auswahl:
Waldorfschule: Physik vom Hellseher – Dr. Detlef Hardorp erklärt Rudolf Steiner zum eigentlichen Entdecker der Quantenphysik, von Dr. Tobias Maier
Waldorfschule: Prof. Peter Loebell verkauft Rudolf Steiners Jahrsiebte – über den esoterischen Ursprung der „Jahrsiebte“ und das falsche Etikett „Wissenschaft“
Waldiwissenschaft: Lorenzo Ravagli an der Privatuniversität Witten/Herdecke – über die Umdeutung von Rudolf Steiners Rassismus in Humanismus
Waldorfschule: Vorsicht Steiner – Interview mit Andreas Lichte
Waldorfschule: „Man kann nicht nur ein »bisschen« Waldorf sein“, Interview mit Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien







#101 | Frau Rose sagt am 2. Januar 2012 um 16:39
Ich bin ja sehr verwundert, dass heute schon den ganzen Tag eine Yoga-Werbung
auf diesem Blog zu sehen ist, wenn man von Ayurveda usw. usw. nicht viel hält.
Da passt m.E. etwas nicht zusammen…aber für die Werbung gibt’s ja Geld.
#102 | Stefan Laurin sagt am 2. Januar 2012 um 16:52
@Frau Rose: Die Werbung wird via Google eingespielt.
#103 | Frau Rose sagt am 2. Januar 2012 um 17:01
Herr Laurin, dies weiß ich und dennoch passt es nicht – wie ich finde &
unabhängig von dem Distanzierungspassus im Impressum.
#104 | Werbung für die Sekte sagt am 2. Januar 2012 um 17:01
“Waldorfschule für alle? – Sekte für alle?”
http://www.publikative.org/2011/12/06/waldorfschule-fur-alle-sekte-fur-alle/
#105 | Sven sagt am 2. Januar 2012 um 17:04
@Frau Rose:
Scheinbar haben Sie das Problem nicht verstanden.
Wenn jemand Yoga mag (was ja auch aus gesundheitlichen Gründen große Vorteile hat), Ayurveda macht oder seine Erkältung durch auflegen von heißen Nudeln heilen möchte – kein Problem. Solange er es selber bezahlt.
Es geht einfach darum, dass eine Krankenkasse Mitgliederbeiträge für etwas raushaut, für das es keinerlei Wirkungsnachweis gibt (und damit meine Beiträge verschwendet).
Wenn ich erkältet bin, hilft mir ein großzügiger Schluck Whiskey. Am nächste Tag geht es mir super. Auch das zahlt die Krankenkasse nicht. Daher will es vielen Leute – inkl. mir – nicht in den Sinn, dass die TKK und andere Kassen nur um mehr Mitglieder zu locken solche Sachen von meinen Beiträgen zahlt
#106 | Jens sagt am 2. Januar 2012 um 17:18
@Frau Rose:
Eigentlich zeigt genau das die Unabhängigkeit der Ruhrbarone.
#107 | heilewelt sagt am 3. Januar 2012 um 22:43
Lieber Buchstabentänzer, Oberlehrer und Retter der missbrauchten Beitragszahler. Machen Sie doch erst mal Ihre Hausaufgaben. Es heißt TK und nicht TKK.
#108 | Dr. Jekyll sagt am 4. Januar 2012 um 09:10
“Es heißt TK und nicht TKK” – Danke für die Klarstellung, wer Beihilfe leistet, zu den von Anthroposophen verursachten
“… jährlich Tote und tausende Kranke durch Masern!”
http://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2011/12/21/dank-steiner-waldorf-verdummung-jahrlich-tote-und-tausende-kranke-durch-masern/
#109 | MiJrgens6302 sagt am 5. Januar 2012 um 02:20
Was haben sie gegen Kräuterkunde? Ihnen sollte bekannt sein, das viele Kräuter eine bessere Heilwirkung haben, als so manches Medikament.
Ausserdem sind sie teilweise besser verträglich und führen auch nicht so oft zur Abhänigkeit!
#110 | FMH sagt am 6. Januar 2012 um 14:45
@MiJrgens6302
Erstens gibt es keinerlei Beleg für ihre Aussage von Wegen Wirksamkeit und Abhängigkeit von “Kräutermedizin”, zweitens geht es um nicht um diese, sondern Anthroposophische Medizin, die auf Hokuspokus basiert.
#111 | heilewelt sagt am 6. Januar 2012 um 21:43
Ich bekomme langsam den Eindruck es geht hier weniger um Argumente als um Gefühle. Seid Ihr Naturwissenschaftler (Gestrige von morgen) mal verletzt worden oder habt ein Trauma erlebt. Woher kommt diese Wut auf Menschen die anderer Meinung sind. Ihr könnt hier nicht alles gleichschalten (Contergan für alle). Bleibt doch mal sachlich. Und ansonsten wie bereits empfohlen. Kündigt bei der TK und geht zur BKK Chemie & Profit. Frohes Neues und locker bleiben.
#112 | Rudolf Steiner sagt am 7. Januar 2012 um 15:22
@ #111 | heilewelt
“Was ist die Hirnmasse? Die Hirnmasse ist einfach zu Ende geführte Darmmasse. Verfrühte Gehirnabscheidung geht durch den Darm. Der Darminhalt ist seinen Prozessen nach durchaus verwandt dem Hirninhalt. Wenn ich grotesk rede, würde ich sagen, ein fortgeschrittener Dunghaufen ist das im Gehirn sich Ausbreitende; aber es ist sachlich durchaus richtig. Der Dung ist es, der durch den eigenen organischen Prozess in die Edelmasse des Gehirns umgesetzt wird und da zur Grundlage für die Ich-Entwickelung wird …”
Rudolf Steiner, Zitate: http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Steiner_Zitate
#113 | Ralph sagt am 10. Januar 2012 um 18:51
Der paramedizinische Dung klingelt in den Kassen und das findet viel Zuspruch:
http://www.tvinfo.de/fernsehprogramm/sendung/154061655_gesundheit
#114 | Annette sagt am 16. Februar 2012 um 20:05
Für mich ist schon an der Wortwahl erkennbar, dass der Autor eine klare Meinung hat und sich nicht sachlich auseinandersetzen will: “populärer Scharlatan und größenwahnsinniger Sektenführer”, “Heilslehre”, “ausgemachter Unsinn”, “bizarre Vorstellungen der anthroposophischen Medizinwelt” usw.
Dazu nur ein Beispiel: Das Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus ist seit nunmehr über 40 Jahren ein allgemeines Krankenhaus der regionalen Versorgung (wie übrigens auch die Filderklinik in Stuttgart-Filderstadt, die als Notfallkrankenhaus für den nahegelegenen Flughafen fungiert, und das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin). An allen drei großen Kliniken wird Anthroposophische Medizin praktiziert. Es wäre kaum möglich, solche Krankenhäuser so lange und auch heute noch mit Erfolg zu führen, wenn dort nicht eine qualitativ hochwertige Medizin gemacht würde. Z.B. ist das Brustzentrum Herdecke nach den strengen Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Senologie zertifiziert. Scharlatanerie? Heilslehre?? Ausgemachter Unsinn???
Es wäre an der Zeit, die eigenen Vorurteile an der Realität zu überprüfen.
#115 | Peter Krautbachler sagt am 16. Februar 2012 um 20:39
Es wäre an der Zeit, die eigenen Vorurteile an der Realität zu überprüfen.
Wenn Anthroposphen das machen bleiben sie in der Regel bei ihren Vorurteilen und nennen es “Erkenntnis”.
#116 | Hanno sagt am 17. Februar 2012 um 09:05
@ Annette
Ich vermisse in Ihrer Auflistung “hellseherische Eingebungen” Rudolf Steiners. Finden Sie es gut und richtig, daß das “Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus” Patienten auf der Basis von Hellseherei behandelt?
#117 | Martin B. sagt am 17. Februar 2012 um 17:55
@Hanno
Unsinn, in diesen Krankenhäusern werden die Patienten nicht ausschließlich mit Esoterik behandelt – das ist ja der Witz.
@Anette
Ich freue mich, dass sie nun doch noch kommentiert haben, wenn auch etwas kurz. Eine Bitte: Sehen Sie doch über meine Wortwahl hinweg – es ist doch klar, dass sich in einem „Kommentar“ die persönliche Meinung des Autors wieder findet. Ich habe aber versucht, meine Meinung zu belegen. Sie sind eingeladen, meine Punkte zu widerlegen.
Ihr Argument lautet also „Anthroposophische Krankenhäuser sind von guter Qualität, also kann man anthroposophische Medizin nicht als ausgemachten Unsinn bezeichnen“.
Sicher wird in diesen Krankenhäusern auch anthroposophische Medizin praktiziert, aber eben nicht ausschließlich. Im Gegenteil wird bei mir nach einem Blick auf die Websites der entsprechenden Einrichtungen eben auch „schulmedizinische“ Therapie angeboten. Gleichzeitig kommen viele von Steiner beliebte Therapieformen mit Sicherheit nicht zum Einsatz – die oben genannten Planetenmetalle/Schwermetall-Therapien sind ziemlich aus der Mode gekommen.
Deswegen halte ich dieses Argument für hinfällig – der Erfolg der Krankenhäuser ist nicht hinreichend, um die anthroposophische Medizin in ihrer Gesamtheit zu rechtfertigen.
Ich habe außerdem nie gesagt, dass anthroposophische Heilmittel nicht aus wirksam sein können und dass nicht auch hilfreiche Therapieformen darunter sind. Ich meine aber, dass anthroposophische Medizin keine Sonderbehandlung beanspruchen darf.
#118 | Andreas Lichte sagt am 17. Februar 2012 um 19:38
@ Martin B. #117
du schreibst: “Ich habe außerdem nie gesagt, dass anthroposophische Heilmittel nicht aus wirksam sein können und dass nicht auch hilfreiche Therapieformen darunter sind.”
Welche anthroposophischen Heilmittel und Therapieformen haben eine Wirkung, die – nachgewiesen – über den Placeboeffekt hinaus geht?
#119 | Martin B. sagt am 17. Februar 2012 um 21:37
@Andreas
Erstens, meinte ich damit eventuell vorhandene „Zufallstreffer“ – nur weil Steiner sich entsprechendes herbeifantasiert hat, muss z.B. die Pflanze ja nicht automatisch wirkungslos sein.
Zweitens meinte ich bereits bekannte medizinisch wirksame Pflanzen, Minerailen, etc.
Die Wirkung der Mistel etwa ist ja nicht abschließend geklärt – möglicherweise enthält sie pharmakologisch wirksame Stoffe – letzten Endes hat die jeweilige Wirkung aber nichts mit Steiners Vorstellung eines Geschwürs am Baum zu tun, dessen Auszug Geschwüre am Menschen heilt. Es gibt zahlreiche wirksame Phytotherapeutika, zu denen Steiner post hoc lustige Geschichten erfunden hat.
Anderes Beispiel: Eurythmie vermittelt Bewegung und Entspannung, insofern hat das eine reale, messbare Wirkung. Die Frage ist auch da natürlich, ob es nun gerade die anthroposophische Variante der Bewegung usw. sein muss, und ob es nicht auch ohne den Steiner-Überbau geht und es eine andere Art der Entspannungs- und Bewegungsübung nicht auch getan hätte.
Selbst bei der Homöopathie hat er sich ja im Grunde auch nur bedient und sie nur etwas „weiterentwickelt“. Ebenfalls (wie so vieles in der Anthroposophie) keine originäre Steiner-Idee. Wahrscheinlich gibt es kein Beispiel, bei dem der anthroposophische Gedanke zwingend für eine Wirksamkeit ist. Da ist Anette Bopp gefragt, sie ist da Expertin.
#120 | Martin B. sagt am 17. Februar 2012 um 22:16
Auf der Suche nach weiteren Beispielen habe ich folgende Perle in der ahrimanischen (d.h. elektronisch gespeicherten und über’s Netz verteilten) Form der Gesamtausgabe gefunden: Steiner empfiehlt Johanniskraut. Aber nicht etwa als Beruhigungsmittel – diese Wirkung ist meines Wissens inzwischen gut belegt – sondern als Mittel gegen das Bettnässen bei Kindern. Ein Verhalten, das seiner Meinung nach zwischen „Ungezogenheit und Krankheit“ liegt, weshalb man den Astralleib stärken sollte und dem Kind gleichzeitig zu verstehen geben soll, dass es auf „seine Funktionen“ achtzugeben hat.
Quelle: GA 314, Zweiter Vortag Dornach, 1. Januar 1924
Ob so etwas im Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus praktiziert wird?
#121 | Andreas Lichte sagt am 17. Februar 2012 um 22:38
@ Martin B. #119
Eurythmie hat eine reale, messbare Wirkung:
http://www.zeit.de/2011/08/Waldorfschule-Selbsterfahrung?page=2
“WALDORFSCHULE – Tanzen in wallenden Kleidern
Wer das durchgestanden hat, den kann nichts mehr schrecken
Eurythmie ist ein eigenes Kapitel. Es soll Schulen geben, an denen Schüler das wirklich gern machen. Bei uns wurde sie mehrheitlich als Erniedrigung empfunden. Man versetze sich in die Lage eines pubertierenden Jungen, der gerade beginnt, seine Männlichkeit zu entdecken. Wie fühlt der sich, wenn man ihn zwingt, sich ein wallendes Kleid überzustreifen und zu Gedichten zu tanzen? Im besten Fall hat das einen Effekt wie in Johnny Cashs Song A Boy Named Sue: Wer das durchgestanden hat, den kann nichts mehr schrecken.”
–
… und hier noch einmal bestätigt (ist das schon “doppelblind”?):
http://www.ruhrbarone.de/wie-gut-sind-waldorfschulen/
“Wie gut sind Waldorfschulen?
Eine Antwort einer Mutter aus dem Ruhrgebiet auf die gleichnamige TV-Dokumentation des SWR (…)
Mein Sohn empfand die Eurythmie eher irdisch »als schwul sein« oder »schwul werden« (…)”
#122 | Martin B. sagt am 17. Februar 2012 um 22:53
@Andreas
Geschmackssache. Dass es für manche Leute gut ist, kann man schlecht wegdiskutieren. (Evidenz habe ich dazu nicht, Entspannungsreaktionen sind aber dokumentiert und der Nutzen von körperlicher Bewegung auch)
Mit Annette Bopp hatte ich übrigens gerade auf Twitter eine ganz reizende Auseinandersetzung. Sie meinte, dass ich einfach nicht diskutieren will, jeglicher Argumentation unzugänglich sei, dass sie besseres zu tun hätte, als MIR Sachen zu erklären und sowieso und überhaupt. Da greif ich mir doch nur noch an den Kopf. Sie hat ein einziges Argument gebracht, das mit den Krankenhäusern oben, worauf ich geantwortet habe (ich finde, recht gesittet) und das war’s jetzt? Ich warte 8 Wochen auf eine Antwort von der Top-Medizinjournalistin auf diesem Themengebiet und dann sowas?
Hier die Twitter-Diskussion: http://twitter.theinfo.org/170556261035806721
#123 | Andreas Lichte sagt am 17. Februar 2012 um 23:17
@ Martin B. #122
“Bewegung” ist gut, aber Eurythmie ist alles andere als nur “Bewegung” …
Ich musste selber Eurythmie machen, während meiner Ausbildung zum Waldorflehrer am “Seminar für Waldorfpädagogik Berlin” … falls du mich für befangen halten solltest – wie die ZEIT, die Mutter – hier noch eine Warnung einer Siebenjährigen, die über ihre Erfahrungen im Waldorfkindergarten berichtet (auf Band gesprochen, von den Eltern als “Buch” niedergeschrieben):
–
“Endkapitel dieses Buches:
Warum habe ich dieses Buch geschrieben
Ich habe dieses Buch geschrieben, daß ich die Eltern, die mir glauben und die das auch dumm finden, warnen kann, und daß sie ihr Kind nicht in diesen Kindergarten schicken. Es gibt verschiedene, und jetzt hab ich halt von diesem erzählt, und ich glaube, daß die anderen gleich doof sind. Wenn sich dann die Kinder beschweren und man den Eltern keine scheinheiligen Sachen auftischen kann, dann sagt die Erzieherin, oh, dann muß das Kind ja in Heileurythmie. Genau so wie Eurythmie – Heileurythmie. Und das soll das Kind heilen – und das macht es doppelt krank.
Also, wenn’s Ihrem Kind gefällt, können Sie es ja drin lassen, aber wenn nicht, dann glaubt ihm. Hier, das Buch von mir ist ja schon ein kleiner Beweis, also ich will euch mit diesem Buch vor diesem ganzen Schrott warnen. Es kann sein, wenn Sie Ihr Kind da schon ganz lang drin haben, dann sollten sie es fragen, und es gibt ganz wenige Kinder, denen es da drin gefällt. Aber es gibt ganz, ganz viele, die da drin leiden. Und ich will euch davor warnen, also euer Kind da reinzuschicken. Es überhaupt zu probieren, davor will ich euch warnen.”
#124 | Andreas Lichte sagt am 17. Februar 2012 um 23:23
@ Martin B. #122
war “das mit den Krankenhäusern oben”:
http://www.ruhrbarone.de/techniker-krankenkasse-laesst-versicherte-fuer-anthroposophische-pseudomedizin-bezahlen/comment-page-3/#comment-123585
ein “Argument” von Annette Bopp? Fragezeichen …
Es wäre an Annette Bopp, aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen zu machen. Wenn Annette Bopp es nicht kann, dann ist das ihr Problem – hinter Annette Bopps Überheblichkeit:
http://twitter.theinfo.org/170556261035806721
sehe ich nur einmal mehr die grosse anthroposophische Hilflosigkeit.